{"id":8612,"date":"2000-04-07T19:50:11","date_gmt":"2000-04-07T17:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8612"},"modified":"2025-04-10T13:22:57","modified_gmt":"2025-04-10T11:22:57","slug":"lukas-2346-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2346-2\/","title":{"rendered":"Lukas 23,46"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"top\"><\/a><\/p>\n<table border=\"0\" width=\"500\" align=\"CENTER\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\">\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/archiv.php\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg.<br \/>\nvon Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/b><\/span><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0; font-size: xx-small;\">Worte vom<br \/>\nKreuz<br \/>\nPredigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000<br \/>\n6. Sonntag der<br \/>\nPassionszeit, Palmarum<\/span><br \/>\n<b>16.4.2000<br \/>\nLukas 23,46<\/b> <\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Arial;\"><b>Thomas Fischer<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span style=\"color: #330099; font-size: xx-small;\">&#8222;Vater, ich befehle meinen Geist<br \/>\nin deine H\u00e4nde.&#8220;<\/span>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Jesus spricht.<br \/>\nIn den Synagogen oder auf den Pl\u00e4tzen in<br \/>\nden D\u00f6rfern Galil\u00e4as hatte er oft geredet. Die Menschen waren<br \/>\nzusammengekommen, und er hatte sie angesprochen. In Jerusalem steht Jesus nicht<br \/>\nmehr als Einladender in der Mitte, sondern als Angeklagter. Da sagt er nichts.<br \/>\nPilatus erlebt nicht einen beredten Volksaufr\u00fchrer, und dem Herodes<br \/>\nantwortet er nicht. Erst auf dem Weg zum Kreuz und dann am Kreuz redet er noch<br \/>\neinmal. Was bleibt zu sagen?<\/p>\n<p>Ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Als letztes sagt er einen Satz aus den Heiligen Schriften. Es ist<br \/>\nein Wort aus den Psalmen. Schon unz\u00e4hlige Menschen haben diesen Satz vor<br \/>\nihm gesprochen. Er stellt sich damit in die lange Reihe der Menschen, die<br \/>\ndiesen Satz sagen. Manche sprechen diesen Vers jeden Abend als Abendgebet.<\/p>\n<p>Und doch ist es etwas ganz besonderes, wenn Jesus diesen Satz<br \/>\nsagt, und er f\u00fcgt ein Wort hinzu: &#8222;Vater&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>Die Beziehung zum Vater hat ihn von Anfang an ausgezeichnet. Jesu<br \/>\nLeben stand von Anfang an in Verbindung zu Gott. Der Evangelist Lukas<br \/>\nerz\u00e4hlt von der Kraft des Heiligen Geistes, aus der er gezeugt und geboren<br \/>\nwird. Die Verbindung zum Vater begleitet sein Leben. Im Namen des Vaters hat er<br \/>\nMenschen befreit und S\u00fcnden vergeben. Da\u00df er sich als Gottes Sohn<br \/>\nausgebe, werfen die Schriftgelehrten und die Hohenpriester ihm vor und nennen<br \/>\nes Gottesl\u00e4sterung. So wird er verurteilt. Die Verbindung zum Vater bringt<br \/>\nihn ans Kreuz. Dort spricht er als letztes Wort diesen Satz aus den Psalmen,<br \/>\nden seit K\u00f6nig Davids Zeiten die Menschen wiederholt haben.<\/p>\n<p>In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wei\u00df, wer das Evangelium des Lukas h\u00f6rt<br \/>\noder liest, mit welchem Gedankengang der Psalm weiterf\u00fchrt:<\/p>\n<p><i>In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist; du hast mich<br \/>\nerl\u00f6st, Herr, du treuer Gott. Ich hasse, die sich halten an nichtige<br \/>\nG\u00f6tzen; ich aber hoffe auf den Herrn. Ich freue mich und bin fr\u00f6hlich<br \/>\n\u00fcber deine G\u00fcte, da\u00df du mein Elend ansiehst und nimmst dich<br \/>\nmeiner an in Not &#8211; und \u00fcbergibst mich nicht in die H\u00e4nde des Feindes;<br \/>\ndu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum. <\/i><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diesen Vers ganz und gar auf die Geschichte Jesu<br \/>\nbeziehen. Wir k\u00f6nnen h\u00f6ren, wie dort schon anklingt, da\u00df Gott<br \/>\nJesu F\u00fc\u00dfe auf einen neuen Raum stellen wird.<\/p>\n<p>Das Psalmwort enth\u00e4lt Widerspruch zur Welt. Der Psalm<br \/>\nbehauptet etwas gegen die sichtbare Wirklichkeit: Der am Kreuz h\u00e4ngt, soll<br \/>\nnicht in den H\u00e4nden des Feindes sein. Seine F\u00fc\u00dfe, die dem<br \/>\nKontakt zum Boden entnommen sind und die keinen Schritt tun k\u00f6nnen, werden<br \/>\nauf weiten Raum gestellt. Ahnt, wer diese Worte Jesu h\u00f6rt, da\u00df hier<br \/>\nmehr geschieht, als vor Augen ist? Da\u00df die Verbindung mit dem Vater auch<br \/>\nhier nicht endet, sondern weiterf\u00fchrt? Neben dem sichtbaren Vollzug der<br \/>\nKreuzigung gibt es unsichtbar hinter dem Kreuz noch ein anderes Geschehen:<\/p>\n<p>Die Menschen handeln. Jesus wird beiseite geschafft und<br \/>\nget\u00f6tet. Oder ist es umgekehrt: Jesus handelt. Und den Menschen geschieht<br \/>\netwas? Er nimmt unsere Gottesferne auf sich. In seinem Tod geschieht die<br \/>\nBefreiung unseres Lebens.<\/p>\n<p>Vater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde, sagt er.<\/p>\n<p>Ich befehle. Man kann auch \u00fcbersetzen: Ich vertraue dir<br \/>\nmeinen Geist an. Gemeint ist: sich in die Obhut begeben. Mit dem Wort wird auch<br \/>\nein wenig der gekennzeichnet und beschrieben, dem ich mich anvertraue: Ich<br \/>\nvertraue mich dem an, der sich um mich k\u00fcmmert. Ich stelle mich unter die<br \/>\nbewachenden Augen einer h\u00f6heren Macht. Ich vertraue mich dem an, der<br \/>\nInhaber der Macht ist.<\/p>\n<p>Wo die eigenen Kr\u00e4fte nicht weiterreichen, gebe ich mich in<br \/>\ndie H\u00e4nde eines anderen. Der sieht hin. Der sieht mich an.<\/p>\n<p>Jesus gibt sein liebevolles Hinsehen ab. Es ist finster geworden<br \/>\nbei den Menschen.<\/p>\n<p>So steht es in der Bibel. <i>Um die sechste Stunde kam eine<br \/>\nFinsternis \u00fcber das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne<br \/>\nverlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels ri\u00df mitten entzwei. Und<br \/>\nJesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde! Und als<br \/>\ner das gesagt hatte, verschied er<\/i>.<\/p>\n<p>H\u00f6ren und Sehen vergeht. Es ist der Abend der Alten Welt.<br \/>\nFinsternis kommt.<\/p>\n<p>Der Maler Max Beckmann malt am Ende des Ersten Weltkrieges ein<br \/>\nBild mit dem Titel: \u0084Finsternis\u0093, und ein weiteres mit dem Titel<br \/>\n\u0084Auferstehung\u0093. Die Auferstehung bleibt unvollendet. Es entsteht aber<br \/>\neine Reihe weiterer Bilder zur Finsternis. Sp\u00e4ter nennt der den Zyklus<br \/>\n\u0084 die H\u00f6lle\u0093.<\/p>\n<p>Was sieht man in der Finsternis, wie sie Max Beckmann malt?<\/p>\n<p>Ein Bild hei\u00dft die Familie. Der Vater fuchtelt mit den<br \/>\nArmen. Sein Sohn hat einen Helm auf und spielt. Die Frau steht neben dem Mann<br \/>\nund hebt die H\u00e4nde abwehrend. Das Kind lacht. Es lacht nicht nur. Es lacht<br \/>\nmit Hohn und mit Eifer ist es bei der Sache, die es spielt: Krieg. Die Eltern<br \/>\nblicken entsetzt und etwas hilflos. Sie haben den Krieg gerade \u00fcberlebt<br \/>\nund nicht vergessen. Ganz im Hintergrund, fast verdeckt von den Personen, die<br \/>\ndavor stehen, sieht man im Fenster das Kreuz wie einen Hintergrund f\u00fcr<br \/>\ndiese Szene.<\/p>\n<p>Ein anderes Bild zeigt Menschen auf der Stra\u00dfe. Diesmal ist<br \/>\ndie Sonne im Hintergrund, aber auch sie ist fast ganz verdeckt von dem<br \/>\nGewimmel, das sich davor abspielt. Das Licht wird verdunkelt durch das Tun der<br \/>\nMenschen. Gesch\u00e4ftig sind die Menschen auf der Stra\u00dfe unterwegs.<br \/>\nUndurchdringlich das Dickicht der Gro\u00dfstadt. Man erkennt einen<br \/>\nwohlhabenden Mann mit Melone. Er r\u00e4umt einen \u00e4lteren Menschen aus dem<br \/>\nWeg. Auch ein Kriegsversehrter wird beiseite gedr\u00e4ngt. Irgendwo inmitten<br \/>\ndes ganzen Treibens ist ein Narr zu erkennen.<\/p>\n<p>Das Bild \u0084Die Ideologen zeigt K\u00f6pfe, die aufeinander<br \/>\neinreden, das Bild \u0084 der Hunger\u0093 zeigt Menschen am Tisch ohne Essen.<br \/>\nEin Bild hei\u00dft \u0084das patriotische Lied\u0093.<\/p>\n<p>Das ist die Finsternis, die Max Beckmann malt. Kinder, die Krieg<br \/>\nspielen, Erwachsene, die ihrem Profit nachjagen und wegschaffen, die im Wege<br \/>\nstehen. Menschen, die hungern und \u00fcbers\u00e4ttigt sind von Ideologie und<br \/>\npatriotischen Liedern. Menschen, die einander Finsternis bringen.<\/p>\n<p>\u0084Die H\u00f6lle\u0093 nennt Max Beckmann seinen Zyklus.<\/p>\n<p>Finsternis kommt, wenn die Menschen handeln. Sie kreuzigen das<br \/>\nLeben.. Jesus gibt seinen Geist in die Hand des Vaters. Weicht der Geist Gottes<br \/>\naus dieser Welt? Nein. Denn Gott ist treu wie am Anfang. Der Geist Gottes<br \/>\nschwebt \u00fcber dem Wasser.<\/p>\n<p>Gott spricht:<br \/>\nEs werde Licht.<br \/>\nDie Finsternis weicht.<\/p>\n<p>Gott ruft ins Leben. Einmal war es nach drei Tagen.<br \/>\nSein Ruf trifft<br \/>\nauch uns. Darauf vertrauen wir &#8211; Dem befehlen wir uns an.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>_____________________________________________<\/p>\n<p>Bemerkungen:<\/p>\n<p>Max Beckmann, Die H\u00f6lle, 1919<br \/>\n1983 Kupferstichkabinett<br \/>\nBerlin<br \/>\nStaatliche Museen Preu\u00dfischer Kulturbesitz<\/p>\n<p><b>Thomas Fischer, Kurvenstrasse 39, CH-8006 Z\u00fcrich<br \/>\n<a href=\"mailto:thofischer@access.ch\">E-Mail: thofischer@access.ch <\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"CENTER\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=000416-2-p.html&amp;r=r1\"\/><\/p>\n<p><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Worte vom Kreuz Predigtreihe f\u00fcr die Passionszeit 2000 6. 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