{"id":9005,"date":"2021-02-07T19:49:57","date_gmt":"2021-02-07T19:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9005"},"modified":"2022-08-08T18:17:32","modified_gmt":"2022-08-08T16:17:32","slug":"offenbarung-3-7-13-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-3-7-13-3\/","title":{"rendered":"Offenbarung 3, 7-13"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger<br \/>\nPredigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">2. Advent, 9. Dezember 2001<br \/>\nPredigt \u00fcber Offenbarung 3, 7-13 , verfa\u00dft von Anna-Katharina<br \/>\nSzagun<br \/>\n<\/span> <\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><b><span style=\"color: #000066;\">Vorplanung<\/span><\/b>:<br \/>\nSoll ein Familiengottesdienst oder eine Gottesdienstgestaltung mit st\u00e4rker<br \/>\naktivierenden Elementen z.B. f\u00fcr einen abendlichen Adventsgottesdienst<br \/>\nvorbereitet werden, kann die Predigt eingebunden werden in eine vorausgehende<br \/>\nund eine nachfolgende Gestaltungsphase.<\/p>\n<p>An <b>Materialien<\/b> werden dazu ben\u00f6tigt:<br \/>\nKleinere Zettel, Stifte, Schnipsgummis, Zweige\/St\u00f6cke in der L\u00e4nge<br \/>\nvon ca. 12-30cm, Tonklumpen zum Aufstellen der Zweige, alles in der Anzahl<br \/>\nder vermuteten GottesdienstbesucherInnen, dazu ein aus Apfelsinen-\/Zitronennetzen<br \/>\nzusammengen\u00e4htes vielfarbiges Netz von 1-3 qm Gr\u00f6\u00dfe.<br \/>\nF\u00fcr den Tanz ben\u00f6tigt man pro Person ein Teelicht, Cassettenrecorder<br \/>\nund Tontr\u00e4ger: Musik und Tanzanleitung finden sich in Wosien, Maria-Gabriele,<br \/>\nTanz als Gebet. Feiert Gottes Namen beim Reigen, Linz 1991, S.72ff.<br \/>\nDie Phantasiereise und die nachfolgende Schreibphase brauchen etwa 15<br \/>\nMinuten insgesamt; f\u00fcr die Gestaltungsphase nach der Predigt m\u00fcssen<br \/>\n&#8211; einschlie\u00dflich Tanz &#8211; weitere 10-15 Minuten eingeplant werden:<br \/>\nVon der Lichtwirkung her empfiehlt sich eine solche Gestaltungsphase insbesondere<br \/>\nbei Abendgottesdiensten.<\/p>\n<p><b>PHANTASIEREISE<\/b>: Ich m\u00f6chte Sie f\u00fcr ein paar Minuten<br \/>\neinladen zu einer Phantasiereise, einer Reise in einen inneren Raum. Wir<br \/>\nk\u00f6nnen innere Bilder nur mit geschlossenen Augen wahrnehmen. Bitte<br \/>\nschlie\u00dfen Sie die Augen! Wir betreten ein gro\u00dfes vieltoriges<br \/>\nGeb\u00e4ude. Es besteht nur aus einem einzigen riesigen Raum. Unendlich<br \/>\nviele unterschiedlich hohe S\u00e4ulen tragen die Decke dieses Raumes.<br \/>\nAn manchen Stellen ist die Decke so niedrig, dass man nur geb\u00fcckt<br \/>\nhindurchgehen kann, &#8211; an manchen riesig hoch. Sie k\u00f6nnen die Decke<br \/>\nkaum noch wahrnehmen, so weit oben schwebt sie. Mit der H\u00f6he der<br \/>\nDecke wechselt in diesem Raum ebenso das Licht wie die Luft und die W\u00e4rme.<br \/>\nSie wandern durch dunkle Partien: D\u00e4mmerlicht umf\u00e4ngt Sie, K\u00fchle&#8230;<br \/>\nSie kommen in lichte Partien, &#8211; in manchen Bereichen ist es so hell, dass<br \/>\nes Sie blendet&#8230; Sie sp\u00fcren die Strahlen, die W\u00e4rme&#8230; Auch<br \/>\ndie Luft ver\u00e4ndert sich: An manchen Stellen scheint sie zu stehen,<br \/>\n&#8211; an anderen sp\u00fcren Sie einen frischen Luftzug&#8230; Sie wandern herum,<br \/>\nsp\u00fcren W\u00e4rme und K\u00fchle, betrachten die unterschiedlich<br \/>\nhohen S\u00e4ulen: Jede ist anders geformt. &#8211; Sie betrachten die Vielfalt<br \/>\nan Gr\u00f6\u00dfen und Formen. &#8211; Pl\u00f6tzlich merken Sie: alle diese<br \/>\nS\u00e4ulen sind lebendig. Sie atmen, &#8211; sie bewegen sich an ihrem Platz.<br \/>\nUnd alle sind irgendwie geheimnisvoll miteinander verbunden im Netzwerk<br \/>\nder Decke&#8230; Sie gehen langsam durch den Raum bis zu dem Ort, wo Sie den<br \/>\nAtem des Lebens, das Geheimnis der Verbundenheit mit allem, was lebt,<br \/>\nam besten sp\u00fcren k\u00f6nnen. Sie lehnen sich an eine S\u00e4ule,<br \/>\n&#8211; Ihre S\u00e4ule. &#8211; Sie nehmen diesen Raum der Gegenwart Gottes in sich<br \/>\nauf&#8230; (Stille)<\/p>\n<p>Und nun kommen Sie langsam &#8211; die Augen \u00f6ffnend &#8211; zur\u00fcck in<br \/>\nden Raum hier, lassen bei dem nachfolgenden Musikst\u00fcck all&#8216; das,<br \/>\nwas Sie gesehen, empfunden und gedacht haben, nachklingen. Und schreiben<br \/>\ndann Ihre Bilder, Vergleiche, Assoziationen auf, &#8211; alles, was heute morgen<br \/>\nf\u00fcr Sie &gt;Gegenwart Gottes&lt; ausdr\u00fcckt&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; Kurzes Musikst\u00fcck f\u00fcr Orgel, Fl\u00f6te, Gitarre o.\u00c4.<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren den <b>Predigttext<\/b> des heutigen Sonntags aus Offenbarung<br \/>\n3, 7-13<\/p>\n<p>7 An den Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht der<br \/>\nHeilige, der Wahrhaftige, der den Schl\u00fcssel Davids hat, der \u00f6ffnet,<br \/>\nso dass niemand mehr schlie\u00dfen kann, der schlie\u00dft, so dass<br \/>\nniemand mehr \u00f6ffnen kann:<\/p>\n<p>8 Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet,<br \/>\ndie niemand mehr schlie\u00dfen kann. Du hast nur geringe Kraft, und<br \/>\ndennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet.<\/p>\n<p>9 Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es<br \/>\naber nicht sind, sondern L\u00fcgner &#8211; ich werde bewirken, dass sie kommen<br \/>\nund sich dir zu F\u00fc\u00dfen werfen und erkennen, dass ich dir meine<br \/>\nLiebe zugewandt habe.<\/p>\n<p>10 Du hast dich an mein Gebot gehalten, standhaft zu bleiben; daher werde<br \/>\nauch ich zu dir halten und dich bewahren vor der Stunde der Versuchung,<br \/>\ndie \u00fcber die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf<br \/>\ndie Probe zu stellen.<\/p>\n<p>11 Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen<br \/>\nKranz bekommt.<\/p>\n<p>12 Wer siegt, den werde ich zu einer S\u00e4ule im Tempel meines Gottes<br \/>\nmachen, und er wird immer darin bleiben. Und ich werde auf ihn den Namen<br \/>\nmeines Gottes schreiben und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen<br \/>\nJerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und ich werde<br \/>\nauf ihn auch meinen neuen Namen schreiben.<\/p>\n<p>13 Wer Ohren hat, der h\u00f6re, was der Geist den Gemeinden sagt.<\/p>\n<p><b>PREDIGT<\/b>:<br \/>\nEigentlich wollte ich mich dem vorgesehenen Predigttext verweigern. R\u00e4tselhaft<br \/>\nbizarre Vorstellungen &#8211; Engel, Schl\u00fcssel Davids, Synagoge Satans,<br \/>\ndas gro\u00dfe Weltgericht und ein neues Jerusalem &#8211; Apokalyptik ist<br \/>\nzwar, passend zu \u00f6kologischen und politischen Entwicklungen, f\u00fcr<br \/>\nbreitere Kreise aktuell, aber eigentlich kein Thema f\u00fcr mich, ebenso<br \/>\nwie die hier aufscheinende Triumph- und Vergeltungshoffnung einer unterdr\u00fcckten<br \/>\nKirche gegen\u00fcber ihren fr\u00fcheren Gegnern. Das mag alles &#8211; einschlie\u00dflich<br \/>\ndes judenfeindlichen Tonfalls &#8211; aus der damaligen Situation der Christenverfolgung<br \/>\nin Kleinasien verst\u00e4ndlich sein. Aber f\u00fcr uns? Vielleicht k\u00f6nnen<br \/>\nChristen, die z.B. in der DDR jahrzehntelang Situationen von Benachteiligungen<br \/>\nund Druck durchgestanden haben, die Argumentation des Verfassers gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig<br \/>\nnachvollziehen. Aber kann solch ein Text f\u00fcr uns, die wir bestenfalls<br \/>\nSituationen von Spott und Gleichg\u00fcltigkeit erlebt haben, Dialogpartner<br \/>\nsein? Nein, eigentlich wollte ich mich nicht auf den Text einlassen. Aber<br \/>\ndie bizarren Bilder lie\u00dfen mich nicht los, insbesondere dies Bild<br \/>\ndes neuen Jerusalems mit den lebendigen S\u00e4ulen&#8230;<\/p>\n<p>Das Buch der Offenbarung ist voll von r\u00e4tselhaft-faszinierenden<br \/>\nBildern. Der Verfasser hat sie den Sch\u00e4tzen seiner religi\u00f6sen<br \/>\nTraditionen entnommen und neu zusammengef\u00fcgt zum Ausdruck seiner<br \/>\nGlaubensbotschaft. Ich verstehe seinen Umgang mit den Bildern der Tradition<br \/>\nals Ermutigung, ebenso frei mit den Sch\u00e4tzen der Tradition umzugehen&#8230;<br \/>\n&#8222;Soll ich denn die Arznei mit der Schachtel fressen?&#8220; hat schon<br \/>\nLessing bez\u00fcglich der Bibelauslegung kritisch gefragt. Muss ich das,<br \/>\nwas heilt, nicht aus der zeitgebundenen Verpackung nehmen? Aber: Was ist<br \/>\ndenn nun Arznei an unserem Text, und was ist Schachtel? Muss dies f\u00fcr<br \/>\njeden Text jeweils durch eine Lehrautorit\u00e4t &#8211; etwa die Kirche oder<br \/>\nauch die Wissenschaft &#8211; gekl\u00e4rt werden? Oder kann und muss jede(r)<br \/>\nf\u00fcr sich selbst diese Unterscheidung zwischen Arznei und Schachtel<br \/>\ntreffen?<\/p>\n<p>Ich denke, bezeugen, was heilt und tr\u00e4gt, kann jede(r) nur f\u00fcr<br \/>\nsich selbst. Es wird also ein ganz pers\u00f6nliches Mosaik, das aus Elementen<br \/>\nunserer biblischen Tradition vor Ihnen entsteht; und jede(r) von Ihnen<br \/>\nwird und kann das Mosaik aus den vielf\u00e4ltigen Bildteilen f\u00fcr<br \/>\nsich ein St\u00fcck anders gestalten.<\/p>\n<p>Zwei Grundentscheidungen trennen mich vom Verfasser: Die eine betrifft<br \/>\nsein Gottesbild, die andere den Zeitpunkt der \u00c4onenwende.<\/p>\n<p>Der Verfasser der Offenbarung denkt Gott vor allem von der Macht her,<br \/>\neiner Macht, die alle die Welt jetzt drangsalierenden M\u00e4chte letztlich<br \/>\nbeherrscht. Dem allm\u00e4chtigen, allwissenden \u00dcbervater zur Seite<br \/>\nthront der erh\u00f6hte Christus, der Menschensohn, ebenfalls Herrscher<br \/>\nund Richter. Das Weltgericht, die \u00c4onenwende, wie auch das Heil stehen<br \/>\nnoch bevor: Allen, die in Treue den rechten Glauben bewahrt und glaubensgem\u00e4\u00df<br \/>\ngehandelt haben, werden dann k\u00f6stlichen Lohn empfangen: Verschont<br \/>\nvon Endzeitpr\u00fcfungen, f\u00fcr immer eingetragen ins Buch des Lebens,<br \/>\ngekleidet in das Wei\u00df der Seligen, gesch\u00fctzt durch den wei\u00dfen<br \/>\nStein mit Christi Namen, gespeist vom Baum des Lebens, werden sie zu lebendigen<br \/>\nS\u00e4ulen im neuen Jerusalem, ja, sie werden Anteil haben am Richter-<br \/>\nund Herrscheramt Gottes. Dann, nach dem Endgericht \u00fcber Lebendige<br \/>\nund Tote, wird das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabkommen,<br \/>\nund es wird als Wohnung Gottes unter den Menschen beschrieben. In Kap.<br \/>\n21 hei\u00dft es: Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein<br \/>\nVolk sein, und er, Gott, wird bei ihnen sein (21,3). Er wird alle Tr\u00e4nen<br \/>\nvon ihren Augen abwischen&#8230;(21,4). Alles wird neu gemacht, hei\u00dft<br \/>\nes. Und : Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken<br \/>\nlassen, aus der das Wasser des Lebens str\u00f6mt (21,6). Gem\u00e4\u00df<br \/>\nder Zahlensymbolik der j\u00fcdischen Tradition werden die Ma\u00dfe<br \/>\ndes neuen Jerusalems beschrieben. Gebaut ist es aus den edelsten Materialien<br \/>\nder damaligen Zeit, Gold, Glas, Perlen und Edelsteinen. Und dann hei\u00dft<br \/>\nes: Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, Gott, der<br \/>\nHerrscher \u00fcber die ganze Sch\u00f6pfung, ist ihr Tempel, er und das<br \/>\nLamm (21,22).<\/p>\n<p>Ein faszinierendes Bild, dieses neue Jerusalem, ein Bild, das eigentlich<br \/>\nschon Hilfen gibt, zwischen zeitgebundener Schachtel und heilendem Inhalt<br \/>\nzu trennen. Da ist ein Raum der immerw\u00e4hrenden Gegenwart Gottes mit<br \/>\nMenschen als lebendigen S\u00e4ulen: Ich sehe einen Wald von Lebensb\u00e4umen<br \/>\nvor mir, die sich mit ihren Kronen ber\u00fchren, vernetzen. Gedacht ist<br \/>\nan einen Ort unten, nicht im Himmel, eine Wohnung Gottes mitten unter<br \/>\nden Menschen, und das hei\u00dft doch wohl auch mitten in ihrem Alltag.<br \/>\nDiese Wohnung Gottes unten, mitten unter den Menschen in ihrer Allt\u00e4glichkeit,<br \/>\nsoll ein Ort sein, an dem alle Tr\u00e4nen abgewischt werden und wo jede(r)<br \/>\numsonst vom Wasser des Lebens trinken darf. Es ist ein Ort, wo das Leid<br \/>\nnicht das letzte Wort beh\u00e4lt: Alle Tr\u00e4nen werden abgewischt.<br \/>\nEs ist ein Ort, wo jeder, den nach neuer Lebendigkeit d\u00fcrstet, vom<br \/>\nWasser des Lebens trinken kann. Und das hei\u00dft doch wohl, dass jede(r)<br \/>\ndort neu Kraft, Hoffnung, Mut und Zuversicht sch\u00f6pfen kann. Es ist<br \/>\nein Ort, an dem Gott selbst zum Raum geworden ist, der alles umgreift,<br \/>\numh\u00fcllt: Es braucht keinen Tempel mehr dort, weil Gott selbst der<br \/>\nTempel ist und alle in ihm wohnen &#8211; als lebendige S\u00e4ulen. Alle wohnen<br \/>\nihm ein, so wie er ihnen als lebendiges Wasser, als Wurzelgrund wie als<br \/>\nAtem des Lebens einwohnt, alles mit allem verbindet: Geheimnisvolles Einssein<br \/>\nvon Gott und Mensch.<\/p>\n<p>Zu diesem im Text gezeichneten Bild vom neuen Jerusalem verh\u00e4lt<br \/>\nsich das Gottesbild eines herrschenden \u00dcbervaters sperrig. Wohnung<br \/>\nmitten unter den Menschen, ihnen die Tr\u00e4nen abwischen, mit ihnen<br \/>\neins sein als umh\u00fcllender Raum: Wo bleibt da der Abstand, die Hierarchie?<br \/>\nNein, so kann und will ich Gott nicht denken, nicht von den Bildern des<br \/>\nneuen Jerusalems her und auch sonst nicht. D\u00e4chte ich Gott als allwissenden,<br \/>\nallgegenw\u00e4rtigen Herrscher, so m\u00fcsste ich ihm die Opfer von<br \/>\nAuschwitz, von Afghanistan, von Hunger- und Erdbebenkatastrophen anlasten,<br \/>\nihn des Sadismus und Zynismus zeihen. Dieser allm\u00e4chtige \u00dcbervater,<br \/>\nder Jahrhunderte lang theologisches Denken innerhalb einer autorit\u00e4tsfixierten<br \/>\nGesellschaft bestimmt hat, geh\u00f6rt f\u00fcr mich zur Schachtel: Ich<br \/>\nkann nichts Heilendes an ihm entdecken, weder f\u00fcr mich, noch f\u00fcr<br \/>\nandere. Was aber dann? Wie kann ich Gott anders denken?<\/p>\n<p>Bei dem Versuch, die Sprachbilder unseres Textes in heute Anschaubares<br \/>\nzu \u00fcbersetzen &#8211; also das neue Jerusalem hier vor uns entstehen zu<br \/>\nlassen &#8211; kam ich auf das Bild eines Gewebes f\u00fcr Gott: Gott als umgreifende<br \/>\nVerbundenheit, als Kraft der Beziehung, (Das bunte Netzwerk wird entrollt<br \/>\nund hochgehalten), Gott als liebende und mitleidende Verbundenheit, die<br \/>\nunsere Allt\u00e4glichkeit zugleich enth\u00e4lt und \u00fcbersteigt.<br \/>\nEigentlich m\u00fcsste es in dynamischer Form ausgedr\u00fcckt werden,<br \/>\nwas gemeint ist mit diesem Gott, der sich ereignet in lebendigen, Freude<br \/>\nund Schmerz teilenden Beziehungen zwischen Gesch\u00f6pfen. &#8211; Gott zeigt<br \/>\nsich mir als Netzwerk, das die gro\u00dfen und kleinen, die festen und<br \/>\ndie zerbrechlicheren S\u00e4ulen miteinander verbindet und sie h\u00e4lt.<br \/>\nDies bunte Gewebe aus vielen Netzen, der Versuch einer Metapher, beschr\u00e4nkt<br \/>\nwie jeder unserer Versuche, Gott mit allen Sinnen zu erfassen. Aber dies<br \/>\nNetzwerk hilft mir zu verstehen: Gott ist eines, &#8211; ein Etwas, das alles<br \/>\nund alle umh\u00fcllt. Und zugleich ist Gott eine Vielheit von Verbundenheiten,<br \/>\nvon unterschiedlichen lebendigen Netzwerken. Dies Gewebe kommt nicht glanz-<br \/>\nund machtvoll daher, es beherrscht niemanden. Es ist \u00e4rmlich, verletzlich,<br \/>\nhat zerrissene Stellen: Im Kreuz von Golgatha, in den Schmerzen unendlich<br \/>\nvieler Gesch\u00f6pfe begegnen wir dem ohnm\u00e4chtig leidendem Gott<br \/>\nauf der Seite der Opfer. &#8211; Und zugleich sehe ich zarte Verbundenheit,<br \/>\ntrotz der \u00c4rmlichkeit des Einzelnen eine festlich-warme Buntheit,<br \/>\nbesch\u00fctzend unterst\u00fctzend, Raum gebend f\u00fcr Atem und Entfaltung.<br \/>\nWenn Gottes Gegenwart unter den Menschen so aussieht, dann kann ich mir<br \/>\nvorstellen, dass dies ein Ort ist, wo Tr\u00e4nen abgewischt werden, wo<br \/>\njede(r) vom Wasser des Lebens trinkt&#8230; Da w\u00e4re ich schon gern.<\/p>\n<p>&gt;Das geht nicht &lt; sagt der Verfasser der Offenbarung, &gt;jetzt<br \/>\nnoch nicht. Nach den Schrecken der Endzeit kommt noch das gro\u00dfe<br \/>\nWeltgericht, und erst dann beginnt das Reich Gottes, das neue Jerusalem&lt;.<br \/>\nNein, sag ich, das ist Schachtel f\u00fcr mich. Dazu habe ich in den Evangelien<br \/>\nund bei Paulus etwas anderes gelernt. Die entscheidende Wende liegt hinter<br \/>\nuns. Das Reich Gottes &#8211; verk\u00fcndigte Jesus &#8211; beginnt hier und heute.<br \/>\n&#8222;Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade&#8230;&#8220; lese ich bei Paulus<br \/>\n(2 Kor 6,2). Hier und heute findet beides statt, Gericht oder Heil. Hier<br \/>\nund heute kann ich mich abkoppeln von der Kraft der Verbundenheit und<br \/>\nin Selbstverkr\u00fcmmung und Isolation mein Leben verfehlen. Abgetrennt<br \/>\nvom Gewebe werde ich aus der Quelle der Liebe und Lebendigkeit nicht sch\u00f6pfen<br \/>\nk\u00f6nnen. Das ist Gericht hier und heute schon. Aber hier und heute<br \/>\nkann sich Gott unter uns auch als Kraft der Verbundenheit ereignen; hier<br \/>\nund heute wird dann alles neu: Wo solche Verbundenheit gelebt wird, da<br \/>\ngeschehen auch heute, mitten im Alltag Wunder. Da werden Hungrige gespeist,<br \/>\nErsch\u00f6pfte gekr\u00e4ftigt, Entwurzelte aufgefangen, Alte begleitet,<br \/>\nKranke geheilt. In jedem von uns steckt &gt;Das-von-Gott&lt; als F\u00e4higkeit<br \/>\nzum Mitsein. Jede(r) kann seine Kraft &#8211; und sei sie noch so klein &#8211; hier<br \/>\nund heute als Kraft der Verbundenheit leben und damit ein St\u00fcckchen<br \/>\nWelt verwandeln.. Jede(r), der die ihm anvertraute Kraft so lebt, ist<br \/>\n&#8211; mitten im Alltag &#8211; tragende lebendige S\u00e4ule im Tempel der Gegenwart<br \/>\nGottes, christusf\u00f6rmig als Mensch f\u00fcr andere, in Verbindung<br \/>\nmit allem, was lebt, &#8211; gebend und empfangend. Der Name Gottes, der Name<br \/>\nJesu ist auf diese lebendigen S\u00e4ulen geschrieben, hei\u00dft es<br \/>\nim Text. Es kann sein, dass Menschen nichts davon wissen (vgl. Mt 25,<br \/>\n31-46) und doch l\u00e4ngst schon S\u00e4ulen sind in dem geheimnisvoll<br \/>\ndunklem Raum, der uns alle n\u00e4hrt&#8230; Bei Kurt Marti lese ich<\/p>\n<p>dunkle leuchtende h\u00f6hle<br \/>\nwo wir<br \/>\nw\u00e4rme suchen und zuflucht<br \/>\nbei feuer und freunden<br \/>\nsch\u00f6ne h\u00f6hle du gott<br \/>\nin der wir<br \/>\nimmer schon gingen<br \/>\nund wussten es nicht&#8230;<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre<br \/>\nunsere Herzen und Sinne in Christus, unserem Bruder. Amen<\/p>\n<p><b>FORTSETZUNG der GESTALTUNG<\/b>:<br \/>\n&#8222;Ich lade Sie ein, jetzt auf Ihren Zettel Ihren Namen zu schreiben<br \/>\nund damit zur Mitte zu kommen. Wir wollen gemeinsam ein Bild zu unserem<br \/>\nText gestalten. Jede(r) nimmt sich einen ihm passenden Zweig, eine S\u00e4ule,<br \/>\nbefestigt mit einem kleinen Gummi sein Papier daran und stellt die S\u00e4ule<br \/>\nmittels eines Tonklumpens dort auf, wo er oder sie in unserem Tempel stehen<br \/>\nm\u00f6chte. Dann werden wir alle S\u00e4ulen durch unser Gewebe miteinander<br \/>\nzu einem Raum verbinden. In die Mitte kommt ein Licht. Danach bilden wir<br \/>\neinen Kreis um unser Tempelbild.&#8220; &#8211; Der Umgang mit Papier, Zweig<br \/>\nund Tons\u00e4ule wird vorgemacht; die Gemeinde kommt zur Mitte und gestaltet<br \/>\ngemeinsam das Geb\u00e4ude. Es wird eingeladen zu dem lateinamerikanischen<br \/>\nWeihnachtstanz &gt;Navidadau&lt; [Der Tanz ist extrem einfach, d.h. kann<br \/>\nnach einmaliger Erkl\u00e4rung auch von Tanzunge\u00fcbten sofort mitgetanzt<br \/>\nwerden; w\u00e4hrend des Tanzes tr\u00e4gt jede\/r ein brennendes Teelicht]:<br \/>\nDie Gemeinde tanzt. Danach werden die Kerzen um den &#8222;Tempel&#8220;<br \/>\ngestellt und alle nehmen wieder Platz. W\u00e4hrend des Tanzes sollte<br \/>\ndas elektrische Licht gel\u00f6scht sein).<\/p>\n<p>Lied: Gott ist gegenw\u00e4rtig, EKG 165, Verse 1,5-6<\/p>\n<p><b>F\u00fcrbittengebet<\/b>:<br \/>\nGott, wir bitten dich f\u00fcr alle Gesch\u00f6pfe dieser Welt:<br \/>\nLass uns erkennen,<br \/>\ndass alles Lebendige zusammengeh\u00f6rt als deine Sch\u00f6pfung, die<br \/>\ndu uns anvertraut hast!<br \/>\nGib den M\u00e4chtigen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, aber auch<br \/>\nuns selbst<br \/>\nmitf\u00fchlende Aufmerksamkeit, Sachverstand, Kraft und Mut,<br \/>\ndie zerst\u00f6rerischen Strukturen und Gewohnheiten zu ver\u00e4ndern,<\/p>\n<p>die unser aller Leben bedrohen.<\/p>\n<p>Gott, lass uns zu Werkzeugen deiner Verbundenheit werden:<br \/>\ndass wir Liebe wagen, wo man sich hasst,<br \/>\ndass wir verzeihen, wo man sich beleidigt,<br \/>\ndass wir schlichten, wo Streit ist,<br \/>\ndass wir mittragen, wo Lasten qu\u00e4len,<br \/>\ndass wir Angst, Not und Trauer teilen statt wegzusehen,<br \/>\ndass wir Hoffnung wecken, wo Verzweiflung qu\u00e4lt,<br \/>\ndass wir ein Licht anz\u00fcnden, wo Finsternis regiert.<\/p>\n<p>Gott, lass uns das Geheimnis deiner lebensspendenden Verbundenheit erfahren:<br \/>\ndass wir getr\u00f6stet werden, wenn wir tr\u00f6sten,<br \/>\ndass wir verstanden werden, wenn wir verstehen,<br \/>\ndass wir empfangen, wenn wir schenken,<br \/>\ndass wir geliebt werden, wenn wir lieben,<\/p>\n<p>Gemeinsam beten wir: (Mutter und) Vater unser im Himmel&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wird Christus tausendmal<br \/>\nin Bethlehem geboren<br \/>\nund nicht in dir,<br \/>\ndu bleibst doch ewiglich verloren<\/p>\n<p><b>Angelus Silesius<\/b><\/p>\n<p>weihnacht<br \/>\ndamals<br \/>\nals gott<br \/>\nim schrei der geburt<br \/>\ndie gottesbilder zerschlug<br \/>\nund<br \/>\nzwischen marias schenkeln<br \/>\nrunzelig rot<br \/>\ndas kind lag<\/p>\n<p><b>kurt marti<\/b><\/p>\n<p>Ich bin ein Baum<br \/>\nund atme mein<br \/>\nfl\u00fcsterndes Laub<\/p>\n<p>Vom Himmel<br \/>\nkommt ein Engel<br \/>\nund k\u00fc\u00dft<br \/>\nmeine Wurzeln<\/p>\n<p><b>Rose Ausl\u00e4nder<\/b><\/p>\n<p>Solange wir leben,<br \/>\nist Gott in uns,<br \/>\nund nach dem Tode<br \/>\nsind wir in ihm<\/p>\n<p><b>Seneca<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Anna-Katharina Szagun, Universit\u00e4t Rostock<br \/>\n<a href=\"mailto:anna-katharina.szagun@theologie.uni-rostock.de\">anna-katharina.szagun@theologie.uni-rostock.de<\/a><br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 2. Advent, 9. Dezember 2001 Predigt \u00fcber Offenbarung 3, 7-13 , verfa\u00dft von Anna-Katharina Szagun Vorplanung: Soll ein Familiengottesdienst oder eine Gottesdienstgestaltung mit st\u00e4rker aktivierenden Elementen z.B. f\u00fcr einen abendlichen Adventsgottesdienst vorbereitet werden, kann die Predigt eingebunden werden in eine vorausgehende und eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,62,1,727,114,818,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-offenbarung","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-kapitel-03-chapter-03-offenbarung","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9005"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12826,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9005\/revisions\/12826"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9005"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9005"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9005"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9005"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}