{"id":9070,"date":"2002-03-07T19:50:00","date_gmt":"2002-03-07T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9070"},"modified":"2025-04-23T08:24:47","modified_gmt":"2025-04-23T06:24:47","slug":"1-korinther-15-19-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-15-19-28\/","title":{"rendered":"1. Korinther 15, 19-28"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">Osterpredigt in der Petrikirche St. Petersburg | Ostersonntag | <\/span><span style=\"color: #000099;\">31. M\u00e4rz 2002 | 1. Korinther 15, 19-28 | <\/span><span style=\"color: #000099;\">Georg Kretschmar |<\/span><b><span style=\"color: #000099;\"><br \/>\n<\/span><\/b><\/h3>\n<p><i>Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn Er kommen wird, die, die Christus angeh\u00f6ren; danach das Ende, wenn Er das Reich Gott, dem Vater, \u00fcbergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. Denn Er mu\u00df herrschen, bis Gott Ihm &#8222;alle Feinde unter Seine F\u00fc\u00dfe legt&#8220; (Ps.110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn &#8222;alles hat Er unter seine F\u00fc\u00dfe getan (Ps.8,7). Wenn es aber hei\u00dft, alles sei Ihm unterworfen, so ist offenbar, da\u00df der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.&#8220; <\/i><\/p>\n<p>Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! &#8211; so gr\u00fcssen sich die Christen seit urdenklicher Zeit am Osterfest. So gr\u00fcsse ich auch euch.<\/p>\n<p>1. Wir jubeln an diesem Tag nicht dar\u00fcber, da\u00df vor fast 2000 Jahren irgendwo ein Toter nicht im Tode geblieben ist, sondern weil mit der Auferstehung des Gekreuzigten die Entscheidung auch \u00fcber unser Leben gefallen ist und mit ihr der erste Schritt auf die Zukunft der Welt hin geschah. Am Anfang des vorigen Jahrhunderts hat ein grosser franz\u00f6sischer Bibelwissenschaftler formuliert: Jesus verk\u00fcndigte das Reich Gottes und es kam die Kirche (Alfred Loisy, 1857-1940). Der Satz ist oft wiederholt worden und meinte immer ein Scheitern der Hoffnungen Jesu. Der Apostel Paulus widerspricht. Er sieht alles, die Auferstehung Jesu Christi, die Zeit der Kirche und die Zusage von Gottes endg\u00fcltiger Herrschaft zusammen.<\/p>\n<p>Der Ma\u00dfstab, den er anlegt, ist da\u00df der Tod der letzte und eigentliche Feind Gottes und des Menschen ist. Daher ist die Auferstehung des Gekreuzigten der erste und grundlegende Sieg; den endg\u00fcltigen Triumph wird die Wiederkunft des Auferstandenen und zum Vater erh\u00f6hten Christus bringen, denn mit ihr werden auch die, die zu Christus geh\u00f6ren, also die Glieder der Kirche, der Macht des Todes entrissen werden. Sie werden auferstehen oder in die neue Daseinsform des ewigen Lebens verwandelt werden. Das ist die Vollendung des Reiches Gottes. Die Zeit der Kirche, so mu\u00df man schlu\u00dffolgern, ist die Zeit zwischen den beiden Auferstehungen, die Zeit des Hoffens und Wartens auf Gottes Reich.<\/p>\n<p>Das ist ein fasziniererendes Gem\u00e4lde. Aber es widerspricht offensichtlich unserer ja nicht beliebigen Sicht der Welt. Wir sehen es doch so, da\u00df zur Natur das Werden und Vergehen geh\u00f6rt. W\u00fcrden die Menschen nicht immer wieder sterben, w\u00e4re die Erde l\u00e4ngst \u00fcberv\u00f6lkert. Nat\u00fcrlich kann das Sterbenm\u00fcssen \u00e4ngstigen, der Abschied von lieben Menschen tief schmerzen. Aber wir wissen doch, da\u00df uns jeder Tag dem Tode n\u00e4her bringt. Zu dieser Welt geh\u00f6rt einfach der Tod.<\/p>\n<p>Hier h\u00e4tte der Apostel nicht widersprochen. Aber er ist sich gewi\u00df, da\u00df Gott das Leben will. Da\u00df unsere Welt unter dem Gesetz des Todes steht, ist Schuld, S\u00fcnde des Menschen. Erst durch Adam kam der Tod in die Welt. Das ist wieder eine \u00dcberzeugung, die allen unseren heutigen Erkenntnissen widerspricht. Noch ehe die ersten Menschen die Erde bev\u00f6lkerten, waren eben die Dinosaurier schon ausgestorben. Aber auf dieser Ebene wird man mit dem Apostel Paulus nicht diskutieren k\u00f6nnen. Er ist nicht an Ergebnissen der Forschungen zur Vorgeschichte interessiert, letztlich wahrscheinlich nur sehr eingeschr\u00e4nkt an der Tierwelt, obgleich er vom Seufzen der Kreatur auf Erl\u00f6sung von der Sterblichkeit schreiben kann (R\u00f6m.8,18-23). Er wei\u00df um die Verstrickung von S\u00fcnde und Tod und zeichnet dagegen das Bild eines Lebens in Freiheit von S\u00fcnde und Sterbenm\u00fcssen, wie es dem Menschen zugedacht war, den Gott nach Seinem Bilde geschaffen hat. Das ist eine andere Wirklichkeit als die, die wir zu kennen meinen, das ist eine neue Welt.<\/p>\n<p>Dies Neue h\u00e4ngt aber an einer Person, an einem Menschen, Jesus Christus; mit Ihm beginnt die Auferstehung der Toten. Deshalb schreibt der Apostel den Korinthern: wenn sie von Christus nur etwas in diesem Leben erwarteten, dann w\u00e4ren sie ganz elend dran, dann w\u00fcrde ihr Glaube sinnlos. Das ist wieder ein Satz, an dem man sich \u00e4rgern kann. Kirche und Theologie haben sich doch nun seit vielen Jahrzehnten redlich bem\u00fcht aufzuzeigen, da\u00df Christen nicht nur an das &#8222;Jenseits&#8220; zu denken haben. Gott hat ihnen gro\u00dfe Aufgaben in unserer Welt gegeben. Das ist wahr und daf\u00fcr kann man sich auch auf den Apostel Paulus berufen. Aber unsere Verantwortung in dieser von S\u00fcnde und Tod qualifizierten Welt k\u00f6nnen wir eben nur wahrnehmen, weil wir wissen, da\u00df \u00fcber die Zukuft dieser Welt von au\u00dfen, von oben entschieden wird, nein: l\u00e4ngst entschieden ist. Mit Ostern hat eine neue Zeit und eine neue Welt begonnen, wahres Leben. Deshalb warten wir auf den endg\u00fcltigen Sieg Christi auch \u00fcber den Tod. F\u00fcr den Apostel h\u00e4ngt dieser Sieg unteilbar mit der verhei\u00dfenen Wiederkunft Christi und unserer Vollendung in der Gemeinschaft mit unserem Herrn zusammen.<\/p>\n<p>2. Nun l\u00e4\u00dft sich die Frage aber nicht mehr abweisen, was denn die Wahrheit dieser gro\u00dfen Schau des Apostels Paulus, ja des ganzen Neuen Testamentes ist. Das beginnt mit der Auferstehung Jesu Christi selbst. Von Anfang an gab es ja Stimmen, die die Botschaft der Frauen und dann der J\u00fcnger f\u00fcr Betrug oder &#8211; so w\u00fcrde man heute eher sagen &#8211; f\u00fcr eine Art Selbstt\u00e4uschung hielten. Ihre Bindung an Jesus war so stark, da\u00df sie meinten Ihm wieder lebendig begegnet zu sein. Mit den Mitteln des Historikers kann dieser Streit nicht entschieden werden. Er konnte es schon damals nicht. Denn ein leeres Grab ist doch kein Beweis f\u00fcr die Auferstehung. Die Evangelien und der Apostel Paulus lassen erkennen, da\u00df es die Wirklichkeit der Begegnung mit dem Auferstandenen selbst war, die aus Zweifelnden Glaubende machte. Aber eben weil es die Realit\u00e4ten unserer Welt sprengt, von Auferstehung eines Toten zum ewigen Leben zu sprechen, ja sie zu verk\u00fcnden, deshalb ist die Osterbotschaft zugleich Botschaft von der neuen Welt Gottes, einer Wahrheit die jetzt nur glaubend erkannt werden kann: und die doch unser ganzes Leben pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>3. Und am Ende steht das Reich Gottes. Mit dem neuen Erscheinen Christi endet die Welt. Damit endet die Zeit der Kirche. Beim Einzug in Jerusalem ist Jesus als der K\u00f6nig der Juden, der Messias begr\u00fc\u00dft worden. Auch dies wird Vergangenheit sein. Der Apostel schreibt, da\u00df der Sohn, der ewige Sohn alles, was Er als Mensch an Ehre und W\u00fcrde erworben hat, in die H\u00e4nde des Vaters zur\u00fccklegt, &#8222;damit Gott sei alles in allem&#8220;. Von uns ist anscheinend gar nicht mehr die Rede. Aber zu Gottes Reich, zu Seiner Herrschaft, geh\u00f6rt doch Gottes Volk, geh\u00f6ren wir.<\/p>\n<p>Die Gleichisse Jesu vom Reiche Gottes, von der Herrschaft Gottes lehren die Einsicht, da\u00df Gott ganz andere Ma\u00dfst\u00e4be anlegt als die, die sonst, eben unter Menschen gelten. Im Reiche Gottes wird Treue gelohnt, aber nicht Leistung gemessen. Die Liebe des Vaters nimmt auch den verlorenen Sohn wieder auf. Wenn das unsere Zukunft ist, erhalten wir damit auch Wegweisung f\u00fcr unser Leben heute. Die Zeit der Kirche ist nicht m\u00fc\u00dfige Zeit. Wir werden gebraucht und doch ist es eine Zeit des Wartens. Da\u00df wir das begreifen, dazu will der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Korinth helfen. Auch uns f\u00e4llt es oft schwer zu warten. Aber das Ziel d\u00fcrfen wir nicht aus den Augen verlieren.<\/p>\n<p>Eine Geschichte von der Erf\u00fcllung der Verhei\u00dfungen Gottes in Seinem Reich kann ich nicht erz\u00e4hlen &#8211; wir sind alle noch Wartende. Aber ich m\u00f6chte von einem Mann berichten, an dessen Lebensweg etwas von Warten und von Erf\u00fcllung aufscheint. Ich denke an Johannes Ha\u00df. Er kam aus dem Kaukasusgebiet, er wollte Pastor werden, aber die Zeiten der Repressionen lie\u00dfen es nicht zu. Dann verschlug es ihn nach Kirgisien, er sammelte dort eine Gemeinde und auf der ersten Synode f\u00fcr Kirgiesien 1994 wurde er im Alter von 76 Jahren zum Propst gew\u00e4hlt. F\u00fcnfzig Jahre hatte er gewartet, in der Kirche dienen zu k\u00f6nnen. Schon im Mai 1996 verungl\u00fcckte er t\u00f6dlich mit dem Auto. Aber in diesen zwei Jahren hat er die regionale Kirche in Kirgisien gesammelt. Gott kann das Warten schon in dieser Welt zu einem Ziel bringen.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte Johannes Ha\u00df andere Namen an die Seite stellen. Auf die Erf\u00fcllung aller Verhei\u00dfungen Gottes zu warten, mu\u00df nicht den Blick von dem wegziehen, was Gott uns an Freuden, Schmerzen und Aufgaben in dieser Welt gibt. Aber manchmal k\u00f6nnen wir schon in unserem Leben Erfahrungen der Erf\u00fcllung machen. Die Auferstehung Jesu Christi ist Unterpfand f\u00fcr die Vollendung im Reiche Gottes. Er schenke uns allen Freude und Zuversicht, denn Gottes Sohn, Jesus Christus ist auferstanden. Halleluja!<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>D. Georg Kretschmar<br \/>\nErzbischof der ELKRAS (Ev.-luth. Kirche in Ru\u00dfland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien)<br \/>\nSt. Petersburg<br \/>\n<\/b><b><a href=\"mailto:kanzlei@elkras.org\">E-Mail: kanzlei@elkras.org<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osterpredigt in der Petrikirche St. Petersburg | Ostersonntag | 31. M\u00e4rz 2002 | 1. Korinther 15, 19-28 | Georg Kretschmar | Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 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