{"id":9177,"date":"2002-11-07T19:50:01","date_gmt":"2002-11-07T18:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9177"},"modified":"2025-04-21T10:14:43","modified_gmt":"2025-04-21T08:14:43","slug":"psalm-3114","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-3114\/","title":{"rendered":"Psalm 31,14"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">&#8222;Grauen ringsum&#8220; | 23. Sonntag nach Trinitatis | 3. November 2002 | Psalm 31,14 | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/span><\/h3>\n<p>In weniger als zwei Wochen erleben wir: Geiselnahme und opferreiche Geiselbefreiung<br \/>\nin Moskau, Selbstmordattentate in Israel, blutige S\u00e4uberungen in<br \/>\nTschetschenien und in den Pa\u00e4stinensergebieten, bedrohliche Aktivit\u00e4t<br \/>\ndes \u00c4tna, Erdbeben in Italien mit vielen Toten, insbesondere Kindern<br \/>\n&#8211; ich breche die Aufz\u00e4hlung ab und versage mir einen Blick in weiter<br \/>\nentlegene Regionen und zeitlich weiter entfernte Tage. Was uns umgibt,<br \/>\nist so voller Bedrohlichem, Bedr\u00fcckendem, Entsetzlichem, da\u00df<br \/>\nwir uns innerlich verh\u00e4rten m\u00fcssen, um dem standzuhalten. Doch<br \/>\nin uns nagt und bohrt und brennt die Frage: Warum? und: Warum l\u00e4\u00dft<br \/>\nGott das alles geschehen?<\/p>\n<p>Es ist eben nicht einzig menschliche Verbohrtheit, Borniertheit, Verranntheit,<br \/>\nGedankenlosigkeit oder auch Grausamkeit und Bosheit, die da uns\u00e4gliches<br \/>\nLeiden heraufbeschw\u00f6rt und so viele Menschenleben kostet. In manchen<br \/>\nF\u00e4llen ist es auch die Folge menschlicher Achtlosigkeit, Schlurigkeit<br \/>\noder Pfuscherei, die Ereignisse zu Katastrophen anwachsen l\u00e4\u00dft<br \/>\n&#8211; Achtlosigkeit und Pfusch aus Gewinnstreben oder auch, beinahe noch schlimmer,<br \/>\ngedankenloser Unverantwortlichkeit. F\u00fcr Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcche<br \/>\nkann kein Mensch etwas, und sie geschehen in der unger\u00fchrten Gnadenlosigkeit<br \/>\nblo\u00dfer Maschinen. Wir haben den bitteren und bedr\u00fcckenden Eindruck:<br \/>\nGott &#8211; Gott? Gott hat sich wohl zur\u00fcckgezogen&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn wir in h\u00f6chsten N\u00f6ten sein und wissen nicht, wo<br \/>\naus noch ein und finden weder Hilf noch Rat, ob wir gleich sorgen fr\u00fch<br \/>\nund spat, so ist dies unser Trost allein, da\u00df wir zusammen insgemein<br \/>\ndich anrufen, o treuer Gott, um Rettung aus der Angst und Not.&#8220; So<br \/>\nlauten die beiden ersten Strophen eines nicht selten gesungenen Chorals.<br \/>\nDoch die Szenerie ringsumher brennt es uns ein: Ob wir Gott anrufen oder<br \/>\nnicht, Bosheit, Verantwortungslosigkeit und die unberechenbare, verderbliche<br \/>\nGewalt der Natur tun ihr Werk, umgeben uns ringsum mit Grauen.<\/p>\n<p>Wie stellen wir uns hierzu, wie halten wir dem stand, wie reimen wir<br \/>\nes auf den Gott, den wir als &#8222;unser Vater&#8220; wissen d\u00fcrfen<br \/>\nund anrufen sollen? Was w\u00e4re hier v\u00e4terlich, was Liebe, was<br \/>\nGnade? Und was sagen wir denen, die uns fragen? Oder f\u00e4llt angesichts<br \/>\nvon dergleichen unser Glaube, unsere Theologie, unser Bekenntnis zusammen<br \/>\nwie ein Kartenhaus?<\/p>\n<p>Wie also h\u00e4lt der Glaube dem stand und auf welcher Grundlage?<\/p>\n<p>Jedenfalls NICHT so, da\u00df er ein allgemeine, da\u00df er gar DIE<br \/>\nalles l\u00f6sende Antwort h\u00e4tte. Gerade umgekehrt: Sind schon die,<br \/>\ndie da nicht glauben, hier in Zweifel an Gott und an Sinn gesto\u00dfen,<br \/>\nso wir Christenmenschen erst recht. Denn es ist unser Gott, den wir als<br \/>\nden Allm\u00e4chtigen bekennen, vor dessen Augen das alles geschieht;<br \/>\nes ist unser himmlischer Vater, der es alles &#8211; wie es scheint: unger\u00fchrt<br \/>\n&#8211; geschehen l\u00e4\u00dft; es ist der Gott, der die Liebe IST, der den<br \/>\nGewalten und Unheilsm\u00e4chten und Menschenschl\u00e4chtern nicht Einhalt<br \/>\ngebietet. Das ist es, was uns bis ins Innerste ersch\u00fcttert und an<br \/>\ntragendem Trost zweifeln, verzweifeln l\u00e4\u00dft. Auf allen Ebenen<br \/>\nscheinen Chaos, Sinnlosigkeit und Tod zu triumphieren.<\/p>\n<p>Und Gott schweigt.<br \/>\nWas also sagen wir &#8211; k\u00f6nnen wir sagen?<\/p>\n<p>Was immer das ist; auf jeden Fall k\u00f6nnen wir zweierlei. Zum einen<br \/>\nk\u00f6nnen wir mit den Weinenden weinen und den Trauernden trauern, mit<br \/>\nden Klagenden klagen und mit den Hadernden hadern, mit den Bitteren uns<br \/>\nerbittern und mit den Verzweifelten auch unsere Zweifel bekennen und insgesamt<br \/>\nuns neben die stellen, die hier betroffen sind und fragen und zagen und<br \/>\nanklagen. Nein, das ist falsch geredet: nicht uns neben sie stellen, als<br \/>\nm\u00fc\u00dften wir erst von einer gl\u00fcckseligen Insel uns zu ihnen<br \/>\nbegeben. Vielmehr: bekennen und uns selber eingestehen, da\u00df wir<br \/>\nl\u00e4ngst MIT IHNEN ZUSAMMEN in denselben N\u00f6ten und Fragen und<br \/>\nZweifeln und vor demselben Loch der Sinnlosigkeit und des Grauens uns<br \/>\nbefinden. Nein, wir m\u00fcssen uns nicht erst solidarisieren; wir sind<br \/>\nzusammen mit ihnen betroffen und sollten darum redlich genug sein, das<br \/>\nnicht fromm oder vielmehr in frommem Wunschtraum zu vernebeln, vernebeln<br \/>\nvor uns wie anderen. Wir SIND betroffen, und angesichts der Geschehnisse<br \/>\nerfa\u00dft uns blankes Entsetzen und peinigen uns Angst und unendlicher<br \/>\nZweifel.<\/p>\n<p>Und darum k\u00f6nnen wir zum anderen mit den unmittelbar Betroffenen<br \/>\ngemeinsam alles das, was wir empfinden, was uns bewegt, die Seelen zerrei\u00dft<br \/>\nund die Hirne in Aufruhr geraten l\u00e4\u00dft; k\u00f6nnen wir mit<br \/>\nihnen gemeinsam es herausschreien und es Menschen wie Gott in die Ohren<br \/>\nreiben. Ja, wir k\u00f6nnen&#8217;s oder k\u00f6nnten&#8217;s gerade und vielleicht<br \/>\nbesser als sie: Denn wir haben mit der Bibel und in ihr zumal mit dem<br \/>\nPsalter einen Schatz an Sprache, den wir nutzen k\u00f6nnen. Hieraus k\u00f6nnen<br \/>\nwir sch\u00f6pfen und hier die Worte und Wendungen finden, die uns erlauben,<br \/>\ndas, was in uns st\u00fcrmt und brodelt, so zu sagen, da\u00df es tats\u00e4chlich<br \/>\nund buchst\u00e4blich aus-gesprochen wird.<\/p>\n<p>Aus-gesprochen &#8211; wohin, zu wem?<\/p>\n<p>Ich komme noch einmal auf den zitierten Choral, der, liest man ihn weiter,<br \/>\neine Situation, eine Not durchblicken l\u00e4\u00dft, die der unseren<br \/>\nvergleichbar sein mag. Und da, gerade da, ist es in diesem Lied &#8222;unser<br \/>\nTrost allein&#8220; &#8211; &#8222;allein&#8220;! &#8211; , da\u00df wir Gott anrufen.<br \/>\nJa Gott, den schweigenden, fernen, unt\u00e4tigen Gott. Da\u00df wir<br \/>\nihn jetzt gerade anrufen. Da\u00df wir jetzt gerade ihm, wie&#8217;s Luther<br \/>\neinmal ausdr\u00fcckte (und getan hat!), ihm seine Verhei\u00dfungen<br \/>\n&#8222;in die Ohren reiben&#8220;, und wenn dar\u00fcber ganze N\u00e4chte<br \/>\ndes Schreiens und &#8222;Reibens&#8220; vergehen sollten.<\/p>\n<p>Nein, wir haben weder eine noch die Antwort. Und wir sind noch tiefer<br \/>\nangefochten als die, die uns fragen &#8211; voller Erwartung, voller Hoffnung,<br \/>\nvoller Zweifel, voller Mi\u00dftrauen &#8211; oder was immer sie uns fragen<br \/>\nmacht. Aber was wir k\u00f6nnen &#8211; ja: das K\u00d6NNEN wir: zu Gott schreien,<br \/>\nunsere Not und unser Leid und unsere Zweifel und Verzweiflung zu ihm schreien<br \/>\nund in eins damit ihn wie uns selbst an alles erinnern, was er uns zugesagt<br \/>\nhat; es schreien und daran erinnern hinein in einen uns leer erscheinenden<br \/>\nHimmel, egal; schreien und erinnern, bis wir sp\u00fcren, da\u00df die<br \/>\nunendlichen Weiten dieses leeren Himmels durchdrungen sind.<\/p>\n<p>Und dann? Wer wollte es wagen, wer sich anma\u00dfen, das im voraus<br \/>\nzu sagen! Vielleicht geht es uns \u00e4hnlich wie Hiob, der am Ende, noch<br \/>\nin seinem Elend, aufgrund von Gottes Rede im Wetter sagt: &#8222;Nun hat<br \/>\nmein Auge dich gesehen.&#8220; Nichts ist f\u00fcr ihn damit anders &#8211; und<br \/>\nalles ist zugleich nun ganz und gar anders. Wie gesagt, so MAG es geschehen;<br \/>\nes kann aber auch ganz anders sein. Anders bis dahin, da\u00df wir keine<br \/>\nAntwort kriegen und statt dessen immer noch weiter absacken und versinken<br \/>\nin Zweifeln und irgendwann auch letzter Verzweiflung. Da\u00df wir dann<br \/>\nnur noch schreien oder vielleicht auch nur mehr seufzen, st\u00f6hnen<br \/>\noder schluchzen k\u00f6nnen: &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du<br \/>\nmich, warum hast du uns verlassen?&#8220;<\/p>\n<p>Das hat einst einer f\u00fcr und mit uns geschrien und mu\u00dfte einen<br \/>\nelenden, qualvollen Tod sterben.<br \/>\nUnd Gott schwieg.<br \/>\nAber danach hat er gehandelt.<br \/>\nVorher lie\u00df er Leiden und Tod Frucht bringen. Frucht f\u00fcr andere,<br \/>\nf\u00fcr viele &#8211;<br \/>\nWir haben keine Antwort. Aber wir m\u00f6gen neben dem Schreien zugleich<br \/>\ndem nachsinnen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<br \/>\n<a href=\"mailto:hweissenfeldt@foni.net\">E-Mail: hweissenfeldt@foni.net<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021103-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Grauen ringsum&#8220; | 23. Sonntag nach Trinitatis | 3. 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