{"id":9086,"date":"2021-02-07T19:49:56","date_gmt":"2021-02-07T19:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9086"},"modified":"2022-08-09T18:08:16","modified_gmt":"2022-08-09T16:08:16","slug":"apostelgeschichte-17-16-34","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-17-16-34\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 17, 16-34"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger <\/a><\/b><\/p>\n<p>Predigten im Internet<\/p>\n<p>hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate <\/span><span style=\"color: #000099;\">(3.<br \/>\nSonntag nach Ostern), 21. April 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 16-34, verfa\u00dft von Christoph<br \/>\nM\u00fcller <\/span><\/b><\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><i>Keinem von uns ist Gott fern.<\/i><\/p>\n<p>Es gibt Momente, Augenblicke,<br \/>\nin denen etwas von dieser Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen aufscheint.<br \/>\nVielleicht merken wir es erst im Nachhinein.<br \/>\nVielleicht sind wir zuerst \u00fcberrascht,<br \/>\nstaunen,<br \/>\nk\u00f6nnen es nicht gleich fassen &#8211; und schon gar nicht in Worte fassen.<br \/>\nAber es ist pr\u00e4sent,<br \/>\nwie ein Blitz,<br \/>\nwie ein seltsamer Schmerz,<br \/>\nwie eine tief ber\u00fchrende Stille.<\/p>\n<p>Ich entdecke,<br \/>\nwie in einer v\u00f6llig unwirtlichen Gegend Pflanzen der K\u00e4lte und<br \/>\nD\u00fcrre trotzen:<br \/>\n&#8211; alles scheint diesem Leben zu widersprechen,<br \/>\nund doch spriessen und bl\u00fchen einige Blumen.<br \/>\nAuch einem Skeptiker kann es in solchen Momenten schwer fallen,<br \/>\nalles nur den Gesetzen des Zufalls zuzuschreiben.<br \/>\nManche Psalmen, viele andere religi\u00f6se Texte geben dieser Erfahrung<br \/>\nAusdruck,<br \/>\npreisen die Sch\u00f6pfung und die Kraft,<br \/>\ndie sie in dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfahrung am Werk sehen,<br \/>\nsingen von der Hoffnung, dass Gott sich als st\u00e4rker erweist als Finsternis<br \/>\nund Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Oder<br \/>\nich stehe auf einem Berggrat und sehe am Horizont ein m\u00e4chtiges Massiv<br \/>\nvon Felsen und Gletschern; es hat einen bekannten Namen und ist doch seltsam<br \/>\nunwirklich.<br \/>\nIch bin da, sehe und staune.<br \/>\nIch glaube etwas davon zu verstehen, was Gl\u00e4ubige vieler Religionen<br \/>\nmeinen k\u00f6nnten, wenn sie bestimmte Berge &#8222;heilig&#8220; nennen.<br \/>\nWenn sie dann auf einem solchen Berg ein Heiligtum bauen,<br \/>\ngeben sie ihrem Staunen, ihrem Respekt, ihrer Ehrfurcht Ausdruck:<br \/>\nin einem Tempel, in einer Kapelle,<br \/>\nin Figuren und Bildern,<br \/>\nin besonderen Liedern und Gebeten.<br \/>\nSie beten nicht den Berg an,<br \/>\nsie wissen auch um Gef\u00e4hrdung und Zweifel.<br \/>\nAber hier, an diesem heiligen Ort, kommt ihnen etwas vom Geheimnis des<br \/>\nG\u00f6ttlichen nahe,<br \/>\ndem sie vielleicht einen Namen geben,<br \/>\ndas f\u00fcr sie jetzt so konkret gegenw\u00e4rtig ist wie der Gesang<br \/>\nund die Figur im Heiligtum,<br \/>\ndas aber gleichzeitig so unfassbar ist wie der weite Himmel \u00fcber<br \/>\ndem Berg,<br \/>\nund so wenig selbstverst\u00e4ndlich wie das kleine Heiligtum am Abgrund.<\/p>\n<p><i>Keinem von uns ist Gott fern.<\/i><\/p>\n<p>Ein Mann, von dem ich dies \u00fcberhaupt nicht erwartet h\u00e4tte,<br \/>\nerz\u00e4hlt von der Geburt seiner Tochter.<br \/>\nEr sei selbst von dem \u00fcberrumpelt worden, was ihm da widerfahren<br \/>\nsei.<br \/>\nEr sei, so sagt er, in diesen Stunden und Minuten und Sekunden<br \/>\nselbst &#8222;auf die Welt gekommen&#8220;.<br \/>\nIch stelle mir vor:<br \/>\nGeburten geschehen jeden Tag unz\u00e4hlige Male,<br \/>\n\u00fcberall auf der Erde,<br \/>\naber jetzt ist es einmalig und noch nie dagewesen.<br \/>\nDer Mann sieht die Frau, die er kennt,<br \/>\nund doch ist es nicht einfach die Frau, die er kennt oder zu kennen meint.<br \/>\nEs ist eine ganz neue Erfahrung.<br \/>\nEs sind Wehen, Schmerzen, Vorfreude, Schreie<br \/>\nund wieder eine sehr seltsame Stille,<br \/>\nHerzklopfen, sich \u00fcberschlagende Gef\u00fchle,<br \/>\ndie Ger\u00e4usche des Krankenhauses und die ruhige Stimme der Hebamme.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich ist das Kind da,<br \/>\ndieses Lebewesen, unglaublich in der Gegenw\u00e4rtigkeit und der Gef\u00e4hrdung,<br \/>\neinmalig, einzigartig, noch nie dagewesen, kostbar.<br \/>\nDer Mann sagt:<br \/>\nDa bin ich selbst &#8222;auf die Welt gekommen&#8220;.<\/p>\n<p>Auch diejenigen in der Gespr\u00e4chsrunde, die noch nie bei einer Geburt<br \/>\ndabeigewesen sind,<br \/>\nh\u00f6ren zu.<br \/>\nVielleicht erinnern sie sich an Augenblicke,<br \/>\nin denen ihnen etwas \u00c4hnliches geschehen ist:<br \/>\nDie Welt ist in solchen Augenblicken nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist zwar alles gleich geblieben wie vorher:<br \/>\nder Telefonapparat steht immer noch an seinem Ort,<br \/>\nder L\u00e4rm der Strasse vor dem Fenster ist immer noch da,<br \/>\nich trage das gleiche Hemd wie vorher,<br \/>\nund doch ist etwas anders geworden, jedenfalls in diesem Augenblick.<\/p>\n<p>Die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist mir etwas aufgegangen.<br \/>\nEs ist vielleicht etwas unglaublich Sch\u00f6nes,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder mich umgeworfen und mir f\u00fcr etwas die Augen ge\u00f6ffnet hat,<br \/>\ndas mir vorher unbekannt war.<\/p>\n<p><i>&#8222;Einem unbekannten Gott&#8220;:<\/i><br \/>\nPaulus berichtet nach der Erz\u00e4hlung der Apostelgeschichte von dem,<br \/>\nwas er entdeckte, als er Athen durchstreifte.<br \/>\nMan hat bisher keinen Altar mit dieser Aufschrift gefunden.<br \/>\nAber bringt diese Aufschrift nicht sehr treffend eine Erfahrung zum Ausdruck,<br \/>\ndie viele Menschen nachvollziehen k\u00f6nnen?<br \/>\nSie sind ber\u00fchrt von etwas unglaublich Sch\u00f6nem,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder sie umgeworfen und ihnen die Augen f\u00fcr etwas ganz Neues ge\u00f6ffnet<br \/>\nhat;<br \/>\n&#8222;unbekannt&#8220; mutet das an, was ihnen geschehen ist,<br \/>\nsie k\u00f6nnen es nicht in Schon-Vertrautes einordnen,<br \/>\nsie sind \u00fcberrascht,<br \/>\nund all die W\u00f6rter und Kategorien und Bilder, die sie zur Verf\u00fcgung<br \/>\nhaben,<br \/>\ngen\u00fcgen nicht,<br \/>\nwerden dem nicht gerecht, was jetzt geschehen ist.<\/p>\n<p>Wir versuchen es dann vielleicht doch irgendwie einzuordnen;<br \/>\nPaulus tut dies nach der Erz\u00e4hlung auch.<br \/>\nEr greift auf die einem Juden vertrauten Sch\u00f6pfungsgeschichten zur\u00fcck<br \/>\nund pr\u00e4gt dann diese so knappen und eindr\u00fccklichen S\u00e4tze<br \/>\n<i>&#8222;Keinem von uns ist Gott fern.<br \/>\nIn ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir&#8220;<\/i>.<br \/>\nUnd er zitiert den griechischen Dichter Aratos:<br \/>\n<i>&#8222;Wir sind von seiner Art&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das sind keine Definitionen, keine dogmatischen Aussagen,<br \/>\neher poetische Ann\u00e4herungern an etwas, das nicht definierbar ist.<\/p>\n<p>Spannungsvolle Erfahrungen werden hier angesprochen:<br \/>\nDas Geborgensein in der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung:<br \/>\n<i>In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir &#8211;<\/i><br \/>\nund das <i>Suchen, Ertasten<\/i> und Vielleicht-<i>Finden<\/i>.<br \/>\nEs wird nicht davon ausgegangen, dass eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Kluft<br \/>\nMenschen und Gott trennt.<br \/>\nGott, so bekennt hier Paulus, ist den Menschen nahe.<br \/>\nWir k\u00f6nnen das g\u00f6ttliche Geheimnis suchen,<br \/>\nGott sogar <i>ertasten und finden<\/i>.<br \/>\nAber selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht.<\/p>\n<p>Wenn Sch\u00fclerInnen heute aufgefordert werden, &#8222;Sch\u00f6pfung&#8220;<br \/>\ndarzustellen, dann zeichnen sie oft Bilder der Zerst\u00f6rung und Verw\u00fcstung.<br \/>\nSch\u00f6pfung ist f\u00fcr sie bedrohte Sch\u00f6pfung.<br \/>\nIn ihrer Erfahrung bleibt kaum noch Platz f\u00fcr eine Welt, in der zu<br \/>\nsp\u00fcren w\u00e4re, dass Gott uns nahe ist.<br \/>\nDas B\u00f6se wirkt beeindruckender, st\u00e4rker, machtvoller.<br \/>\nDie Teufelskreise der Gewalt und des Kriegs, der Irref\u00fchrung und<br \/>\nder L\u00fcgen,<br \/>\nder m\u00f6rderisch-verzweifelten Attentate und des Staatsterrors<br \/>\nerscheinen allgewaltig.<br \/>\nDemgegen\u00fcber scheinen die Erfahrungen des \u00fcberraschend Sch\u00f6nen,<br \/>\ndes unglaublich Begl\u00fcckenden,<br \/>\nvon dem alle, auch heutige Jugendliche, zu erz\u00e4hlen w\u00fcssten,<br \/>\nviel zu schwach.<br \/>\nWenn es doch noch Orte gibt, in denen israelische und pal\u00e4stinensische<br \/>\nKinder miteinander spielen:<br \/>\nWas kann es ausrichten?<\/p>\n<p><i>&#8222;Keinem von uns ist Gott fern&#8220;<\/i><br \/>\nManchmal ist nichts davon sp\u00fcrbar,<br \/>\nklingt wie es wie ein Hohn.<br \/>\nStatt der guten Sch\u00f6pfung schl\u00e4gt einem Zerst\u00f6rung ins<br \/>\nGesicht.<\/p>\n<p>In der Sch\u00f6pfungsgeschichte am Anfang der Bibel ist die Finsternis<br \/>\nnicht verleugnet,<br \/>\ndas <i>Tohuwabohu<\/i>, das <i>Wirre<\/i> und <i>W\u00fcste<\/i> geht der<br \/>\nErschaffung des Kosmos sogar voraus.<br \/>\nSch\u00f6pfung ist nicht eine Idylle,<br \/>\ndie Bedrohung ist von Anfang an da, und sie bleibt.<br \/>\nVon den Menschen wird entsprechend spannungsvoll erz\u00e4hlt:<br \/>\nSie werden in einem k\u00fchnen Vergleich als &#8222;<i>Ebenbilder<\/i>&#8222;,<br \/>\nals <i>Stellvertreter<\/i> <i>Gottes<\/i> in dieser Welt bezeichnet (mit<br \/>\ndem im Orient vertrauten Vergleich mit den <i>Standbildern<\/i>, die den<br \/>\nK\u00f6nig dort repr\u00e4sentieren, wo er nicht unmittelbar anwesend<br \/>\nist);<br \/>\nMenschen sind begabt mit dem Auftrag, das Zerst\u00f6rerische in der Welt<br \/>\nzu <i>b\u00e4ndigen<\/i>,<br \/>\n<i>Leben zu bewahren und zu hegen.<\/i><br \/>\nUnd fast gleichzeitig wird von Gewaltt\u00e4tigkeit und Mord erz\u00e4hlt,<\/p>\n<p>von Kain, der seinen Bruder erschl\u00e4gt.<br \/>\nHier geschieht der &#8222;S\u00fcndenfall&#8220; &#8211;<br \/>\nund die alttestamentliche Geschichte braucht da zum ersten Mal das Wort<br \/>\n<i>S\u00fcnde<\/i>,<br \/>\nerz\u00e4hlt von ihrer allt\u00e4glichen Bedrohung,<br \/>\nwenn Menschen das Zerst\u00f6rerische in sich und um sich nicht b\u00e4ndigen,<br \/>\nLeben nicht zu bewahren und zu hegen verm\u00f6gen.<br \/>\nUnd viele Geschichten erz\u00e4hlen davon, wie Menschen versuchen,<br \/>\nGott zur Rechtfertigung ihrer Gewaltt\u00e4tigkeit zu verwenden<br \/>\nund das G\u00f6ttliche dazu zu missbrauchen, sich und andere \u00fcber<br \/>\ndie Wirklichkeit zu t\u00e4uschen.<br \/>\nDie biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichten sind beeindruckend realistisch,<br \/>\nillusionslos,<br \/>\nlegen keinen Zuckerguss auf die Erfahrung des Zerst\u00f6rerischen und<br \/>\nder Finsternis.<\/p>\n<p>Solches Reden von Religion, vom G\u00f6ttlichen und von der Natur ist<br \/>\nsehr anders, als es heute in manchen Kreisen \u00fcblich ist:<br \/>\nBedrohung, Bruch und Finsternis werden verschwiegen,<br \/>\ndie Erfahrung des G\u00f6ttlichen ist verniedlicht.<br \/>\nDie Natur wird als eigentlich unschuldige Idylle gepriesen, in der nur<br \/>\ndie heilsamen Energien entdeckt werden m\u00fcssen,<br \/>\nund wo positives Denken alles wieder gut werden l\u00e4sst.<br \/>\nMit Religion wird hier das zugekleistert, was der Sch\u00f6nf\u00e4rberei<br \/>\nwiderspricht.<br \/>\nDas G\u00f6ttliche dient dazu, Menschen \u00fcber die Wirklichkeit zu<br \/>\nt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Es geschieht oft fast unbemerkt.<br \/>\nReligi\u00f6se Sehns\u00fcchte und Erfahrungen werden missbraucht,<br \/>\num Menschen zu t\u00e4uschen, sie abh\u00e4ngig und beherrschbar zu machen.<br \/>\nDas Heilige wird kommerzialisiert, aus der Religion wird ein Gesch\u00e4ft.<br \/>\nGott wird verniedlicht.<\/p>\n<p>Oder &#8211; und auch dies hat eine lange, schlimme Geschichte &#8211;<br \/>\nGott dient als Begr\u00fcndung und Rechtfertigung von Herrschaft und Gewalt.<br \/>\nMenschen sind \u00fcberzeugt, dem Willen Gottes zu folgen,<br \/>\nund dann zeigt sich, dass sie nicht Gott, sondern einem politischen F\u00fchrer<br \/>\noder einer wirtschaftlichen Ideologie geglaubt haben.<br \/>\nStaunen und Ehrfurcht werden ausgebeutet.<br \/>\nHeilige Schriften m\u00fcssen dazu herhalten, andere Menschen zu entwerten;<br \/>\nGlaubensbekenntnisse dienen dazu, andere Menschen l\u00e4cherlich zu machen.<\/p>\n<p>Wie kann es m\u00f6glich werden,<br \/>\ndass ich \u00fcberzeugt meinen Glauben lebe,<br \/>\nmich daf\u00fcr einsetze, dass die Suche und Sehnsucht von Menschen nach<br \/>\ndem G\u00f6ttlichen nicht abgewertet<br \/>\nund auch nicht missbraucht, ausgebeutet oder verniedlicht wird?<br \/>\nWie kann es m\u00f6glich werden,<br \/>\ndass ich \u00fcberzeugt meinen Glauben lebe<br \/>\nund gerade deshalb ein Suchender bleibe,<br \/>\noffen f\u00fcr \u00fcberraschende und bisher unvertraute Begegnungen mit<br \/>\ndem G\u00f6ttlichen?<\/p>\n<p>Ich lese die Areopag-Geschichte auch als eine Auseinandersetzung mit<br \/>\ndiesen Fragen &#8211;<br \/>\nund es zeigt sich, wie schwierig und gef\u00e4hrlich diese Auseinandersetzung<br \/>\nist.<br \/>\nDie Spannungen sind merkw\u00fcrdig, besonders wenn wir die Geschichte<br \/>\nheute lesen.<br \/>\nDer Erz\u00e4hler berichtet, dass die Athener sich f\u00fcr die Botschaft<br \/>\ndes Paulus interessieren:<br \/>\nSie stellen Fragen, sie m\u00f6chten verstehen.<br \/>\nAndere lassen sich anscheinend nicht darauf ein und verspotten den Apostel<br \/>\nals Schw\u00e4tzer, als &#8222;K\u00f6rnerpicker&#8220;.<br \/>\n\u00c4hnliches wird am Schluss der Geschichte erz\u00e4hlt:<br \/>\nEinige sind beeindruckt und schliessen sich Paulus an,<br \/>\nandere spotten, und es gibt solche, die weiterdiskutieren wollen, vielleicht.<br \/>\nAber auch der Erz\u00e4hler l\u00e4sst Spott und \u00dcberlegenheitsgef\u00fchle<br \/>\nh\u00f6rbar werden, wenn er pauschal behauptet, <i>die Athener und die<br \/>\nFremden dort<\/i> w\u00fcrden <i>nichts lieber machen als die letzten Neuigkeiten<br \/>\nerz\u00e4hlen oder h\u00f6ren &#8211; <\/i><br \/>\nund wenn er ihnen unterstellt, dass sie eigentlich gar nicht wissen, was<br \/>\nsie tun, wenn sie den <i>unbekannten Gott <\/i>verehren.<\/p>\n<p>Spannungen werden auch in weiteren Erz\u00e4hlz\u00fcgen sp\u00fcrbar:<\/p>\n<p>Einerseits wird davon berichtet, dass Paulus die Stadt erkundet,<br \/>\nsie wahrzunehmen versucht, aufmerksam und bewegt.<br \/>\nEr sucht den Kontakt mit den Athenern,<br \/>\nmit seinen j\u00fcdischen Glaubensgenossen und mit den f\u00fcr ihn heidnischen<br \/>\nGriechinnen und Griechen.<br \/>\nEr interessiert sich f\u00fcr ihre Glaubensweisen, Dichtungen und Philosophien,<br \/>\ner h\u00f6rt ihnen zu, diskutiert.<br \/>\nEr entdeckt den Altar mit der seltsamen und doch so wahren Aufschrift.<br \/>\nUnd andererseits werden andere T\u00f6ne h\u00f6rbar.<br \/>\n<i>&#8222;Nach allem, was ich sehe&#8220;,<\/i> so heisst es gleich am Anfang,<br \/>\n<i>&#8222;seid ihr besonders fromme Menschen&#8220; <\/i>&#8211; so die \u00fcbliche<br \/>\n\u00dcbersetzung.<br \/>\nAber das hier gebrauchte griechische Wort ist doppeldeutig:<br \/>\n&#8222;<i>sehr fromm<\/i>&#8220; kann es bedeuten, aber ebenso &#8222;<i>sehr<br \/>\nabergl\u00e4ubisch<\/i>&#8222;.<br \/>\nUnd dass das durchaus so gemeint sein k\u00f6nnte, zeigt die vorangehende<br \/>\nBemerkung, Paulus sei von heftigem Zorn erfasst worden, weil er eine Stadt<br \/>\n&#8222;<i>voller G\u00f6tzenbilder<\/i>&#8220; gesehen habe, was der Apostel<br \/>\ndann in seiner Predigt auch wieder aufgreift.<br \/>\nWeshalb &#8222;<i>G\u00f6tzenbilder<\/i>&#8222;?<br \/>\nDiese Bilder und Alt\u00e4re k\u00f6nnten auch anders wahrgenommen werden,<\/p>\n<p>Paulus selber scheint wenigstens bei einem der Alt\u00e4re nicht von vornherein<br \/>\nvon G\u00f6tzendienst zu sprechen.<br \/>\nWas gibt ihm das Recht, nicht auch bei anderen Alt\u00e4ren die M\u00f6glichkeit<br \/>\neinzur\u00e4umen,<br \/>\ndass Gott <i>keinem Menschen fern ist<\/i>,<br \/>\nund dass diese Menschen Gott <i>suchen, ertasten und finden <\/i>k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Ob ein Bild ein G\u00f6tzenbild ist,<br \/>\nob ein Raum ein Raum zum G\u00f6tzendienst ist,<br \/>\nob ein Altar ein G\u00f6tzenaltar ist,<br \/>\nob ein Gebet ein G\u00f6tzengebet ist,<br \/>\nob eine Predigt eine G\u00f6tzenpredigt ist:<br \/>\nworan wird es sichtbar?<\/p>\n<p>Auch das, was dann in der Predigt des Paulus folgt (also die Rede vom<br \/>\nJ\u00fcngsten Gericht und von Christus als Richter),<br \/>\nbeantwortet die Frage nicht.<br \/>\nWie oft wurde in der Geschichte der christlichen Kirchen vom Gericht gesprochen<br \/>\nund Christus als Weltenrichter dargestellt &#8211;<br \/>\nund es war<i> keineswegs eine gute Botschaft,<\/i><br \/>\nvielmehr wurden Menschen unter Druck gesetzt, sie wurden ver\u00e4ngstigt<br \/>\nund damit abh\u00e4ngig und gef\u00fcgig gemacht &#8211;<br \/>\nwie von menschenverschlingenden G\u00f6tzen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte trotzdem diese beiden Hinweise aus der Predigt von Paulus<br \/>\naufnehmen:<br \/>\ndie Hoffnung auf ein Gericht und die Hoffnung auf Christus als Richter.<br \/>\nIch glaube, dass diese beiden Bilder anders verstanden werden k\u00f6nnen,<br \/>\nals dies in der christlichen Tradition weitherum geschah und geschieht:<br \/>\nSo dass sie wieder Bilder der Hoffnung werden,<br \/>\neinen klareren Blick erm\u00f6glichen,<br \/>\ndavon befreien, andere Menschen zu entwerten,<br \/>\ndazu ermutigen, das nicht auch noch anzubeten, was als unab\u00e4nderliche<br \/>\nRealit\u00e4t erscheint.<\/p>\n<p>Mit dem Bild vom Gericht haben gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden der<br \/>\n\u00dcberzeugung widersprochen, dass alles so bleiben muss wie es ist,<br \/>\ndass es eben immer Kriege gegeben hat und immer Kriege geben wird.<br \/>\nSie haben der \u00dcberzeugung widersprochen, dass es immer Ungerechtigkeit<br \/>\ngegeben hat und immer Ungerechtigkeit geben wird.<br \/>\nSie haben in einem verr\u00fcckten Vertrauen darauf gesetzt, dass das,<br \/>\nwas jetzt ist, nicht das ist, was immer sein wird.<br \/>\nMit dem Bild vom Gericht haben gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden der<br \/>\n\u00dcberzeugung Ausdruck gegeben,<br \/>\ndass die Henker nicht auf immer \u00fcber ihre Opfer triumphieren werden.<br \/>\nEs wird nicht immer so bleiben, wie es ist.<br \/>\nVernichtung und Tod, Krieg und Zerst\u00f6rung d\u00fcrfen nicht auf immer<br \/>\ndie Oberhand behalten.<br \/>\nEs gibt eine Perspektive der Hoffnung,<br \/>\njetzt schon.<\/p>\n<p>Wenn ich so hoffe,<br \/>\nweigere ich mich, das, was jetzt so \u00fcberm\u00e4chtig erscheint, als<br \/>\nallm\u00e4chtig anzubeten.<\/p>\n<p><i>&#8222;Dein Reich komme&#8220;<\/i>,<br \/>\nbeten Christinnen und Christen im UnserVater seit Jahrtausenden &#8211;<br \/>\nauch wenn oft Gewalt und Mammon angebetet<br \/>\nund aus \u00dcberzeugungen und Bekenntnissen gewaltt\u00e4tige G\u00f6tzen<br \/>\nverfertigt wurden.<br \/>\n<i>&#8222;Dein Reich komme&#8220;<\/i>:<br \/>\nein Reich von Frieden und Gerechtigkeit nicht nur f\u00fcr einige wenige.<br \/>\nUnd wenn ich auf <i>Christus als Richter <\/i>hoffe,<br \/>\nhoffe ich auf eine Welt, in der Christus als Bruder aller Gesch\u00f6pfe<br \/>\noffenbar wird,<br \/>\nwo meine Schuld als Schuld herausgestellt wird, aber nun nicht f\u00fcr<br \/>\nimmer und ewig an mir kleben bleiben muss,<br \/>\nwo neue Anf\u00e4nge m\u00f6glich werden,<br \/>\nund alle Menschen erfahren und glauben, dass sie wertvoll sind, f\u00e4hig<br \/>\nzur Liebe und zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><i>&#8222;Dein Reich komme!&#8220;<\/i><br \/>\nManchmal wird das jetzt schon erfahrbar und ertastbar.<br \/>\nMenschen begegnen dem G\u00f6ttlichen,<br \/>\nstaunend, ehrf\u00fcrchtig,<br \/>\nverbl\u00fcfft.<br \/>\nEtwas sehr Kostbares wird ihnen f\u00fcr Augenblicke gegenw\u00e4rtig.<br \/>\nDie Welt ist nicht mehr dieselbe wie vorher.<br \/>\nEs ist mir etwas aufgegangen.<br \/>\nEs ist vielleicht etwas unglaublich Sch\u00f6nes,<br \/>\nvielleicht ist es auch ein heftiger Schmerz,<br \/>\nder mich umgeworfen und mir die Augen ge\u00f6ffnet hat,<\/p>\n<p>Der <i>unbekannte Gott <\/i><br \/>\nkommt \u00fcberraschend <i>nah<\/i>.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Christoph M\u00fcller<br \/>\nUniversit\u00e4t Bern<br \/>\nInstitut f\u00fcr Praktische Theologie<br \/>\nAbt. Homiletik, Liturgik, Kommunikationswissenschaft<br \/>\nL\u00e4nggassstrasse 51<br \/>\nCH 3000 Bern 9<br \/>\nTel.: ++41 (0)31 631 80 45<br \/>\nFax: ++41 (0)31 631 48 33<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.mueller@theol.unibe.ch\">E-mail: christoph.mueller@theol.unibe.ch<\/a><br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=020421-2.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Jubilate (3. Sonntag nach Ostern), 21. April 2002 Predigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 16-34, verfa\u00dft von Christoph M\u00fcller Liebe Gemeinde, Keinem von uns ist Gott fern. Es gibt Momente, Augenblicke, in denen etwas von dieser Begegnung mit dem G\u00f6ttlichen aufscheint. 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