{"id":8536,"date":"2022-06-29T13:58:02","date_gmt":"2022-06-29T11:58:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8536"},"modified":"2022-06-29T13:58:02","modified_gmt":"2022-06-29T11:58:02","slug":"ezechiel-181-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ezechiel-181-32\/","title":{"rendered":"Ezechiel 18,1-32"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Saure Trauben, stumpfe Z\u00e4hne | 3. Sonntag nach Trinitatis | 03.07.22 | Ez 18,1-32* | Sven Keppler |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer kleine Leon von unseren Nachbarn ist immer noch nicht getauft. \u201aEr soll sp\u00e4ter mal selbst entscheiden\u2019, sagen sie. Aber die Eltern interessiert das doch gar nicht. Kein Wunder, dass man keine jungen Leute mehr in der Kirche sieht.\u201c Frau Altenburg ist bei ihrem Thema. Die wei\u00dfhaarige Dame sitzt in ihrem Lehnsessel und macht sich ernsthaft Sorgen.<br \/>\nAber ihre Freundin auf dem Sofa widerspricht: \u201eUnsere Ursula hat damals auch gesagt, ihre Beiden sollen selbst entscheiden. Und letztes Jahr haben sich die M\u00e4dchen taufen lassen. Sie wollten im Religionsunterricht nicht immer au\u00dfen vor sein. Was war das f\u00fcr eine sch\u00f6ne Feier!\u201c<br \/>\nSo schnell l\u00e4sst sich Frau Altenburg jedoch nicht \u00fcberzeugen: \u201eDas ist doch die Ausnahme gewesen. Deine Tochter hat doch jeden Abend mit den M\u00e4dchen gebetet und ihnen vorgelesen. Aber wer macht das denn heute noch? Wenn ich fr\u00fcher meine Kinder nicht zur Taufe gebracht h\u00e4tte \u2013 das h\u00e4tte ein Theater gegeben!\u201c<br \/>\nAn diesem Punkt sieht der junge Pfarrer seine Chance. Auch er ist bei der kleinen Geburtstagsrunde zu Gast. \u201eFrau Altenburg, Sie haben schon recht. Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Aber darin liegt ja vielleicht auch eine Chance. Fr\u00fcher sind vielleicht manche auch nur deshalb in die Kirche gegangen, weil ihre Umgebung es von ihnen erwartet hat. Man wurde getauft, weil es sich so geh\u00f6rte. Es ist doch wunderbar, wenn die zwei Enkelinnen von Frau Freundlieb aus vollem Herzen Ja zu ihrer Taufe gesagt haben!\u201c<br \/>\nSein Gegen\u00fcber schweigt skeptisch. Deshalb versucht der Pfarrer, seinen Standpunkt mit neuen Argumenten zu st\u00fctzen: \u201eIn den Zeitungen steht doch jetzt so viel von Bildungsgerechtigkeit. Jedes Kind soll unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft eine Chance auf Bildung haben. Das hei\u00dft doch: Es soll nicht mehr auf die Familientradition ankommen. Sondern auf die freie Entscheidung und auf die Gaben, die ein Kind hat. Das k\u00f6nnte doch in der Kirche auch so sein. Es gibt Jugendliche mit frommen Eltern, die nur langsam zu Gott finden. Und andere entdecken das Christentum f\u00fcr sich, obwohl ihre Eltern distanziert sind. Die freie Entscheidung ist das Wichtigste.\u201c<br \/>\n\u201eJunger Mann, tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht mehr folgen. Aber m\u00f6chten Sie vielleicht noch eine Tasse Kaffee?\u201c Vielleicht h\u00e4tte es dem Pfarrer mehr gen\u00fctzt, wenn er sich statt auf die Zeitung auf einen biblischen Text berufen h\u00e4tte&#8230;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext k\u00f6nnte solch ein Text sein. Er steht beim Propheten Hesekiel. Ein flammendes Pl\u00e4doyer Gottes daf\u00fcr, dass jeder Mensch seinen eigenen Lebensweg mit Gott zu gehen hat \u2013 in voller Verantwortung. Ich lese Verse aus dem 18. Kapitel [Hes 18,1-4.20-24.30-32].<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDie V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden.\u201c Was f\u00fcr ein treffendes Sprichwort. Modern gesagt: Die n\u00e4chste Generation zahlt die Zeche. Die V\u00e4ter fahren Gel\u00e4ndewagen, aber die Kinder erben den Klimawandel. Die Eltern leisten sich ein \u00fcppiges Haushaltsdefizit und den Kindern bleibt der Schuldendienst. Die Eltern parken die Kinder vor dem Fernseher, aber die Kinder werden verhaltensauff\u00e4llig.<br \/>\nDas menschliche Handeln hat oft lang anhaltende Folgen. F\u00fcr diese Folgen m\u00fcssen h\u00e4ufig erst die folgenden Generationen gerade stehen. Erst unsere Zeit beginnt das wieder in vollem Umfang zu begreifen. Der Klimawandel f\u00fchrt diese Zusammenh\u00e4nge drastisch vor Augen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ja auch das Thema von Frau Altenburg: Sie selbst geh\u00f6rt noch zu der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Bl\u00fcte des kirchlichen Lebens erlebt hat. Sie war dankbar, das gro\u00dfe Morden \u00fcberlebt zu haben. Dankbar, an den braunen Trauben der V\u00e4ter nicht g\u00e4nzlich erstickt zu sein. Auch wenn ihre Z\u00e4hne nach dem Krieg furchtbar stumpf waren. Sie war dankbar f\u00fcr den Neuanfang, der dem deutschen Volk trotz allem geschenkt wurde.<br \/>\nSie hat die Zeit erlebt, als die Kirchen voll waren und \u00fcberall neue Gemeindezentren entstanden. Und als markante Pers\u00f6nlichkeiten des Protestantismus das \u00f6ffentliche Leben mit pr\u00e4gten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dann war eine andere Generation gekommen. Deren Parole war Emanzipation. Die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u201e68er\u201c. Dem Urteil, dass ihre V\u00e4ter und M\u00fctter saure Trauben gegessen haben, h\u00e4tten sie vorbehaltlos zugestimmt: die sauren Trauben des Nationalsozialismus, des Mitl\u00e4ufertums, des Judenhasses und der Kriegsverbrechen. Und der Verdr\u00e4ngung w\u00e4hrend des Wiederaufbaus.<br \/>\nAber diese 68er weigerten sich, von den S\u00fcnden der V\u00e4ter selbst stumpfe Z\u00e4hne zu bekommen. Mit Freuden h\u00e4tten sie deshalb geh\u00f6rt, was Hesekiel als Gottesspruch \u00fcberliefert: \u201eSo wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: dies Sprichwort soll nicht mehr umgehen in Israel.\u201c<br \/>\nVon nun an sollte jeder selbst mit den Trauben zurechtkommen, die er verspeist. Und niemand sollte gezwungen sein, den Irrwegen der V\u00e4ter immer neu zu folgen. Jede neue Generation hat die Pflicht, sich von den Fehlern ihrer Vorg\u00e4nger zu distanzieren. Und zu versuchen, es besser zu machen. Emanzipation war die Losung der Zeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>III<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Frau Altenburg hat das mit Skepsis beobachtet. Vielleicht hatte sie ein besonderes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie schwierig Emanzipation ist. Wie es doch immer wieder dazu kommt, dass das Verhalten der Eltern das Leben der Kinder pr\u00e4gt und belastet.<br \/>\n\u201eGlaubt doch nicht, dass Eure Kinder von Euren <em>s\u00fc\u00dfen<\/em> Trauben keine stumpfen Z\u00e4hne bekommen!\u201c, h\u00e4tte sie vielleicht gesagt. Und als Beispiel h\u00e4tte sie dann wieder einmal die Geschichte vom kleinen Leon nebenan erz\u00e4hlt. Mag ja sein, dass seine Eltern gute Absichten haben. Dass sie ihren Jungen freiheitlich erziehen wollen. Ihn nicht auf religi\u00f6se Formen festlegen wollen, mit denen er sp\u00e4ter vielleicht nichts mehr anfangen kann.<br \/>\nAber sie geben dem Jungen doch gar nicht die Chance, sich frei f\u00fcr oder gegen den Glauben zu entscheiden. Weil er gar nicht erst kennen lernt, wof\u00fcr er sich entscheiden sollte. Wie soll der Junge beten, wenn er es nie einge\u00fcbt hat? Wie soll er mit den biblischen Geschichten leben, wenn sie ihm als Kind niemals erz\u00e4hlt worden sind? Wie soll er Vertrauen zu einem Gott entwickeln, f\u00fcr den er keinen Namen hat?<br \/>\nBeliebigkeit, Gleich-G\u00fcltigkeit, Desinteresse. Die alten Traditionen \u00fcber Bord werfen, ohne etwas Gleichwertiges an ihre Stelle zu setzen. Das sind die Trauben, deren Genuss Frau Altenburg den jungen Eltern vorwirft. Trauben, von denen die Kinder nicht blo\u00df stumpfe Z\u00e4hne bekommen. Sondern durch die sie den Geschmack an allem verlieren, was das Leben lebenswert macht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p>Das Sprichwort scheint also eine unentrinnbare Wahrheit auf den Punkt zu bringen: Jede Generation isst ihre eigenen Trauben. Und ihre Nachkommen m\u00fcssen auf ihre je eigene Weise mit den stumpfen Z\u00e4hnen zurecht kommen. Auch wenn die Eltern es bewusst mit besseren Trauben versucht haben.<br \/>\nUmso brisanter ist Gottes Versprechen, von dem Hesekiel berichtet: Dieses Sprichwort soll nicht mehr umgehen. \u201eDer Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes.\u201c<br \/>\nAber wie soll das gehen? Wie soll es m\u00f6glich sein, dass die Fehler der Eltern sich nicht auf die Kinder auswirken? Ein Neuanfang muss her. Vielleicht w\u00fcnschen sich ja auch die Eltern des kleinen Leon solch einen Neuanfang: Dass der Junge aus freien St\u00fccken ja sagt zum Glauben. Aber wie kann solch ein neuer Anfang gelingen?<br \/>\nSo gesehen hatte der Pfarrer bei Frau Altenburg ja recht: Bei der Bildungsgerechtigkeit liegen die Probleme ja ganz \u00e4hnlich. F\u00fcr die Kinder aus den so genannten \u201ebildungsfernen Schichten\u201c w\u00fcnscht man sich von Herzen einen Neuanfang. Dass sie eine Chance im Leben bekommen, die ihre Eltern nicht hatten oder nicht genutzt haben. Aber wie soll das gehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei Hesekiel steht eine ganz konkrete Aufforderung, wie dieser Neuanfang aussehen soll: \u201eKehrt um und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.\u201c Es geht um eine Ver\u00e4nderung von Grund auf. Um eine Lebenswende. Um eine v\u00f6llige Neuausrichtung des eigenen Lebens.<br \/>\nDeshalb ist es so schwierig mit den praktischen Rezepten. Es reicht nicht, die eigenen Eltern moralisch f\u00fcr ihre Fehler zu verurteilen. Es reicht nicht, seinem Kind bei der Taufe die freie Entscheidung zu \u00fcberlassen, ohne es auf diese Entscheidung vorzubereiten. Und es reicht auch nicht, Bildungsgerechtigkeit in Koalitionsvertr\u00e4ge zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Teufelskreis von sauren Trauben und stumpfen Z\u00e4hnen durchbrochen werden soll, braucht es eine radikale Lebenswende. Aber wie soll diese m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>V<\/strong><\/p>\n<p>Die erste, die wichtigste Voraussetzung nennt Hesekiel gleich mehrfach. Diese Grundvoraussetzung muss nicht von dem Menschen erf\u00fcllt werden, der sein Leben ver\u00e4ndern will. Sondern diese Voraussetzung betrifft Gott. Und von ihm ist sie bereits erf\u00fcllt worden.<br \/>\n\u201eMeinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?\u201c, fragt Gott. Und kurz sp\u00e4ter beantwortet er selbst seine Frage: \u201eIch habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden.\u201c Gott will nicht, dass Menschen scheitern. Er will nicht, dass sie sich verstricken in den Folgen ihres Handelns und des Handelns ihrer Eltern. Gott will den Neuanfang und er will das gelingende Leben.<br \/>\nSp\u00e4ter im Buch des Propheten Hesekiel ist ein anderer Gottesspruch \u00fcberliefert. Es hei\u00dft dort: \u201eIch will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln.\u201c [Hes 36,26f.]<br \/>\nDie Aufforderung: \u201eMacht euch ein neues Herz und einen neuen Geist\u201c ger\u00e4t dadurch in ein anderes Licht. Die Grundlage ist Gottes Verhei\u00dfung, dass er selbst uns erneuern, einen Neuanfang schenken will. Er selbst will das ewige Gesetz von sauren Trauben und stumpfen Z\u00e4hnen au\u00dfer Kraft setzten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dennoch bleiben auch die Worte: Auch ihr seid aufgerufen, euch ein neues Herz zu schaffen. Wie geht das zusammen? Was kann mein eigener Anteil sein, wenn Gott an mir handelt?<br \/>\nIch glaube, was ich tun kann, beginnt mit dem Gebet: \u201eSchaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, best\u00e4ndigen Geist.\u201c So hei\u00dft es im 51. Psalm. Ich soll mich nach der Erneuerung sehnen. Ich soll, ich darf Gott bitten um einen Neuanfang. Ich darf ihm mit meiner Sehnsucht in den Ohren liegen.<br \/>\nMein Leben kann ich vor Gott bringen. Die Fehler meiner Eltern. Meine eigenen Fehler. Die Folgen, unter denen ich leide. Und die Hoffnung, wie es anders werden k\u00f6nnte. All das geh\u00f6rt in mein Lebensgespr\u00e4ch mit Gott.<br \/>\nWie genau sich die Ver\u00e4nderungen auswirken werden, wei\u00df ich jetzt noch nicht. Vermutlich werde auch ich nicht ohne Fehler auskommen, die meine Nachkommen belasten. Aber ich darf in dem Vertrauen handeln, dass Gott auch meinen Kindern eine Chance zum Neuanfang schenken wird. Das entlastet und befreit. Auch sie werden wieder neu Gottes verhei\u00dfungsvolles Wort h\u00f6ren: \u201eBekehrt euch, so werdet ihr leben.\u201c Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Versmold<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">___<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saure Trauben, stumpfe Z\u00e4hne | 3. Sonntag nach Trinitatis | 03.07.22 | Ez 18,1-32* | Sven Keppler | I \u201eDer kleine Leon von unseren Nachbarn ist immer noch nicht getauft. \u201aEr soll sp\u00e4ter mal selbst entscheiden\u2019, sagen sie. Aber die Eltern interessiert das doch gar nicht. 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