{"id":8773,"date":"1999-09-07T19:50:13","date_gmt":"1999-09-07T17:50:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8773"},"modified":"2025-04-10T10:05:55","modified_gmt":"2025-04-10T08:05:55","slug":"texte-und-gedanken-zur-schoepfung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/texte-und-gedanken-zur-schoepfung-2\/","title":{"rendered":"Ist die Religion auf dem R\u00fcckzug vor der Naturwissenschaft?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: Arial;\"><b>G\u00f6ttinger Predigten im Internet\u00a0<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial;\"><b>hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/b><\/span><\/p>\n<h4 align=\"CENTER\"><b>Predigtreihe &#8222;Texte und Gedanken zur Sch\u00f6pfung&#8220;, September 1999<\/b><\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><b>Ist die Religion auf dem R\u00fcckzug vor der Naturwissenschaft?<br \/>\nvon Rudolf Kippenhahn<\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Fr\u00fcher hielten die Menschen Blitz und Donner, Sonne und Mond f\u00fcr Gottheiten. Das ist vorbei. Heute wissen wir, was bei einem Gewitter vor sich geht, und wir kennen die Naturgesetze, denen die Himmelsk\u00f6rpern gehorchen. Die primitiven Religionen haben den Naturwissenschaften Platz machen m\u00fcssen. \u00c4hnlich scheint es auch in der Gegenwart zu sein. Was heute noch als eine Art Wunder angesehen wird, etwa die Entstehung des Lebens in einer befruchteten Zelle, wird vielleicht schon morgen eine in ihren Einzelheiten vorherberechenbare Reaktion der beteiligten Molek\u00fcle sein. Ist die Religion auf dem R\u00fcckzug vor der Naturwissenschaft? Ist Gott nur der L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer, der mit dem Fortschritt der Wissenschaft immer mehr an Terrain verliert?<\/p>\n<p>Ich glaube, so kann nur jemand schlie\u00dfen, der nichts von den Naturwissenschaften versteht. Ich sehe es gerade umgekehrt. Mit jedem wei\u00dfen Fleck, den wir auf der Landkarte unseres Wissens beseitigen, mit jeder L\u00fccke, die wir schlie\u00dfen, wird f\u00fcr mich das Wunder gr\u00f6\u00dfer und unverst\u00e4ndlicher, das Wunder n\u00e4mlich, da\u00df wir in der Lage sind, die Naturgesetze zu erkennen, mit denen wir die Erscheinungen erkl\u00e4ren, ja mit denen wir Naturereignisse exakt voraussagen k\u00f6nnen. Man denke nur an die totale Sonnenfinsternis vom letzten August, deren Eintreffen zum Beispiel schon in einem 1887 erschienenen Buch exakt vorausberechnet ist. F\u00fcr mich ist das tats\u00e4chlich ein Wunder. Wieso ist die aus organischen Molek\u00fclen bekannter Art bestehende matschige Masse meines Gehirns in der Lage, Voraussagen zu machen \u00fcber eine Welt weit drau\u00dfen im Raum, von der sie nur \u00fcber die Sinnesorgane Kunde hat? Mit dem Verschwinden der wei\u00dfen Flecken in unserer Naturerkl\u00e4rung, in denen die primitiven Religionen ihre G\u00f6tter ansiedelten, sind neue R\u00e4tsel erstanden. Wenn wir heute Blitz und Donner keinerlei Ehrfurcht mehr entgegenbringen k\u00f6nnen, und wenn wir selbst dem Geheimnis des Lebens mit Hilfe der Molekularbiologie n\u00e4her r\u00fccken, so ringt mir doch die Existenz von Gesetzen, nach denen die Natur abl\u00e4uft, Staunen und Ehrfurcht ab: Ist es eine uns nicht zug\u00e4ngliche Macht, die alles so eingerichtet hat? Der Fortschritt der Wissenschaft beseitigt das Unerkl\u00e4rliche keineswegs, er verschiebt es nur auf eine andere, auf eine h\u00f6here Ebene.<\/p>\n<p>Die Naturwissenschaft stellt uns st\u00e4ndig vor neue R\u00e4tsel, sie schafft das Unerkl\u00e4rliche nicht aus der Welt. Ich glaube aber nicht, da\u00df sie eine unmittelbare St\u00fctze f\u00fcr die Religion ist. Die \u00dcbereinstimmung des Wortes \u201eEs werde Licht\u201c aus der Genesis mit dem Bild der Astronomen vom Urknall halte ich f\u00fcr zuf\u00e4llig, wonach das Weltall in einem gewaltigen Strahlungsblitz, also einer Art Lichtblitz, entstanden ist. Der Urknall ist keine St\u00fctze f\u00fcr die Religion. Ich kann auch der Schlu\u00dfweise nicht folgen: \u201eAlles hat eine Ursache, also mu\u00df auch das Weltall eine Ursache haben, die wir Gott nennen.\u201c Der Satz von der Ursache ist ein Erfahrungssatz, der sich auf alles bezieht, was wir im t\u00e4glichen Leben beobachten. Aber das Weltall als Ganzes geh\u00f6rt nicht zur Erfahrung des t\u00e4glichen Lebens ebenso wie ein einzelnes Atom nicht zu unserer t\u00e4glichen Erfahrungswelt geh\u00f6rt, und das, wenn es radioaktiv ist, zu einem nicht vorhersagbaren Zeitpunkt zerf\u00e4llt, ganz ohne Ursache. Ich halte auch nichts davon, wenn wir versuchen, Religion naturwissenschaftlich zu untermauern. Ebensowenig glaube ich, da\u00df sich Religion, wenn sie nicht wortw\u00f6rtlich an den alten Texten klebt, naturwissenschaftlich widerlegen l\u00e4\u00dft. Niemand wird doch ernsthaft mit dem Satz von der Erhaltung der Materie gegen die wunderbare Brotvermehrung des Neuen Testamentes angehen!<\/p>\n<p>Eines der naturwissenschaftlichen Argumente gegen die Existenz Gottes findet sich im Bestseller \u201eEine kurze Geschichte der Zeit\u201c des englischen Physikers Stephen Hawking. In der modernen Kosmologie, der Wissenschaft vom Weltall als Ganzem, wird von einem bestimmten Anfangszustand ausgegangen, w\u00e4hrend in der Folgezeit die Naturgesetze den weiteren Ablauf bis zum heutigen Tag bestimmen. Die einzige, M\u00f6glichkeit, wie nach Hawkings Meinung Gott in die Natur eingreifen kann, ist der Ausgangszustand. Sp\u00e4ter sind ihm durch die Naturgesetze die H\u00e4nde gebunden. Nun hatte Hawking sich ein Weltsystem ausgedacht, dessen Entwicklung sich periodisch wiederholt, bei dem es demnach keinen Anfang mehr gibt. Also schlie\u00dft er messerscharf, da\u00df nun Gott \u00fcberfl\u00fcssig geworden ist. Ich glaube blau\u00e4ugiger kann man nicht argumentieren. Sehen wir einmal davon ab, da\u00df zum Unterschied von seinen anderen Leistungen Hawkings Weltmodell keineswegs von den meisten seiner Kollegen akzeptiert wird. Selbst wenn er recht h\u00e4tte, beten denn die Gl\u00e4ubigen, seien sie Christen, Muslims oder Juden, ihren Gott wegen der Anfangsbedingungen eines kosmologischen Weltmodells an? Die Welt, in der wir leben, ist doch viel mehr als das, was wir mit den Naturwissenschaften erfassen k\u00f6nnen! Liebe, Angst, Zorn, Entt\u00e4uschung, Freude und Schmerz, das alles sind Dinge, die uns tagt\u00e4glich bewegen, und die uns mehr bedeuten als die Anfangsbedingungen des Weltalls!<\/p>\n<p>Es ist diese unser ganzes Leben umfassende Welt, in der wir Hoffnung sch\u00f6pfen und in der Verzweiflung Trost finden. In ihr erweisen sich die Werkzeuge des Naturwissenschaftlers als stumpf. Das ist die Welt in der der Gott der Religionen \u00fcber uns wacht. Diese Welt wird auch nicht durch den Fortschritt der Naturwissenschaften eingeengt. Ist diese Welt nur in uns, also gewisserma\u00dfen nur eine Einbildung, oder ist sie objektiv au\u00dferhalb von uns vorhanden? Keines von beidem l\u00e4\u00dft sich beweisen. Wo der Beweis versagt, bleibt eben nur der Glaube, der sich allerdings st\u00e4ndig mit dem Zweifel auseinanderzusetzen hat.<\/p>\n<p>Die beiden Welten, die sich gegen\u00fcberstehen, auf der einen Seite die Welt des Naturwissenschaftlers und auf der anderen die des Glaubens, wurden mir an einem Ereignis deutlich, das in den Siebzigerjahren durch die Presse ging: Eine Gruppe junger Leute wollten die Zugspitze \u00fcber das H\u00f6llental besteigen. Der steile Weg nach oben war durch ein Seil gesichert. W\u00e4hrend des Aufstiegs zog ein Gewitter auf, und ein Blitz fuhr gerade in dem Augenblick in das st\u00e4hlerne Seil, als einer der jungen M\u00e4nner daran Halt suchte. Er war auf der Stelle tot. Naturwissenschaftlich liegt in der elektrischen Entladung, die einen Blitz erzeugt, kein Geheimnis. Wir wissen, unter welchen Bedingungen die sogenannte Sto\u00dfionisation eintritt und welche Gesetze den Weg der Entladung bestimmen. In der Welt des Naturwissenschaftlers ist der Vorgang sonnenklar. Doch was hilft all dieses Wissen den Eltern, wenn sie mit dem Verlust ihres Kindes fertig werden m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Trost k\u00f6nnen sie letztlich nur in der Welt des Glaubens finden, in der Wissenschaft keine Bedeutung mehr ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Professor Dr. Rudolf Kippenhahn, Astronom, G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"mailto:kippen@gwdg.de\">Email: kippen@gwdg.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homepage der G\u00f6ttinger Predigten im Internet<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15161,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,157,114,349,109,126,1615,965],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-8773","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-kasus","category-predigten","category-predigtreihen","category-rudolf-kippenhahn","category-texte-und-gedanken-zur-schoepfung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8773","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8773"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8773\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15557,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8773\/revisions\/15557"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8773"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=8773"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=8773"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=8773"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=8773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}