{"id":9128,"date":"2002-07-07T19:50:00","date_gmt":"2002-07-07T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9128"},"modified":"2025-04-23T09:16:10","modified_gmt":"2025-04-23T07:16:10","slug":"1-petrus-2-1-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-2-1-10\/","title":{"rendered":"1. Petrus 2, 1-10"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">6<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Son<\/span><span style=\"color: #000099;\">ntag nach <\/span>Trinitatis | 7. Juli 2002 | 1. Petrus 2, 1-10 | Hellmut M\u00f6nnich |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ging es Ihnen eben beim H\u00f6ren des Predigttextes auch so wie mir, als ich den Abschnitt das erste Mal las? Da merkte ich, wie ich den Kopf etwas sch\u00fcttelte und leise sagte: das verstehe ich nicht. Ein Bildvergleich folgt ohne Pause dem anderen, ein Bibelzitat dem anderen. Verwirrend ist das. Worum geht es?<\/p>\n<p>Ich habe dann erst einmal einen Bleistift zur Hand genommen, die S\u00e4tze noch einmal und nun ganz langsam gelesen und Sinneinheiten mit dem Stift voneinander getrennt bis ich heraus fand, wovon der Briefschreiber der Reihe nach spricht:<\/p>\n<p>Die Adressaten &#8211; so f\u00e4ngt er an &#8211; sollen Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid oder auch \u00fcble Nachrede wie ein widerw\u00e4rtig-schmutziges Kleidungsst\u00fcck ablegen. Mit anderen Worten: Solches Verhalten, das damals vorkam wie es heute immer wieder vorkommt, soll nun nicht mehr ihr Verhalten sein. F\u00fcr sie, die nun Christen geworden sind, soll anderes Verhalten kennzeichnend sein.<\/p>\n<p>An dieser Stelle sollte vielleicht angemerkt werden, dass der 1. Petrusbrief offenbar ein Rundbrief an junge Christengemeinden im Nordwesten Kleinasiens ist, &#8211; dem Gebiet der heutigen T\u00fcrkei -, und dass er sich in unserem Abschnitt besonders an erst k\u00fcrzlich getaufte erwachsene Gemeindeglieder wendet. Bei dieser, negativen Kennzeichnung des bisherigen Lebensstiles und dem Wort &#8222;ablegen&#8220; (oder &#8222;ausziehen&#8220;) hat der Briefschreiber offenbar die damals bei der Taufe ge\u00fcbte Sitte vor Augen, das bisher getragene Kleidungsst\u00fcck abzulegen und ein neues, wei\u00dfes Taufgewand anzuziehen als sichtbares Zeichen f\u00fcr das nun neue Leben.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass der Briefschreiber ohne Hemmungen den neuen Christen sagt, was sich f\u00fcr einen Christenmenschen nicht ziemt. Ja, ich habe den Eindruck, dass wir uns heute in der Kirche schwer tun deutlich zu sagen, welches Verhalten zu uns getauften Christen, zu uns als Gottes Volk passt bzw. nicht passt.<\/p>\n<p>Nach der negativen Kennzeichnung des bisherigen Lebensstiles kommt dem Briefschreiber nun ein neues Bild in den Sinn: Das ganz allt\u00e4gliche, anr\u00fchrende Bild eines gierig trinkenden S\u00e4uglings an der Mutterbrust. Wie der durstige S\u00e4ugling sich ohne Unterbrechung holt, was er braucht, so sollen sich die zwar schon erwachsenen aber doch noch ganz jungen Christen Nahrung, ja: Lebenskraft aus der Botschaft der Bibel holen. Von Christus her sollen sie ihr t\u00e4gliches Leben, auch ihr Zusammenleben mit den Menschen um sie herum, sollen sie ihr religi\u00f6ses Leben leben. Um es mit dem r\u00f6m.-kath. Theologen K\u00fcng zu sagen: &#8222;Christ sein bedeutet: in der Nachfolge Jesu Christi &#8230; wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben &#8211; in Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn ich mir das jetzt durch den Kopf gehen lasse, ist es mir, als spr\u00e4che der Briefschreiben wie ein heutiger Christ zu uns &#8211; nicht wie der Verfasser eines \u00fcber 1900 Jahre alten Briefes. Brauchen wir heute mehr als die damals gezeigte Orientierung an Jesus Christus?<\/p>\n<p>Nach dem eben bedachten Bild f\u00e4llt dem Briefschreiber nun ein drittes Bild ein, das schon im Jesaja-Prophetenbuch vorkommt. Dort lesen wir als Gotteswort: &#8222;Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen harten Schieferstein (so kann man das hebr\u00e4ische Wort \u00fcbersetzen), einen kostbaren Eckstein.&#8220; Und gleich f\u00e4llt unserem Briefverfasser noch ein Satz aus Ps. 118,22 ein: &#8222;Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.&#8220; Diese Worte versteht der Verfasser nun auf Jesus Christus hin, ver\u00e4ndert das Bild fast impressionistisch und schreibt. &#8222;Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von Menschen verworfen ist, aber von Gott auserw\u00e4hlt und kostbar.&#8220; Noch einmal greift er das Bild vom Stein auf, jetzt aber in neuer Bedeutung, in der es ihm zu einem neuen Bild wird: &#8222;Auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgef\u00e4llig sind durch Jesus Christus.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn ich das lese, steht mir das Geschriebene wie ein modernes Bild &#8211; etwa Von Chagall &#8211; vor Augen: Ich darf nicht logisch fragen: gibt es \u00fcberhaupt einen lebendigen Stein? sondern ich muss fragen: Was will der Maler, der Briefschreiber sagen? Und dann verstehe ich: Es geht bei uns Lesern des Briefes hier nicht nur um uns selbst, sozusagen als Individuen, als Einzelne. Nein. Jeder und jede Getaufte, jeder und jede, die zum Volk Gottes geh\u00f6rt, geh\u00f6rt mit den anderen Getauften zusammen zum Haus der Kirche. Nein, nicht geh\u00f6rt zur Kirche; baut die Kirche, <i>biIdet<\/i> die Kirche! Und zwar nicht wie tote Steine, irgendwo verbaut, sondern ganz lebendig! Ja jeder und jede kann zu Gott verhelfen &#8211; wie einstmals die Priester in Israel, &#8211; zu Gott einladen und handeln, wie es Gott wohlgef\u00e4llt, in der Nachfolge Jesu Christi.<\/p>\n<p>Angesichts der heutigen Diskussion um die M\u00e4ngel der Kirche, um die nicht leichte Finanzsituation der Kirche, die Strukturen der Kirche wird hier ein unmissverst\u00e4ndliches Bild der Kirche gezeichnet: Kirche: das sind die Menschen, die zu Gottes Volk berufen sind durch die Taufe. Kirche, das sind vor allen Strukturen, Finanzproblemen, Rechtsordnungen die von Gott zu seinem Volk berufenen Menschen, M\u00e4nner und Frauen, Alte und Kinder, durch die Taufe alle gleich! Die wirkliche Kirche ist also immer wieder erst zu entdecken. Sie ist da, wo in der verwirrenden und t\u00e4uschenden Vielgestaltigkeit kirchlicher Ph\u00e4nomene deutlich wird, was Kirche ausmacht, was Kirche konstituiert. &#8222;Die wirkliche Kirche &#8230; ist der Ort des Kampfes zwischen wahrer Kirche und Scheinkirche&#8220; wie das der Berlin- Brandenburgische Bischof Huber formuliert hat.<\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Krise der Kirche seiner Zeit hat Martin Luther nicht zuletzt aus unserem 1. Petrusbrief seine Vision, sein Bild von Kirche entwickelt: &#8222;Da\u00df aber das erste Amt, der Dienst am Wort allen Christen sei gemein, das bew\u00e4hrt jener Spruch 1 Petr 2,9 &#8230; Aber Petrus gibt ihnen nicht nur das Recht, sondern auch den Befehl&#8230; Gottes Wort zu predigen.&#8220; Und in diesem Zusammenhang f\u00fchrt Luther aus: &#8222;&#8230;wir wollen fortfahren und es bew\u00e4hren, da\u00df alle Christen gleicherweis Priester seien &#8230; Es sind aber die priesterlichen \u00c4mter etwa diese: Lehren, predigen und Gottes Wort verk\u00fcndigen, taufen, konsekrieren oder die Eucharistie austeilen, S\u00fcnden binden und l\u00f6sen, f\u00fcr andere beten und opfern und urteilen \u00fcber alle Lehren und Geister. Das erste aber und h\u00f6chste von allen, in dem alle anderen hangen, ist das Wort Gottes lehren.&#8220; Richtig: Das ist nicht mehr unsere Sprache heute. Aber es ist doch verst\u00e4ndlich, was er sagen will. Zu welch wichtiger Aufgabe ist jeder getaufte Christenmensch erm\u00e4chtigt! Hier gilt: Werde, was du bist! Was f\u00fcr eine Vision von Kirche!<\/p>\n<p>So kann dann der Verfasser unseres Briefes seinen Gedankengang in fast \u00fcberschw\u00e4ngliche Sprache zusammenfasen: Ihr &#8230; seid das auserw\u00e4hlte Geschlecht, die k\u00f6nigliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, da\u00df ihr verk\u00fcndigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu einem wunderbaren Licht.&#8220;<\/p>\n<p>Lohnt es sich nicht, diesem zun\u00e4chst so sperrig wirkenden Briefabschnitt nachzusinnen, dar\u00fcber nachzudenken, auch zu streiten jedenfalls: sich inspirieren zu lassen?<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Hellmut M\u00f6nnich, P.i.R.<br \/>\nEwaldstr.97<br \/>\n37075 G\u00f6ttingen<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 7. Juli 2002 | 1. 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