{"id":9087,"date":"2021-02-07T19:49:56","date_gmt":"2021-02-07T19:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9087"},"modified":"2022-08-09T07:46:35","modified_gmt":"2022-08-09T05:46:35","slug":"apostelgeschichte-17-22-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-17-22-31\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 17, 22-31"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger <\/a><\/b><\/p>\n<p>Predigten im Internet<\/p>\n<p>hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">Jubilate <\/span><span style=\"color: #000099;\">(3.<br \/>\nSonntag nach Ostern), 21. April 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 22-31, verfa\u00dft von Klaus<br \/>\nSteinmetz <\/span><\/b><\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Paulus in Athen! Das Evangelium wird zum ersten Mal in der Stadt verk\u00fcndet,<br \/>\ndie als Zentrum des griechischen Geistes und Denkens gilt -ein Augenblick<br \/>\nvon h\u00f6chster Spannung und Bedeutung. An der Stelle auf dem Areopag,<br \/>\nwo Paulus seine Rede gehalten haben soll, ist heute eine Bronzetafel angebracht,<br \/>\ndie den Text der Rede enth\u00e4lt. Nach Lukas hat Paulus in seiner Ansprache<br \/>\ngesagt, er sei durch Athen gegangen und habe bemerkt, dass die Athener<br \/>\nreligi\u00f6s sehr interessiert seien. Keinem Gott, der es wert sei, wollten<br \/>\nsie die ihm geb\u00fchrende Verehrung versagen. Deswegen h\u00e4tten sie<br \/>\nsogar einem &#8222;unbekannten&#8220; Gott einen Altar errichtet. Eigentlich<br \/>\nmuss dem Juden Paulus die Verehrung vieler G\u00f6tter bei den Griechen<br \/>\nja ein Abscheu gewesen sein. Hier aber nimmt er diese Tatsache als Ausdruck<br \/>\nreligi\u00f6sen Eifers einigerma\u00dfen positiv auf. Ankn\u00fcpfend<br \/>\nan seine Beobachtung f\u00e4hrt er fort: Den unbekannten Gott, den sie<br \/>\nbisher nicht kennen, den will er ihnen bekannt machen. Diesem einen Gott<br \/>\ngegen\u00fcber z\u00e4hlen all die vielen anderen G\u00f6tter \u00fcberhaupt<br \/>\nnichts mehr &#8211; die Kritik ist gut verpackt. Ich versuche mir nun vorzustellen,<br \/>\nwas Paulus bei einem Gang durch unsere Stadt in religi\u00f6ser Hinsicht<br \/>\nwohl beobachten und anschlie\u00dfend vielleicht in einer Predigt aufgreifen<br \/>\nk\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, da sind zun\u00e4chst einmal unsere Kirchen. Aber die<br \/>\nlasse ich hier aus. Sicher, durch das Kreuz als Symbol w\u00fcrde wohl<br \/>\nauch Paulus darauf kommen, dass sie etwas mit dem Christusglauben zu tun<br \/>\nhaben m\u00fcssten. Und es w\u00e4re schon interessant, was er als jemand,<br \/>\nder christliche Kirchen als Geb\u00e4ude ja noch gar nicht gekannt hat,<br \/>\nzu unseren Kirchen sagen w\u00fcrde; zu den Kirchen, die uns doch viel<br \/>\nbedeuten, vor allem wenn sie gro\u00df, sch\u00f6n und ehrw\u00fcrdig<br \/>\nsind. Nur einen Gedanken m\u00f6chte ich einf\u00fcgen, auf den mich der<br \/>\nText bringt: Sind unsere Kirchen nicht inzwischen manchmal zu Erinnerungszeichen<br \/>\nf\u00fcr den &#8222;unbekannten&#8220; Gott geworden, den wieder unbekannt<br \/>\ngewordenen Gott? Aber, wie gesagt, die Kirchen lasse ich f\u00fcr den<br \/>\nRundgang des Paulus einmal aus. Worauf w\u00fcrde er sonst sto\u00dfen?<br \/>\nAuf Stellen, wo sich direkt religi\u00f6ses Leben abspielt, wohl kaum.<br \/>\nTrotzdem k\u00f6nnte ihm einiges Interessante auffallen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Kaufh\u00e4user etwa, in die sich ein ununterbrochener<br \/>\nStrom von Menschen ergie\u00dft. In einigen ert\u00f6nt leise Musik,<br \/>\nged\u00e4mpfte Ger\u00e4usche \u00fcberall, bei allem gesch\u00e4ftigen<br \/>\nTreiben doch auch intensives, manchmal hingebungsvolles Betrachten und<br \/>\nPr\u00fcfen. Was suchen die Menschen hier? Nur das, was sie sehen und<br \/>\nausw\u00e4hlen? Oder noch anderes, noch mehr?<\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe drau\u00dfen k\u00f6nnte Paulus St\u00e4nde entdecken,<br \/>\nan denen Menschen nicht nur Waren, sondern auch Informationen und \u00dcberzeugungen<br \/>\nanbieten und daf\u00fcr werben, politische wie jetzt im Wahlkampf, aber<br \/>\nauch weltanschauliche, ja manchmal auch ausgesprochen religi\u00f6se.<br \/>\nUnd sie finden offensichtlich Menschen, die sich darauf ansprechen lassen.<br \/>\nIn den Buchhandlungen w\u00fcrde er viele B\u00fccher von Reisen und fernen<br \/>\nL\u00e4ndern entdecken. Und in einer meist nicht gerade kleinen Ecke Schriften<br \/>\nund B\u00fccher \u00fcber das Horoskop und \u00fcber weltanschaulich-religi\u00f6se<br \/>\nThemen, nicht nur aus dem christlichen Bereich: von Spiritualit\u00e4t,<br \/>\nvon Heil und Ganzheit und Universalit\u00e4t ist da die Rede. Vielleicht<br \/>\nw\u00fcrde Paulus \u00fcberlegen, warum so viele das kaufen.<\/p>\n<p>Weiter w\u00fcrde er vielleicht die vielen Arztpraxen und Apotheken wahrnehmen<br \/>\nund, wenn er etwas weiter hinausk\u00e4me, die gro\u00dfen Krankenh\u00e4user.<br \/>\nWas den Menschen am wichtigsten ist, das bauen sie auch am gr\u00f6\u00dften.<br \/>\nEr w\u00fcrde da viel Leid und Elend zu sehen bekommen, aber auch viel<br \/>\nan Sehnsucht und Hoffnung, an Entt\u00e4uschungen und an Vertrauen. Abends<br \/>\nw\u00fcrde er vielleicht auf eine Diskothek sto\u00dfen, und drinnen<br \/>\nneben Krach und Ausgelassenheit auch das Versunkensein junger Menschen<br \/>\nbemerken, ihr Verlangen nach Verbundenheit und menschlicher N\u00e4he<br \/>\nund W\u00e4rme. Ich breche hier ab. Da ist immer wieder, wenn auch manchmal<br \/>\nversteckt, so etwas wie Sehnsucht und Suche nach mehr vorgekommen; oft<br \/>\nnat\u00fcrlich in einem ganz \u00e4u\u00dferen Sinn: Mehr haben wollen.<br \/>\nAber manchmal ist doch auch erkennbar geworden, dass es nicht um das \u00c4u\u00dfere<br \/>\ngeht, dass es um Mehr in einem tieferen Sinn geht: Mehr Leben, wirkliches,<br \/>\nechtes Leben.<\/p>\n<p>Ob Paulus das alles so positiv aufnehmen k\u00f6nnte wie den religi\u00f6sen<br \/>\nEifer der Athener, wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht. Aber warum eigentlich<br \/>\nnicht? Dann w\u00fcrde er vielleicht sagen: Das was ihr sucht, oft sehr<br \/>\nunklar und verworren, das m\u00f6chte ich euch sagen und bringen. Ihr<br \/>\nsucht das Leben ; ich nenne euch den, der das Leben, die Erf\u00fcllung<br \/>\nist &#8211; Gott! Weil euer Leben, weil ihr selbst, wie \u00fcberhaupt alles,<br \/>\nvon Gott kommt und ihm geh\u00f6rt, auch wenn ihr das nicht wisst oder<br \/>\nvergessen habt, k\u00f6nnt ihr Erf\u00fcllung, Sinn und Leben nur in ihm<br \/>\nfinden und haben. Der Theologe und Kirchenvater Augustin hat diese \u00dcberzeugung<br \/>\nknapp 400 Jahre nach Paulus in folgenden Worten zum Ausdruck gebracht:<br \/>\nDu, Gott, hast uns auf dich hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig,<br \/>\nbis es Ruhe findet in dir. In einer unter Umst\u00e4nden versch\u00fctteten,<br \/>\nund doch unausrottbaren Weise sitzt eine Ahnung davon tief im Menschen<br \/>\ndrin. Der Mensch ist hoffnungslos religi\u00f6s &#8211; so formuliert das ein<br \/>\nSatz aus unserer Zeit.<\/p>\n<p>Paulus redet auf dem Areopag also, wenn man so will, von der selbstverst\u00e4ndlichen,<br \/>\neinfachen Seite unseres Glaubens. Wir sind es heute eher gewohnt, von<br \/>\nder schwierigen Seite des Glaubens zu reden, ihn in Frage gestellt zu<br \/>\nsehen und selber in Frage zu Stellen: Kann das sein? Ist das wirklich<br \/>\nso? Wie verh\u00e4lt sich das mit dem Glauben zu unseren modernen Erkenntnissen?<br \/>\n&#8211; Das sind auch wichtige und richtige Fragen. Aber genauso, ja im Grunde<br \/>\nnoch mehr z\u00e4hlt doch auch die andere, die einfache und selbstverst\u00e4ndliche<br \/>\nSeite unseres Glaubens: Wenn Gott wirklich, wie wir bekennen, der Grund<br \/>\nund Sch\u00f6pfer von allem ist, dann ist alles, dann sind auch wir selbst<br \/>\nnur durch ihn und in ihm: In ihm leben, weben und sind wir, sagt Paulus.<br \/>\nOhne ihn w\u00e4re gar nichts. Ohne ihn k\u00f6nnten wir auch gar nicht<br \/>\nnach ihm fragen, erst recht nicht ihn in Frage stellen. Unser Sein und<br \/>\nLeben ist in ihm begr\u00fcndet. Ob wir das erkennen und wahrnehmen, ist<br \/>\neine ganz andere Sache .<\/p>\n<p>Gott &#8211; so selbstverst\u00e4ndlich und notwendig wie die Luft, die wir<br \/>\natmen, wie das Brot, das wir essen. Gott &#8211; durch den und von dem wir alles<br \/>\nhaben. Paulus kann deswegen auch nicht anders, als von der G\u00fcte dieses<br \/>\nallumfassenden Gottes reden, die er allen zuwendet, durch alles, was sie<br \/>\nzum Leben haben und brauchen; auch durch die Menschen, deren Liebe und<br \/>\nG\u00fcte unser Leben erm\u00f6glicht und gepr\u00e4gt hat, von Mutterleib<br \/>\nund Kindesbeinen an. Gott &#8211; die umfassende und selbstverst\u00e4ndliche<br \/>\nGrundlage von allem: Dessen m\u00f6chte ich im Anschluss an Paulus uns<br \/>\nin dieser Predigt vergewissern. Denn das Selbstverst\u00e4ndliche ist<br \/>\nuns nicht einfach und immer selbstverst\u00e4ndlich. Es gibt auch das<br \/>\nandere, dass wir dies vergessen k\u00f6nnen, dass Gott uns fraglich wird.<br \/>\nEs verr\u00e4t viel \u00fcber uns, dass es dazu kommen kann, zu solcher<br \/>\nEntfremdung. S\u00fcnde nennt die Bibel das.<\/p>\n<p>Wenn es dazu kommt, dann ist das aber nicht nur und oft gar nicht in<br \/>\nerster Linie eine Sache des Denkens und der Erkenntnis. Es gibt auch Ursachen,<br \/>\ndie im Erleben und Leiden liegen, dass Gott uns fernr\u00fcckt, fremd<br \/>\nwird. Da ist dann \u00fcberhaupt nichts mehr einfach und selbstverst\u00e4ndlich.<br \/>\nDa ist dann auch noch von anderem zu reden, da wird Jesus Christus wichtig,<br \/>\nja n\u00f6tig. Paulus kommt auf ihn ganz am Schluss seiner Predigt. Dass<br \/>\nnichts, auch Leiden und Schuld, ja zuletzt auch der Tod nicht, uns von<br \/>\nGott trennen k\u00f6nnen, daf\u00fcr steht uns Jesus Christus. Daf\u00fcr<br \/>\nbrauchen wir nicht nur allgemeine Gedanken und Ideen, daf\u00fcr brauchen<br \/>\nwir einen Menschen, ein menschliches Gesicht, das uns ansieht: das Angesicht<br \/>\nJesu Christi: Um seinetwillen verlass dich darauf, in allem und trotz<br \/>\nallem, was du erlebst und erleidest und was um dich her geschieht, dass<br \/>\nGott an dir liegt und dich liebt und dass er diese, seine Welt nicht aus<br \/>\nder Hand gibt.<\/p>\n<p>Der unergr\u00fcndliche, alles umfassende Gott tr\u00e4gt und liebt<br \/>\ndich, so wie er die ganze Welt tr\u00e4gt und liebt, das ist das Geheimnis<br \/>\nunseres Glaubens. Das Selbstverst\u00e4ndliche und das \u00fcberhaupt<br \/>\nnicht Selbstverst\u00e4ndliche sind darin vereint. Gott schenke uns diesen<br \/>\nGlauben, jeden Tag neu &#8211; um Jesu Christi willen. Amen<\/p>\n<p><b>Klaus Steinmetz, Sup.i.R.<br \/>\nHainholzweg 8<br \/>\n37085 G\u00f6ttingen<br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=020421-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Jubilate (3. Sonntag nach Ostern), 21. April 2002 Predigt \u00fcber Apostelgeschichte 17, 22-31, verfa\u00dft von Klaus Steinmetz Liebe Gemeinde! Paulus in Athen! 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