{"id":9168,"date":"2002-10-07T19:49:57","date_gmt":"2002-10-07T17:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9168"},"modified":"2025-04-20T19:50:05","modified_gmt":"2025-04-20T17:50:05","slug":"1-korinther-12-12-14-26-27-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-12-12-14-26-27-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 12, 12-14.26.27"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis | 20. Oktober 2002 | 1. Korinther 12, 12-14.26.27 | Franz-Heinrich<br \/>\nBeyer |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>es ist immer wieder aufs Neue sch\u00f6n, diesen Text des Paulus zu h\u00f6ren<br \/>\noder auch nur zu lesen. Es ist die Anschaulichkeit darin, dass das das<br \/>\nBild sofort eing\u00e4ngig vor den Augen entsteht: Ja, nat\u00fcrlich,<br \/>\nso ist der menschliche Organismus &#8211; ein Leib, ein Organismus und doch<br \/>\nzugleich eine Summe ganz unterschiedlicher Teile, Glieder, mit unterschiedlichen,<br \/>\ngleichwohl notwendigen Funktionen, F\u00e4higkeiten, Empfindungen. Und<br \/>\ndas alles zusammenspielend in einem komplizierten Verbund von Knochen<br \/>\nund Muskeln, von Nervenstr\u00e4ngen und Blutgef\u00e4\u00dfen. Damit<br \/>\nist gew\u00e4hrleistet, dass eine Verletzung -selbst zugef\u00fcgt oder<br \/>\nvon anderen erlitten- wahrgenommen und darauf reagiert werden kann. Und<br \/>\nwir alle wissen zur Gen\u00fcge, wie sehr etwa eine kleine Wunde an einem<br \/>\nFu\u00df das Gesamtbefinden beeintr\u00e4chtigt. Und so brauchen wir<br \/>\nnicht erst eine medizinische Grundvorlesung zu besuchen, um uns vorstellen<br \/>\nzu k\u00f6nnen, wovon Paulus hier spricht. &#8211; Ich lese noch einige weitere<br \/>\nVerse aus dem 12. Kapitel des 1. Korintherbriefs (15-22):<\/p>\n<p>Wenn aber der Fu\u00df spr\u00e4che: Ich bin keine Hand, darum bin ich<br \/>\nnicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein?<br \/>\nUnd wenn das Ohr spr\u00e4che: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht<br \/>\nGlied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein?<br \/>\nWenn der ganze Leib Auge w\u00e4re, wo bliebe das Geh\u00f6r? Wenn er<br \/>\nganz Geh\u00f6r w\u00e4re, wo bliebe der Geruch?<br \/>\nNun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von Ihnen im Leib,<br \/>\nso wie er gewollt hat.<br \/>\nWenn aber alle Glied w\u00e4ren, wo bliebe der Leib?<br \/>\nNun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.<br \/>\nDas Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch<br \/>\ndas Haupt zu den F\u00fc\u00dfen: Ich brauche euch nicht.<br \/>\nVielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schw\u00e4chsten zu<br \/>\nsein scheinen, die n\u00f6tigsten; &#8230;<\/p>\n<p>Alle Glieder, alle Teile des menschlichen Organismus geh\u00f6ren zusammen,<br \/>\nmachen erst zusammenwirkend das Leben des Leibes m\u00f6glich. Nur im<br \/>\nMiteinander aller ist der Organismus funktions- und \u00fcberlebensf\u00e4hig,<br \/>\nauch f\u00e4hig zu Schmerz und zu Freude, zu Angst und zu Hoffnung.<\/p>\n<p>Und das alles nun ein Bild f\u00fcr die christliche Gemeinde? Paulus<br \/>\nhat es im Blick auf die Gemeinden in Korinth und in Rom wohl so gemeint<br \/>\nund gesehen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; wenn<br \/>\nein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Das w\u00e4re<br \/>\ndann wirklich ein Idealbild, eine nicht mehr zu \u00fcbertreffende Vorstellung.<\/p>\n<p>Es gibt nun aber doch, so meine ich, zwei Gr\u00fcnde, dieses so anschaulich<br \/>\nentwickelte Bild heute kritisch zu sehen und zu bewerten.<\/p>\n<p>Der erste Grund f\u00fcr eine solche kritische Betrachtung ist in der<br \/>\nmedizinischen Grundstruktur des Bildes angelegt. Es ist eben heute durchaus<br \/>\nm\u00f6glich, K\u00f6rperteile, einzelne Organe oder auch nur kleinste<br \/>\nZellmengen isoliert vom Gesamtorganismus in k\u00fcnstlicher Umgebung<br \/>\n\u00fcberleben zu lassen. Auch Bilder haben also ihrer Zeit.<\/p>\n<p>Der zweite Grund f\u00fcr eine kritische Betrachtung h\u00e4ngt mit dem<br \/>\nBild selbst zusammen. Es ist keinesfalls von Paulus erfunden, sondern<br \/>\n\u00fcbernommen worden. In der Antike wurde die Einheit des Staates etwa<br \/>\nmit der Einheit des Leibes zum Ausdruck gebracht, wobei bereits hier von<br \/>\neinem Mit-Leiden und einem Mit-Freuen der Glieder die Rede war. Und auch<br \/>\nin den beinahe 2000 Jahren nach Paulus ist dieses Bild vom Leib und den<br \/>\nGliedern immer wieder aufgenommen worden &#8211; und zwar sowohl im Blick auf<br \/>\ndie Kirche als auch auf das Staatswesen. Dabei konnte das das Bild konstituierende<br \/>\nVerh\u00e4ltnis zwischen den Gliedern und dem Gesamtorganismus f\u00fcr<br \/>\nbeides gebraucht werden: Es konnte einerseits die eigensinnige Beteiligung<br \/>\nder B\u00fcrger, der einzelnen Glieder also, unterst\u00fctzen, denn nur<br \/>\ndadurch, so der Gedanke, bleibt der Gesamtorganismus lebensf\u00e4hig.<br \/>\nEbenso aber konnte es dazu gebraucht werden, Einzelne im Namen etwa einer<br \/>\nVolksgemeinschaft oder einer gemeinsamen Idee zu entm\u00fcndigen; die<br \/>\neinzelnen, die Glieder, erfahren sich dann nur als uhrwerkgleiche R\u00e4dchen,<br \/>\ndie das Funktionieren des Gemeinwesens oder auch einer Firma garantieren.<br \/>\nGeht es dem einzelnen gut, geht es auch der Firma gut; geht es der Firma<br \/>\ngut, wird es auch dem einzelnen gut gehen. Das ist die Ambivalenz eines<br \/>\nsolchen Bildes.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen und wir wollen also dieses anschauliche Bild von dem<br \/>\neinen Leib in vielen Gliedern nicht einfach als Schablone f\u00fcr Gemeinde<br \/>\ngebrauchen. Es w\u00fcrde entweder Gemeinde uniform erscheinen lassen<br \/>\n&#8211; alle Menschen in der Gemeinde m\u00fcssten sich dann mit ihren F\u00e4higkeiten<br \/>\nan solchem Rahmen ausrichten. Und andererseits w\u00e4re die Gemeinde<br \/>\neindeutig nach au\u00dfen abgegrenzt, als w\u00e4re in der heutigen Zeit<br \/>\neine so klare Zuordnung noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Anders aber k\u00f6nnte es dort sein, wo wir dieses Bild nicht als Norm,<br \/>\nsondern als Predigt, als Bild f\u00fcr die Erm\u00f6glichung christlicher<br \/>\nExistenz h\u00f6ren k\u00f6nnen. Denn wir sind durch einen Geist alle<br \/>\nzu einem Leib getauft, so hei\u00dft es bei Paulus. Wir suchen sicherlich<br \/>\nmanchmal nach uns sympathischen Menschen in der Gemeinde, mit denen wir<br \/>\ngern etwas zusammen gestalten m\u00f6chten. Auch davon sind unsere Entscheidungen<br \/>\nzum Mitmachen abh\u00e4ngig und das ist ganz nat\u00fcrlich und auch durchaus<br \/>\nlebensdienlich. Es kann ein St\u00fcck wichtiger Selbstbest\u00e4tigung<br \/>\ngeben und es macht gemeinsam auch einfach Spa\u00df.<\/p>\n<p>Es sind dann aber auch immer eine ganze Reihe von Menschen, die wir vielleicht<br \/>\nnur Weihnachten im Gottesdienst wahrnehmen, oder aus Anlass von Taufe,<br \/>\nKonfirmation, Trauung oder gar nur Beerdigung. Durch einen Geist wir alle<br \/>\n-wir und diese auch? Vielleicht m\u00fcssen wir manchmal eher dar\u00fcber<br \/>\ndas Staunen lernen, dass manche Menschen bei so wenigen Kontaktpunkten<br \/>\ndoch das erwarten und das erhalten, was ihnen wertvoll ist und sie weiter<br \/>\nbegleitet.<\/p>\n<p>Kopf und Hand, Auge und Ohr und was wir noch alles aufz\u00e4hlen k\u00f6nnten,<br \/>\nuntereinander grundverschieden, unvergleichbar, scheinbar sogar unterschiedlicher<br \/>\nQualit\u00e4t &#8211; und doch nicht v\u00f6llig voneinander trennbar, denn<br \/>\nwir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft. Nicht das Dazugeh\u00f6ren,<br \/>\nwie wir es sehen und beurteilen k\u00f6nnen, nicht das ist das Entscheidende,<br \/>\nsondern der Geist Gottes, dessen Wirken wir nicht hervorrufen k\u00f6nnen<br \/>\nund dessen Wirken wir auch nicht begrenzen k\u00f6nnen. Die Einsicht darin<br \/>\nlehrt uns Bescheidenheit, was unsere Einsch\u00e4tzung von anderen Menschen<br \/>\nbetrifft. Und diese Einsicht kann aber gerade auch Begeisterung freisetzen.<br \/>\nKreativit\u00e4t und Ideen dazu, das Leben zu feiern, ansteckende Fr\u00f6hlichkeit<br \/>\nzu leben. Und: Die Schwierigkeiten, die k\u00f6rperlichen und die seelischen<br \/>\nWunden der Menschen um uns zu sehen, ihnen zur Seite zu stehen und f\u00fcr<br \/>\nsie einzutreten. Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, wenn<br \/>\nein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.<\/p>\n<p>Wir werden immer erleben, dass die Welt trotz aller gute Impulse nicht<br \/>\nzum Paradies wird. Nicht einmal alle Wunden k\u00f6nnen geheilt, nicht<br \/>\nalle Leidendenden getr\u00f6stet werden. Das einzusehen, zu ertragen ist<br \/>\nschwer genug. Und da ist es gut daran erinnert zu werden, was wir bei<br \/>\nPaulus geh\u00f6rt haben: Ihr aber seid der Leib Christi; und von diesen<br \/>\nvielen, die hier im Blick sind, sind wir heute hier in dieser Kirche ein<br \/>\nTeil, wahrscheinlich einige sehr unterschiedliche Glieder. Welche F\u00e4higkeiten,<br \/>\nwelche Ideen, aber auch welche Empfindungsf\u00e4higkeit ist uns eigen,<br \/>\nvon Gott gegeben? &#8211; Wo Menschen sich davon anger\u00fchrt erleben, da<br \/>\nist eine Hoffnung f\u00fcr unsere Welt, &#8211; heute und auch morgen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de\">Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021020-4.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. 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