{"id":9167,"date":"2002-10-07T19:49:57","date_gmt":"2002-10-07T17:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9167"},"modified":"2025-04-20T19:53:17","modified_gmt":"2025-04-20T17:53:17","slug":"1-korinther-12-12-14-26-27-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-12-12-14-26-27-3\/","title":{"rendered":"1. Korinther 12, 12-14.26-27"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis | 20. Oktober 2002 | 1. Korinther 12, 12-14.26-27 | Peter Kusenberg |<\/span><\/h3>\n<p>12 Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder<br \/>\ndes Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.<br \/>\n13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien<br \/>\nJuden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist<br \/>\ngetr\u00e4nkt.<br \/>\n14 Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele.<br \/>\n26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein<br \/>\nGlied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.<br \/>\n27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wieder sind Fernsehen und Zeitungen voll von Bildern des Terrors: von<br \/>\nBomben zerfetzte menschliche K\u00f6rper, Massenmord an unschuldigen Opfern.<br \/>\nGeschehen an Orten, wo sie keine Gefahr erwarteten: in Helsinki ebenso<br \/>\nwenig wie auf Bali. Heimt\u00fcckisch und gezielt schlugen die T\u00e4ter<br \/>\nzu, t\u00f6teten wahllos Menschen, die sie nicht einmal kannten.<\/p>\n<p>Wieder sind wir tief erschrocken \u00fcber das Ma\u00df an Brutalit\u00e4t,<br \/>\nahnen wir den Schmerz und die ohnm\u00e4chtige Trauer der Angeh\u00f6rigen<br \/>\nvon Opfern, wieder m\u00fchen wir uns, zu begreifen, was unbegreifbar<br \/>\nist. Andere Orte, andere Bilder fallen uns ein: Erfurt, Djerba, und vor<br \/>\nallem\u0085 Ja, erst im vergangenen Monat, an dem furchtbaren Jahrestag<br \/>\ndes 11. September, waren weltweit noch einmal in allen Medien die Szenen<br \/>\nzu sehen &#8211; und das unausl\u00f6schliche Entsetzen war wieder ganz nah.<\/p>\n<p>Wird jetzt wieder, nach den Bomben auf Bali, das Schlagwort des amerikanischen<br \/>\nPr\u00e4sidenten vom &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; neu die Runde<br \/>\nmachen? Ich habe ein zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl bei solchen Worten.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6ren die Schuldigen &#8211; T\u00e4ter wie Drahtzieher<br \/>\n&#8211; gesucht, verurteilt und bestraft. Aber passt daf\u00fcr die Vokabel<br \/>\n&#8222;Krieg&#8220;?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte statt \u00fcber den Krieg \u00fcber den Frieden sprechen.<br \/>\nDas liegt mir schon deshalb n\u00e4her, weil das Wort &#8222;Frieden&#8220;<br \/>\nmehrmals in jedem unserer Gottesdienste vorkommt. Zu Beginn der Predigt,<br \/>\nim sogenannten Kanzelgru\u00df, sage ich &#8222;Gnade sei mit euch und<br \/>\nFriede&#8220;, wir h\u00f6ren an anderer Stelle den Wunsch, der Friede<br \/>\nGottes m\u00f6ge unsere Herzen und Sinne bewahren, und zum Beschluss des<br \/>\nGottesdienstes erklingen die Segensworte &#8222;Gehet hin in Frieden&#8220;.<\/p>\n<p>Aber seltsam: manchmal beschleicht mich dabei das Gef\u00fchl, das Wort<br \/>\n&#8222;Frieden&#8220; bleibt dennoch ein leeres Wort. Wir haben uns daran<br \/>\ngew\u00f6hnt, dass es im Gottesdienst vorkommt, aber wir h\u00f6ren daran<br \/>\nvorbei.<\/p>\n<p>So singen wir zum Beispiel in der Liturgie zum Eingang die Liedzeile<br \/>\n&#8222;Nun ist gro\u00df&#8216; Fried&#8216; ohn&#8216; Unterlass, all Fehd&#8216; hat nun ein<br \/>\nEnde&#8220; &#8211; und noch nie habe ich Widerspruch dagegen geh\u00f6rt. Wir<br \/>\nhaben aber doch keinen Frieden in der Welt, weder im Gro\u00dfen noch<br \/>\nim Kleinen. Hass, Streit, Kampf und Krieg haben noch lange kein Ende.<br \/>\nIst &#8222;gro\u00df&#8216; Fried&#8216; ohn&#8216; Unterlass&#8220; also nur ein frommer<br \/>\nWunsch? Eine rituelle Formel, die eben dazugeh\u00f6rt, wie die Kerzen<br \/>\nauf dem Altar?<\/p>\n<p>Und &#8211; wenn es doch mehr ist als ein frommer Wunsch &#8211; welchen Frieden<br \/>\nmeinen wir dann eigentlich? Ist es der &#8222;liebe Friede&#8220;, um dessen<br \/>\nwillen ich beim Streiten manchmal nachgebe? Oder sollen andere mich &#8222;in<br \/>\nFrieden lassen&#8220;, damit ich meine Ruhe habe? Ist es der &#8222;Friede<br \/>\nauf Erden&#8220; oder nur &#8222;ein bisschen Frieden&#8220;?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nFrieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg &#8211; das ist ein oft zitierter<br \/>\nund grundrichtiger Satz. Und ein anderer Satz ist ebenso richtig: Krieg<br \/>\nbeginnt immer in den K\u00f6pfen der Menschen. Das gilt ebenso, wenn ich<br \/>\nvom Frieden spreche: Frieden muss in den K\u00f6pfen der Menschen beginnen.<\/p>\n<p>Jesus hat das sehr drastisch ausgedr\u00fcckt, als er das Gebot &#8222;Du<br \/>\nsollst nicht t\u00f6ten&#8220; folgenderma\u00dfen auslegte: &#8222;Ich<br \/>\naber sage euch: schon jeder, der seinem Bruder z\u00fcrnt, sei dem Gericht<br \/>\nverfallen. Und wer zu seinem Bruder sagt: du Schuft, der soll dem Hohen<br \/>\nRat verfallen. Und wer sagt: du Idiot, sei zur Feuerh\u00f6lle verdammt.&#8220;<\/p>\n<p>Starke Worte. Jesus treibt den Gedanken auf die Spitze, weil er zeigen<br \/>\nwill, wie jede Gewalttat bis hin zu Mord eine Vorstufe hat: den b\u00f6sen<br \/>\nGedanken, das verletzende Wort.<br \/>\nDeshalb muss Frieden in den K\u00f6pfen der Menschen beginnen, dort, wo<br \/>\nsich der Keim von Unfrieden, Hass und Terror einnisten will.<\/p>\n<p>Wenn wir uns diesen Satz laut und langsam hersagen, dass Frieden in den<br \/>\nK\u00f6pfen der Menschen beginnen muss, dann ist mit einem Mal auch die<br \/>\nklassische Ausrede wertlos: &#8222;Was kann ich als Einzelner schon tun?<br \/>\nIch allein bin doch zu schwach, um Frieden zu schaffen!&#8220;<\/p>\n<p>Eben nicht! Gerade auf jeden Einzelnen kommt es an. Man wird die Menschen<br \/>\nnie als Masse \u00e4ndern k\u00f6nnen, weder mit Religionen noch mit Ideologien<br \/>\noder Staatsformen. Der einzelne Mensch ist viel wichtiger. In seinem Kopf<br \/>\nentscheidet sich die Frage nach dem Frieden im Gro\u00dfen wie im Kleinen.<\/p>\n<p>Auf jeden Einzelnen kommt es an. Das steht so auch, nur mit anderen Worten,<br \/>\nim Predigttext f\u00fcr heute: &#8222;Ihr aber seid der Leib Christ, und<br \/>\njeder von euch ist ein Glied.&#8220;<br \/>\nAngesprochen ist die Gemeinde in Korinth. Gespalten und zerstritten sind<br \/>\ndie Christen dort, weil manche glauben, mehr vom Geist Gottes zu haben<br \/>\nals die anderen. Und deshalb nimmt Paulus f\u00fcr seine Mahnungen ein<br \/>\nBild zu Hilfe &#8211; den menschlichen K\u00f6rper:<br \/>\nSo wie ein K\u00f6rper nur dann gesund lebt, wenn alle Organe mit ihren<br \/>\nunterschiedlichen Funktionen dazu beitragen, so soll es auch in einer<br \/>\ngesunden Gemeinde zugehen. Jedes Mitglied darin hat seine eigenen Aufgaben<br \/>\nund F\u00e4higkeiten und ist darum wertvoll und unverzichtbar f\u00fcr<br \/>\ndas Ganze.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen wir das Bild auf unsere heutige Gemeinde. Wer annimmt,<br \/>\nKirche und Gemeinde \u00e4u\u00dfere sich allein im Gottesdienst, der<br \/>\nsieht vom ganzen K\u00f6rper nur Mund und Ohr: Den Mund derer, die predigen,<br \/>\nbeten und singen, und das Ohr der Zuh\u00f6rer. Unsere Gemeinde hat aber<br \/>\nauch H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, Adern, Nerven, Muskeln und viele<br \/>\nweitere Organe.<\/p>\n<p>Wer im Kirchenvorstand mitwirkt, wer Gruppen und Kreise leitet, Kindergottesdienst<br \/>\nh\u00e4lt oder alte Menschen besucht, ist auch Teil des K\u00f6rpers.<br \/>\nWer Orgel spielt, die Kirche herrichtet, wer als Konfirmand Erntegaben<br \/>\nsammelt oder den Gemeindebrief austr\u00e4gt, ist auch Teil des K\u00f6rpers.<br \/>\nWer politische Verantwortung \u00fcbernimmt, in der Schule Kinder unterrichtet<br \/>\noder sich in Feuerwehr und Sportverein engagiert, ist Teil des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Zu diesem K\u00f6rper geh\u00f6ren wir alle als Eltern, Nachbarn, Kollegen,<br \/>\nSchulkameraden: \u00fcberall dort, wo wir wichtig und hilfreich sind f\u00fcr<br \/>\nandere &#8211; im Nachdenken und im Reden, im Zuh\u00f6ren wie im Zupacken:<br \/>\n&#8222;Ihr aber seid der Leib Christ, und jeder von euch ist ein Glied.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Kirche&#8220; &#8211; das ist kein abstraktes, theoretisches Gebilde.<br \/>\nDas ist, wie der Apostel Paulus sagt, der Leib Christi, und ich bin Bestandteil<br \/>\ndavon. Eines von vielen lebenswichtigen Organen.<\/p>\n<p>Und das bedeutet: Wenn wir Frieden in die Welt tragen wollen, so beginnen<br \/>\nwir damit am erfolgversprechendsten bei uns selbst und den Menschen in<br \/>\nunserer N\u00e4he. Denn da sind wir die Experten. Eine Anleitung, wie<br \/>\ndas geht, schildert das bekannte Gebet, das auf Franz von Assisi, den<br \/>\nGr\u00fcnder des Franziskanerordens, zur\u00fcckgeht:<\/p>\n<p>Herr, mach uns zu Boten deines Friedens,<br \/>\ndass wir Liebe \u00fcben, wo man sich hasst,<br \/>\ndass wir verzeihen, wo man sich beleidigt,<br \/>\ndass wir verbinden, wo Streit ist,<br \/>\ndass wir die Wahrheit sagen, wo Irrtum herrscht,<br \/>\ndass wir Hoffnung wecken, wo Verzweiflung qu\u00e4lt,<br \/>\ndass wir Freude bringen, wo Kummer wohnt.<br \/>\nHerr, lass uns trachten,<br \/>\nnicht, dass wir getr\u00f6stet werden,<br \/>\nsondern dass wir tr\u00f6sten,<br \/>\nnicht, dass wir verstanden werden,<br \/>\nsondern dass wir verstehen,<br \/>\nnicht, dass wir geliebt werden,<br \/>\nsondern dass wir lieben.<br \/>\nDenn wer hingibt, der empf\u00e4ngt,<br \/>\nwer sich selbst vergisst, der findet,<br \/>\nwer verzeiht, dem wird verziehen,<br \/>\nund wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Peter Kusenberg<br \/>\nPastor und freier Journalist<br \/>\nAdelebsen-Erbsen<br \/>\n<a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">E-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021020-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. 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