{"id":8689,"date":"2000-10-07T19:50:11","date_gmt":"2000-10-07T17:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8689"},"modified":"2025-04-10T11:39:30","modified_gmt":"2025-04-10T09:39:30","slug":"jakobus-513-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-513-16-2\/","title":{"rendered":"Jakobus 5,13-16"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #0000a0; font-family: Arial;\">19. Sonntag nach Trinitatis | 29. Oktober 2000 | Jakobus 5,13-16 | Hans Joachim Schliep |<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\">&#8222;Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand<br \/>\nguten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich<br \/>\ndie \u00c4ltesten der Gemeinde, dass sie \u00fcber ihm beten und ihn salben mit<br \/>\n\u00d6l in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken<br \/>\nhelfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er S\u00fcnden getan hat,<br \/>\nwird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure S\u00fcnden und betet<br \/>\nf\u00fcreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn<br \/>\nes ernstlich ist.&#8220;<\/p>\n<p align=\"justify\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p align=\"justify\">Besuch im Krankenhaus. Die Frau hatte Krebs. Die<br \/>\nLunge. Schon als junges M\u00e4dchen hatte sie geraucht. Damals, nach dem<br \/>\nKrieg, in der Besatzungszeit, die amerikanischen Zigaretten ohne Filter, den<br \/>\nAmi-Soldaten abgeluchst, wenn es sein musste, f\u00fcr ein paar K\u00fcsse (wie<br \/>\nich sp\u00e4ter von jemandem erfuhr, der sie gut und lange kannte). &#8222;Herr<br \/>\nPastor&#8220;, sagt sie und qu\u00e4lt ihren K\u00f6rper, bis auf die Knochen<br \/>\nabgemagert, aus dem Bett, &#8222;beten kann ich nicht, habe ich nie gekonnt. Tun<br \/>\nSie&#8217;s jetzt auch nicht, bitte nicht. Geben Sie mir ihren Arm. Bringen Sie mich<br \/>\nauf den Flur. Und rauchen Sie mit mir eine Zigarette.&#8220; Und dann standen wir<br \/>\nhinten im Flur, am Fenster &#8211; und &#8222;qualmten eine&#8220;. Sie in tiefen<br \/>\nLungenz\u00fcgen. Seit einem Jahr Nichtraucher konnte ich es noch, mit kleinen<br \/>\nHustenanf\u00e4llen. Eine Woche nach diesem Krankenbesuch habe ich die Frau<br \/>\nbeerdigt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Beten ist anders &#8211; beten, wie es im Jakobus-Brief<br \/>\ngemeint ist. Und wohltuende, lindernde Salbe riecht anders &#8211; anders als<br \/>\nZigarettenqualm. Hatte das gemeinsame Rauchen dieser Zigarette doch etwas mit<br \/>\nbeten zu tun? Ich war dieser Frau, die ich gerade erst kennengelernt, die mich<br \/>\nbeim Besuch ihrer Zimmernachbarin an ihr Bett gerufen hatte, sehr nahe. Jeder<br \/>\nm\u00fchsame, schlurfende Schritt zum Fenster hin, jeder Sog an der Zigarette<br \/>\nwar wie ein gemeinsamer Gang durch Lust und Schmerz &#8211; durch diese seltsame<br \/>\nLust, die Menschen auch in widersinnigem Handeln sp\u00fcren k\u00f6nnen, und<br \/>\ndurch den tiefen Schmerz, den das unausgesprochene, aber klare Wissen erzeugt:<br \/>\nDieses Leben ist verbraucht, verraucht. Hier ber\u00fchrt sich etwas. Denn mit<br \/>\njemandem beten hei\u00dft, mit diesem Menschen in die Tiefe gehen, dem Schmerz<br \/>\neine Stimme geben. Nicht auf schnelle L\u00f6sungen setzen, aber den Sorgen<br \/>\neine Adresse geben, ebenso den Erfahrungen und Einsichten, die man im Kranksein<br \/>\ngewinnen kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">In die Tiefe gehen &#8211; und hoch hinaus. &#8222;Leidet<br \/>\njemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.&#8220; Das<br \/>\nklingt wie eine Gebrauchsanweisung &#8211; quadratisch, praktisch, gut. Es ist aber<br \/>\nmehr. Es ist eine Ortsbestimmung: Wo ich ganz unten bin und wo ich ganz oben<br \/>\nbin, habe ich mich nicht mehr selbst in der Hand. Wo ich die Schwerkraft einer<br \/>\ndunklen Erde und wo ich die Leichtigkeit eines lichten Himmels sp\u00fcre,<br \/>\nwirken Kr\u00e4fte an mir, die mir \u00fcber sind. Wie beim Beten, diesem<br \/>\nelementaren Lebensausdruck, der mit dem Einatmen beginnt. Wie beim Singen, der<br \/>\nSchwester des Betens. Gott begegnet, wo wir Gl\u00fcck und Leid, Lust und<br \/>\nSchmerz, Mut und Verzweiflung wahrnehmen. Und im Beten und Singen sind wir<br \/>\nbeteiligt an den Erfahrungen, die uns ergreifen und \u00fcberw\u00e4ltigen. Wir<br \/>\nverstummen nicht. &#8222;Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes,<br \/>\nder singe Psalmen.&#8220; Ein guter Rat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit gut einem Jahr bin ich Pastor in einem<br \/>\nNeubaugebiet. Nach sieben Jahren Pfarramt und siebzehn Jahren Leitungsaufgaben<br \/>\nin der Landeskirche wieder Pastor in einer Gemeinde, die sich erst noch bildet:<br \/>\nWas f\u00e4llt mir auf im Vergleich zur Zeit des ersten Pfarramts? Keineswegs<br \/>\nnur, aber auch dieses: Menschen wollen Menschen, die zu ihnen kommen und mit<br \/>\nihnen gehen. In der letzten Woche habe ich die Frage dreimal geh\u00f6rt, nicht<br \/>\nvon alten, sondern von Menschen in der Lebensmitte: &#8222;Haben Sie jemanden,<br \/>\nder\/die zu mir kommen, der\/die mich begleiten kann? Ich traue mich nicht aus<br \/>\ndem Haus. Ich kann nicht allein in der Stra\u00dfenbahn fahren. Kann mich<br \/>\njemand zum Arzt bringen?&#8220; Brauchen wir, \u00fcber die Besuchsdienste hinaus, in<br \/>\nunseren Gemeinden spezielle Begleitdienste? Und wer \u00fcbernimmt, au\u00dfer<br \/>\nin der F\u00fcrbitte im Gottesdienst, den Dienst des Betens f\u00fcr andere?<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Gemeinde des Jakobus gab es offenbar solche<br \/>\nDienste. Sie wurden von den \u00c4ltesten wahrgenommen. Andere zu besuchen, mit<br \/>\nihnen und f\u00fcr sie zu beten, geh\u00f6rt von Anfang an zu den besonderen,<br \/>\naber selbstverst\u00e4ndlichen und unverzichtbaren Aufgaben in einer Gemeinde,<br \/>\nwurzelnd in alter j\u00fcdischer Praxis. Die Gemeinde als der Ort, &#8222;an dem der<br \/>\nkranken Glieder gedacht, der Umgang mit ihnen vorbereitet und das Gebet<br \/>\nf\u00fcr sie ge\u00fcbt wird.&#8220; (J\u00fcrgen Ziemer) Das kann auch so geschehen,<br \/>\ndass f\u00fcr die Kranken in der Gemeinde eine Kerze in der Kirche<br \/>\nentz\u00fcndet wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">&#8222;Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die<br \/>\n\u00c4ltesten der Gemeinde, dass sie \u00fcber ihm beten und ihn salben mit<br \/>\n\u00d6l in dem Namen des Herrn.&#8220; Das ist keine Anweisung, erst auf einen Ruf zu<br \/>\nwarten, bis man jemanden besucht. Es ist der Rat an eine\/n Kranke\/n, von sich<br \/>\naus um einen Besuch zu bitten, von sich aus es Jesus nachzumachen: Komm&#8216; doch &#8211;<br \/>\nund bleibe hier und wache mit mir. Auch bei einem kranken Menschen wird mit<br \/>\nKr\u00e4ften gerechnet, die rufen lassen. Wer krank ist, braucht Hilfe, ist<br \/>\naber nicht hilflos, wird nicht wie ein\/e Hilflose\/r behandelt. Der Wille, die<br \/>\nW\u00fcrde, die Selbstst\u00e4ndigkeit eine\/s Kranke\/n werden geachtet.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und die Lebenskr\u00e4fte des\/der Kranken werden<br \/>\ngest\u00e4rkt. Wo im Kranksein das Leben aus dem Blick zu geraten, ja, wo Gott,<br \/>\ndie Quelle und Kraft allen Lebens, zu entschwinden droht, bekommt ein\/eine<br \/>\nKranke\/r wieder zu sp\u00fcren, was Leben ist. Beten hei\u00dft: Lebensworte<br \/>\nsprechen, Lebensworte h\u00f6ren. Keine Medizin, die da einfach verabreicht<br \/>\nwird, sondern eine Erinnerung an die Lebenskr\u00e4fte, die bisher gewirkt<br \/>\nhaben, und eine Appellation an den, in dem so unendlich viel Leben ist, dass er<br \/>\nallein \u00fcber Leben und Tod verf\u00fcgen kann. Der &#8222;Name des Herrn&#8220;, dieses<br \/>\nunverwechselbare, un\u00fcberbietbare Wort des Lebens, wird aufgeboten gegen<br \/>\nalles, was das Leben gef\u00e4hrdet und beeintr\u00e4chtigt. Beten hei\u00dft:<br \/>\ndie Gegenwart Gottes wahrnehmen &#8211; auch da, wo die Wasser tief sind und die<br \/>\nschweren Ruder gehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Salb\u00f6l ist sp\u00fcrbarer, f\u00fchlbarer<br \/>\nTrost, weniger zum Heilen als viel mehr zum Lindern der Schmerzen, kein<br \/>\nWundermittel, sondern Ausdruck der pers\u00f6nlichen Zuwendung. Es tut einfach<br \/>\ngut, gesalbt zu werden: Der erfrischende Duft bringt den Geruch des Lebens<br \/>\nzur\u00fcck. Wo zuviel Hitze ist, wird es k\u00fchler. Wo schrundige,<br \/>\nabsterbende Haut gef\u00fchllos wird, wird sie ber\u00fchrt und belebt. Da<br \/>\ndenke niemand an eine &#8222;letzte \u00d6lung&#8220;. Es geht nicht um Bereitung zum<br \/>\nSterben, sondern um Heilung und Leben! Die \u00d6lsalbung in der fr\u00fchen<br \/>\nChristenheit ist kein Sterbesakrament, sondern ein Lebenszeichen! Schon im<br \/>\nJudentum symbolisiert &#8222;Lebens\u00f6l&#8220; wie &#8222;Lebenswasser&#8220; die Erhaltung des<br \/>\nLebens. Mag jede Krankheit auch schon eine Art &#8222;H\u00f6flichkeitsbesuch des<br \/>\nTodes&#8220; sein, im Lebenswort und im Lebens\u00f6l sagt ein Mensch zu einem<br \/>\nanderen Menschen: &#8222;Du sollst leben. Und was <i>ich<\/i> vermag, will ich tun,<br \/>\ndamit du leben kannst. Im Namen Gottes, der alles Leben schuf.&#8220; So bleibt ein<br \/>\nMensch, auch wenn er\/sie krank ist, verbunden mit Gottes Lebensmacht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zuerst, liebe Gemeinde, wirkten die Worte des<br \/>\nJakobus-Briefs etwas trocken und sperrig auf mich. Wenn ich mir aber das<br \/>\nfreundliche, wohltuende Geschehen, von dem die Rede ist, vor Augen f\u00fchre,<br \/>\ndann gewinnen diese Worte selbst an Leben. Ich schlie\u00dfe daraus:<br \/>\nKrankenseelsorge ist Sorge f\u00fcr den Leib und das Leben selbst. Bei dem, was<br \/>\nnun folgt, gilt es aber, besonders genau hinzuh\u00f6ren. Sonst stellen sich<br \/>\nverheerende Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse ein.<\/p>\n<p align=\"justify\">&#8222;Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken<br \/>\nhelfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er S\u00fcnden getan hat,<br \/>\nwird ihm vergeben werden.&#8220; Hier wird aus dem Glauben keine &#8222;schwarze<br \/>\nP\u00e4dagogik&#8220; gemacht. Es ist n\u00e4mlich keine Rede davon, dass Not eben<br \/>\nbeten lehre. Es ist auch keine Rede davon, dass nur kr\u00e4ftig genug gebetet<br \/>\nwerden m\u00fcsse, damit eine\/r wieder gesund werde. Und es ist keine Rede<br \/>\ndavon, dass nicht genug gebetet oder geglaubt habe, wer krank wird oder bleibt.<br \/>\nJa, so habe ich es doch tats\u00e4chlich von einer Kanzel in einem Urlaubs- und<br \/>\nKurort geh\u00f6rt. Es gibt immer noch Christen, die dieser Irrlehre verfallen<br \/>\nsind. Aber ein Beten, das hilft, das wirklich Gespr\u00e4ch mit Gott ist, in<br \/>\ndem ich alles von Gott erwarte, kann kein Beten mit Erfolgsgarantie oder als<br \/>\nLeistungsnachweis sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Jakobus-Brief hei\u00dft es ja nicht, dass das<br \/>\n&#8222;Gebet des Glaubens&#8220; heilt, sondern dass es <i>hilft<\/i>. Das zielt auf<br \/>\nerhoffte Heilung, ist aber noch etwas anderes. Es hilft so, wie schon<br \/>\nangedeutet: Einem kranken Menschen, der sich leicht von allen verlassen<br \/>\nf\u00fchlt, wird pers\u00f6nliche Zuwendung zuteil, andere nehmen an<br \/>\nseinem\/ihrem Leben teil, ja, ringen sogar mit ihm und f\u00fcr ihn mit Gott.<br \/>\nMenschliche Beziehungen werden neu gesp\u00fcrt und, wo sie zerbrochen sind,<br \/>\nerneuert. Vor allem steht nirgendwo, <i>dass<\/i> der\/die Kranke eine S\u00fcnde<br \/>\nbegangen hat, sondern <i>wenn <\/i>er\/sie ges\u00fcndigt hat, wird ihm\/ihr<br \/>\nvergeben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist es schwer, Krankheit und S\u00fcnde<br \/>\nvoneinander strikt getrennt zu halten, ohne ihren Zusammenhang zu leugnen. Ich<br \/>\nversuche es heute so: Jesus hat es abgelehnt, eine Krankheit auf eine<br \/>\nS\u00fcnde zur\u00fcckzuf\u00fchren, sie gar als Strafe zu bezeichnen. Aber er<br \/>\nhat den Kranken den Glauben nahegebracht, ihre Beziehung zu Gott erneuert. Denn<br \/>\nnicht <i>dieser <\/i>Kranke ist ein S\u00fcnder, sondern Krankheit ist Zeichen<br \/>\nder Gottesferne und der Todesverfallenheit des Menschen diesseits von Eden, der<br \/>\nzwar frei, aber endlich ist. Da ist keine\/r besser dran als der\/die andere. Das<br \/>\nist allen gemeinsam und immer schon ein guter Grund f\u00fcr pers\u00f6nliche<br \/>\nZuwendung und f\u00fcr Zusammenhalt. Darum haben alle es n\u00f6tig, darum tut<br \/>\nes allen gut, seien sie jetzt &#8222;gesund&#8220; oder &#8222;krank&#8220;, dass die Beziehung zu<br \/>\nGott, zum Grund des Lebens, erneuert wird. Und wirklich gesund werden kann ein<br \/>\nMensch nur, wenn sein Leib nicht immer wieder durch eine belastete Seele<br \/>\nbeunruhigt, bedr\u00fcckt und beeintr\u00e4chtigt wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir wissen heute viel genauer, wie sehr Seele und<br \/>\nLeib, wie sehr das Psychische und das Physische aufeinander Einfluss nehmen.<br \/>\nDarum geh\u00f6rt Vergebung zur Gesundung dazu. Denn wirkliches Gesundwerden<br \/>\nschlie\u00dft Leib und Seele ein. Im Jakobus-Brief sind mir Krankheit und<br \/>\nS\u00fcnde viel zu eng aneinander ger\u00fcckt. Aber in diesem Sinn kann ich<br \/>\nverstehen, was da steht: &#8222;Bekennt also einander eure S\u00fcnden und betet<br \/>\nf\u00fcreinander, dass ihr gesund werdet.&#8220; Mit anderen Worten: Deckt einander<br \/>\neure Lebenssituation auf, tretet f\u00fcreinander ein, damit ihre eure<br \/>\ngemeinsame Situation wahrnehmt und kein qu\u00e4lender Rest bleibt, der zum<br \/>\n&#8222;Pfahl im Fleisch&#8220; wird! \u00dcbrigens: Vom Beichten, vor allem nicht von einem<br \/>\nAusbreiten geheimster Gedanken und Regungen vor einer Amtsperson, die dann<br \/>\nBu\u00dfauflagen und -\u00fcbungen anordnet, kein Sterbenswort!<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Gebet des Glaubens hilft &#8211; in einem noch ganz<br \/>\nanderen Sinn. Glaube ist kein Zauberschl\u00fcssel, mit dem ich alle<br \/>\nLebensprobleme wegschlie\u00dfen, kein Wundermittel, mit dem ich alle Sorgen<br \/>\nbeseitigen kann. Aber Glaube, der auf das Kreuz blickt, er\u00f6ffnet einen<br \/>\nZugang zu der Wahrheit, dass Leben mehr ist als gesund und stark sein und Heil<br \/>\nmehr ist als Heilung. &#8222;Es gibt erf\u00fclltes Leben im unerf\u00fcllten&#8220; (Helge<br \/>\nAdolphsen). Auch ein Mensch, v\u00f6llig verkr\u00fcmmt, kann &#8222;aufgerichtet&#8220;<br \/>\nsein. Die W\u00fcrde des Menschen besteht in seiner Unvollkommenheit und nicht<br \/>\nim Wahn eines perfektionistischen Menschenbildes. Auf diese angemessene<br \/>\nBeziehung zum Leben und zum Lebensgrund in Gott, darauf kommt es an. Sie<br \/>\nbezeichnet die Bibel als &#8222;gerecht&#8220;. Wer in ihr lebt, ist ein\/e &#8222;Gerechte\/r&#8220;.<br \/>\nDeshalb kann es am Schluss hei\u00dfen:<\/p>\n<p align=\"justify\">&#8222;Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es<br \/>\nernstlich ist.&#8220; Eine ungew\u00f6hnliche Aussage. Mit einem Ohr h\u00f6re ich<br \/>\nsie so: Trau&#8216; dem Gebet viel zu, trau&#8216; ihm mehr zu an Wirkung auf Seele <i>und<br \/>\n<\/i>Leib, als dein eindimensionales Weltbild zul\u00e4\u00dft! Mit dem anderen<br \/>\nOhr h\u00f6re ich zugleich: Das Viele, das des &#8222;Gerechten Gebet &#8230; vermag&#8220;,<br \/>\nist die Beziehung zu Gott. S\u00f6ren Kierkegaard sagt sogar, Gott n\u00f6tig<br \/>\nzu haben, sei des Menschen h\u00f6chste Vollkommenheit. In dieser Beziehung zu<br \/>\nleben &#8211; in der Gewissheit, dass nichts mich scheiden kann von der Liebe Gottes<br \/>\nin Jesus Christus &#8211; bedeutet dann auch: Jedes meiner Gebete <i>ist<br \/>\n<\/i>erh\u00f6rt. Nur was dem Gebet folgt: <i>wie <\/i>es erh\u00f6rt ist, steht<br \/>\nin eines anderen Macht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich denke noch einmal an die Frau, mit der ich im<br \/>\nKrankenhaus eine Zigarette geraucht habe. Sie wollte nicht beten, weil sie<br \/>\nmeinte, sie k\u00f6nne es nicht. Vielleicht hatte sie noch andere, mir<br \/>\nunbekannte Gr\u00fcnde. Denn richtig kennengelernt habe ich sie ja nicht. Ich<br \/>\nhatte mich ihr und sie hatte sich mir nur kurz vorgestellt. Dann kam gleich ihr<br \/>\nWunsch, der mich so \u00fcberraschte, dass ich ihm nicht widerstehen konnte.<br \/>\nVielleicht w\u00e4re ihr das Beten viel zu nahe gegangen. Oder ist wichtig nur<br \/>\ndieses: Ich habe angefangen zu beten &#8211; f\u00fcr sie, mit der Zigarette. Die hat<br \/>\nuns so nahe gebracht, dass ich sie nicht vergessen &#8211; und noch nach so vielen<br \/>\nJahren immer einmal wieder an sie denken und f\u00fcr sie beten kann. Ihr<br \/>\nLebensweg ist l\u00e4ngst zu Ende, von ihrer Lebensspur ist noch etwas da in<br \/>\nmeiner Erinnerung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Geht es denn anders zu in unserer Beziehung zu<br \/>\nGott, der Mensch geworden ist, der in Jesus Christus mittendrin ist in unserem<br \/>\nLeben und dem nun nichts Menschliches fremd ist, der auch das Unvollkommene<br \/>\nannimmt, das Widersinnige ertr\u00e4gt und uns im Ged\u00e4chtnis beh\u00e4lt?<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"justify\"><b>Hans Joachim Schliep<br \/>\nPastor am Ev.<br \/>\nKirchenzentrum Kronsberg<br \/>\nSticksfeld 6, 30539 Hannover<br \/>\nFon\/Fax: 0511 &#8211;<br \/>\n52 75 99<br \/>\n<a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">E-Mail:<br \/>\nHans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a> <\/b><\/p>\n<p align=\"justify\"><a name=\"vorb\"><\/a><b>Vorbemerkung:<\/b> Der<br \/>\nJakobusbrief bezieht weisheitliche Tradition des Judentums auf das<br \/>\nChristusgeschehen. Es geht ihm um erkennbaren christlichen Lebensstil in einem<br \/>\nnicht-christlichen Umfeld. Findet man ein v\u00f6llig ethisiertes Christentum<br \/>\nvor, wird man Paulus gegen Jakobus stark machen. Umgekehrt muss man Jakobus<br \/>\ngegen Paulus anf\u00fchren, wenn Glaube ohne praktische Konsequenzen bleibt.<br \/>\nJakobus ist also keine &#8222;stroherne Epistel&#8220;. Gerade wo es um das Beten geht &#8211;<br \/>\nwie in 5,13-16 &#8211; geht es um die Praxis des Rechtfertigungsglaubens: alles von<br \/>\nGott zu erwarten. Vers 15 ist besonders sorgf\u00e4ltig auszulegen, damit weder<br \/>\nder Eindruck einer Automatik: &#8222;Wer nur genug betet, wird geheilt.&#8220; (mit dem<br \/>\nfalschen R\u00fcckschluss: &#8222;Wer krank bleibt, hat nicht genug gebetet.&#8220;) noch<br \/>\ndas fatale Missverst\u00e4ndnis: &#8222;Wer krank ist, hat ges\u00fcndigt.&#8220; entsteht.<br \/>\nWeil gr\u00f6bste und \u00e4u\u00dferst sch\u00e4dliche Missverst\u00e4ndnisse<br \/>\nschnell entstehen k\u00f6nnen, muss der Text erkl\u00e4rt und hier und da gegen<br \/>\nden Strich geb\u00fcrstet werden. Besonders hilfreich ist die Predigtmeditation<br \/>\nvon J\u00fcrgen Ziemer in GPM 8\/1994, S. 385-391. Eine Alternatividee: die<br \/>\nPredigt als Brief heute an eine Gemeinde oder einen einzelnen Christen zu<br \/>\nformulieren.<\/p>\n<p><a name=\"top\"><\/a><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/01mcco.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=001029.html&amp;r=r1\"\/><\/p>\n<p><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis | 29. Oktober 2000 | Jakobus 5,13-16 | Hans Joachim Schliep | &#8222;Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 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