{"id":9174,"date":"2002-11-07T19:49:57","date_gmt":"2002-11-07T18:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9174"},"modified":"2025-06-27T19:58:35","modified_gmt":"2025-06-27T17:58:35","slug":"genesis-18-20-21-22b-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-18-20-21-22b-33\/","title":{"rendered":"Genesis 18, 20-21.22b-33"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">23. Sonntag nach Trinitatis | 3. November 2002 | 1. Mose 18, 20-21.22b-33 | Klaus Steinmetz |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Unser heutiger Predigttext aus dem 18. Kapitel des ersten Buches Mose<br \/>\nmacht uns zu Mith\u00f6rern eines Gespr\u00e4ches, eines Gespr\u00e4ches<br \/>\nzwischen Abraham und seinem Gott. Es findet statt vor einem dunklen Hintergrund.<br \/>\nIn Sodom und Gomorra herrschen S\u00fcnde und Unrecht, die zum Himmel<br \/>\nschreien. Schlimme Zust\u00e4nde und Ereignisse in unseren Tagen fallen<br \/>\nuns dazu wie von selbst ein, zuletzt gerade die grauenvolle Geiselnahme<br \/>\nin Moskau, deren opferreiche Beendigung nur sehr bedingt Erleichterung<br \/>\naufkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gott, so h\u00f6ren wir, muss herabkommen, um sich selbst ein Bild von<br \/>\nden Zust\u00e4nden in den beiden St\u00e4dten zu machen. Das ist sehr<br \/>\nmenschlich von Gott geredet, als w\u00e4re er zu weit weg, um alles richtig<br \/>\nmitzubekommen. Aber die Bibel nimmt das in Kauf um der Lebendigkeit ihres<br \/>\nGottesbildes willen. Die Alternative, abstrakt und d. h. letztlich unmenschlich<br \/>\nvon Gott zu reden, kommt f\u00fcr sie nicht in Frage.<\/p>\n<p>Aber bevor Gott das tut, beschlie\u00dft er, Abraham als seinen Erw\u00e4hlten<br \/>\nins Vertrauen zu ziehen. Er soll wissen, welche Katastrophe sich da wahrscheinlich<br \/>\nf\u00fcr Sodom und Gomorra anbahnt. Und indem er ihn ins Vertrauen zieht,<br \/>\nmacht er ihn seinem Partner, der mitdenkt und daraufhin mitredet, in aller<br \/>\nBescheidenheit, aber auch in der n\u00f6tigen Deutlichkeit. H\u00f6ren<br \/>\nwir das Gespr\u00e4ch (folgt Verlesung der Verse 22b-33).<\/p>\n<p>Die Bescheidenheit Abrahams ist wirklich nicht zu \u00fcberh\u00f6ren,<br \/>\nwenn er immer wieder geradezu umst\u00e4ndlich betont, dass er sich des<br \/>\nWagnisses seine Worte bewusst ist: Sie k\u00e4men ihm eigentlich nicht<br \/>\nzu, wo er doch nur Erde und Asche sei. Er wei\u00df, dass er die Geduld<br \/>\nseines g\u00f6ttlichen Gespr\u00e4chspartners ziemlich strapaziert.<\/p>\n<p>Und doch meint er offenbar, sich in diesem Gespr\u00e4ch immer weiter<br \/>\nvorwagen zu m\u00fcssen. Mit f\u00fcnfzig Gerechten, die f\u00fcr eine<br \/>\nVerschonung der Stadt vielleicht ausreichen k\u00f6nnten, beginnt er,<br \/>\n\u00fcber 45, drei\u00dfig, zwanzig bis zu schlie\u00dflich zehn tastet<br \/>\ner sich immer weiter. Das erinnert daran, wie auf einem Basar im Orient<br \/>\n\u00fcber den Preis verhandelt wird. Wer das einmal erlebt oder sogar<br \/>\nselber mitgemacht hat, wei\u00df, wie viel Spa\u00df das machen kann,<br \/>\ngerade auch wenn sehr h\u00f6fliche Formulierungen auf beiden Seiten dabei<br \/>\ngebraucht werden. Also wie ein Pokern um den Preis kann uns dieses Gespr\u00e4ch<br \/>\nvorkommen, auch wenn es darin um etwas sehr Ernstes geht. Was ist es,<br \/>\nwas Abraham veranlasst, sich so weit vorzuwagen? Man k\u00f6nnte vermuten,<br \/>\nes sei das Geschick der Stadt und ihrer Menschen, f\u00fcr die er bittet,<br \/>\nso wie es Gl\u00e4ubige immer wieder getan haben und bis heute tun. Dann<br \/>\nginge es hier um das gro\u00dfe und wichtige Anliegen der F\u00fcrbitte.<br \/>\nDas trifft auch bis zu einem gewissen Grade zu. Abraham spricht ja davon,<br \/>\ndas der Stadt vergeben werden und sie der Vernichtung entgehen m\u00f6ge.<br \/>\nDoch lauet seine Bitte nicht einfach, wie man erwarten sollte: Verschone<br \/>\ndoch die Stadt.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Vermutung, was Abraham bewegt, nimmt die Gerechten in<br \/>\nder Stadt in den Blick. Sie w\u00e4ren ja mit betroffen, wenn die Stadt<br \/>\nvernichtet w\u00fcrde. Abraham w\u00fcrde sich also hier f\u00fcr sie<br \/>\nverwenden. Das tut er in der Tat auch. Es ist ihm unertr\u00e4glich, wenn<br \/>\nsie zusammen mit den B\u00f6sen umkommen sollten. Aber auch hier lauten<br \/>\nseine Worte nicht einfach, wie man er warten sollte: Dann verschone doch<br \/>\nwenigstens die Gerechten. Zu den Gerechten in Sodom geh\u00f6rt ja auch<br \/>\nsein Verwandter Lot mit seiner Familie. Abraham erw\u00e4hnt sie mit keinem<br \/>\nWort. (Sie werden \u00fcbrigens sp\u00e4ter, vor der Vernichtung der Stadt,<br \/>\ngerettet &#8211; bis auf Lots Frau, die sich bei der Flucht umdreht, um zur\u00fcckzuschauen,<br \/>\nund daraufhin zur Salzs\u00e4ule erstarrt.)<\/p>\n<p>So sehr diese beiden \u00dcberlegungen \u00fcber das Motiv Abrahams etwas<br \/>\nRichtiges treffen, sein Hauptanliegen ist ein anderes: Es geht ihm um<br \/>\ndie Gerechtigkeit Gottes. Dass zusammen mit den B\u00f6sen auch Gerechte<br \/>\numkommen sollten, das vertr\u00e4gt sich nicht mit Gottes Gerechtigkeit.<br \/>\n&#8222;Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?&#8220; An dieser<br \/>\nStelle wird der sonst so umst\u00e4ndlich unterw\u00fcrfige Abraham ganz<br \/>\ndeutlich und direkt: Das sei ferne von dir! Ein sehr starker Ausdruck,<br \/>\nder Gott geradezu entgegengeschleudert wird. Das kannst du doch nicht<br \/>\nmachen, ja nicht einmal wollen! Worauf soll denn da noch Verlass sein?<br \/>\nEs ist dieselbe Ersch\u00fctterung, angesichts von Katastrophen und Schicksalsschl\u00e4gen,<br \/>\ndie anscheinend grundlos und wahllos \u00fcber Menschen hereinbrechen,<br \/>\nohne Unterschied zwischen Guten und B\u00f6sen zu machen, die Menschen<br \/>\nbis heute fragen l\u00e4sst: Wie kann Gott das zulassen?<\/p>\n<p>Gottes Gerechtigkeit &#8211; darum ringt Abraham mit Gott. Keine Frage ist<br \/>\nf\u00fcr ihn, dass menschliches Handeln und Verhalten Konsequenzen hat.<br \/>\nEs ist nie egal, was sie tun. Wenn Menschen nicht nach Gottes Willen fragen,<br \/>\nsich \u00fcber seine Gebote hinwegsetzen, bringt das Unheil \u00fcber<br \/>\nsie. Abraham steht darin f\u00fcr die \u00dcberzeugung der ganzen Bibel<br \/>\nund des Glaubens, dass die S\u00fcnde ein todernste Sache ist, genauso<br \/>\nwie die Gerechtigkeit Gottes, der sich nicht spotten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aber was ist dann mit den Gerechten? Wiegt ihr Tun und Dasein in einer<br \/>\nGemeinschaft nicht auch etwas? Das kann doch f\u00fcr die Gerechtigkeit<br \/>\nGottes nicht gleichg\u00fcltig sein. Dar\u00fcber verhandelt Abraham mit<br \/>\nGott. Und die Antwort, die er erh\u00e4lt, lautet: Das Gewicht der Gerechten<br \/>\nwiegt schwer. Nicht erst f\u00fcnfzig, sondern am Ende schon zehn wiegen<br \/>\ns\u00e4mtliches Unrecht der \u00fcbrigen auf. Die Gerechten sind ein Segen<br \/>\nf\u00fcr die Gemeinschaft. Das ist alle andere als eine schematische Rechenfrage.<br \/>\nGottes Gerechtigkeit l\u00e4sst nicht interesselos die beiden Waagschalen<br \/>\nsich auspendeln. In der Schale der Gerechten ist gleichsam noch ein anderes<br \/>\nGewicht mit enthalten und schlie\u00dflich ausschlaggebend. Wir k\u00f6nnen<br \/>\nes nur die Barmherzigkeit Gottes nennen, die seine vergeltende Gerechtigkeit<br \/>\num ein Vielfaches \u00fcbertrifft. In die Weite dieser Barmherzigkeit<br \/>\ntastet sich Abraham mit seinen Fragen hinein. Es geh\u00f6rt zur Eigenart<br \/>\nund zum Reiz dieses Gespr\u00e4chs, dass es bei zehn Gerechten abbricht.<br \/>\nWie h\u00e4tte Gottes Antwort gelautet, wenn Abraham noch weiter gegangen<br \/>\nw\u00e4re? Wir erfahren es nicht. Die Geschichte verwehrt es uns, nun<br \/>\nauf eigene Faust weiter zu spekulieren und wom\u00f6glich in Konsequenzenmacherei<br \/>\nzu verfallen. &#8211; In Sodom und Gomorra haben sich anscheinend nicht einmal<br \/>\ndie zehn Gerechten gefunden; die St\u00e4dte verfallen dem Unheil, das<br \/>\nsie sich selbst bereitet haben.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter in der Geschichte des Glaubens wurde das Problem noch<br \/>\nweiter vorangetrieben, bis hin zu dem <b>einen<\/b> Gerechten. Die Sache<br \/>\nwurde da auch nicht im Gespr\u00e4ch, also theoretisch entschieden, sondern<br \/>\npraktisch, im Geschick und Erleiden dieses einen. Darin wurde das ganze<br \/>\nGewicht der S\u00fcnde der Menschen deutlich, sie kostet ihn das Leben,<br \/>\nam Kreuz. Aber seine Gerechtigkeit, sein Gehorsam wiegen die ganze Last<br \/>\nder Schuld der \u00dcbrigen auf. Der Gerechte wird hier, anders als in<br \/>\nAbrahams Fragen, nicht verschont, aber die anderen, gerade auch die Schuldigen,<br \/>\nerhalten dadurch den Freispruch zum Leben. So erweist sich die barmherzige<br \/>\nGerechtigkeit Gottes f\u00fcr alle, die ihr vertrauen.<\/p>\n<p>Ich habe vorhin gesagt, dass Abraham mit seinen Fragen ganz nahe bei<br \/>\ndenen steht, die sich herumschlagen damit: Wie kann Gott das zulassen?<br \/>\nDabei scheint mir ein Unterschied allerdings sehr wichtig zu sein. Wie<br \/>\nkann Gott das zulassen? &#8211; das ist eine Frage nicht an Gott, sondern \u00fcber<br \/>\nihn. Wer so anf\u00e4ngt, gleichsam ohne ihn, wird schwerlich am Ende<br \/>\nwirklich bei ihm ankommen. Er l\u00e4uft Gefahr, mit seinem Fragen allein<br \/>\nzu bleiben. Abraham dagegen redet mit Gott, wendet sich mit seinen Fragen<br \/>\ndirekt an ihn. \u00dcblicherweise nennen wir ein Gespr\u00e4ch dieser<br \/>\nArt Gebet. Wer so zu Gott redet, mit ihm ringt, hat gewiss nicht die Garantie,<br \/>\ndass sich f\u00fcr ihn alle R\u00e4tsel dieser oft so abgr\u00fcndigen<br \/>\nWelt l\u00f6sen. Aber er hat die Chance, dass er mitten in noch so vielen<br \/>\nR\u00e4tseln doch an Gott festhalten und auf seine barmherzige Gerechtigkeit<br \/>\nsich verlassen kann. Denn er entdeckt: Noch bevor er selber angefangen<br \/>\nhat, hat Gott schon ihn festgehalten und mit seiner Barmherzigkeit umfangen.<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><b>Klaus Steinmetz, Sup.i.R.<br \/>\nHainholzweg 8, 37085 G\u00f6ttingen<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. Sonntag nach Trinitatis | 3. November 2002 | 1. Mose 18, 20-21.22b-33 | Klaus Steinmetz | Liebe Gemeinde! 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