{"id":9164,"date":"2002-10-07T19:50:02","date_gmt":"2002-10-07T17:50:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9164"},"modified":"2025-04-15T15:55:54","modified_gmt":"2025-04-15T13:55:54","slug":"2-korinther-3-2-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-3-2-9\/","title":{"rendered":"2. Korinther 3, 2-9"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">20<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Sonntag nach Trinitatis | 13. Oktober 2002 | 2. Korinther 3,2-9 | Reinhard Schmidt-Rost |<\/span><\/h3>\n<p>2. Kor. 3, 2-9<br \/>\nIhr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von<br \/>\nallen Menschen! Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi<br \/>\nseid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern<br \/>\nmit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern<br \/>\nauf fleischerne Tafeln, n\u00e4mlich eure Herzen.<br \/>\nSolches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott. Nicht dass wir<br \/>\nt\u00fcchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber,<br \/>\nsondern dass wir t\u00fcchtig sind, ist von Gott, der uns auch t\u00fcchtig<br \/>\ngemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern<br \/>\ndes Geistes. Denn der Buchstabe t\u00f6tet, aber der Geist macht lebendig.<\/p>\n<p>Wenn aber schon das Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in<br \/>\nStein gehauen war, Herrlichkeit hatte, so dass die Israeliten das Angesicht<br \/>\ndes Mose nicht ansehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Angesicht,<br \/>\ndie doch aufh\u00f6rte, wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist<br \/>\ngibt, Herrlichkeit haben? Denn wenn das Amt, das zur Verdammnis f\u00fchrt,<br \/>\nHerrlichkeit hatte, wieviel mehr hat das Amt, das zur Gerechtigkeit f\u00fchrt,<br \/>\n\u00fcberschwengliche Herrlichkeit.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Von Buchstaben ist unser Leben umstellt &#8211;<br \/>\nin Zeitungen, B\u00fcchern, Bekanntmachungen,<br \/>\nin Gesetzen, Gebrauchsanweisungen, Richtlinien und Verlautbarungen,<br \/>\nin Werbung, Ank\u00fcndigung, Programmen &#8211;<br \/>\nin Akten, Formularen, Rezepturen &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Fassen wir uns kurz. Die Welt ist \u00fcberv\u00f6lkert von Worten&#8220;<br \/>\n(Stanislav Lec, Alle unfrisierten Gedanken, Motto).<\/p>\n<p>Aber heute geht es nicht um die Buchstaben als Druckerzeugnis, sondern<br \/>\num <i>den<\/i> Buchstaben, der Gesetz und Ordnung festschreibt.<\/p>\n<p>Die steinernen Tafeln sind schon lange ausrangiert, auch Schiefertafeln<br \/>\nwerden kaum noch benutzt, &#8211; und die Tinte flie\u00dft weniger durch Stifte,<br \/>\nals aus Tintenstrahldruckern,<br \/>\naber der Buchstabe des Gesetzes herrscht weiter \u00fcber den Geist:<\/p>\n<p>Kein Fu\u00dfball- oder Handballspiel ohne Regeln,<br \/>\nkein Staat ohne Steuergesetzgebung,<br \/>\nkeine Gesellschaft ohne Strafrecht,<br \/>\nkeine Kirche ohne Ordnung &#8230;<\/p>\n<p>Der Buchstabe des Gesetzes ist allgegenw\u00e4rtig; und ist er nicht<br \/>\nallheilsam, so doch unvermeidlich: Wie schnell artet ein Spiel ohne Regeln<br \/>\nund Richter in Willk\u00fcr der St\u00e4rkeren oder Aggressionen der Schw\u00e4cheren<br \/>\naus, auch wenn jeder wei\u00df, wie sch\u00f6n ein freiwillig-faires<br \/>\nSpiel sein kann.<br \/>\nEs w\u00fcrden sich &#8222;Stark&#8220; und &#8222;Schwach&#8220; in jeder<br \/>\nGesellschaft ohne Gesetze und Rechtsprechung polarisieren. Und eine Kirche<br \/>\nohne Ordnung, nur vom Geist geleitet? Diese Vorstellung, diese Hoffnung<br \/>\ndes Herzens \u00fcberfordert das Hirn , &#8211; und so werden Kirchenordnungen<br \/>\nund Leitlinien kirchlichen Handelns geschrieben und beschlossen und ver\u00f6ffentlicht,<br \/>\nviel Lebenszeit wird darauf verwandt, die Ordnung zu h\u00fcten, damit<br \/>\nsie dem Geist und seiner Dynamik standh\u00e4lt, &#8230;<\/p>\n<p>So werden in der einen Kirche Kinder vom Abendmahl ferngehalten, weil<br \/>\nsie es noch nicht bewusst genug genie\u00dfen, w\u00e4hrend eine andere<br \/>\nKirche alle Kinder zum Abendmahl zul\u00e4\u00dft; zugleich l\u00e4sst<br \/>\neben diese Kirche keine Frau zum Priesteramt zu, was in der anderen schon<br \/>\nl\u00e4ngst selbstverst\u00e4ndlich ist. Die Ansichten, wie der Buchstaben<br \/>\ndes Gesetzes auszulegen sei, gehen weit auseinander.<\/p>\n<p>Der Geist aber w\u00fcrde die Vielfalt zulassen, weil er sich seiner<br \/>\nSache, der Sache Gottes sicher w\u00e4re. Denn eben dies ist Gottes Sache,<br \/>\nda\u00df er durch seinen Geist Freiheit vom Buchstaben bewirkt, ohne<br \/>\nda\u00df dar\u00fcber das f\u00fcr Menschen notwendige Ma\u00df an Ordnung<br \/>\nverloren geht. Menschengeist vermag das nicht, weil er jeweils an eine<br \/>\neinzige Person gebunden ist. Gottes Geist verbindet.<\/p>\n<p>Aber es haben nicht nur die Ordnungsh\u00fcter in den Kirchen ihre Probleme<br \/>\nmit Geist und Buchstaben, auch der Staat, er erst recht: Auch daf\u00fcr<br \/>\ngibt es allt\u00e4gliche Beispiele, nicht selten ziemlich seltsam:<\/p>\n<p>So werden Menschen ohne Ansehen der Person, auch sehr gebildete Menschen<br \/>\nin vorger\u00fccktem Alter, Doktorinnen und Dozenten ohne Stelle, nur<br \/>\ndeshalb von staatlichen Arbeits\u00e4mtern zu Fortbildungen einberufen,<br \/>\ndamit die Arbeitsverwaltung behaupten kann, es habe alles seine Ordnung;<br \/>\nauch dem Kunstgeschichtler mit Doktortitel, aber ohne Arbeit kann nicht<br \/>\neinfach Arbeitslosen-Hilfe gezahlt werden; der Buchstabe des Gesetzes<br \/>\nmu\u00df erf\u00fcllt, die vorgeschriebenen Bildungsma\u00dfnahmen m\u00fcssen<br \/>\ndurchgef\u00fchrt werden, auch wenn die Lehrer bei solchen Aktionen weniger<br \/>\nBildung haben als ihre Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Der Geist w\u00fcrde die einzelnen Menschen, die von Arbeitslosigkeit<br \/>\nbetroffen sind, als einzelne mit ihren besonderen Gaben gelten lassen<br \/>\nund vielleicht sogar den Gedanken entz\u00fcnden, da\u00df die klugen,<br \/>\naber nicht vermittelbaren Personen selbst als Lehrer f\u00fcr weniger<br \/>\nhelle K\u00f6pfe eingesetzt werden k\u00f6nnten. Aber das w\u00fcrde die<br \/>\namtlichen Ordnungen, den Buchstaben der Tarifvereinbarungen und Arbeitslosen-Hilfe-Bestimmungen<br \/>\ngef\u00e4hrden, w\u00fcrde m\u00f6glicherweise Ver\u00e4nderungen beim<br \/>\nPersonal hervorrufen, alles schmerzliche Prozesse der Ver\u00e4nderung,<br \/>\ndie sich ein Staat nicht leisten zu k\u00f6nnen meint. Die Ausrede lautet<br \/>\ndann: &#8222;Wir k\u00f6nnen nicht f\u00fcr alle individuelle L\u00f6sungen<br \/>\nstricken.&#8220;<\/p>\n<p>Gewi\u00df, ohne gesetzliche Konstruktionen k\u00f6nnen Institutionen<br \/>\nnicht leben, aber sie k\u00f6nnen auch an ihren Ordnungen eingehen. Wenn<br \/>\ndie Stabilit\u00e4t in Versteinerung \u00fcbergeht, wenn sich die Interessengegens\u00e4tze<br \/>\nso verfestigen, da\u00df die Ziele einer Institution nicht mehr sichtbar<br \/>\nsind, dann mu\u00df man nach dem Geist rufen, wie der Apostel in diesem<br \/>\nzweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Diesmal war es nicht die \u00fcberstr\u00f6mende<br \/>\nBegeisterung, die ihm Sorgen machte, sondern das Beharren einzelner auf<br \/>\ndem Buchstaben des Gesetzes.<\/p>\n<p>Der Geist aber, der aus dem versteinerten Buchstaben des Gesetzes Funken<br \/>\nschl\u00e4gt, l\u00e4sst sich nicht herbeizwingen, man kann nur auf ihn<br \/>\nwarten, auf ihn hoffen, und ihm den Weg zu bereiten versuchen, herbeizwingen<br \/>\nkann man ihn nicht, wie man keine gute Idee f\u00fcr eine Predigt herbeizwingen,<br \/>\nsondern nur dar\u00fcber nachsinnen und nach guten Einf\u00e4llen suchen<br \/>\nkann; wie man keine Kompromissformel f\u00fcr einen Streit auf eigene<br \/>\nFaust finden kann, sondern nur im H\u00f6ren auf die Parteien und im Hoffen<br \/>\nauf eine gute Eingebung.<\/p>\n<p>Nun kann man aber im Alltag nicht ewig warten auf die Erleuchtung, auf<br \/>\nden Geistesblitz; deshalb braucht der Buchstabe des Gesetzes den Schriftgelehrten,<br \/>\nden Juristen oder den Theologen, die Theologin, die den harten Buchstaben<br \/>\ndes Gesetzes verfeinern, zerkleinern, das Gesetz von Fall zu Fall anwenden.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Pflichten der Schriftgelehrten, da\u00df Sie Geist<br \/>\nund Buchstaben unterscheiden, den Buchstaben gegen einen allzu bewegten<br \/>\nGeist sch\u00fctzen, also die Gesetze und ihre Ordnung h\u00fcten, und<br \/>\nzugleich die Versteinerung der Ordnung zu hindern versuchen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nPaulus war, bevor er Apostel wurde, ein junger Schriftgelehrter, einer<br \/>\nder den Buchstaben des Gesetzes kannte und ihn von Fall zu Fall anzuwenden<br \/>\nversuchte, vielleicht noch etwas sch\u00fclerhaft, mal holzschnittartig,<br \/>\nmal etwas fanatisch-\u00fcberschw\u00e4nglich, aber immerhin einer, der<br \/>\ndie steinern Tafeln des Gesetzes kannte, &#8211; aber nicht nur diese, sondern<br \/>\nauch die vielf\u00e4ltigen Auslegungen, die diese Tafeln \u00fcberwuchert<br \/>\nhatten wie Efeu eine Grabplatte. So hatte er gelebt und gewirkt mit dem<br \/>\nguten Gewissen eines verantwortungsbewussten Fachmannes, eines professionellen<br \/>\nJuristen, &#8211; offenbar auch in der Strafverfolgung, anerkannt von seinen<br \/>\nLehrern, die in ihm einen hoffnungsvollen Nachwuchsgelehrten sahen, &#8211;<br \/>\nbis ihm die Einsicht er\u00f6ffnet wurde, da\u00df auch das Recht der<br \/>\nV\u00e4ter in der \u00fcblichen Auslegung an eine Grenze ger\u00e4t. Er<br \/>\nerfuhr in seiner Begegnung mit Gott, da\u00df Gottes Geist nicht auf<br \/>\ndie steinernen Tafeln des Gesetzes schreibt, sondern sich in den Herzen<br \/>\nder Menschen auswirkt.<\/p>\n<p>Es bleibt ein <i>Geheimnis<\/i>, wie sich sein Horizont weitete, wie er<br \/>\nzu seiner Neubewertung der Gesetze kam, aber es mu\u00df kein <i>R\u00e4tsel<\/i><br \/>\nbleiben und ein unerkl\u00e4rliches Wunder mu\u00df es auch nicht gewesen<br \/>\nsein:<\/p>\n<p>Vielleicht hat Paulus nur besonders tief und gr\u00fcndlich nach dem<br \/>\nSinn der alten Gebote Gottes gefragt, nach der Erf\u00fcllung der Gesetze<br \/>\nseines Volkes, nach einer Kraft oder einer Tat, die alle einzelnen Auslegungen<br \/>\nzusammenfasst: &#8222;So ist denn die Liebe des Gesetzes Erf\u00fcllung&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht ist er auch zu dieser neuen, umfassenderen Sicht durch kulturelle<br \/>\nEinfl\u00fcsse gebracht worden: Er stammte ja aus Tarsus, also nicht aus<br \/>\ndem Kernland Israels, er hatte in der Nordostecke des Mittelmeers gewi\u00df<br \/>\nverschiedene kulturelle Eindr\u00fccke empfangen und versuchte diese miteinander<br \/>\nzu vereinbaren. Er war ja schon immer unterwegs zwischen Jerusalem und<br \/>\ndem r\u00f6mischen Weltreich, vielleicht hat ihn der Eindruck der r\u00f6mischen<br \/>\nWeltmacht dazu gebracht, nach den Bedingungen zu fragen, unter denen das<br \/>\nGesetz Israels w\u00fcrde weiter wirken k\u00f6nnen, lebendig wirken,<br \/>\nwie ein Herz schl\u00e4gt &#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht hatte ihn auch der Rabbi Jesus beeindruckt, gerade weil er<br \/>\nnicht die offizielle Linie seiner &#8211; des Paulus &#8211; Lehrer vertrat. Mu\u00dfte<br \/>\nnicht einem jungen, modernen, aufgeschlossenen Gelehrten auffallen, da\u00df<br \/>\nJesus die alten Gebote nicht verwarf, sondern verbesserte: &#8222;Der Sabbat<br \/>\nist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbat willen.&#8220;<br \/>\n&#8211; und: Ihr habt geh\u00f6rt, da\u00df zu den Alten gesagt ist &#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht hat er auch mit Freunden gelitten, die mit den alten Auslegungen<br \/>\ndes Gesetzes nicht zurecht kamen, die m\u00f6glicherweise mit einer Frau<br \/>\ntrauerten, deren Freundin wegen Ehebruchs gesteinigt worden war &#8230;<\/p>\n<p>Wie immer, seine Augen waren ge\u00f6ffnet worden f\u00fcr eine neue<br \/>\nSichtweise, f\u00fcr eine neue Deutung der Gebote. Er konnte gar nicht<br \/>\nmehr anders denken, wenn er an die Gebote dachte, er konnte sie nur noch<br \/>\nals Einladung zur freien Verantwortung lesen, &#8211; &#8222;Du sollst nicht<br \/>\nt\u00f6ten, ist kein Gebot, sondern eine Einladung!&#8220; (S. Lec).<\/p>\n<p>So setzen auch wir uns mit den Geboten auseinander, die unser Leben besch\u00fctzen<br \/>\nund beschr\u00e4nken, suchen in ihnen nach dem Funken des Geistes, der<br \/>\naus der Ordnung Phantasie spr\u00fchen l\u00e4\u00dft, die die Ordnung<br \/>\nnicht aufhebt, sondern in neuem, ganz anderem Licht erscheinen l\u00e4sst.<br \/>\n&#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten!&#8220; &#8211; ist eine Einladung zu einem<br \/>\nLeben unter Verzicht auf Gewalt und Rache. Die Freiheit dieses Lebens<br \/>\nmu\u00df man erst entdecken.<\/p>\n<p>W\u00e4ren solche Entdeckungen einfach und selbstverst\u00e4ndlich, br\u00e4uchte<br \/>\nman nicht dar\u00fcber reden; w\u00e4ren sie nicht aussichtsreich und<br \/>\nverhei\u00dfungsvoll, lohnte die M\u00fche nicht, sich danach umzusehen.<br \/>\nSo w\u00fcnschte ich mir f\u00fcr das Arbeitsamt Leute, die sich nicht<br \/>\nan die Bestimmungen klammern m\u00fcssen, und f\u00fcr die Kirchenordnung<br \/>\nw\u00fcnsche ich mir Ausleger, die die Ordnungen gut kennen, sie aber<br \/>\nmit weitem, freiem Geist auslegen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nIn der n\u00e4chsten Woche beginnt in vielen Universit\u00e4tsst\u00e4dten<br \/>\ndas Wintersemester. Einige &#8211; vielleicht nur wenige &#8211; Studenten werden<br \/>\nmit dem Theologiestudium beginnen. Wir Lehrer, die wir als Schriftgelehrte<br \/>\nausgebildet sind, werden uns darum bem\u00fchen, sie auf ihre Aufgabe<br \/>\nvorzubereiten: Dass sie lernen Geist und Buchstabe in den verschiedenen<br \/>\nLebenslagen und -fragen zu unterscheiden und den Gemeinden, in denen sie<br \/>\nt\u00e4tig werden, bei dieser Unterscheidung zu helfen, wenn es z. B.<br \/>\ndarum geht, eine L\u00f6sung f\u00fcr die Beteiligung am Abendmahl zu<br \/>\nfinden, die die Gemeinschaft der Familien unterst\u00fctzt und die Vorbehalte<br \/>\nanderer Gemeindeglieder achtet, oder wenn dar\u00fcber entschieden werden<br \/>\nmu\u00df, zu welchen Zwecken ein Gemeindehaus genutzt werden darf oder<br \/>\nob ein evangelischer Kindergarten eine muslimische Erzieherin anstellen<br \/>\ndarf, &#8211; oder was der Fragen und Anfragen mehr sind.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung von Geist und Buchstabe ist aber in der evangelischen<br \/>\nKirche nicht nur eine Sache der Fachleute f\u00fcr die Auslegung der Tradition,<br \/>\nsie k\u00f6nnen und sollen Helfer und Lehrer sein, die Erfahrung aber<br \/>\nkann jeder machen: Wie jeder Mensch eine schematische Auslegung von Geboten<br \/>\nund Ordnungen in seinem Alltag vielfach erf\u00e4hrt und damit zu k\u00e4mpfen<br \/>\nhat, oder selbst auf sein Recht pocht, so kann auch jede und jeder die<br \/>\nWirkungen des Geistes in seinem Leben sp\u00fcren, wenn das Vorrechnen<br \/>\nund Aufrechnen von Leistungen ein Ende hat, wenn sich die \u00e4ngstliche<br \/>\nSorge um das Eigene, um Interessen und Besitz, wenn sich Rechthaberei,<br \/>\nwandelt zur Freude am Gemeinsamen, an den Fr\u00fcchten der Zusammenarbeit,<br \/>\n&#8211; oder wenn der festgefahrene Wagen des pers\u00f6nlichen Lebens von anderen<br \/>\nmit freigeschoben wird, r\u00fcckw\u00e4rts zun\u00e4chst, aber dann auf<br \/>\nneuer Spur vorw\u00e4rts, allein h\u00e4tte man das kaum geschafft.<\/p>\n<p>Wir bitten in jedem Gottesdienst und in jedem Gebet um den Geist und<br \/>\ndie Kraft, die Spannung zwischen Geist und Buchstaben in unserem Leben,<br \/>\nda wir sie nicht aufheben k\u00f6nnen, so zu tragen, da\u00df die G\u00fcte<br \/>\nGottes an uns ablesbar wird, als seien wir ein Brief Christi an die Menschen,<br \/>\neine Einladung zum Leben im Geist der G\u00fcte.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Lieder:<\/b><\/p>\n<p>404, 1-4 u. 6 Herr Jesu, Gnadensonne &#8211;<br \/>\n432 Gott gab uns Atem, damit wir leben &#8211;<br \/>\n677 (EG, Rheinische Ausgabe):<\/p>\n<p>Die Erde ist des Herrn. Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.<br \/>\nDrum sei zum Dienst bereit, gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.<\/p>\n<p>Gebrauche deine Kraft. Denn wer was Neues schafft, der l\u00e4sst uns<br \/>\nhoffen.<br \/>\nVertraue auf den Geist, der in die Zukunft weist. Gott h\u00e4lt sie offen.<\/p>\n<p>Geh auf den andern zu. Zum Ich geh\u00f6rt ein Du, um Wir zu sagen.<br \/>\nLeg deine R\u00fcstung ab. Weil Gott uns Frieden gab, kannst du ihn wagen.<\/p>\n<p>Verlier nicht die Geduld. Inmitten aller Schuld ist Gott am Werke.<br \/>\nDenn der in Jesus Christ ein Mensch geworden ist, bleibt unsre St\u00e4rke.<\/p>\n<p><b>Zur Situation:<\/b><\/p>\n<p>Die Predigt ist als Gru\u00df f\u00fcr eine befreundete Kollegin geschrieben,<br \/>\ndie am 13. 10. in ein kirchliches Leitungsamt eingef\u00fchrt wird; au\u00dferdem<br \/>\nwerde ich sie am 17. 10. in einem Gottesdienst zum Semesteranfang im Adolf-Clarenbach-Wohnheim<br \/>\nin Bonn halten; f\u00fcr diesen Anla\u00df habe ich die Lieder ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Mindestens der Schlussteil m\u00fcsste auf die jeweilige Gemeindesituation<br \/>\nhin konkretisiert werden. \u00dcberhaupt bietet sich die Spannung von<br \/>\n&#8222;Geist und Buchstabe&#8220; als hermeneutischer Schl\u00fcssel f\u00fcr<br \/>\ndas &#8222;Christsein im Alltag der Welt&#8220; an.<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost<br \/>\n<a href=\"mailto:r.schmidt-rost@uni-bonn.de\">E-Mail: r.schmidt-rost@uni-bonn.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021013-2.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. 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