{"id":9148,"date":"2021-02-07T19:49:55","date_gmt":"2021-02-07T19:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9148"},"modified":"2025-06-27T19:16:44","modified_gmt":"2025-06-27T17:16:44","slug":"genesis-2-4b-915","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-2-4b-915\/","title":{"rendered":"Genesis 2, 4b-9+15"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger <\/a><\/b><\/p>\n<p>Predigten im Internet<\/p>\n<p>hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch<\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><b><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis,<br \/>\n8. September 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Mose 2, 4b-9+15, verfa\u00dft von Bogislav Burandt<\/span><\/b><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist umstritten; insbesondere die Wahrheit \u00fcber den<br \/>\nMenschen. Vom Streit \u00fcber den richtigen Umgang mit den Sorgen der<br \/>\nMenschen sehen und h\u00f6ren wir reichlich; jetzt in der hei\u00dfen<br \/>\nPhase des Bundestagswahlkampfes. Was die Menschen in Deutschland vom Staat<br \/>\nund den politischen Rahmenbedingungen erwarten d\u00fcrfen, das ist umstritten.<br \/>\nDie Parteien setzen unterschiedliche Akzente, vertreten unterschiedliche<br \/>\nInteressen. Beim Streit um die Wahrheit kommt es eben auf die Blickrichtung<br \/>\nan. Auch beim Streit \u00fcber die Wahrheit des Menschen.<\/p>\n<p>Verschiedene Ansichten vom Menschen etwa begegnen in der Fabel von den<br \/>\ndrei Tieren. Drei Tiere treffen sich eines abends zu einem Schw\u00e4tzchen.<br \/>\nSie reden \u00fcber dies und das. Und da kommen sie auch auf die Menschen<br \/>\nzu sprechen. &#8222;Die Menschen jagen uns Angst ein, bringen mit ihren<br \/>\nAutos vielen von uns den Tod und engen uns ein. Die Menschen sind St\u00f6renfriede!&#8220;,<br \/>\nsagt das erste Tier, ein Reh aus dem Wald. &#8222;Die Menschen sind bunt,<br \/>\nelegant und gesch\u00e4ftig&#8220;, findet dagegen das zweite Tier, eine<br \/>\nTaube, die im Kirchturm am Marktplatz wohnt. &#8222;Ach nein,&#8220; antwortet<br \/>\ndas dritte Tier. &#8222;Die Menschen sind nur Knochen und Erde.&#8220; Das<br \/>\ndritte Tier ist eine W\u00fchlmaus, die vom Friedhof kommt. &#8211;<\/p>\n<p>Auf die Blickrichtung kommt es an. Und da gibt es keine, die gegens\u00e4tzlicher<br \/>\nw\u00e4re als die aus dem 1. Buch Mose: Vom allm\u00e4chtigen Gott wird<br \/>\nhier erz\u00e4hlt. Und dann von der Erde, die durch Gott geformt wird<br \/>\nund in die der Odem des Lebens eingeblasen wird. Zwischen dem gewaltigen<br \/>\nGott und dem Material, das er verwendet &#8211; Erde, Staub oder gar Dreck,<br \/>\n&#8211; zwischen dem gewaltigen Gott und dem Material, das er belebt, l\u00e4sst<br \/>\nsich kaum ein gr\u00f6\u00dferer Gegensatz denken.<\/p>\n<p>Aber darin zeichnet sich eben die Gr\u00f6\u00dfe Gottes aus, dass er<br \/>\nsich hinunterbeugt und auf Tuchf\u00fchlung geht zu dem, was er geformt<br \/>\nhat. Gott hat keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, er macht sich die H\u00e4nde<br \/>\nschmutzig. Erst die N\u00e4he Gottes, sozusagen die Mund-zu-Mund-Beatmung<br \/>\nschenkt dem Lehmklo\u00df das Leben. Der Mensch ist verg\u00e4nglich,<br \/>\nhinf\u00e4llig und wird nach seinem Tod zur Erde werden, das ist wahr.<br \/>\nDas ist die Blickrichtung von unten.<\/p>\n<p>Aber mit dem gleichen Wahrheitsanspruch gilt die Blickrichtung von oben:<br \/>\nDer liebende Gott, der mit seinem Atem den Menschen belebt! Schon allein<br \/>\ndiese beiden so gegens\u00e4tzlichen Blickrichtungen auf den Menschen<br \/>\nmachen den Rang dieser zweiten Sch\u00f6pfungsgeschichte aus. Und ich<br \/>\ndenke, gerade bei dieser Gegens\u00e4tzlichkeit tritt die Wahrheit \u00fcber<br \/>\nden Menschen zutage: dass wir vom Menschen als einem pers\u00f6nlich belebten<br \/>\nGesch\u00f6pf Gottes nie gering denken d\u00fcrfen, zugleich aber auch<br \/>\nseine Hinf\u00e4lligkeit, Sterblichkeit und seine Begrenztheit nicht deutlich<br \/>\ngenug betonen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Die beiden gegens\u00e4tzlichen Blickrichtungen, sie geh\u00f6ren zur<br \/>\nBasis eines christlichen Verst\u00e4ndnisses der Menschenw\u00fcrde: Kein<br \/>\nMensch, wie hinf\u00e4llig, schwach oder gebrechlich auch immer er ist,<br \/>\nkein Mensch ist auf der Erde, \u00fcber den Gott sich nicht liebevoll<br \/>\ngebeugt hat und ihm den Atem des Lebens eingeblasen hat! Es gibt von daher<br \/>\nkein lebensunwertes Leben! Und das werdende Leben, es darf nicht irgendwelchen<br \/>\nZielen zum Opfer fallen. Gerade in der Diskussion um die genetische Forschung<br \/>\nan Embryonen und am menschlichen Erbgut m\u00fcssen wir das festhalten.<br \/>\nSonst setzt sich unter der Hand eine technische Blickrichtung auf den<br \/>\nMenschen durch. Und das w\u00e4re schrecklich! Die liebende, handgreifliche<br \/>\nZuwendung Gottes zum Menschen, sie vertr\u00e4gt sich nicht mit einer<br \/>\nBlickrichtung auf den Menschen, die dessen biologische Anf\u00e4nge als<br \/>\nVersuchslabor ansieht!<\/p>\n<p>Zart und sacht kommt unsere Geschichte daher, sie bringt ihre Wahrheit<br \/>\nerz\u00e4hlend zum Zuge. Einen Absolutheitsanspruch erhebt sie nicht.<br \/>\nAuch wenn sich eine technische Blickrichtung auf den Menschen ausschlie\u00dft<br \/>\nmit der Betrachtung des liebenden Sch\u00f6pfergottes, eine naturwissenschaftliche<br \/>\nBlickrichtung ist gerade nicht ausgeschlossen. Die gibt es, auch wenn<br \/>\ndarauf nicht das Interesse des Erz\u00e4hlers ruht. <i>Alle Str\u00e4ucher<br \/>\nauf dem Felde waren noch nicht auf Erden&#8230;; denn Gott der HERR hatte<br \/>\nnoch nicht regnen lassen auf Erden&#8230; aber ein Nebel stieg von der Erde<br \/>\nauf und feuchtete alles Land. <\/i>Sind das S\u00e4tze, die von genauer<br \/>\nBeobachtung der Natur zeugen? Nein, liebe Gemeinde, hier erz\u00e4hlt<br \/>\nkeiner etwas f\u00fcr den Biologie-Unterricht; auch wenn wir durchaus<br \/>\nfesthalten k\u00f6nnen, dass der Mensch zu \u00fcber 80 Prozent aus Wasser<br \/>\nbesteht&#8230; Die Geschichte wird so schlicht und einfach erz\u00e4hlt, dass<br \/>\nwir Acht geben m\u00fcssen, ihre Wahrheit nicht zu verpassen.<\/p>\n<p>Neben den beiden Blickrichtungen von unten und von oben ist es gerade<br \/>\ndiese Schlichtheit, die unsere Aufmerksamkeit erregt. In einer Welt, in<br \/>\nder alles kompliziert und immer noch komplizierter wird, in der die \u00c4rzte<br \/>\nmanchmal \u00fcber ein einzelnes Organ genauestens Bescheid wissen, aber<br \/>\nden Menschen als ganzen nicht in den Blick bekommen, in dieser Welt ist<br \/>\ndie Geschichte von der Erschaffung des Menschen radikal einfach: Nur Erde,<br \/>\ng\u00f6ttliche Handarbeit und g\u00f6ttlicher Lebensatem macht den Menschen<br \/>\naus. Der Mensch wird hier nicht als komplexes Zellhaufen-Puzzle, als Zusammensetzung<br \/>\nvon Leib, Seele und Geist verstanden, sondern als eine von Gott beseelte<br \/>\nEinheit. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes radikal, geht an die Wurzel.<br \/>\nDabei k\u00f6nnen wir in unserer komplizierten Welt die einfache Wahrheit<br \/>\nentdecken, dass der Mensch eben doch eine leibseelische Einheit darstellt.<br \/>\nDas modische Wort von der Ganzheitlichkeit, es kann sich auf diese Sch\u00f6pfungsgeschichte<br \/>\nberufen&#8230;.<\/p>\n<p>Zur Wahrheit des Menschen geh\u00f6rt auch, dass er Gebote und Regeln<br \/>\nbraucht. Das deuten die Verse an, die erz\u00e4hlen, wie der Mensch in<br \/>\nden Garten Eden gesetzt wird, in dem es auch den Baum des Lebens und den<br \/>\nBaum der Erkenntnis des Guten und B\u00f6sen gibt. Wir wissen ja, dass<br \/>\ndie Sache mit den guten Geboten f\u00fcr den Menschen schlecht ausgeht&#8230;<\/p>\n<p>Eingehender nachdenken m\u00f6chte ich aber \u00fcber den letzten Vers<br \/>\nunseres Predigttextes: <i>Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn<br \/>\nin den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.<\/i> Der Mensch ist<br \/>\nseinem Ursprung nach nicht der, der die Umgegend gestaltet, er ist der,<br \/>\nder von Gott an seinen Ort gesetzt wird. Den Garten Eden soll er bebauen<br \/>\nund bewahren.<\/p>\n<p>Mit diesem Auftrag ist klar: Das Paradies ist kein Schlaraffenland!<br \/>\nVon Anfang an gab es f\u00fcr den Menschen die Arbeit! Arbeit geh\u00f6rt<br \/>\nzum Wesen des Menschen, auch diese Wahrheit l\u00e4sst sich der Geschichte<br \/>\nentnehmen. Darum ist Arbeitslosigkeit so schrecklich. Wer in seinen arbeitsf\u00e4higen<br \/>\nJahren keine Arbeit hat, kann eine Seite seines Menschseins nicht ausleben.<br \/>\nDa drohen Depression, Krankheit und Suchtgefahren! Das Bem\u00fchen, Menschen<br \/>\nzur Arbeit und zu einer angemessenen T\u00e4tigkeit zu verhelfen, ist<br \/>\naller Unterst\u00fctzung wert!<\/p>\n<p>Arbeit im Paradies ist nicht m\u00fchsam, das wird sie erst, nachdem<br \/>\nder Mensch die guten Gebote Gottes gebrochen hat&#8230; Arbeit im Paradies<br \/>\nist keine bezahlte Arbeit. Sie hat ihren Wert in sich selber. Wenn wir<br \/>\ndie Sch\u00f6pfungsgeschichte ernst nehmen, d\u00fcrfen wir also die Arbeit,<br \/>\nf\u00fcr dies es Geld gibt, nicht h\u00f6her sch\u00e4tzen als die Arbeit,<br \/>\ndie ehrenamtlich vollbracht wird. Da wir nicht im Paradies leben, besteht<br \/>\nnat\u00fcrlich kein Grund, Erwerbst\u00e4tigkeit zu verachten. Aber um<br \/>\nGeld geht es in unserer Geschichte sowieso nicht. Sie legt den Finger<br \/>\nauf Arbeit als Wesensbestimmung des Menschen.<\/p>\n<p>Vielleicht haben Sie ja auch gelesen, dass in \u00d6sterreich ein ganzes<br \/>\nHeer von Asyl-Suchenden beim Kampf gegen das Hochwasser im Einsatz war.<br \/>\nDie Menschen haben unentgeltlich gerackert; sie wollten sich bedanken<br \/>\nf\u00fcr die Aufnahme im fremden Land, aber sie haben auch das Gef\u00fchl<br \/>\ngenossen, etwas Sinnvolles zu tun!<\/p>\n<p>Bebauen und bewahren sollen die Menschen das Paradies. Wenn man will,<br \/>\nkann man zwei Gestalten der Arbeit aus diesen W\u00f6rtern herauslesen:<br \/>\nDie Arbeit des Handwerkers, der etwas herstellt und produziert, der am<br \/>\nDing arbeitet. Und die Arbeit des Bauern oder Hirten, der eher etwas pflegt<br \/>\nund wachsen l\u00e4sst. Wir brauchen beide Formen der Arbeit, und gerade<br \/>\ndie pflegerische T\u00e4tigkeit darf gegen\u00fcber der produzierenden<br \/>\nnicht herabgestuft werden; so wie es weithin in der Neuzeit geschehen<br \/>\nist! &#8211; Wenn wir nicht nur unseren Balkon oder unseren Garten, sondern<br \/>\nauch unsere Umwelt pflegen w\u00fcrden, dann w\u00e4re die Gefahr von<br \/>\n\u00dcberschwemmungskatastrophen m\u00f6glicherweise geringer..<\/p>\n<p>Die Wahrheit \u00fcber den Menschen ist umstritten. Unsere Geschichte<br \/>\nsagt: Der Mensch ist bei aller Hinf\u00e4lligkeit ein von Gott geliebtes<br \/>\nund ausgezeichnetes Gesch\u00f6pf. Er muss als eine leibseelische Einheit<br \/>\nangesehen werden. Er braucht Gebote und Regeln. Die Arbeit geh\u00f6rt<br \/>\nin beiden Gestalten als pflegerische oder als produzierende zur Wesensbestimmung<br \/>\ndes Menschen. &#8211; Nehmen wir den Wahrheitsanspruch unser Geschichte ernst!<br \/>\nAufforderungen ergeben sich daraus. Aber die h\u00f6ren wir nur recht,<br \/>\nwenn wir uns zuvor freuen, wie gut Gott es mit uns meint! Er, der sich<br \/>\nliebend zu uns herabbeugt. Aller Sorge um den Menschen geht die F\u00fcrsorge<br \/>\nGottes voraus!<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n<p><b>P. Dr. Bogislav Burandt<br \/>\nLukaskirche Hannover<br \/>\nG\u00f6hrdestra\u00dfe 2<br \/>\n30161 Hannover<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=020908-1.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 15. Sonntag nach Trinitatis, 8. September 2002 Predigt \u00fcber 1. Mose 2, 4b-9+15, verfa\u00dft von Bogislav Burandt Liebe Gemeinde! Die Wahrheit ist umstritten; insbesondere die Wahrheit \u00fcber den Menschen. 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