{"id":9176,"date":"2002-11-07T19:50:01","date_gmt":"2002-11-07T18:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9176"},"modified":"2025-06-27T19:59:29","modified_gmt":"2025-06-27T17:59:29","slug":"genesis-18-16-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-18-16-33\/","title":{"rendered":"Genesis 18, 16-33"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">23. Sonntag nach Trinitatis | 3. November 2002 |\u00a01. Mose 18, 16-33 | Ed Noort |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Abraham, der Schacherer, verhandelt mit Gott um Leben und Tod. Der Einsatz:<br \/>\nSt\u00e4dte und ihre Einwohner, die es verbockt haben. Die Namen dieser<br \/>\nSt\u00e4dte sind bis zum heutigen Tag mit Verdorbenheit und Untergang<br \/>\nverbunden. Sodom und Gomorra. Es ist eine Geschichte \u00fcber Abraham,<br \/>\neinen bemerkenswerten Wanderer, dessen Geschichten so ansteckend waren,<br \/>\ndass sie ins Neue und ins Alte Testament genommen wurden, und auch im<br \/>\nKoran zu finden sind. Abraham, Vater der Gl\u00e4ubigen f\u00fcr die Juden,<br \/>\ndie Christen und die Muslime.<\/p>\n<p>Abraham verhandelt hier mit Gott wie ein Markth\u00e4ndler. Und Gott<br \/>\nsteigt darauf ein, zuerst anspruchsvoll und dann stets leiser und entgegenkommender.<br \/>\nEs sind Verhandlungen mit hohem Einsatz, Hunderte, vielleicht sogar Tausende<br \/>\nLeben. Doch steht hier noch viel mehr auf dem Spiel. In diesem Gleichnis<br \/>\ngeht es auch um die Gerechtigkeit Gottes selbst, um das Recht des &#8222;Richters<br \/>\n\u00fcber die ganze Erde&#8220;. Das &#8222;Gott sein&#8220; Gottes steht<br \/>\nhier im Mittelpunkt und wir d\u00fcrfen zuschauen wie Abraham Gott ganz<br \/>\nh\u00f6flich ins Kreuzverh\u00f6r nimmt.<\/p>\n<p>Vorher gibt es die Geschichte \u00fcber Gott und seine Botschafter, die<br \/>\nSara und Abraham ein Kind versprechen. Das ist so unm\u00f6glich, dass<br \/>\nSara sogar dar\u00fcber lacht. Der Satz, der diese beiden Geschichten<br \/>\nverbindet, ist dieser: &#8222;Ist beim Herrn etwas unm\u00f6glich?&#8220;<br \/>\n(V.14a). Obwohl das Schicksal von Sodom und Gomorra schon l\u00e4ngst<br \/>\nbeschlossen scheint, wird das ganze wieder neu aufgerollt. &#8222;Ich will<br \/>\nhinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht,<br \/>\ndas zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen (V.21). Gott geht buchst\u00e4blich<br \/>\nauf Tuchf\u00fchlung zu den Menschen, weil das Klagegeschrei zu ihm gedrungen<br \/>\nist. Wer oder was ruft Gott? In der Bibel ist es oft unschuldig vergossenes<br \/>\nBlut, so wie vom totgeschlagenen Abel, oder das Blut des unschuldig verfolgten<br \/>\nHiob. Dieses Blut schreit nach Gott. Opfer haben noch eine Stimme, auch<br \/>\ndie Opfer in Sodom und Gomorra.<br \/>\nEs geht hier um eine alles durchbrechende F\u00fcrsorge. Wo Opfer sind,<br \/>\nnimmt Gott Anteil. Das Klageschrei ist nicht vergeblich, Gott kommt.<\/p>\n<p>Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. In der heutigen \u00dcbersetzung<br \/>\nder Bibel steht: &#8222;Abraham stand noch immer vor dem Herrn&#8220; (V.22).<br \/>\nAber dieser Text wurde durch Schriftgelehrte verbessert. In hebr\u00e4ischen<br \/>\nSchriften steht etwas anderes. &#8222;Und Gott stand noch immer vor Abraham&#8220;.<br \/>\nDie Gelehrten fanden es zuwenig ehrfurchtsvoll und drehten es um. Es war<br \/>\nAbraham, der Gott n\u00e4hertrat und nicht umgekehrt. Gott selbst nimmt<br \/>\ndie Initiative und ermutigt Abraham sein Pl\u00e4doyer vorzutragen. Und<br \/>\nAbraham l\u00e4sst nicht lange auf sich warten: &#8222;Wenn es nun 50 Gerechte<br \/>\nin der Stadt gibt, willst du dann die Stadt auch vernichten? Das kannst<br \/>\ndu doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen.<br \/>\nDann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Willst du nicht<br \/>\ndoch der F\u00fcnfzig wegen dem Ort vergeben?<\/p>\n<p>Die Kernfrage ist: Was kann in dieser schwierigen, verdorbenen Welt,<br \/>\nwo das &#8222;ICH, ICH&#8220; im Vordergrund steht, noch als gerecht gelten?<\/p>\n<p>Hier taucht ein biblisches Motiv auf: Die Liebe von wenigen kann die<br \/>\nH\u00e4rte von vielen brechen. Nur 50 m\u00fcssen es sein und die ganze<br \/>\nStadt ist gerettet. Und dann beginnt das Feilschen. W\u00fcrde Gott nicht<br \/>\nGnade und Barmherzigkeit zeigen, wenn vielleicht von den f\u00fcnfzig<br \/>\nf\u00fcnf fehlen. Oder nur vierzig, oder drei\u00dfig, oder zwanzig,<br \/>\noder vielleicht zehn. Die monotone Antwort ist immer die gleiche. Gott<br \/>\nwird die Stadt nicht vernichten, wenn es nur 45, 40, 30, 20, oder sogar<br \/>\n10 Gerechte sind. Mit jedem Schritt wird die Kraft von Menschen, die liebevoll<br \/>\nhandeln, die sich um ihren N\u00e4chsten k\u00fcmmern, gr\u00f6\u00dfer<br \/>\nund gr\u00f6\u00dfer. Um das Leben zu sichern werden nur 10 gebraucht,<br \/>\n10 Menschen die sich um ihren N\u00e4chsten k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Da ist die Grenze erreicht. Es wird nicht weiter verhandelt. Warum zehn?<br \/>\nWarum nicht um f\u00fcnf mehr fragen? Manche phantasiereiche Gelehrten<br \/>\nhaben es ausgerechnet. Sehr einfach. Rechnen Sie nach: Noah und seine<br \/>\nFrau, drei S\u00f6hne, Sem, Cham und Jafeth und ihre Frauen: das sind<br \/>\nAcht. Und alle waren Gerechte. Und die haben die Sintflut nicht aufhalten<br \/>\nk\u00f6nnen. Acht waren also nicht genug. Und so gibt es noch mehr sch\u00f6ne<br \/>\nGeschichten zur Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Zehn Gerechte wurden also nicht gefunden und so lie\u00df der Herr<br \/>\nauf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen. Sind solche Geschichten<br \/>\nGlaubens-Nostalgie? Alles soll klar und geregelt sein? Verbrecher bestraft<br \/>\nund Gerechte gerettet werden? Ein kraftvoller Eingriff in dieser verwirrten<br \/>\nWelt? Vielleicht urspr\u00fcnglich, aber es geht hier um etwas sehr Einfaches.<br \/>\nGott l\u00e4sst mit sich reden, er will gefragt werden, er l\u00e4sst<br \/>\nsich ein mit Abraham, dem Schacherer. Er wartet richtig darauf, seiner<br \/>\nLiebe und seiner Treue Vorrang zu geben vor dem, was wir &#8222;Gerechtigkeit&#8220;<br \/>\nnennen. Gott ist \u00fcberraschender als wir denken.<\/p>\n<p>Und dann Abraham. Er ist nicht um die Gerechten besorgt, die eventuell<br \/>\nauch im Feuer von Sodom umkommen werden. Nein, es geht ihm immer um die<br \/>\nStadt. Abraham h\u00e4lt ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die verbrecherische<br \/>\nClique in Sodom. Hier traut sich jemand zu sagen: Wenn es ein paar Menschen<br \/>\ngibt, die im Dienste ihren Mitmenschen leben wollen, willst du nicht dem<br \/>\nOrt vergeben? Zehn retten eine Stadt. Die Ruchlosen werden durch die Gerechten<br \/>\nam Leben gehalten. Manchmal kann eine kleine Minderheit wie Hefe wirken.<\/p>\n<p>Zehn Gerechte&#8230; K\u00f6nnte man die bei uns finden, wenn es ums \u00dcberleben<br \/>\ngeht? Diese Frage erschreckt mich manchmal. Ach, wir sind nat\u00fcrlich<br \/>\nalle anst\u00e4ndige Leute. Und doch \u0085 die Einwohner von Sodom und<br \/>\nGomorra waren nicht darauf aus, etwas Schlechtes zu tun. Sie taten einfach,<br \/>\nwas die anderen taten. Sie passten sich an. Mitl\u00e4ufer in der Gruppe,<br \/>\nwo man sich wohl f\u00fchlt.<br \/>\nWas tr\u00e4gt uns dann, wenn etwas schief geht? In dieser Geschichte:<br \/>\nDas Gebet. Vielleicht sind wir noch am Leben, weil andere f\u00fcr uns<br \/>\nbeten, sich selbstlos f\u00fcr ihre Umwelt und Mitmenschen einsetzen.<br \/>\nVielleicht tragen F\u00fcrbitten mehr als wir denken.<\/p>\n<p>Die zehn Gerechten, die Sodom gerettet h\u00e4tten, sind auch Hoffnungstr\u00e4ger.<br \/>\nInnerhalb der Kirche fallen wir heute langsam in eine Art Selbstmitleid.<br \/>\nTageszeitungen und Zeitschriften zeigen ein d\u00fcsteres Bild. Die Kirche<br \/>\nvergreist, die Jugend l\u00e4uft davon, alles ist anders als fr\u00fcher.<br \/>\nDer Einfluss der Kirche in der Gesellschaft geht zur\u00fcck. Strukturell<br \/>\nlaufen wir Gefahr, eine Kirche mit einem Wasserkopf zu werden und alle<br \/>\njene Pastoren, die noch nicht ausgebrannt sind, sind auch nicht mehr das,<br \/>\nwas sie einmal waren. Kirche ist out. Definitiv out. Ich tr\u00e4ume von<br \/>\neiner viel kleineren Kirche. Ein Haus, ein Zuhause, eine Art Gideonsbande.<br \/>\nOb das jetzt die 10 Gerechten sind, wei\u00df ich nicht so richtig. Jedoch<br \/>\neine Kirche als Gemeinschaft, die sich traut zu suchen und zu fragen,<br \/>\nohne sich an Vergangenes anzuklammern, sondern aus der Geschichte lernt<br \/>\nund vorausschaut, neugierig und phantasievoll, und nichts mehr selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\nfindet. Eine Kirche, die Worte findet, die Menschen befreien, leben und<br \/>\nsterben lassen. Diese Menschen sind dann vielleicht eher das salzende<br \/>\nSalz aus dem Neuen Testament als die 10 Gerechten von Abraham.<\/p>\n<p>AMEN.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof.Dr.Ed Noort, Groningen, NL<br \/>\n<a href=\"mailto:e.noort@theol.rug.nl\">e.noort@theol.rug.nl<\/a><br \/>\n\u00dcbersetzung: M.Deblonde\/M.Nitsche, Wien<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. Sonntag nach Trinitatis | 3. November 2002 |\u00a01. Mose 18, 16-33 | Ed Noort | Liebe Gemeinde! 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