{"id":8971,"date":"2013-08-07T19:50:04","date_gmt":"2013-08-07T17:50:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=8971"},"modified":"2025-04-11T10:22:19","modified_gmt":"2025-04-11T08:22:19","slug":"lukas-711-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-711-17\/","title":{"rendered":"Lukas 7,11-17"},"content":{"rendered":"<p><b>&#8222;Weine nicht!&#8220; | Lukas 7,11-17 | Eberhard Harbsmeier |<\/b><\/p>\n<p><em>11\u00a0Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine J\u00fcnger gingen mit ihm und eine gro\u00dfe Menge. 12\u00a0Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine gro\u00dfe Menge aus der Stadt ging mit ihr. 13\u00a0Und da sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! 14\u00a0Und trat hinzu und ber\u00fchrte den Sarg, und die Tr\u00e4ger blieben stehen. Und er sprach: J\u00fcngling, ich sage dir, steh auf! 15\u00a0Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. 16\u00a0Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein gro\u00dfer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. 17\u00a0Und diese Kunde von ihm erscholl im ganzen j\u00fcdischen Land und in allen umliegenden L\u00e4ndern.<\/em><\/p>\n<p>Lutherbibel 2017, Lukas 11-17<\/p>\n<p><b>&#8222;Weine nicht!&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Die erste Reaktion auf diese Geschichte war bei mir lange Zeit diese:\u00a0Das klingt alles ziemlich phantastisch, da\u00df jemand aus dem Tode\u00a0ins Leben zur\u00fcckkehrt &#8211; und auch wenn das einmal geschehen sollte:\u00a0Was hilft uns das heute, was hilft das den Menschen, die heute der Unwideruflichkeit\u00a0des Todes gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Ich denke, wenn man diese Geschichte so &#8211; gleichsam von au\u00dfen\u00a0&#8211; sieht, wird man mit ihr nicht viel anfangen k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte\u00a0deshalb die Geschichte einmal anders erz\u00e4hlen, d.h. eine andere\u00a0Geschichte, die eigentlich ganz \u00e4hnlich ist und die f\u00fcr mich\u00a0viel bedeutet hat &#8211; auch wenn ich es nie erlebt habe, sondern nur davon\u00a0geh\u00f6rt und gelesen habe. Und ich denke, da\u00df diese &#8211; meine\u00a0Geschichte &#8211; sehr wohl etwas mit dem zu tun hat, was uns im Evangelium\u00a0erz\u00e4hlt wird: Da\u00df Jesus jemandem von Tode ins Leben zur\u00fcckkehren\u00a0l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Es geschah vor fast hundert Jahren, im August 1913. Ich habe davon\u00a0geh\u00f6rt und auch in der Erinnerungen meines Gro\u00dfvaters Hermann\u00a0Stoevesandt gelesen. Meine Gro\u00dfeltern hatten damals vier Kinder,\u00a0die j\u00fcngsten waren Zwillinge, nicht viel \u00e4lter als ein jahr\u00a0alt, ein Junge und ein M\u00e4dchen. Durch den Garten lief ein kleiner\u00a0Flu\u00df. Mein Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt: Die Kinder spielten im\u00a0Garten im Laufgitter, die Mutter hatte sie einen Augenblick aus den\u00a0Augen verloren, weil sie ins Haus gegangen war, um einen Korb zu holen.\u00a0Dabei hatten die Kinder pl\u00f6tzlich das sch\u00fctzende Gitter verlassen\u00a0und waren beide zum Wassergraben gekrochen, und darin ertrunken. Jeder\u00a0Rettungsversuch kam zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater schreibt in seinen Erinnerungen: &#8222;Es war\u00a0schwer, sich zurechtzufinden. Als die Kinder im Sarge lagen, der in\u00a0der Erkerstube aufgestellt war, und meine Frau und ich allein davorstanden,\u00a0war ich mit meinem Latein am Ende. Meine Frau kniete nieder, ich kniete\u00a0neben ihr, und sie fand den Ton, den einzigen der hier lautwerden konnte.\u00a0Sie dankte Gott f\u00fcr alle die Freude, die er uns an den Kindern\u00a0geschenkt hatte, und die Freude war gr\u00f6\u00dfer gewesen als das\u00a0Leid, das nun an ihre Stelle getreten war. Diese Kinder haben nicht\u00a0umsonst gelebt, denn sie haben uns gezeigt, da\u00df unser Leben in\u00a0jedem Augenblick in Gottes Hand steht, da\u00df er uns alles gibt und\u00a0nach seinem Willen auch alles nehmen kann. So ergab sich von selbst,\u00a0da\u00df wir auf das Kreuz auf dem Grabe den Spruch setzten:\u00a0Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt,\u00a0da\u00df wir seine Kinder sollen hei\u00dfen.\u00a0Von Gott kommt nur Gutes, und am Ende unseres Lebens werden wir f\u00fcr\u00a0das Leid ebenso zu danken haben wie f\u00fcr die Freude. Von dem kleinen\u00a0Grabe ist ein Segen ausgegangen, der uns bis an unser Ende begleiten\u00a0wird. Wir haben das Danken gelernt und begriffen, was es bedeutet, im\u00a0Ernst zu sagen: Dein Wille geschehe&#8220;.<\/p>\n<p>Kann man am Grabe eines Kindes lernen, was es hei\u00dft zu danken?\u00a0Starke Worte. Im Munde eines Pastoren w\u00fcrden Sie vielleicht hohl\u00a0klingen &#8211; so wie das auch in der Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain\u00a0der Fall ist: Es gibt einen Trost, ein &#8222;Weine nicht&#8220;, den\u00a0nur Gott selbst geben kann.<\/p>\n<p>Es ist auch nicht so, da\u00df Leid und Trauer nun einfach verschwinden.\u00a0Mein Gro\u00dfvater berichtet, da\u00df es nat\u00fcrlich schwer war\u00a0f\u00fcr die Eltern der Kinder, sich zurechtzufinden, Weihnachten gehen\u00a0sie zum Grabe der beiden Kinder und sind wieder recht verzagt. \u00a0Aber fast genau ein Jahr nach dem Ungl\u00fcck , berichtet mein Gro\u00dfvater,\u00a0&#8222;wurden uns Zwillinge geboren&#8220;. Wieder ein Junge und ein M\u00e4dchen:\u00a0&#8222;Es war beinahe nicht zu fassen, da\u00df uns wiedergeschenkt\u00a0wurde, was wir ein Jahr zuvor verloren hatten, und die Mitfreude, die\u00a0wir von allen Seiten erfuhren, war gr\u00f6\u00dfer, als wir geglaubt\u00a0h\u00e4tten&#8220;.<\/p>\n<p>Man kann dar\u00fcber streiten, welches Wunder gr\u00f6\u00dfer ist,\u00a0am Grabe eines Kindes danken zu k\u00f6nnen &#8211; oder da\u00df einem wiedergeschenkt\u00a0wird, was man verloren hat. Mein Gro\u00dfvater war bestimmt kein sentimentaler\u00a0Christ, sehr n\u00fcchtern, trug sein Herz nicht auf der Zunge. Man\u00a0erz\u00e4hlte von ihm, da\u00df er einmal nach dem Gottesdienst in\u00a0die Sakristei ging, sich seine sonnt\u00e4gliche Zigarre anz\u00fcndete,\u00a0und zum Pastoren sagt: Ihre Predigt, Herr Pastor, war nicht mal so viel\u00a0Wert wie die Asche dieser Zigarre. Aber immerhin: An n\u00e4chsten Sonntag\u00a0sa\u00df er wieder in der Kirche.<\/p>\n<p>Wenn ich die Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain im Lichte der Erz\u00e4hlung\u00a0von meinem Gro\u00dfvater h\u00f6re, dann steht f\u00fcr mich nicht\u00a0so sehr das Wunder der Wiederbelebung im Mittelpunkt, sondern der einfache\u00a0Satz Jesu: &#8222;Weine nicht!&#8220;. In unserem Munde sind das ja oft\u00a0ohnm\u00e4chtige und hohle Worte, und ich w\u00fcrde nie zu einem Mutter,\u00a0die ein Kind verloren hat, zu sagen wagen: Weine nicht, sei lieber dankbar.\u00a0Und manchmal machen wir uns ja auch eine Theorie zurecht dar\u00fcber,\u00a0da\u00df es ja auch gut ist, weinen zu k\u00f6nnen, und furchtbar nicht\u00a0weinen zu k\u00f6nnen. Wer weint, gibt Ausdruck f\u00fcr sein Leid und\u00a0seine Trauer &#8211; nicht weinen k\u00f6nnen, nicht trauern k\u00f6nnen,\u00a0stumm bleiben, kann furchtbar sein. Und wir leben vielleicht in einer\u00a0Kultur, in der Weinen gleichsam nicht erlaubt ist.<\/p>\n<p>Dennoch w\u00e4re es falsche Romantik, im Weinen nur eine legitime\u00a0Form von Therapie zu sehen. Es ist furchtbar, nicht weinen zu k\u00f6nnen,\u00a0aber auch furchtbar, nicht mit dem Weinen aufh\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich verstehe die Geschichte vom J\u00fcngling zu Nain in diesem Sinne:\u00a0Es gibt einen Trost, den man sich nicht selbst geben kann, auch nicht\u00a0einem anderen Menschen. Es gibt einen Trost, den nur Gott schenken kann.\u00a0Man kann nicht jemanden auffordern, am Grabe eines Kindes Gott zu danken.\u00a0Man kann sich dies auch nicht selbst zumuten oder sich dazu verpflichten.\u00a0Dann w\u00fcrden die Worte und die Fr\u00f6mmigkeit falsch! Aber es\u00a0kann einem geschenkt werden.<\/p>\n<p>Mag sein, da\u00df uns heute &#8211; angesichts der Ereignisse um uns und\u00a0angesichts des Textes &#8211; zum Danken nicht zumute ist. Es w\u00e4re zynisch,\u00a0wollte man davon absehen, es w\u00e4re zynisch, wollten wir Erntedankfest\u00a0halten, &#8222;als ob nichts geschehen w\u00e4re&#8220;. Man kann nicht\u00a0dazu auffordern, angesichts des Todes, angesichts des Leids zu danken.\u00a0Aber es kann einem geschenkt werden, man kann darum bitten: Da\u00df\u00a0die Uniwiderrufbarkeit des Todes uns nicht die Dankbarkeit f\u00fcr\u00a0das Leben raubt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Rektor, Prof. Eberhard Harbsmeier<br \/>\nFasanvej 21<br \/>\nDK-6240-L\u00f8gumkloster<br \/>\ntel.: 74 74 55 99<br \/>\nmobil: 21 73 07 57<br \/>\ne-mail: Eberhard.Harbsmeier@mail.tele.dk<br \/>\n<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Weine nicht!&#8220; | Lukas 7,11-17 | Eberhard Harbsmeier | 11\u00a0Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine J\u00fcnger gingen mit ihm und eine gro\u00dfe Menge. 12\u00a0Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11960,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,255,727,157,120,853,114,948,560,484,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-8971","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-andachten-und-kurzpredigten","category-archiv","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-eberhard-harbsmeier","category-erntedank","category-kapitel-07-chapter-07-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8971"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8971\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22619,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8971\/revisions\/22619"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11960"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8971"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=8971"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=8971"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=8971"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=8971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}