{"id":9150,"date":"2002-09-07T19:50:00","date_gmt":"2002-09-07T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9150"},"modified":"2025-04-22T17:15:19","modified_gmt":"2025-04-22T15:15:19","slug":"1-mose-2-4b-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-2-4b-15\/","title":{"rendered":"1. Mose 2, 4b-15"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">15. Sonntag nach Trinitatis | 8. September 2002 |\u00a01. Mose 2, 4b-15 |<\/span><span style=\"color: #000099;\">\u00a0Friedrich-Otto Scharbau |<\/span><\/h3>\n<div>Liebe Gemeinde,<\/div>\n<p>das ist die Geschichte vom Paradies. So jedenfalls wird sie allgemein genannt. Der Begriff selbst kommt in ihr nicht vor. Die Landschaft hei\u00dft Eden, was soviel hei\u00dft wie &#8222;Wonne&#8220;. Schon, dass \u00fcberhaupt von einem Garten die Rede ist, bedeutet viel in einer Weltregion, wo man sonst nur die Steppe kennt oder die W\u00fcste! Und dann dieser Name: Das Paradies ist fruchtbares Land, nach dieser Erz\u00e4hlung. Ein Strom geht von ihm aus und bew\u00e4ssert es. Sp\u00e4ter teilt er sich in vier Arme, von denen wir zwei kennen: Euphrat und Tigris.<\/p>\n<p>Das Paradies, so wie die Alten sich das vorstellten, hatte seinen geographischen Ort in dieser Welt, war nicht eine Traumlandschaft, sondern ganz real, am Anfang, als alles noch so war, wie Gott es gemacht hatte, aus dem Nichts, aus dem Chaos heraus geschaffen.<\/p>\n<p>Das Paradies &#8211; wer von uns h\u00e4tte nicht schon irgendwann einmal vom Paradies getr\u00e4umt und es herbeigew\u00fcnscht: den Himmel auf Erden, das Schlaraffenland, die drei freien W\u00fcnsche, von denen man nicht reden darf und die mancher ganz fest verschlossen in seinem Herzen mit sich herumtr\u00e4gt: ein geheimnisvolles Paradies, unangetastet und geh\u00fctet. Und mancher zieht sich innerlich zur\u00fcck dahin, wenn&#8217;s ihm zu eng wird in der Welt, ein Fluchtort f\u00fcr die ge\u00e4ngstete Seele, das gekr\u00e4nkte Herz.<\/p>\n<p>Ein Mythos ist diese Geschichte. Aus den Tiefen der Anf\u00e4nge wird erz\u00e4hlt. Nicht weil das geschichtliche Wissen dahin zur\u00fcckreicht oder wir gar Daten und Fakten kennten. Sondern weil es wichtig ist, einen Anfang zu haben, von einem Anfang zu wissen, den Ursprung zu kennen &#8211; darum wird dieser Mythos vom Paradies erz\u00e4hlt, das es ja tats\u00e4chlich nicht gibt. Und weil es wichtig ist wissen, dass der Anfang gut war. Der Mythos siedelt den Anfang der Menschheitsgeschichte an in der Weisheit Gottes. Mag der Mensch auch biologisch ein Wirbeltier sein wie Affe und Esel oder auch eine genealogische Affinit\u00e4t haben zu V\u00f6geln und Fischen, und mag auch jeder sein spezifisches Charaktertier haben, dem er \u00e4hnlich ist &#8211; vom Kamel bis zur Schlange &#8211; so l\u00e4sst der Mythos den Menschen &#8211; wie \u00fcbrigens die ganze Sch\u00f6pfung &#8211; aus der Weisheit Gottes hervorgehen. Kein Zufall der Evolution und kein Irrtum der Geschichte, sondern von Gott ins Leben gebracht: die Gattung Mensch und jeder einzelne. Mythen sind Erz\u00e4hlungen, in denen die Wirklichkeit dieser Welt durchschaubar wird und den Blick freigibt auf das Tun Gottes. Darum sind sie so wichtig. Sie vermitteln uns eine Anschauung von Gott und seinem Handeln. Sie sind Umschreibungen des Unbeschreiblichen. Sie erz\u00e4hlen die Wahrheit. Das ist ihr tiefer Sinn. Es hat Zeiten gegeben, in denen man sie nicht ernst nahm. Das war ein Irrtum. Wir wissen wieder, dass wir solche alten Geschichten brauchen, wenn wir nach der Wahrheit suchen. Sie k\u00f6nnen sie uns vermitteln.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Paradies versetzt Anfang und Ursprung des Menschen wie der gesamten Sch\u00f6pfung in die Weisheit Gottes. Der Glaube wei\u00df das und beherzigt das und findet darin Hoffnung und Zuversicht und eine Lebensperspektive, auch ohne das sch\u00f6ne M\u00e4rchen vom Schlaraffenland und ohne auch sich den Himmel auf Erden zu w\u00fcnschen. Was uns umgibt, worin wir leben und atmen, woher wir kommen und warum wir \u00fcberhaupt sind, das ist die Weisheit Gottes: Er hat es so gewollt, er hat es so gemacht, er umgibt es mit seiner Sorge und er bewahrt es in seinem Frieden: dein Leben und mein Leben, so wie er es am Anfang getan hat.<\/p>\n<p>Darum wird diese Geschichte vom Paradies \u00fcberhaupt erz\u00e4hlt: Sie ist eine Trostgeschichte. Weil du Gesch\u00f6pf Gottes bist und nicht ein Produkt des Zufalls -weil du Gesch\u00f6pf Gottes bist, h\u00e4ngst du nicht irgendwo zwischen Himmel und Erde und bist nicht irgendwo entstanden im unendlichen Raum der Welten, heimatlos, auftauchend wie ein Komet und wieder verl\u00f6schend. Nein, Ursprung und Heimat ist das Paradies als Ort der F\u00fclle, des Friedens und der Bewahrung. Das ist die gute Erinnerung, die diese Geschichte in uns wachruft.<\/p>\n<p>Es ist diese Geschichte vom Paradies \u00fcbrigens ein eigener, in sich geschlossener Sch\u00f6pfungsbericht, der unvermittelt neben dem steht, mit dem die Bibel anf\u00e4ngt, wo St\u00fcck um St\u00fcck die Erde und die Welt geschaffen werden und als Krone der Mensch.. Hier, in diesem sehr viel \u00e4lteren Sch\u00f6pfungsbericht mit der Erz\u00e4hlung vom Paradies, steht am Anfang der Sch\u00f6pfung der Mensch, und das andere wird um ihn herum gebaut. Der Mensch ist das erste Gesch\u00f6pf. Er bekommt den Atem Gottes und davon lebt er. Das andere alles ist nur von Gott gemacht. Der Mensch wird mit Leben erf\u00fcllt durch den Atem Gottes. Das ist noch etwas anderes als das, was unsere Lungen f\u00fcllt. Sondern da gibt Gott etwas von sich selbst hinein in den Menschen, er kriegt eine Seele: Damit die Weisheit Gottes, sein Wille zur Selbstmitteilung, seine Liebe, seine Gnade begriffen werden und eine Antwort finden. Und damit wir glauben k\u00f6nnen, damit wir eine Gotteserinnerung haben, damit wir Gott loben und ihm danken und zu ihm beten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen sagte jemand im belgischen Radio angesichts dieser schrecklichen Entf\u00fchrungs- und Missbrauchs- und Mordgeschichten, er f\u00e4nde es schlimm, dass in unserer aufgekl\u00e4rten Zeit die Menschen nun in die Kirchen gingen und beteten; das hie\u00dfe, dass sie total hoffnungslos seien. &#8211; Was f\u00fcr ein Irrtum! Wohl haben sie das Vertrauen verloren zu Politikern, zu Polizisten, zur Justiz, zum Staat und so gesehen haben sie tats\u00e4chlich keine Hoffnung mehr. Aber ist die Tatsache, dass sie beten, nicht gerade Ausdruck einer Hoffnung, die realistischer ist deshalb, weil sie sich an Gott als dem Ursprung des Lebens festmacht? Und was von Gott kommt, das kann letztlich nicht verloren gehen. Wir tragen den Atem Gottes in uns. Nicht dass wir damit ein bisschen g\u00f6ttlich w\u00e4ren. Aber zu unserem Menschsein geh\u00f6rt es dazu und wir setzen das ein in Glaube, Hoffnung , Liebe und im Gebet. Der Atem der Seele.<\/p>\n<p>Am Anfang der Mensch- und das andere wird um ihn herumgebaut. Eigentlich kann man so ja heute gar nicht mehr reden, wo doch der Mensch weniger als Anfang und Mitte der Sch\u00f6pfung angesehen wird als vielmehr als der St\u00f6rfaktor und als die Bedrohung schlechthin.<\/p>\n<p>Unsere Welt ist eben nicht das Paradies! Und in der Tat geht viel kaputt, weil Menschen sie nicht achten als Gottes Sch\u00f6pfung, sondern sie benutzen als Stoff zur Verwirklichung ihrer eigenen Sch\u00f6pfungsgedanken und W\u00fcnsche und Vorstellungen. Die eigentliche Aufgabe des Menschen an der Welt ist, sie zu bebauen und zu bewahren. So jedenfalls galt es f\u00fcr das Paradies. Aber das meint ja die ganze bewohnte Erde in ihrer urspr\u00fcnglichen Gestalt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Gebot! Die Erde als anvertrautes Gut, nicht als Eigentum. Das, was wir Kultur nennen, kommt in den Blick; die Kultur einer Landschaft, einer Region, einer Stadt, eines Volkes: bebauen und bewahren, nutzen, nicht unterwerfen, bewahren, nicht zerst\u00f6ren. Was f\u00fcr ein Gebot f\u00fcr den Menschen! Was f\u00fcr ein Schutz f\u00fcr die Sch\u00f6pfung um uns herum! Und wir k\u00f6nnen heute sagen: Was f\u00fcr ein verheerender und gef\u00e4hrlicher Irrtum, wenn man meint, Gottes Gebot au\u00dfer Acht lassen zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Das Paradies ist nicht mehr. Aber jedenfalls die Erinnerung daran geh\u00f6rt zu unserem Glauben dazu. Und in der Tradition unseres Glaubens steht es am Anfang der Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>Das Paradies ist nicht mehr. Das erfahren wir t\u00e4glich auf vielf\u00e4ltige Weise. Wohl gibt es hier und da in unserem Leben paradiesische Augenblicke: wenn ein Traum sich erf\u00fcllt hat, wenn Friede um uns ist, nicht \u00c4ngste und Ahnungen uns beengen, wenn Liebe uns ergriffen hat usw. Das sind dann paradiesische Augenblicke. Aber wir wissen: Es ist nicht das Paradies. Dahin f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Unsere Perspektive ist bestimmt von der Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde, dem neuen Jerusalem am Ende der Bibel in der Offenbarung des Johannes. Da wird dann auch das, was jetzt auf uns liegt und uns belastet, zu ende sein. Und wie die Paradieserz\u00e4hlung unseren Ursprung beschreibt, so die Beschreibung des neuen Jerusalem unsere Vollendung: die H\u00fctte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.<\/p>\n<p>Die Bibel enth\u00e4lt beides, die Ursprungsgeschichte und die Vollendungsvision, was einmal war und was einmal sein wird. Christus h\u00e4lt beides zusammen. Das Paradies bleibt verschlossen. Aber der Himmel ist offen &#8211; um seinetwillen, f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Friedrich-Otto Scharbau<br \/>\n<a href=\"mailto:F.O.Scharbau@t-online.de\">E-Mail: F.O.Scharbau@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=020908-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 8. September 2002 |\u00a01. Mose 2, 4b-15 |\u00a0Friedrich-Otto Scharbau | Liebe Gemeinde, das ist die Geschichte vom Paradies. So jedenfalls wird sie allgemein genannt. Der Begriff selbst kommt in ihr nicht vor. Die Landschaft hei\u00dft Eden, was soviel hei\u00dft wie &#8222;Wonne&#8220;. 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