{"id":9138,"date":"2002-08-07T19:50:00","date_gmt":"2002-08-07T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9138"},"modified":"2025-04-22T13:51:13","modified_gmt":"2025-04-22T11:51:13","slug":"2-samuel-12-1-10-13-15a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-12-1-10-13-15a\/","title":{"rendered":"2. Samuel 12, 1-10.13-15a"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> Hans Joachim Schliep |<\/span><\/h3>\n<p><em>Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: ,Es waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Sch\u00e4flein, das er gekauft hatte. Und er n\u00e4hrte es, da\u00df es gro\u00df wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es a\u00df von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Scho\u00df, und er hielt&#8217;s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er&#8217;s nicht \u00fcber sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.&#8216;<\/em><\/p>\n<p><em>Da geriet David in gro\u00dfen Zorn \u00fcber den Mann und sprach zu\u00a0Nathan: ,So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes,\u00a0der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das\u00a0getan und sein eigenes geschont hat.&#8216;<\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach Nathan zu David: ,Du bist der Mann! So spricht der HERR,\u00a0der Gott Israels: &gt;Ich habe dich zum K\u00f6nig gesalbt \u00fcber Israel\u00a0und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus\u00a0gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben;\u00a0und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast\u00a0du denn das Wort des HERRN verachtet, da\u00df du getan hast, was ihm\u00a0mi\u00dffiel? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert,\u00a0seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht\u00a0durchs Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert\u00a0nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hethiters,\u00a0genommen hast, da\u00df sie deine Frau sei.&lt; (&#8230;) <\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach David zu Nathan: ,Ich habe ges\u00fcndigt gegen den HERRN.&#8216;\u00a0Nathan sprach zu David: ,So hat auch der HERR deine S\u00fcnde weggenommen;\u00a0du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese\u00a0Sache zum L\u00e4stern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist,\u00a0des Todes sterben.&#8216;\u00a0Und Nathan ging heim.<\/em><\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p align=\"left\">In wenigen Wochen w\u00e4hlen wir einen neuen Bundestag.\u00a0Die Regierenden sind <b>Ge<\/b>w\u00e4hlte, keine <b>Er<\/b>w\u00e4hlten.\u00a0Die Macht, die sie stellvertretend f\u00fcr uns innehaben, ist auf Zeit\u00a0verliehen und ans Recht gebunden. Also m\u00fcssen wir, die W\u00e4hlenden,\u00a0uns Gedanken machen: Wem vertrauen wir Macht an? Welches moralische Fundament\u00a0brauchen Menschen, denen wir Macht \u00fcbertragen? Macht betrifft und\u00a0ver\u00e4ndert die menschliche Existenz. Wer unter die R\u00e4der falsch\u00a0gebrauchter Macht ger\u00e4t, kann davon ein Lied singen. Es wird ebenso\u00a0deutlich, wenn Menschen in der Politik scheitern: zu Grunde gerichtet\u00a0durch politische Gegner oder in Abgr\u00fcnde geraten durch eigene Schuld.\u00a0Gleichfalls ist zu \u00fcberlegen: Nach welchem Standard sollen in Europa\u00a0die Rechts-, Wirt-schafts- und Sozialsysteme einander angeglichen werden?\u00a0Und wie steht es in der globa-len Menschengemeinschaft mit den Menschenrechten,\u00a0z. B. den Rechten der Frauen?<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Fr\u00fche Lernerfahrungen mit der Macht und dem Recht erz\u00e4hlen\u00a0die beiden Samuelb\u00fccher. Sie berichten davon, wie nach K\u00f6nig\u00a0Sauls Scheitern erst unter David zwischen Mittelmeer und Totem Meer, zwischen\u00a0Libanon und Sinaiw\u00fcste aus einem Verbund eigenwilliger Volksst\u00e4mme\u00a0so etwas wie ein Staat entsteht. David verbindet die Landesteile &gt;Israel&lt;\u00a0und &gt;Juda&lt;, erhebt die alte Kanaaniterstadt Jerusalem zum politisch-religi\u00f6sen\u00a0Zentrum, schw\u00f6rt deren vor-israelitische Einwohner auf den neuen\u00a0Herrscher ein und macht umliegende V\u00f6lker und St\u00e4dte tributpflichtig.<\/p>\n<p>Ein beachtliches Werk nach au\u00dfen. Innen jedoch brechen mit K\u00f6nigtum\u00a0und Staatlichkeit schwere kulturelle, ethische, rechtliche Konflikte auf.\u00a0Soll das alte Jahwe-Recht gelten, das zum Beispiel gegen jede Art Gottes-K\u00f6nigtum\u00a0steht? Soll das kanaan\u00e4ische Recht gelten, nach dem der K\u00f6nig\u00a0auch Priester ist und eine nahezu unumschr\u00e4nkte Macht hat, das Recht\u00a0also quasi selbst setzt? Der alte Prophet Samuel hatte vor den Macht-\u00a0und Rechtsanspr\u00fcchen eines K\u00f6nigs gewarnt (1. Samuel 8,10-18),\u00a0das K\u00f6nigtum aber doch mit auf den Weg gebracht.\u00a0&#8222;Was ist der Wille, was ist das Wesen unseres Gottes?&#8220; Auch\u00a0diese Fragen brechen neu auf. Denn jetzt war Jahwe Staats- und damit noch\u00a0etwas anderes als begleitender Stammes- und Familiengott. Neue Deutungen\u00a0mu\u00dften erst noch gefunden werden. Deshalb bleibt vieles ungesagt\u00a0und widerspr\u00fcchlich. Aber es k\u00fcndigen sich doch drei grundlegende\u00a0Unterscheidungen an: die von Macht und Moral, von Politischem und Privatem\u00a0und von der Person und ihrem Werk. In dem Gespr\u00e4ch zwischen Nathan und David wird der Blick ganz und\u00a0gar auf die existentielle Innenansicht gerichtet: auf einen handelnden\u00a0Menschen, der Macht aus\u00fcbt. Doch sollen die anderen Betroffenen hier\u00a0wenigstens erw\u00e4hnt werden: Batseba, Uria, das namenlose Kind.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>David steht im vollen Glanz seines K\u00f6nigtums. Wen er sich unterwerfen\u00a0konnte, hat er sich gef\u00fcgig gemacht. Nur der Sieg \u00fcber die Ammoniter\u00a0steht noch aus, aber doch kurz bevor. Just auf dem H\u00f6hepunkt seiner\u00a0Macht st\u00fcrzt er ab auf den Tiefpunkt seiner Moral. Sein K\u00f6nigtum,\u00a0nach au\u00dfen gesichert, ist gef\u00e4hrdet nach innen &#8211; durch ihn\u00a0selbst. Ein Mann, der nahezu alle Feinde besiegt hat, hat sich nun selbst\u00a0die bitterste Niederlage beigebracht. Aus dem Gesalbten Gottes wurde ein\u00a0Kapitalverbrecher.<\/p>\n<p>Auf diese erschreckende Wahrheit bringt Nathan seinen K\u00f6nig David.\u00a0Noch aus Zeiten der alten religi\u00f6s-politischen Ordnung Jerusalems\u00a0stammend, bezeugt er nun, da\u00df hinfort der Jahwe-Glaube Davids mit\u00a0seinen Weisungen und Anspr\u00fcchen gilt: Bei aller Machtf\u00fclle steht\u00a0der K\u00f6nig, weil unter Gott, niemals wirklich \u00fcber dem Recht.\u00a0Vor allem hat irdische Macht kein Recht auf Willk\u00fcr. Das mosaische\u00a0Recht ist darauf angelegt, Macht heilsam zu begrenzen. \u00a0David, einst ein S\u00f6ldnerf\u00fchrer, eine Art antiker Guerillero,\u00a0mu\u00df das lernen. Er nahm sich die Frau, noch dazu eine verheiratete,\u00a0wie er fremde St\u00e4dte eroberte. Macht darf aber nicht Moral diktieren.\u00a0Zwischen beiden steht das Recht, das soziale Beziehungen vor pers\u00f6nlichen\u00a0Machtinteressen sch\u00fctzen soll. David lie\u00df sich erkennbar von\u00a0ausschlie\u00dflich pers\u00f6nlichen Motiven leiten, als er in sexueller\u00a0Begierde und reiner Willk\u00fcr Bathseba zur Geliebten nahm. W\u00e4hrenddessen\u00a0k\u00e4mpfte ihr Ehemann Uria f\u00fcr David gegen die Ammoniter.\u00a0Bathseba ist schwanger. Der Ehebruch wird herauskommen. Uria aber l\u00e4\u00dft\u00a0sich nicht austricksen. Er h\u00e4lt sich strikt an die Regel, die im\u00a0Krieg Enthaltsamkeit gebietet. Als David ihn zum Urlaub nach Hause beordert,\u00a0schl\u00e4ft er bei seinen Soldaten statt bei seiner Frau. So macht er\u00a0Davids Plan zunichte, Bathsebas Schwangerschaft Uria anzuh\u00e4ngen,\u00a0statt selbst zu seiner Verantwortung zu stehen. David aber l\u00e4\u00dft\u00a0Uria \u00fcber die Klinge springen. Er sorgt durch seinen skrupellosen\u00a0Heerf\u00fchrer Joab daf\u00fcr, da\u00df Uria beim n\u00e4chsten Kampfeinsatz\u00a0zu Tode kommt.<\/p>\n<p>Eine Ungeheuerlichkeit gebiert die andere: die pers\u00f6nliche Begierde\u00a0den Ehebruch, dieser erst den hinterh\u00e4ltigen Vertuschungsversuch,\u00a0schlie\u00dflich den Mord. Von Davids unz\u00e4hligen Liebesaff\u00e4ren\u00a0ist diese die spektakul\u00e4rste. Niemals vorher hat der K\u00f6nig seine\u00a0Macht derart schamlos f\u00fcr seine eigenen Interessen und zu Lasten\u00a0anderer ausgenutzt.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Mit einem fremden Gast kommt Nathan zu David: mit der Wahrheit. Soll\u00a0sie die Fesseln l\u00f6sen, mu\u00df sie von au\u00dfen kommen &#8211; besonders\u00a0wenn jemand die F\u00e4den so gezogen hat, da\u00df sie ihm wie eine\u00a0Schlinge um den Hals liegen. Nathan kleidet die Wahrheit in ein Gleichnis.\u00a0Er vermeidet es, im Gestus super-moralischer &gt;political correctness&lt;\u00a0den K\u00f6nig \u00f6ffentlich blo\u00dfzustellen, sein Intimleben anzuprangern\u00a0und einer sensationsl\u00fcsternen Menge preiszugeben. Wie Nathan David\u00a0an die Wahrheit erinnert, macht er aus dem Playboy wieder einen K\u00f6nig.\u00a0Er spricht ihn auf eines K\u00f6nigs vornehmste Aufgabe an: die Schwachen\u00a0zu sch\u00fctzen und ein gerechtes Urteil im Streitfall zu sprechen. Ginge\u00a0man doch heute so mit Versagen und Schuld \u00f6ffentlich um! Nathans\u00a0Weise der Politikberatung ist beispielhaft, gerade f\u00fcr die Kirche:\u00a0durch Sch\u00e4rfung der Gewissen keine Politik zu machen, aber Politik\u00a0m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Nathan setzt auf Selbsterkenntnis, aus der neue Einsichten und ein anderes\u00a0Verhalten erwachsen k\u00f6nnen. In der Kunst der Verfremdung, ohne etwas\u00a0zu verschweigen, redet er so, wie David es verstehen kann. Zugleich spricht\u00a0er uns alle an. Den Gegensatz von Arm und Reich verstehen alle. Er ist\u00a0besonders wirksam. Deshalb ist er vorrangig und weltweit zu \u00fcberwinden.\u00a0Nathan erz\u00e4hlt von einem Reichen, der einem Armen sein einziges Schaf,\u00a0seinen ganzen, wohlbeh\u00fcteten Besitz raubt. Einspruch, Euer Ehren!\u00a0Ist Frauenraub mit Tierraub vergleichbar? Damals war die Frau Eigentum\u00a0des Mannes, Ehebruch also ein schweres Eigentumsdelikt. Immerhin bereitet\u00a0Nathan mit einem Wortspiel schon vor, da\u00df David trotz seiner Verblendung\u00a0aufmerken mu\u00df: Der Arme pflegt das Lamm wie eine Tochter, hebr\u00e4isch\u00a0&#8222;bat&#8220;&#8230;&#8230; &#8222;Bath-seba&#8220;. Und er n\u00e4hrt dieses\u00a0Lamm an seinem Tisch, h\u00fctet es in seinem Scho\u00df. David und Bathseba\u00a0waren eben alles andere als von Tisch und Bett getrennt.<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><i>,So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der<br \/>\ndas getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan\u00a0und sein eigenes geschont hat.&#8216; <\/i>David ist emp\u00f6rt. Zu Recht. Aber\u00a0sein Urteil ist \u00fcberzogen. Der Schafr\u00e4uber hat nach dem geltenden\u00a0Recht in der Tat vierfachen Ersatz zu leisten. Das Todesurteil aber w\u00e4re\u00a0Unrecht. Da\u00df David dem Reichen gleich den Tod an den Hals w\u00fcnscht,\u00a0zeigt, welche Leidenschaften in ihm stecken, bis hin zu Unbeherrschtheit\u00a0und Unbedachtsamkeit: der empfindsame Harfenspieler und Psalmsinger kann\u00a0wenig sp\u00e4ter brutal explodieren, heitere Herzlichkeit schl\u00e4gt\u00a0um in gnadenlose H\u00e4rte. David &#8211; der Mensch in seinen Widerspr\u00fcchen,\u00a0beseelt von lauterem Gerechtigkeitssinn und besetzt von bodenloser Gemeinheit,\u00a0zu jeder Zeit zu allem f\u00e4hig.<\/p>\n<p>Insgeheim hat David l\u00e4ngst verstanden: Die Geschichte vom Reichen,\u00a0der den Armen um sein Liebstes und Bestes beraubt, ist meine Geschichte.\u00a0Das Todesurteil trifft den, der es f\u00e4llt. Denn David ist der M\u00f6rder.\u00a0Nur ihm konnte das Todesurteil gelten. Er hat sich selbst entlarvt.\u00a0Wir blicken in Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele: Aggression nach au\u00dfen\u00a0kann mit Aggression nach innen zusammenh\u00e4ngen, im Ha\u00df auf andere\u00a0kann Selbstha\u00df hervorbrechen, ein ungerechtfertigtes Strafurteil\u00a0gegen andere kann eine Selbstbestrafung sein. Dennoch kann in diesem Gewirr\u00a0aus Emotionen und Obsessionen die Wahrheit ihr befreiendes Wirken vorbereiten.\u00a0Durch ein weiteres Wort von au\u00dfen wird David zur Wahrheit ganz befreit:\u00a0<i>,Du bist der Mann!&#8216; <\/i>Unmi\u00dfverst\u00e4ndlich und eindringlich\u00a0bahnt sich die Wahrheit durch den Mund eines anderen, durch Nathan, den\u00a0Weg. Darin erkenne ich ein ganz bestimmtes Bild Gottes von seinen Menschen:\u00a0In diesem Bild ist Platz f\u00fcr Widerspr\u00fcche, f\u00fcr Irrt\u00fcmer\u00a0und Fehler, f\u00fcr das, was nicht aufgeht, f\u00fcr das Unm\u00f6gliche,\u00a0f\u00fcr Versagen und Schuld. Keine\/r mu\u00df erst vollkommen sein,\u00a0um Segen und Gnade, Aufgabe und Auftrag zu empfangen. Diese Hinwendung zum konkreten Menschen spricht aus der Weise, in der\u00a0Nathan die Wahrheit an den Mann bringt. Deshalb kann David so schnell\u00a0und knapp seine Schuld eingestehen: Da sprach David zu Nathan: ,<i>Ich\u00a0habe ges\u00fcndigt gegen den HERRN&#8216;.<\/i> Solche Erkenntnis, solches Bekenntnis\u00a0will ausgesprochen sein vor den Ohren eines anderen, der die Wahrheit\u00a0sagen und ertragen, der als Zeuge auf- und eintreten kann. Es ist f\u00fcr\u00a0das private wie das politische Leben wichtig, eine solche Person in der\u00a0N\u00e4he zu wissen.<\/p>\n<p>David braucht nicht einmal um Vergebung zu bitten. Die Bitte ist schon\u00a0gesprochen, die Vergebung schon gew\u00e4hrt, weil die Br\u00fccke l\u00e4ngst\u00a0gespannt ist \u00fcber den Sund, der David von Gott trennt.<\/p>\n<p align=\"center\">VI.<\/p>\n<p>Im Angesicht Gottes wei\u00df die S\u00fcnde, da\u00df sie S\u00fcnde\u00a0ist. Sie kann sich aussprechen &#8211; und wird sich los. Bleibt die Wahrheit\u00a0bei der Liebe und die Liebe bei der Wahrheit, baut das Eingest\u00e4ndnis\u00a0der Schuld die Pers\u00f6nlichkeit auf statt sie zu verletzen und zu sch\u00e4digen.\u00a0Neue Sichtweisen und Handlungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich. Die\u00a0aber wachsen nicht in den Himmel, sondern bleiben im Rahmen dessen, was\u00a0einmal begonnen wurde. Einmal Geschehenes wirkt nach. Ist die Schuld vor\u00a0Gott getilgt, k\u00f6nnen unter Menschen noch viele Schulden abzutragen\u00a0sein. Vergebung ist mehr als &#8222;Schwamm dr\u00fcber!&#8220;. Wird Vergebung\u00a0wirklich angenommen, setzt sie die Kraft frei, mit den unaufhebbaren Folgen\u00a0des eigenen Tuns umzugehen. In dieser Kraft stehen die biblischen Erz\u00e4hler\u00a0zu David als einem Gro\u00dfen, ohne seine dunklen Schatten zu verschweigen.\u00a0Ja, mit Schuld leben und Verantwortung \u00fcben &#8211; das sind im wirklichen\u00a0Leben zwei Seiten einer Medaille.<\/p>\n<p>Gewi\u00df, es befremdet mich, da\u00df der erste Sohn namenlos bleibt\u00a0und sterben mu\u00df. Hier jedoch wird in einer nun wieder ganz archaischen\u00a0Sicht klar gemacht: Die Frucht eines Verbrechens, Unrecht hat auf Dauer\u00a0keinen Bestand. Denn &#8222;Gott &#8230; l\u00e4\u00dft sich nicht zum Tanze\u00a0f\u00fchren; er bleibt allzeit eine widerspenstige Wirklichkeit.&#8220;<br \/>\n(Heinz Zahrnt: Das Leben Gottes, M\u00fcnchen 1997, S. 81)<\/p>\n<p>Folgen zu bedenken, so weit irgend m\u00f6glich, geh\u00f6rt zur menschlichen\u00a0Verantwortung, namentlich in der Politik. David scheint bereit, hinfort\u00a0Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Darum bittet er: <i>Schaffe in mir,\u00a0Gott, ein reines Herz, \/ und gib mir einen neuen, best\u00e4ndigen Geist.\u00a0<\/i>(Psalm 51,12) Um einen neuen Geist empfangen zu k\u00f6nnen, wird\u00a0er freigesprochen von dem Urteil, das er sich selbst gef\u00e4llt hat.\u00a0Er bleibt am Leben, damit seine Einsicht sein k\u00f6nigliches Handeln\u00a0beeinflu\u00dft. Das kann nur geschehen, wenn Spuren in seinem Leben\u00a0hinterl\u00e4\u00dft, was er verursacht hat &#8211; wie den Tod Urias und fortan\u00a0auch des ersten Sohnes mit Bathseba. Zu diesen Spuren geh\u00f6rt ebenso,\u00a0da\u00df &#8211; wie Nathan weiter ank\u00fcndigt (Verse 11+12) &#8211; k\u00fcnftig\u00a0das eigene Haus, die eigenen S\u00f6hne gegen sein K\u00f6nigtum sich\u00a0erheben werden. David mu\u00df unter erschwerten Bedingungen regieren.\u00a0Die innere Bedrohung ist der Spiegel seiner eigenen inneren Gef\u00e4hrdung.\u00a0Bei den &#8222;Royal&#8217;s&#8220; gibt es Probleme wie in vielen anderen H\u00e4usern.\u00a0Wahrheit und Vergebung f\u00fchren David zu neuer Einsicht und M\u00fcndigkeit.\u00a0Auch das geh\u00f6rt zur Menschenw\u00fcrde: Was Menschen wirken und verwirken,\u00a0gr\u00e4bt Spuren, zeitigt Folgen, f\u00fcr die wir aber geradestehen\u00a0und Verantwortung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Da Gott uns auch im Scheitern\u00a0und Versagen nicht abschreibt, k\u00f6nnen wir auf Knien liegen und doch\u00a0aufrecht gehen. Was uns zugemutet wird, wird uns zugetraut. Deshalb k\u00f6nnen\u00a0Menschen Politik machen und Demokratie wagen &#8211; keine makellose, aber eine\u00a0zutiefst humane, ohne den Versuch, erst einen neuen Menschen hervorzubringen,\u00a0ohne den Versuch, die Vergangenheit billig zu entsorgen, sondern in Anerkenntnis\u00a0von geschehener Schuld. Geschehenes l\u00e4\u00dft sich nicht ungeschehen\u00a0machen. Es bleibt auf Vergebung angewiesen. Vergebung aber ist nur m\u00f6glich,\u00a0wo Glaube und Politik unterschieden bleiben wie Letztes und Vorletztes.\u00a0Der Glaube k\u00fcmmert sich um das Heil, die Politik um das Wohl der\u00a0Menschen.<\/p>\n<p align=\"center\">VII.<\/p>\n<p><i>Und Nathan ging heim<\/i>. So lapidar k\u00f6nnen Lebensabschnitte\u00a0enden. Und so trocken kann die Bibel sein. Sie sagt, wer der Mensch ist.\u00a0Sie erz\u00e4hlt keine frommen M\u00e4rchen und fordert keinen moralischen\u00a0Idealismus. Sie verk\u00fcndigt nur, da\u00df Gott diesen Menschen, gerade\u00a0diesen zugleich gottvollen und gottlosen, an Leidenschaft und Tod verkauften\u00a0Menschen erw\u00e4hlt hat und erl\u00f6sen wird. Gott billigt keine Untat\u00a0und rechtfertigt das B\u00f6se nicht. Aber Gott r\u00fcckt es zurecht\u00a0&#8211; mitten im Menschlichen, auch durch die mit Dreck am Stecken. Begreifen\u00a0werde ich es niemals. Aber wenn ich mich dagegen wehre, verschlie\u00dfe\u00a0ich mich dem Auftrag Gottes, Leben mitzugestalten und mitzuverantworten.\u00a0Weiteres bleibt Nathan nicht zu sagen. Der Prophet hat dem K\u00f6nig\u00a0&#8211; und damit uns allen &#8211; den Spiegel vor Augen gehalten. David hat sein\u00a0Unrecht erkannt und seine Schuld bekannt. Doch Nathan hat ihm im Namen\u00a0Gottes neues Leben zugesprochen. Der schuldig gewordene David bleibt verschont.\u00a0Seine Tat wird verurteilt, David selbst freigesprochen. Kein Mensch ist\u00a0f\u00fcr sein Sein verantwortlich, aber f\u00fcr seine Taten.\u00a0An David erkenne ich, wie Machtgebrauch Gott ber\u00fchrt. An David erkenne\u00a0ich, wie ich vor Gott dastehe: als einer, der am liebsten seinem Vater\u00a0im Himmel einen Tempel auf Erden bauen m\u00f6chte, zugleich als einer,\u00a0der in der Stunde der Versuchung Gottes Weisungen in den Wind schl\u00e4gt;\u00a0als einer, der mit Leidenschaft auf bessere Verh\u00e4ltnisse aus ist,\u00a0aber in gewissen Augenblicken von den M\u00e4chten der Leidenschaft besessen\u00a0alles aufs Spiel setzt. Politiker\/innen sind solche Menschen &#8211; wie alle\u00a0anderen auch. Regierende wie Regierte m\u00fcssen wissen, da\u00df Menschen\u00a0ohne Ausnahme in Schuld geraten &#8211; und wer diese Schuld vergeben kann.\u00a0Aus der Vergebung wirklich zu leben, ist mehr wert als alle Grundwerte-Programme.\u00a0Nathan geht heim, weil allein Gott die Geschichte durch einen Menschen\u00a0wie David weiterf\u00fchren kann, dem so offensichtlich &#8222;der menschliche\u00a0Makel&#8220; (Philip Roth) anhaftet, der, noch einmal davongekommen, jetzt\u00a0mit den Schatten in seiner Seele und mit dem Glanz der Gnade umzugehen\u00a0hat.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren, beim gnadenlosen und gemeinen Kampf um Davids\u00a0Nachfolge, wird Nathan oft den Atem angehalten haben. Wie doch selbst\u00a0bei diesen gottesf\u00fcrchtigen Leuten Gott ganz ausgeschaltet schien!\u00a0Und wie Gott dennoch durch diese &#8222;Mischung aus Irrtum und Gewalt&#8220;\u00a0hindurch, die nach Goethe die Geschichte ist, die Geschicke seiner Menschheit\u00a0lenkt. Ein verborgener Gott, doch ganz gegenw\u00e4rtig. Eine Geschichte,\u00a0die nur \u00e4u\u00dferst schwer mit Gott und noch schwerer ohne Gott\u00a0zu denken ist.\u00a0Ob Nathan, auf dem Weg nach Hause, noch ein Gebet durch den Kopf ging?\u00a0<i>&#8218;&gt;HERR, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.&lt; Vergib\u00a0ihnen auch dann, wenn sie wissen, was sie tun, und es dennoch tun.&#8216;!<\/i><\/p>\n<p>Wir jedenfalls, seit wir Davids Geschichte kennen, sind keine Unwissenden\u00a0mehr.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Hans Joachim Schliep<br \/>\nPastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg<br \/>\nSticksfeld 6, 30539 Hannover<br \/>\nFon\/Fax: 0511-52 75 99<br \/>\n<a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">E-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a | Hans Joachim Schliep | Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: ,Es waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. 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