{"id":9180,"date":"2002-11-07T19:49:58","date_gmt":"2002-11-07T18:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9180"},"modified":"2025-04-19T17:01:12","modified_gmt":"2025-04-19T15:01:12","slug":"1-thessalonicher-5-1-6-7-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-5-1-6-7-11\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 5, 1-6 (7-11)"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 10. November 2002 | 1. Thessalonicher 5,1-6 (7-11) | Andreas Kern |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>im Sommer wurde mir mein Fahrrad gestohlen. Vom heimischen Grundst\u00fcck,<br \/>\nes hatte an der Hauswand gelehnt, ich hatte vergessen, es in den Schuppen<br \/>\nzu stellen. Anzeige bei der Polizei und der Versicherung, Bescheinigungen<br \/>\nvom Fundb\u00fcro usw &#8211; ein kleiner \u00c4rger im Vergleich zu manch anderem,<br \/>\nwas wir so erleben.<\/p>\n<p>Das Schlimme an der Sache mit dem geklauten Fahrrad war etwas anderes:<br \/>\nbis zu diesem Zeitpunkt war uns die Umgebung unserer Wohnung \u00fcberschaubar<br \/>\nund heil vorgekommen. Die Nachbarn kennen wir doch alle, und die vorbeiziehenden<br \/>\nMenschen &#8211; morgens und mittags auf dem Schulweg &#8211; sie gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nfreundlich, sind uns wenigstens vom Sehen bekannt. Nat\u00fcrlich schlie\u00dfen<br \/>\nwir unsere Wohnung ab, wenn wir wegfahren, aber eigentlich rechnen wir<br \/>\nnicht wirklich damit, da\u00df irgendwelche Diebe in der Nacht umherschleichen<br \/>\nund uns bedrohen. Wir vertrauen auf unser gutes Gef\u00fchl, wir schlafen<br \/>\nruhig.<\/p>\n<p>Der Diebstahl des Fahrrades &#8211; so direkt vor der Haust\u00fcr, wir waren<br \/>\nalle zuhause &#8211; hat diese ruhige Haltung f\u00fcr ein paar Tage und Wochen<br \/>\nbesch\u00e4digt. Da war die Unbefangenheit pl\u00f6tzlich hin; das B\u00f6se,<br \/>\ndie b\u00f6se Welt, war in die vermeintlich heile Welt eingedrungen, hatte<br \/>\nsie zerst\u00f6rt. Gl\u00fccklicherweise passiert so etwas ja nicht jeden<br \/>\nTag, und so k\u00f6nnen wir inzwischen wieder ruhig leben.<\/p>\n<p>Aber geht es uns nicht &#8211; im kleinen oder gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab<br \/>\n&#8211; immer wieder einmal genauso? Buchholz als netter kleiner Ort, in dem<br \/>\ngl\u00fccklicherweise von dem \u00dcbel der Welt nicht so viel zu sp\u00fcren<br \/>\nist &#8211; und dann pl\u00f6tzlich Berichte \u00fcber die Vergewaltigungen<br \/>\neiner Sch\u00fclerin, mitten unter uns. Oder Hamburg vor unserer Haust\u00fcr:<br \/>\nder Metropole traut man schon einiges mehr zu an Unberechenbarem, Unvorhersehbarem<br \/>\n&#8211; aber da\u00df die Terroristen des 11. September 2001 direkt nebenan<br \/>\nlebten, finden wir alle ziemlich schaurig.<\/p>\n<p>Was wir daran lernen, liebe Gemeinde:<br \/>\nDas Lebens-Ver\u00e4ndernde kommt unvorhersehbar. Das, was uns umwirft,<br \/>\nwas unsere Gewi\u00dfheiten und Sicherheiten umst\u00f6\u00dft, kommt<br \/>\nzu einem Zeitpunkt, den wir nicht wissen. Der Tag des Herrn, sein Erscheinen,<br \/>\ndas Ende der Welt: sie sind unberechenbar.<\/p>\n<p>Macht uns das Angst? Singen wir die Liedzeile &#8218;Wir warten dein, O Gottessohn,<br \/>\nund lieben dein Erscheinen&#8216; &#8211; aber gleichzeitig erschaudern wir beim Gedanken<br \/>\ndaran, da\u00df damit alles Gewohnte zuende ist, alle Sicherheit dahin?<\/p>\n<p>Aber das, liebe Gemeinde, ist genau die Spannung, in der wir als Christenmenschen<br \/>\nleben!<\/p>\n<p>Paulus will uns ja nicht erschrecken. Er schreibt zwar einige Szenarien<br \/>\nauf, die einem unbefangenen Leser oder H\u00f6rer tats\u00e4chlich Angst<br \/>\nmachen k\u00f6nnen: der Einbrecher in der Nacht, die Schwangere, die pl\u00f6tzlich<br \/>\nvon Wehen \u00fcberfallen wird.<\/p>\n<p>Aber Paulus wei\u00df auch, und er schreibt das auch, da\u00df wir<br \/>\nkeine Angst zu haben brauchen. &#8218;Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes<br \/>\nund des Tages.&#8216;<\/p>\n<p>Keine Angst: das sagt sich so leicht. Das Unvorhersehbare, das Ende,<br \/>\ndas mu\u00df doch Angst machen?!<br \/>\nDie Schrecken, die Paulus uns vorf\u00fchrt, sind ja auch in unserer Zeit<br \/>\nimmer noch aktuell: ein paar Beispiele habe ich genannt, und sicher kann<br \/>\njeder von uns noch ein paar aufz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Aber anders als Paulus sehen wir darin nicht das Kommen Gottes. Wir verlassen<br \/>\nuns &#8211; vielleicht ein wenig naiv &#8211; auf die stetige Liebe Gottes, der uns<br \/>\nnahe kommen will, ohne uns zu erschrecken. Und wir tun das in aufmerksamer<br \/>\nGelassenheit. Wir sollen nicht schlafen, aber auch nicht hektisch werden.<br \/>\nWir brauchen uns nicht zu verzehren in der Sorge um sein kommen, aber<br \/>\nwir sollen ihn auch nicht vollst\u00e4ndig vergessen.<\/p>\n<p>Wir sind S\u00f6hne und T\u00f6chter der Helligkeit, der Klarheit, auch<br \/>\nwenn wir die Frage nicht beantworten k\u00f6nnen, wann und wie Gott kommt.<br \/>\nDenn wir wissen, was er will, was er vorhat mit uns, wenn er kommt: &#8218;Denn<br \/>\nGott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern dazu, das Heil zu erlangen<br \/>\ndurch unseren Herrn Jesus Christus, der f\u00fcr uns gestorben ist, damit<br \/>\nwir zugleich mit ihm leben &#8211; ob wir wachen oder schlafen.&#8216; Deswegen warten<br \/>\nwir sein Kommen ohne Angst ab.<\/p>\n<p>Ich glaube, liebe Gemeinde: schrecklich wird die Begegnung mit Gott f\u00fcr<br \/>\ndenjenigen, der \u00fcberhaupt nicht damit rechnet: der wird wirklich<br \/>\naus der Bahn geworfen, den schubst Gott glatt um, macht ihn platt &#8211; und<br \/>\nwill doch auch ihn wieder aufrichten.<\/p>\n<p>&#8218;Da bin ich aber platt&#8216;, sagte mir der Vater eines vierj\u00e4hrigen<br \/>\nTaufkindes am Ende des Taufgottesdienstes &#8211; und sie h\u00f6ren das Wortspiel<br \/>\nheraus. Was die Familie wie ein etwas peinliches Spektakel angesehen hatte<br \/>\n&#8211; die etwas versp\u00e4tete Taufe ihrer kleinen Tochter -, das war zu<br \/>\neiner tollen Begegnung geworden.<\/p>\n<p>Das hatten sie &#8211; ganz unerwartet und pl\u00f6tzlich &#8211; ganz intensiv erlebt:<br \/>\ndie Lesungen und Gebete, die Lieder, die Tauf-Fragen nach ihrem Weg mit<br \/>\nihrem Kind und dessen Weg mit Gott, die Taufhandlung an ihrem Kind, den<br \/>\nSegen f\u00fcr ihre Tochter und f\u00fcr sie selbst.<br \/>\nUnd dann am Ende des Gottesdienstes schnappte sich der Vater mit feuchten<br \/>\nAugen das fr\u00f6hlich umherspringende Kind und dr\u00fcckte die Kleine<br \/>\nfest an sich.<\/p>\n<p>Etwas ganz Bewegendes, Aufr\u00fchrendes war ihm begegnet. Gott war,<br \/>\nso w\u00fcrde ich sagen, in sein Leben eingebrochen &#8211; Gott als Lebens-Einbrecher,<br \/>\nin diesem Fall nicht des Nachts, sondern mitten am Tag.<\/p>\n<p>So, liebe Gemeinde, stelle ich mir den &#8218;Tag des Herrn&#8216; vor: da\u00df<br \/>\ner mir immer wieder passiert, immer wieder begegnet, mich positiv oder<br \/>\nnegativ ersch\u00fcttert und anr\u00fchrt. Da\u00df Gott ein (n\u00e4chtlicher<br \/>\noder t\u00e4glicher) Lebens-Einbrecher ist, der mich \u00fcberf\u00e4llt,<br \/>\nauch wenn ich vorbereitet bin &#8211; oder weil ich nie wirklich vorbereitet<br \/>\nbin?<br \/>\nAngst habe ich nicht, will ich nicht haben. Angst verbinde ich mit etwas<br \/>\nB\u00f6sem, das mir begegnet.<\/p>\n<p>Aber hier will einer mir nahekommen, mich vielleicht \u00fcberraschen,<br \/>\nder mich liebt und der Heil und Segen f\u00fcr mich will. Ob ich schlimme<br \/>\nDunkelheiten des Lebens durchmache oder fr\u00f6hlich im Hellen lebe:<br \/>\nich will jederzeit gerne mit Gott rechnen &#8211; auch wenn ich mich immer verrechne.<br \/>\nAber ich wei\u00df: bei ihm bin ich im Hellen, bei ihm lebe ich.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Pastor Andreas Kern<br \/>\nEv.-luth. Kirchengemeinde St. Paulus, Buchholz in der Nordheide<br \/>\nTel. (04181) 7714<br \/>\nFax (04181) 2349669<br \/>\n<a href=\"mailto:a-kern@t-online.de\">a-kern@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=021110-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 10. November 2002 | 1. Thessalonicher 5,1-6 (7-11) | Andreas Kern | Liebe Gemeinde, im Sommer wurde mir mein Fahrrad gestohlen. 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