{"id":9170,"date":"2021-02-07T19:49:56","date_gmt":"2021-02-07T19:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9170"},"modified":"2022-08-09T18:23:40","modified_gmt":"2022-08-09T16:23:40","slug":"1-johannes-2-7-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-2-7-17\/","title":{"rendered":"1. Johannes 2, 7-17"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger<br \/>\nPredigten im Internet<br \/>\nhg. von U. Nembach, Redaktion: R. Schmidt-Rost<\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">22. Sonntag nach Trinitatis,<br \/>\n27. Oktober 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Johannes 2, 7-17, verfa\u00dft von Ralf Hoburg<br \/>\n<\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><b>&#8222;Liebe mit Folgen&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Gemeinschaften haben ihren Reiz und Cliquen sind wie eine Familie. In<br \/>\nVereinen und Clubs l\u00e4sst sich die N\u00e4he zwischen Menschen sehr<br \/>\nunmittelbar erleben und es entsteht so etwas wie Vertrautheit. Vereine<br \/>\nund Cliquen bieten Intimit\u00e4t. Die Mitglieder kennen sich untereinander<br \/>\ngut, kommen seit Jahren zusammen, sind sich gegenseitig sympathisch und<br \/>\nes geht dort zu wie in einer verschworenen Gemeinschaft. Fremde k\u00f6nnen<br \/>\ndort kaum noch Aufnahme finden. Solche Vereine und Gemeinschaften haben<br \/>\nihre Rituale, sprechen eine eigene Sprache, ja man kann sagen, dass sie<br \/>\neine eigene Kultur pflegen. Erst aus der Innenperspektive eines solchen<br \/>\nVereins erschliesst sich dem Betrachter die Kraft, die die Menschen verbindet.<\/p>\n<p>Diese Vertrautheit und Intimit\u00e4t kann Menschen abschrecken, weil<br \/>\nman leicht das Gef\u00fchl gewinnt, vereinnahmt zu werden. Sie kann aber<br \/>\nauch Geborgenheit bieten und eine Nestw\u00e4rme, die die Gemeinschaft<br \/>\nvor der Au\u00dfenwelt sch\u00fctzt, weil man sich dort im engsten Kreis<br \/>\ngeliebt, angenommen und verstanden f\u00fchlt. Und an gegenseitiger F\u00fcrsorge<br \/>\nund Annahme mangelt es ja im gesellschaftlichen Alltags- und Berufsleben<br \/>\nheute durchaus. Denn wo in Hollywood-Filmen und in unz\u00e4hligen Pop-Songs<br \/>\ndie Macht der Liebe gepredigt oder von Toleranz gesungen wird, da herrscht<br \/>\nin der Realit\u00e4t des Alltags doch allzu oft Zank und Streit, Neid,<br \/>\nMissgunst und Hass. Die Gesellschaft steht in diesen Tagen nicht nur \u00f6konomisch<br \/>\nvor der Zerrei\u00dfprobe. Innerlich reiben sich die Menschen auf und<br \/>\ndie Bindungsf\u00e4higkeit hat seit Jahren starke Risse erhalten. Von<br \/>\nder &#8222;Neidgesellschaft&#8220; war vor Jahren schon die Rede. Die aktuellen<br \/>\nB\u00fccher auf der Buchmesse in Frankfurt zeigen, wie innerlich hin und<br \/>\nher zerrissen das Leben in Deutschland in den Augen vieler Intellektueller<br \/>\ninzwischen gesehen wird. Mancher Roman zeichnet die &#8222;Ungl\u00fccksspur<br \/>\neiner Ehe&#8220; nach und demonstriert, dass in unserer Gesellschaft die<br \/>\nLiebe zu Tode geliebt wird. Die Droge Sehnsucht oder die Gretchenfrage:<br \/>\n&#8222;wie f\u00fchre ich ein gl\u00fcckliches Leben&#8220; wird von der<br \/>\nLiebe erwartet. Die Liebe ist omnipr\u00e4sent, sie wird in den Medien<br \/>\nt\u00e4glich zelebriert. Mir geht es da wie dem Hamburger TV-Moderator<br \/>\nRoger Willemsen, der in seinem j\u00fcngsten Buch an Deutschland leidet<br \/>\nund zu einem Ergebnis kommt: &#8222;nichts ist Gef\u00fchl, alles Gef\u00fchl&#8220;.<br \/>\nDie Flucht in die vermeintlich heile Welt der Schrebergartenkolonie bietet<br \/>\nsich als Ausweg an. Der Zuschauer l\u00e4sst sich gerne entf\u00fchren<br \/>\nin die Innenwelt der Lebensgemeinschaft etwa in einer der unz\u00e4hligen<br \/>\n&#8222;Daily soaps&#8220; und lebt und leidet stellvertretend vor dem Fernseher<br \/>\nmit den Serienheldinnen und Helden und geht allzu gerne den Pakt mit der<br \/>\nk\u00fcnstlichen Welt der Fernsehserien-Gemeinschaft ein.<\/p>\n<p>Wenn man so will, bildet auch eine Kirchengemeinde eine Art Vereinsgemeinschaft,<br \/>\ndie von einer Sehnsucht nach Geborgenheit getragen wird. Die Kerngemeinde<br \/>\nkennt sich und in den Gruppen und Gemeindekreisen begegnen sich eigentlich<br \/>\nimmer nur die selben Menschen, die sich seit Jahren, zum Teil Jahrzehnten<br \/>\nin der Kirchengemeinde engagieren und sich dort einfach wohlf\u00fchlen.<br \/>\nDie Kirche bildet heute mehr als fr\u00fcher eine Welt f\u00fcr sich,<br \/>\nderen Regeln kaum noch bekannt sind. Viele \u00e4ltere Gemeindeglieder<br \/>\nhaben mehrere Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern kommen und gehen<br \/>\ngesehen. Wer sie fragt, weshalb sie sich in der Gemeinde engagieren, erh\u00e4lt<br \/>\noft formelhaft zur Antwort: Es geht doch um die Verk\u00fcndigung des<br \/>\nEvangeliums. Vieles dreht sich inzwischen um sich selbst und hin und wieder<br \/>\nweiss man im Seniorenkreis, der seit 30 Jahren besteht und einmal als<br \/>\nFamilienkreis angefangen hatte, gar nicht, wieso man sich im Gemeindehaus<br \/>\ntrifft und nicht bei der \u00f6rtlichen Volkshochschule. Von aussen betrachtet<br \/>\nerscheint die Kirche als ein Verein unter anderen im gesellschaftlichen<br \/>\nAlltag und es f\u00e4llt auch bei einem Blick die vielf\u00e4ltige Welt<br \/>\nder Gemeindebriefe schwer, das wirklich Unterscheidende zu finden. Begeisterung<br \/>\nfinde ich derzeit im evangelischen Gemeindeleben kaum noch und ich frage<br \/>\nmich ernsthaft, wie sich dieser Kreislauf volkskirchlichen G\u00e4hnens<br \/>\ndurchbrechen l\u00e4sst. Die Kirche existiert, weil sie existiert und<br \/>\nallenfalls Kirchengeb\u00e4ude und Friedh\u00f6fe erinnern an die religi\u00f6se<br \/>\nDimension der Kirche. Es stellt sich unverhohlen die Frage: wo ist der<br \/>\nSchwung des Anfangs geblieben? Und von Begeisterung ist allenfalls in<br \/>\nLiedern des Kirchentages die Rede, wenn da von jung und alt getr\u00e4llert<br \/>\nwird: &#8222;Die Sache Jesu braucht Begeisterte&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Und dabei wird besonders von der Kirche eine Gegenkultur in der Gesellschaft<br \/>\nerhofft und erwartet. Wie oft habe ich bei diversen Gespr\u00e4chen schon<br \/>\ndie Meinung geh\u00f6rt: &#8222;In der Kirche geht es doch anders zu&#8220;!<br \/>\nUnd ebenso oft ist dann zu h\u00f6ren: Past\u00f6re oder Geistliche streiten<br \/>\nja nicht. In der Kirche herrscht Dem\u00fctigkeit und zumindest glauben<br \/>\nviele, dass sich in der Kirche wirklich alle &#8222;lieb haben&#8220;. Was<br \/>\nman von der Liebe im Fernsehen bloss erhofft, soll wenigstens in der Kirche<br \/>\nstellvertretend f\u00fcr uns alle gelebt werden! Eine Gemeinschaft, die<br \/>\nsich von der Liebe tragen l\u00e4sst und in der Menschen anders miteinander<br \/>\numgehen. Weit gefehlt, kann ich da nur sagen, denn die Erfahrung zeigt<br \/>\netwas anderes und dann denke ich dabei unwillk\u00fcrlich an die Verse<br \/>\nim 1. Johannesbrief. Anspruch und Wirklichkeit klaffen in der Kirche genauso<br \/>\nauseinander wie \u00fcberall auf der Welt, wo Menschen miteinander arbeiten,<br \/>\nleben, reden und streiten. Aber eines stimmt schon: Christen leben aus<br \/>\neiner anderen Quelle und ihr Miteinander beruht auf einem besonderen Grund.<\/p>\n<p>Der Predigttext des 1. Johannesbriefes beschreibt diesen Anspruch des<br \/>\nGemeindelebens sehr deutlich und zeigt gleichzeitig, wie das Leben in<br \/>\nder Gemeinschaft sein soll. Der Briefschreiber konfrontiert seine Gemeinde<br \/>\nklar mit Anspruch und Wirklichkeit des Christseins und zeigt damit auch<br \/>\nuns heute inmitten einer zerbr\u00f6selnden Volkskirche die Dynamik einer<br \/>\nKirchenvision, die vom Motor der Liebe angetrieben wird. Es steht ausser<br \/>\nFrage, dass der Brief an mehrere Gemeinden geschrieben ist, denen das<br \/>\nFeuer der Liebe zu erlischen droht und die mit Anfechtungen zu k\u00e4mpfen<br \/>\nhaben. Sogenannte &#8222;Irrlehrer&#8220; sind in der Gemeinde aufgetaucht<br \/>\nund sorgen f\u00fcr Verwirrung. Sie verk\u00fcndigen eine andere Lehre,<br \/>\ndie die religi\u00f6se Abkehr von der Welt fordert. Die M\u00e4chte der<br \/>\nWelt geh\u00f6ren f\u00fcr sie in das Reich der Finsternis. Mich erinnert<br \/>\nmanches an dieser &#8222;Irrlehre&#8220; an fundamentalistische Ideen, mit<br \/>\ndenen wir nicht nur im Islam heute zu k\u00e4mpfen haben. Fundamentalismus<br \/>\nist ein religi\u00f6ses Zeichen der Zeit und es gilt aufzupassen, dass<br \/>\nman nicht in die Falle der falschen Alternativen ger\u00e4t. Davor warnt<br \/>\nletztlich auch der Predigttext aus dem Johannesbrief. In dieser Situation<br \/>\ndes Auftretens von Irrlehrern und dem Gegen\u00fcber von Licht und Finsternis<br \/>\nzeigt der 1. Johannesbrief auf, dass die Funktion der Gemeindearbeit in<br \/>\nder Inszenierung einer Liebesbeziehung liegt. Aber diese Liebesbeziehung<br \/>\nist wahrlich anders gemeint als einerseits der verharmlosende Anspruch<br \/>\ndes &#8222;wir haben uns alle lieb&#8220; und andererseits auch etwas anderes<br \/>\nals die \u00dcberstrapazierung der Liebe als zwischenmenschliches Gl\u00fccksgef\u00fchl.<br \/>\nDie Liebe ist das eigentliche Zentrum der Gemeinde, aber diese Liebe hat<br \/>\nsowohl ihren Grund als auch ihre Folgen. Damit wird dann die Liebe an<br \/>\nihre religi\u00f6sen Heimat zur\u00fcckgeholt, denn auch der Apostel Paulus<br \/>\nweiss im 1. Korintherbrief davon zu schreiben: &#8222;Nun aber bleiben<br \/>\nGlaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die gr\u00f6\u00dfte<br \/>\nunter ihnen.&#8220; (1. Kor. 13, 13) Was ist so besonderes an der Liebe,<br \/>\ndass sie zum Wesen des Christentums wird? Ich werde dabei immer an einen<br \/>\nSatz des Theologen Rudolf Bultmann erinnert, der formulierte: &#8222;Eure<br \/>\nerste Liebe soll die Theologie sein&#8220;. Damit meint Bultmann, dass<br \/>\ndie Liebe den Menschen in Bewegung setzt und ihn dazu anleitet, ihr redlich<br \/>\nauf den Grund zu gehen und zu verstehen, was Grund und Ursache der Liebe<br \/>\nist.<\/p>\n<p>Auf das Miteinander legt der Briefschreiber grossen Wert. Schon die Anrede<br \/>\nder Gemeinde macht das deutlich: &#8222;Geliebte&#8220; &#8211; so spricht der<br \/>\nVerfasser die Gemeinde an! Wenn man so will dr\u00fcckt sich hier der<br \/>\nKern der Beziehung zwischen dem &#8222;Pastor&#8220;, d.h. doch nicht weniger<br \/>\ndem Hirten und der Gemeinde als der geliebten Schar der Menschen aus,<br \/>\ndie an Christus glauben. Die Liebe bildet also die Mitte in dieser besonderen<br \/>\nGemeinschaft, dieser Clique von Menschen. Keine Distanz der Arbeitsbeziehung,<br \/>\nkeine hierarichische \u00dcber- und Unterordnung wird hier geduldet, sondern<br \/>\nalles lebt aus der Sorge und dem F\u00fcreinander zwischen Pastor und<br \/>\nGemeinde. So erkl\u00e4rt sich in gewisser Weise der predigtartige Stil<br \/>\ndieser Perikope und gleichzeitig der liebevoll ermahnende Tonfall. Im<br \/>\nSpiegel der heutigen Gemeindewirklichkeit bekommt dieser &#8211; durchaus pastorale<br \/>\n&#8211; Tonfall der F\u00fcrsorge eine hohe Bedeutung. Wo und vor allem wie<br \/>\nwird diese gegenseitige Liebeskultur in der kirchlichen Gemeinschaft eigentlich<br \/>\nnoch sichtbar? Wenn man so will ist nach diesem Text die Liebe das Sein<br \/>\nder Gemeinde, die damit zu einer qualit\u00e4tvollen, d.h. aus der Liebe<br \/>\nlebenden Gemeinschaft bzw. einem Liebesverein werden m\u00fcsste. Das<br \/>\netwas verstaubte Wort von der kirchlichen Dienstgemeinschaft bringt noch<br \/>\netwas davon zum Ausdruck, dass das Sein der Gemeinde ein besonderes ist.<\/p>\n<p>Bei alledem sagt der Verfasser des Briefes den Gemeinden eigentlich gar<br \/>\nnichts wirklich neues, sondern verweist sie lediglich auf die Grundlagen<br \/>\ndes Glaubens: es ist das alte Gebot, das aus dem Judentum stammt und das<br \/>\neine Kontinuit\u00e4t zwischen dem Bund mit Israel und dem Bund in Christus<br \/>\ndarstellt. Und er erinnert die Gemeinde dann daran, nicht die Welt lieb<br \/>\nzu haben. F\u00fcr unsere Ohren sind solche z.T. weltfremden S\u00e4tze<br \/>\nschwer verst\u00e4ndlich. Wir leben doch in der Welt und es gibt viele<br \/>\nAnnehmlichkeiten, auf die ich nicht verzichten m\u00f6chte. Wenn aber<br \/>\ndavor gewarnt wird, nicht die Welt lieb zu haben, dann meint der Johannesbrief<br \/>\ndie Verg\u00f6tterung des Weltlichen oder anders ausgedr\u00fcckt: die<br \/>\nWelt wird mit all ihren Sch\u00f6nheiten auf den Sockel gestellt. Das<br \/>\ntun die Irrlehrer. Es geht nicht um Weltflucht des Glaubens, wie etwa<br \/>\nauch Fundamentalisten im Christentum und Islam glauben. Sondern aus der<br \/>\nLiebe entwickelt sich die Dynamik und die Inbeziehungsetzung zur Welt<br \/>\nund zum N\u00e4chsten. Und eines steht fest: Der Johannesbrief pocht auf<br \/>\ndie Gleichung, dass die Christen im Licht leben und sie diesem Stand entsprechen,<br \/>\nwenn sie gegenseitig Liebe \u00fcben. Diese Bewegung hat immer schon den<br \/>\nbesonderen Reiz der Gemeinschaft der Christen ausgemacht, weil sie etwas<br \/>\nVer\u00e4nderndes und Bewegendes in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Aber was heisst das dann konkret, wenn der Johannesbrief von diesem Sein<br \/>\nim Licht spricht, das die Existenz eines Christen im Kreis der Gemeinde<br \/>\nausmacht? Der Text nimmt uns hierbei in eine Bewegung hinein, die von<br \/>\neiner Grundschwingung bestimmt ist: Gott hat die Welt geliebt und Jesus<br \/>\nChristus war diese Liebe Gottes in Person. Von dieser Liebe geht alles<br \/>\naus. Das ist das Wort, das die Gemeinde in jeder Predigt h\u00f6rt. In<br \/>\ndieser Bewegung wird sie dann eine Gemeinde mit Hoffnung und aus dieser<br \/>\nLiebe heraus gelten in ihr andere Regeln. Diese Liebe, aus der heraus<br \/>\nsich der Mensch definiert, ist die Kultur des &#8222;Christenvereins&#8220;.<br \/>\nMit modernen Worten ausgedr\u00fcckt, lie\u00dfe sich die steile Formulierung<br \/>\nwagen, dass diese Liebe die Unternehmenskultur der Kirche ist. So kann<br \/>\nder Johannesbrief dann getrost die Aussage treffen, dass derjenige, der<br \/>\nseinen Bruder liebt, im Licht bleibt. Also haben im Grunde genommen doch<br \/>\ndiejenigen Recht, die aus ihrer Erwartungshaltung heraus behaupten, dass<br \/>\nes in der Kirche anders zu laufen habe als in der Welt, dass die Kirche<br \/>\nalso der Musterverein ist, in dem wie eingangs beschrieben eine Harmonie<br \/>\nund eine eigene Kultur herrschen. Auch wenn dadurch der Eindruck einer<br \/>\ngewissen kirchlichen Enge entsteht, bin ich davon \u00fcberzeugt, dass<br \/>\nan dieser von aussen an die Gemeinden herangetragenen Erwartung durchaus<br \/>\nRichtiges dran ist. Die kirchliche Gemeinschaft ist eine besondere Gemeinschaft,<br \/>\ndie aus diesem Geist der &#8211; so heisst es ja im Predigttext &#8211; br\u00fcderlichen<br \/>\nLiebe getragen ist. Die Gefahr der Abgrenzung und Isolierung sehe ich<br \/>\ndabei wohl und es l\u00e4sst sich ja durchaus diese Beobachtung an vielen<br \/>\nGemeinden heute machen. Gleichzeitig ist diese &#8222;Bruderliebe&#8220;<br \/>\netwas anderes als die \u00fcbersteigerte Liebe des zwischenmenschlichen<br \/>\nGl\u00fccks. Die Absolutsetzung der Liebe in den Medien widerspricht der<br \/>\nLiebe, wie sie als F\u00fcrsorge f\u00fcr den Anderen in der Bruderliebe<br \/>\nzum Ausdruck kommt. Die &#8222;Bruderliebe&#8220;, wie sie der Johannesbrief<br \/>\nversteht, ist der alternative Umgang mit dem Anderen.<\/p>\n<p>Viel wichtiger aber ist die grunds\u00e4tzliche Tatsache, dass f\u00fcr<br \/>\nden Johannesbrief aus der Bewegung der Liebe heraus ein &#8222;alternatives&#8220;<br \/>\nVerh\u00e4ltnis der Christen zur Welt bestimmt wird. Und die Kirche ist<br \/>\nder Ort dieses alternativen Umgangs mit der Welt. Der Johannesbrief schreibt,<br \/>\ndass sich aus dem Sein im Licht ein neues Sein in der Welt ergeben muss.<br \/>\nDie Welt wird nicht per se abgelehnt. Das ist das permanente Missverst\u00e4ndnis,<br \/>\ndas etwa auch den Fundamentalismus pr\u00e4gt. Hier wendet sich der Briefschreiber<br \/>\ngegen die Irrlehrer, die der Gemeinde eine falsch verstandene Lehre aufzwingen<br \/>\nwollen. Die Welt aber erscheint durch das Sein im Licht in ihrer ganzen<br \/>\nRelativit\u00e4t. Es geht um die andere, d.h. alternative Haltung der<br \/>\nChristen der Welt gegen\u00fcber. Wer nur die Welt und ihren Materialismus<br \/>\nliebt, der liebt &#8211; so der Johannesbrief &#8211; im eigentlichen Sinne nicht<br \/>\nGott. Vielmehr gewinnt der Mensch durch den Christusglauben die rechte<br \/>\nEinstellung zur Welt und zu den Menschen. Damit weiss der Johannesbrief<br \/>\n&#8211; gerade indem er mit dem Bild der &#8222;Bruderliebe&#8220; argumentiert<br \/>\n&#8211; um die diakonische Dimension aller Gemeindearbeit. In der Gemeinde erh\u00e4lt<br \/>\ndie Bruderliebe ihren konkreten Ausdruck, wenn die Christinnen und Christen<br \/>\nf\u00fcreinander einstehen und insofern &#8211; nicht un\u00e4hnlich einem Verein<br \/>\n&#8211; auch eine famili\u00e4re Geborgenheit vermitteln. Diese f\u00fcrsorgende<br \/>\nFamilie darf sich aber nicht gegen die Welt abschliessen oder sich gegen<br \/>\nneue Impulse sperren, sondern hat sich auf den Anderen auf eine offene<br \/>\nGesellschaft einzulassen um der Liebe Gottes willen. Die &#8222;Bruderliebe&#8220;<br \/>\nhat also Folgen, weil der N\u00e4chste in diese Gemeinschaft mit offenen<br \/>\nArmen und offenem Herzen aufgenommen wird. Dass gerade diese Offenheit<br \/>\nmir in den Kirchengemeinden unserer Tage zu h\u00e4ufig fehlt, macht f\u00fcr<br \/>\nmich den Stachel im Fleisch aus, der tief mit der Krise der Kirche verbunden<br \/>\nist.<\/p>\n<p>Wie also s\u00e4he der Alltag einer Gemeinde heute aus, wenn sie sich<br \/>\nernsthaft von den Leitgedanken des Johannesbriefes tragen liesse? Wie<br \/>\nl\u00e4sst sich die &#8222;Bruderliebe&#8220; aus heutiger Sicht geschwisterlich<br \/>\nleben? Was w\u00e4re das Leitbild des &#8222;Christenvereins&#8220; in heutiger<br \/>\nZeit, der sich von der Welt in der Liebe unterscheidet, sich dabei nicht<br \/>\nfundamentalistisch abgrenzt, sondern pluralismusf\u00e4hig f\u00fcr die<br \/>\nWelt wird? Oder konkret: wie kann der alternative Umgang mit dem Anderen<br \/>\ngelebt werden? Wenn eines dabei zutreffen kann, dann ist es sicherlich<br \/>\ndie Grunderkenntnis, dass bei allem Tun in der Gemeinde die Atmosph\u00e4re<br \/>\neines gegenseitigen Zutrauens herrscht. Wie oft erlebt man es gerade in<br \/>\nkirchlichen Zusammenh\u00e4ngen, dass redlich gedacht, gearbeitet und<br \/>\norganisiert wird und man sich den Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes<br \/>\ngegenseitig nicht g\u00f6nnt. Das aber w\u00e4re nach dem Johannesbrief<br \/>\nein Leben in Finsternis. &#8222;Bruderliebe&#8220; heisst gerade in solchen<br \/>\nKontexten, sich am Erfolg des Anderen freuen und ihn g\u00f6nnen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEine Kirche, die sich an dieser Vision einer &#8222;Kultur der Liebe&#8220;<br \/>\norientiert, w\u00e4re erfolgreich, wenn sich f\u00fcr Fremde und Freunde<br \/>\ngemeinsam das Gef\u00fchl des Angenommenseins ergeben k\u00f6nnte. Die<br \/>\n&#8222;alternative&#8220; Leistungskultur der Kirche l\u00e4ge dann darin,<br \/>\ndass eine Mitfreude am Erfolg w\u00e4chst. Es ist ein Geist von Toleranz,<br \/>\nder aus der Liebe erw\u00e4chst, der zu einer Fr\u00f6hlichkeit f\u00fchrt,<br \/>\ndie sich von der l\u00e4rmenden Eventkultur unserer Tage durchaus unterscheidet.<br \/>\nEs mu\u00df doch nicht immer in gedr\u00fcckter Stimmung gepredigt und<br \/>\ngefeiert werden. Aber oft macht schon der Ton die Musik und f\u00fchle<br \/>\nich mich statt in einer fr\u00f6hlichen Christentumsgemeinschaft, die<br \/>\nauf das Reich Gottes hofft, in einer Vereinsversammlung der Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge,<br \/>\nderen innere Getragenheit aus der Ernsthaftigkeit um die Ehre von Verstorbenen<br \/>\nr\u00fchrt. Die Wichtigkeit dieses Anliegens sei nicht in Frage gestellt,<br \/>\ndoch letztlich ist es das Ziel der christlichen Hoffnung, &#8222;nicht<br \/>\ndas Ende der Welt, sondern der Anfang des Lebens zu sein&#8220; (J\u00fcrgen<br \/>\nMoltmann). Wenn dem so ist, mu\u00df das Feuer der Liebe in jeder Gemeinde<br \/>\nbrennen. Und diese Liebe ist eine andere, von der in der Welt das Heil<br \/>\nerwartet wird, weil sie sich auf Jesus Christus gr\u00fcndet, der das<br \/>\nHeil der Welt ist. Aus diesem guten Geist heraus l\u00e4sst sich dann<br \/>\nvortrefflich in guter Gemeinschaft leben, weil wir wissen, dass wir in<br \/>\nChristus l\u00e4ngst im Licht leben und nicht in der Finsternis. Was kann<br \/>\neinem eigentlich besseres passieren, als dass diese Erkenntnis in der<br \/>\nGemeinschaft der Glaubenden kr\u00e4ftig gelebt wird?<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Ralf Hoburg<br \/>\nEvang. Fachhochschule Hannover<br \/>\nBlumhardtstr. 2<br \/>\n30625 Hannover<br \/>\nTel.: 0171-8373196<br \/>\n<a href=\"mailto:RalfHoburg@aol.com\">RalfHoburg@aol.com<\/a> <\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach, Redaktion: R. Schmidt-Rost 22. Sonntag nach Trinitatis, 27. Oktober 2002 Predigt \u00fcber 1. 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