{"id":9161,"date":"2002-10-07T19:49:57","date_gmt":"2002-10-07T17:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9161"},"modified":"2025-06-27T19:36:03","modified_gmt":"2025-06-27T17:36:03","slug":"exodus-34-4-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-34-4-10-2\/","title":{"rendered":"Exodus 34, 4-10"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">19. Sonntag nach Trinitatis,<br \/>\n6. Oktober 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. Mose 34, 4-10, verfa\u00dft von Annette Noller<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Es gibt Bilder, die bleiben im Ged\u00e4chtnis. Unvergessliche Bilder,<br \/>\nnicht nur f\u00fcr einzelne, sondern f\u00fcr viele. Zu diesen Bildern<br \/>\ngeh\u00f6rt der Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer<br \/>\nGhettos. Erst vor kurzem kam Abends eine Sendung \u00fcber die Kanzlerschaft<br \/>\nBrandts. Es ist die Zeit des kalten Krieges. Der &#8218;Ostblock&#8216; und die &#8218;Westm\u00e4chte&#8216;<br \/>\nstehen sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Der deutsche Bundeskanzler<br \/>\nist zur Auss\u00f6hnung in Polen und legt im ehemaligen Ghetto einen Kranz<br \/>\nnieder. Der noch erhaltene schwarz-wei\u00df Film zeigt Brandt, wie er<br \/>\nganz offiziell, so wie es das Protokoll vorschreibt, gemessenen Schrittes<br \/>\ndie flachen Stufen zum Mahnmal hinaufsteigt. Er beugt sich nieder, um<br \/>\ndie B\u00e4nder des Kranzes zu gl\u00e4tten. Im Zur\u00fccktreten dann<br \/>\n&#8211; einer Eingebung folgend, kniet er vor dem Mahnmal nieder, das an die<br \/>\nvielen j\u00fcdischen Menschen erinnert, die von diesem Platz aus in die<br \/>\nVernichtungslager der Nationalsozialisten transportiert wurden. Ungeplant<br \/>\nsei diese Geste gewesen, sagen seine Berater, spontan, der Eingebung der<br \/>\nSituation folgend. Der Kniefall Brandts hat viel zustimmende, aber auch<br \/>\nablehnende Reaktionen ausgel\u00f6st. Er hatte, so sagen die Kommentatoren,<br \/>\naus heutiger Sicht, eine gr\u00f6\u00dfere auss\u00f6hnende Wirkung als<br \/>\nes die gesamte Diplomatie h\u00e4tte erreichen k\u00f6nnen. Marcel Reich<br \/>\nRanicki, der bekannte Literaturkritiker sagt in diesem Film, dass er,<br \/>\nein Kind j\u00fcdischer Eltern, selbst an diesem Platz im Warschauer Ghetto<br \/>\ngestanden hat und die Deportation in die Vernichtungslager gesehen hat.<br \/>\nEr sagt, dass er seit diesem Kniefall Brandts wu\u00dfte, warum er als<br \/>\n\u00dcberlebender des Holocaust in die Bundesrepublik Deutschland zur\u00fcckgekehrt<br \/>\nist. Worin liegt die unvergessliche symbolische Wirkung dieser Geste Brandts?<br \/>\nDer Kniefall des deutschen Bundeskanzlers ist eine unwiederholbare Geste<br \/>\nder Hochachtung der Opfer, ein Zeichen demutsvollen Schuldeingest\u00e4ndnisses<br \/>\nvor der Welt und damit ein Symbol der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Die Frage von Schuld und Vers\u00f6hnung, liebe Gemeinde, geh\u00f6rt<br \/>\nzu den gro\u00dfen Aufgaben unseres Lebens. Was mich bis heute an der<br \/>\nHaltung Willy Brandts fasziniert, ist die selbstkritische Erkenntnis,<br \/>\ndass ich vermutlich nicht in der Lage bin, eine solch demutsvolle Haltung,<br \/>\neine solch r\u00fcckhaltloses Schuldeingest\u00e4ndnis mit so viel Gr\u00f6\u00dfe<br \/>\nzu vollziehen. Schuld und Vers\u00f6hnung sind schwierige, immer wiederkehrende<br \/>\nKapitel unseres Lebens. Nicht immer werden so tiefgreifende Fragen ber\u00fchrt<br \/>\nwie im Warschauer Ghetto, nicht jede Schuld ist so gro\u00df wie die<br \/>\nVerbrechen an den j\u00fcdischen Mitmenschen in der Zeit der national-sozialistischen<br \/>\nDiktatur in Deutschland. Und doch durchziehen Schuld und Auss\u00f6hnung<br \/>\nbis heute die Politik. Schuld und Vers\u00f6hnung bewegen auch unser allt\u00e4gliches<br \/>\nLeben &#8211; unser Leben mit unseren Kindern, Familien, Freundinnen und Freunden,<br \/>\nKolleginnen und Nachbarn. Dass wir aneinander und an unseren guten Vors\u00e4tzen<br \/>\nscheitern, dass wir die eigenen Ziele, W\u00fcnsche und Egoismen \u00fcber<br \/>\ndie Bed\u00fcrfnisse anderer stellen, das geh\u00f6rt zu unserem Leben<br \/>\ndazu. Es beginnt bereits bei den Kleinen und ist bei uns Gro\u00dfen<br \/>\nkeineswegs besser.<\/p>\n<p>Schuld und Vers\u00f6hnung durchziehen auch unseren Glauben. Die Bibel<br \/>\nerz\u00e4hlt davon und ihre Erz\u00e4hlungen sind heute so aktuell wie<br \/>\nvor zweitausend Jahren. Die Bibel erz\u00e4hlt von Menschen, die sich<br \/>\nvon Gott abwenden, die sich eigene, goldene G\u00f6tzen schaffen und dabei<br \/>\nGottes Gebote vergessen. Unser heutiger Predigttext handelt davon. Er<br \/>\nhandelt von der menschlichen Schuld, aber er handelt ganz besonders von<br \/>\nGottes Erbarmen und Gnade, mit der die Menschen, die schuldig geworden<br \/>\nsind, mit Gott und mit den Mitmenschen wieder vers\u00f6hnt werden. Er<br \/>\nhandelt von der Vers\u00f6hnung, die neue Lebensperspektiven, ein neues<br \/>\nMiteinander er\u00f6ffnet. Es ist die Geschichte, die davon erz\u00e4hlt,<br \/>\ndass Mose nach dem Tanz um das goldene Kalb und nach der Zerst\u00f6rung<br \/>\nder beiden ersten Gesetzestafeln erneut auf den Berg Sinai steigt und<br \/>\nvon Gott die erneute Gnadenzusage f\u00fcr sein Volk erh\u00e4lt. S\u00fchne<br \/>\nund Vers\u00f6hnung schaffen neue Lebens- und Glaubensperspektiven.<\/p>\n<p>Ich lese Ex 34, 4-10.<\/p>\n<p>Da steht er also, Mose, das Urgestein des Glaubens, m\u00e4chtig und<br \/>\nleidenschaftlich. Im Zorn \u00fcber das abtr\u00fcnnige Volk Israel hat<br \/>\ner die ersten Tafeln zerschlagen. Da steht er und erwartet Gott erneut<br \/>\nauf dem Berg Sinai. Er erwartet Gott, der in der Wolke auf den Berg herabkommt<br \/>\nund sich in der F\u00fclle seiner Gnade offenbart: &#8222;Gott, barmherzig<br \/>\nund gn\u00e4dig und geduldig und von gro\u00dfer Gnade und Treue, der<br \/>\nda Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, \u00dcbertretung und<br \/>\nS\u00fcnde&#8230;&#8220; Gott selbst spricht von sich. Er offenbart sich dem<br \/>\nwartenden Mose als verzeihender Gott. Wie eine Mutter das Kind ihres Leibes<br \/>\nliebt und ihm vergibt, so erbarmt sich Gott \u00fcber die Menschen. Wie<br \/>\nein K\u00f6nig gn\u00e4dig Schuld erl\u00e4\u00dft, so vergibt auch Gott.<br \/>\nEr vergibt die \u00fcberm\u00fctige S\u00fcnde, die rebellische S\u00fcnde<br \/>\nund auch die, die aus Nachl\u00e4ssigkeit entsteht. Alle diese Nuancen<br \/>\nschwingen in unserem Text mit, wenn von Gottes Erbarmen die Rede ist.<br \/>\nDiese Gnade gilt bis heute. Sie gilt auch uns. Gro\u00df steht sie da,<br \/>\ndie Gnade Gottes, die so viel Gewicht hat, so viel Erbarmen und so viel<br \/>\nLiebe und W\u00e4rme f\u00fcr die Menschen. Gro\u00df ist Gottes vers\u00f6hnende<br \/>\nKraft!<\/p>\n<p>Aber, liebe Gemeinde, da steht auch noch etwas anderes. Vielleicht sind<br \/>\nsie genauso dar\u00fcber stutzig geworden wie ich. Un\u00fcberh\u00f6rbar<br \/>\nsteht da: Gott liebt und vergibt nicht nur, sondern er r\u00e4cht auch<br \/>\nunsere \u00dcbeltaten &#8211; und zwar nicht nur an uns selbst, sondern auch<br \/>\nan unseren Kindern. Stimmt das? Kann das sein? Ist Gott ein strafender<br \/>\nGott, der unsere Schuld zusammenz\u00e4hlt: Die Spende, die wir nicht<br \/>\ngegeben haben, weil wir lieber etwas f\u00fcr uns selbst kaufen wollten,<br \/>\nder kleine Betrug beim Finanzamt, der Kollege, \u00fcber den vielleicht<br \/>\nbewu\u00dft etwas Schlechtes gesagt haben? Folgt unseren S\u00fcnden<br \/>\nGottes Strafe, auch da, wo wir keinen anderen Ausweg gesehen haben, wo<br \/>\nwir zu schwach waren, eine Situation durchzustehen: ein eskalierender<br \/>\nStreit in der Familie, der Ehebruch und die Scheidung aus Leidenschaft<br \/>\nf\u00fcr einen anderen Menschen? Eine Abtreibung in einer schweren Konfliktsituation,<br \/>\neine Fahrerflucht aus Angst vor den Konsequenzen, die Gewalt gegen die<br \/>\nEhepartnerin oder die Kinder? Straft Gott den Unglauben, der als Zentrum<br \/>\nder S\u00fcnde gilt? Der Austritt aus der Kirche? Der leise Spott \u00fcber<br \/>\nGott und Gottesdienst? Unser Leben, das nur um uns selbst kreist? Straft<br \/>\nGott eine Gesellschaft, die keinen Raum mehr f\u00fcr den Glauben hat,<br \/>\ndie sich selbst gen\u00fcgt? Und wie steht es mit der kollektiven Schuld:<br \/>\nDer Wohlstand in dem wir leben und andere Menschen hungern, ohne dass<br \/>\nwir es schaffen zu teilen? Die Zerst\u00f6rung der von Gott so gut geschaffenen<br \/>\nWelt durch unseren extensiven Ressourcenverbrauch? Gro\u00df ist das<br \/>\nS\u00fcndenregister &#8211; und es lie\u00dfe sich beliebig erweitern! Ist<br \/>\nes so, liebe Gemeinde, dass Gott am Ende zusammenz\u00e4hlt? Ist es so,<br \/>\ndass Gott die Strafe folgen l\u00e4\u00dft &#8211; oder noch schlimmer dass<br \/>\nGott unsere Kinder und Enkelinnen f\u00fcr die Vergehen der Eltern straft?<\/p>\n<p>Um die Frage noch einmal mit aller Deutlichkeit zu stellen: Es geht nicht<br \/>\ndarum, dass unsere irdischen, menschlichen Handlungen irdische menschliche<br \/>\nFolgen haben: Die Flutkatastprohe ist eine Folge unserer Umwelts\u00fcnden<br \/>\n&#8211; das ist bekannt. Wir reden auch nicht \u00fcber Zusammenh\u00e4nge,<br \/>\ndie nicht mehr wiederholt werden m\u00fcssen wie z.B.: Wer Gewalt s\u00e4t<br \/>\nwird Gewalt ernten &#8211; darum geht es nicht! Es geht nicht darum, dass unser<br \/>\nTun konkrete Folgen hat, nein, es geht um etwas viel schwerwiegenderes:<br \/>\nEs geht um die Frage, ob Gott uns durch Schicksalsschl\u00e4ge und Krankheiten<br \/>\npers\u00f6nlich f\u00fcr unsere S\u00fcnden straft.<\/p>\n<p>Wer in unseren Gemeinden Hausbesuche macht, begegnet heute noch Menschen,<br \/>\ndie glauben, dass Gott sie f\u00fcr ein Vergehen mit Krankheit oder Schicksalsschl\u00e4gen<br \/>\nbestraft hat. Ich selbst habe solche Gespr\u00e4che an Krankenbetten gef\u00fchrt.<br \/>\nEin ersch\u00fctterndes Beispiel ist die Geschichte von Rasmus, einem<br \/>\neinj\u00e4hrigen Jungen, der an einem inoperablen Gehirntumor stirbt.<br \/>\nEin Pfarrer berichtet davon. Die Mutter fragt: &#8222;Straft Gott mich<br \/>\nf\u00fcr damals, kann er denn gar nicht vergessen?&#8220; ( D. Sattler\/<br \/>\nTh. Gundlach, 19. Sonntag nach Trinitatis &#8211; 2. Mose 34, 4-10: Gottes Name<br \/>\nist Programm, in: Predigtstudien VI\/ 2, 1995\/ 1996, 258ff.) F\u00fcr die<br \/>\nFrage der Mutter k\u00f6nnen psychologische Erkl\u00e4rungen angef\u00fchrt<br \/>\nwerden: Wer ein Kind verliert, hat diffuse Schuldgef\u00fchle. Eltern<br \/>\nwollen ihre Kinder bewahren. Gelingt das nicht, entsteht gegen besseres<br \/>\nWissen das Gef\u00fchl, versagt zu haben. Trauer l\u00f6st auch Wut aus.<br \/>\nDie Aggressionen, die angesichts des ungeheuren Verlustes aufbrechen,<br \/>\nspiegeln sich in dem Bild des z\u00fcrnenden Gottes, der die Missetat<br \/>\nan den Kindern heimsucht. Man kann nachvollziehen, warum die Mutter an<br \/>\neine Strafe Gottes denkt. Dennoch ist die Frage der Mutter best\u00fcrzend.<br \/>\nSie fordert unseren Widerspruch heraus. Was antworten wir ihr?<\/p>\n<p>Von der Bibel her gelesen ist die Antwort klar. Sie lautet: Nein! Gott<br \/>\nstraft uns nicht pers\u00f6nlich durch den Tod unserer Kinder. Auch nicht<br \/>\ndurch andere Schicksalsschl\u00e4ge! Wir glauben nicht, dass Gott uns<br \/>\nf\u00fcr einzelne Missetaten straft. Wir glauben es nicht, wenn wir aufs<br \/>\nKreuz blicken. Wir glauben mit Blick auf Jesus Christus, dass Gottes Erbarmen<br \/>\nund Gnade gr\u00f6\u00dfer ist als sein Zorn, dass die Liebe f\u00fcr<br \/>\ndie Menschen \u00fcberwiegt und dass Gott aus unserer Schuld und unserem<br \/>\nVergehen am Kreuz neues Leben geschaffen hat. Jesus Christus hat uns ein<br \/>\nf\u00fcr allemal mit Gott vers\u00f6hnt. Aus den zerst\u00f6rerischen<br \/>\nKr\u00e4ften und M\u00e4chten entsteht neues Leben. Gott schenkt neue<br \/>\nLebensm\u00f6glichkeiten! Das ist das Zentrum unseres Glaubens, das unverr\u00fcckbar<br \/>\nvor uns steht. Das Kreuz steht als Zeichen der Vers\u00f6hnung in jeder<br \/>\nKirche, es erinnert daran, dass am Ende Gottes Gnade \u00fcberwiegt. Das<br \/>\nKreuz erinnert daran, dass das Leben neu beginnt, auch da, wo Schuld und<br \/>\nZerst\u00f6rung und Leid ist. Mit Blick auf das Kreuz k\u00f6nnen wir<br \/>\nauch zu der Mutter des Kindes sagen, dass Gott nicht durch Krankheit straft.<br \/>\nEs ist gerade anders herum: Jesus Christus ist tr\u00f6stend bei uns,<br \/>\nwenn wir krank sind. Christus ist bei uns, wenn wir trauern. Christus,<br \/>\nder selbst gelitten hat, weint mit den M\u00fcttern und V\u00e4tern. Er<br \/>\nleidet mit den Elenden und harrt auch aus bei den Zweifelnden und Verzweifelten.<br \/>\nGott verl\u00e4\u00dft uns nicht. Niemand geht aus seiner Gnade verloren.<br \/>\nDer Glaube an die Vergebung der S\u00fcnden macht uns frei &#8211; und bef\u00e4higt<br \/>\nuns, den noch immer herrschenden unheilvollen M\u00e4chten des Todes und<br \/>\nder Zerst\u00f6rung entgegen zu treten und Leid und Kummer gemeinsam zu<br \/>\ntragen.<\/p>\n<p>Aus den zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4ften entstehen durch Gottes Gnade<br \/>\nneue Lebensm\u00f6glichkeiten. Das bezeugt die Bibel. Mose, so erz\u00e4hlt<br \/>\nder heutige Bibeltext, erh\u00e4lt von Gott die Zusage, dass er den Bund<br \/>\nmit seinem Volk erneuern wird. Diese Zusage steht am Ende. Bemerkenswert<br \/>\nist, dass Mose noch einmal die Vergebung der Schuld erbittet. Sehr realistisch<br \/>\nsagt Mose, was auch wir heute von uns sagen m\u00fcssen: &#8222;&#8230;es ist<br \/>\nein halsstarriges Volk, und vergib uns unsere Missetat und Schuld&#8230;&#8220;<br \/>\n(Ex 34,9). Angesichts der Gnade Gottes erkennen wir uns sehr realistisch.<br \/>\nAngesichts der Vers\u00f6hnung k\u00f6nnen vielleicht auch wir unsere<br \/>\nSchuld eingestehen. Wir gestehen uns selbst ein, dass wir weiterhin scheitern<br \/>\nwerden in dieser zwiesp\u00e4ltigen Welt. Wir sind auch weiterhin auf<br \/>\ndie Vergebung Gottes und die Vergebung unserer Mitmenschen angewiesen.<br \/>\nIn unseren Kirchen gibt es daf\u00fcr eine sch\u00f6ne Tradition: Die<br \/>\nBu\u00dfe. Sie ist, so hat eine Wochenzeitschrift in diesem Jahr herausgefunden,<br \/>\nwieder erstaunlich aktuell. Zur kirchlichen Bu\u00dfe geh\u00f6rt auch<br \/>\ndie sogenannte &#8218;contritio cordis&#8216; &#8211; die &#8218;Zerknirschung des Herzens&#8216;. Die<br \/>\nunersch\u00f6pfliche Gnade Gottes macht es uns m\u00f6glich, vor unseren<br \/>\nS\u00fcnden einen inneren Kniefall zu vollziehen, uns zerknischten Herzens<br \/>\neinzugestehen, welche Schuld auf uns lastet. Schuld einzugestehen und<br \/>\nsich selbst realistisch zu sehen ist schwer und doch so wichtig. Keine<br \/>\nBeziehung kann auf Dauer bestehen, wenn wir uns unser Versagen nicht gegenseitig<br \/>\neingestehen und verzeihen k\u00f6nnen. Das Eingest\u00e4ndnis des Versagens<br \/>\nist unerl\u00e4\u00dflich in den pers\u00f6nlichen Beziehungen, Schuldeingest\u00e4ndnisse<br \/>\nsind auch wichtig unter den V\u00f6lkern. Sich selbst in seiner Verstrickung<br \/>\nund Verschlossenheit realistisch wahrzunehmen ist auch ein wichtiger Inhalt<br \/>\ndes Glaubens.<\/p>\n<p>&#8222;Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich \u00fcber die<br \/>\nDinge ziehn&#8230;&#8220;schreibt der Dichter Rainer Maria Rilke (R.M. Rilke,<br \/>\nDas Stundenbuch, Frankfurt a.M. 1972, 11). &#8222;Ich kreise um Gott, um<br \/>\nden uralten Turm und ich kreise jahrtausendelang&#8230;&#8220; Die gro\u00dfen<br \/>\nMenschheitsfragen durchziehen die Geschichte. Die Frage der Schuld geh\u00f6rt<br \/>\nzu diesen Fragen. Sie ist seit zweitausend Jahren, seit Mose Gott am Berg<br \/>\nSinai begegnet ist, so aktuell wie heute. Die biblischen Erz\u00e4hlungen<br \/>\nkreisen bis heute um die wunderbare, Zukunft er\u00f6ffnende Begegnung<br \/>\nGottes mit dem in sich selbst verschlossenen Menschen. Theophanie &#8211; Gottesbegegnung<br \/>\nereignet sich auch im Jahr 2002 nur, wenn wir uns selbst realistisch in<br \/>\nden Grenzen unserer Schuld erkennen. Der innere Kniefall, die demutsvolle<br \/>\nEinsicht in die eigenen Schw\u00e4chen und Vergehen, er\u00f6ffnet neue<br \/>\nLebensm\u00f6glichkeiten. S\u00fcndenbekenntnis und Bu\u00dfe erinnern<br \/>\nden auf immer schnellere Entwicklungen orientierten Leistungsmenschen<br \/>\nan seine wohltuend menschlichen Grenzen. Die Gnade Gottes l\u00e4\u00dft<br \/>\nuns im rechten Licht zwischen Leistungsf\u00e4higkeit und Versagen erschienen.<br \/>\nDer Glaube setzt heilsame Grenzen und schafft dadurch innere Freir\u00e4ume.<br \/>\nDas Wissen um die Grenzen l\u00e4\u00dft uns zur Ruhe kommen, setzt vers\u00f6hnende<br \/>\nund kreative Energien frei. Dass das Vertrauen auf Gottes Gnade bis heute<br \/>\nnichts an Aktualit\u00e4t verloren hat, formuliert ein jugendlicher &#8218;Jesus<br \/>\nFreak&#8216; in einem Interview im Jahr 2001. In der f\u00fcr Jugendliche so<br \/>\ntypischen, provokativen Sprache sagt er: &#8222;&#8218;Ja&#8216;, sagt er, &#8218;wir wollen<br \/>\nso werden wie Jesus, er ist unser Vorbild, er verr\u00e4t einen nicht,<br \/>\ner hat die Menschen geliebt, wie sie waren, mit ihren ganzen Fehlern,<br \/>\ndem ganzen Dreck am Stecken, Jesus war einfach cool, und wir fragen ihn:<br \/>\nKumpel, was sollen wir tun?'&#8220; (Zitiert aus: Die Zeit, Nr. 52\/ 19.<br \/>\nDezember 2001, 11)<\/p>\n<p>Unser Leben kreist um viele Fragen. Der Alltag nimmt uns in Anspruch.<br \/>\nIch w\u00fcnsche uns f\u00fcr diesen Sonntag und f\u00fcr diese Woche,<br \/>\ndass zwischen den vielen wichtigen Alltagsaufgaben uns die fundamentale<br \/>\nZusage der Vers\u00f6hnung Gottes erreicht. Ich w\u00fcnsche Ihnen und<br \/>\nuns, dass Gottes Gnadenzusage ins Zentrum unseres Denkens und Betens r\u00fcckt,<br \/>\nuns ruhig werden l\u00e4sst und uns neue kreative Energien und Einsichten<br \/>\nschenkt. Gottes Gnade tr\u00e4gt unser Leben. Sie vers\u00f6hnt uns und<br \/>\nmacht uns frei. Gottes Gnade schenkt neues Leben, jeden Tag.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Annette Noller<br \/>\n<a href=\"mailto:anoller2@compuserve.de\">anoller2@compuserve.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021006-2.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; 19. Sonntag nach Trinitatis, 6. Oktober 2002 Predigt \u00fcber 2. Mose 34, 4-10, verfa\u00dft von Annette Noller Liebe Gemeinde, Es gibt Bilder, die bleiben im Ged\u00e4chtnis. Unvergessliche Bilder, nicht nur f\u00fcr einzelne, sondern f\u00fcr viele. Zu diesen Bildern geh\u00f6rt der Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos. 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