{"id":9195,"date":"2002-02-07T19:50:01","date_gmt":"2002-02-07T18:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9195"},"modified":"2025-04-21T10:32:06","modified_gmt":"2025-04-21T08:32:06","slug":"exodus-20-2-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-2-3\/","title":{"rendered":"Exodus 20, 2-3"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das erste Gebot | Februar 2002 | Exodus 20,2\u20133 | Ulrich Braun |<\/h3>\n<p><b>Das erste Gebot (Ex 20, 2-3)<\/b><\/p>\n<p>Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland, aus der<br \/>\nKnechtschaft gef\u00fchrt habe. Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben<br \/>\nneben mir.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4ambel &#8211; wenn wir sie einmal so nennen wollen &#8211; bringt es<br \/>\nzum Ausdruck: nicht um Sklavenmoral, sondern um ein Recht f\u00fcr freie<br \/>\nMenschen wird es in den Zehn Geboten gehen. Bevor sie noch zu formulieren<br \/>\nbeginnen, was es zu tun und was zu lassen gilt, wird klar, aus welchem<br \/>\nGeist und von welcher Art sie sind. Sie stammen aus dem Geist der Freiheit:<br \/>\n&#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland,<br \/>\naus der Knechtschaft, gef\u00fchrt habe&#8220;.<\/p>\n<p>In \u00c4gyptenland waren die Dinge \u00fcbersichtlich. Die \u00c4gypter<br \/>\nsagten was erlaubt und was verboten war. Alle Angelegenheiten waren geregelt,<br \/>\nund zwar durch Macht und Gewalt, nicht durch Recht.<\/p>\n<p>Diese Zeit lag hinter Israel. Bei Nacht und Nebel war man den Kerkermeistern<br \/>\nentschl\u00fcpft. Der Rausch der ersten Nacht d\u00fcrfte rasch verflogen<br \/>\nsein beim Anblick der technisch weit \u00fcberlegenen Verfolgern. Je nach<br \/>\nPhantasie und Neigung zu bildlichen Vorstellungen d\u00fcrfen wir uns<br \/>\ndie Flucht durch die W\u00fcste und an die Meeresk\u00fcste mit Wolken-<br \/>\nund Feuers\u00e4ule, mit geteilten Wassern oder einer steifen Brise aus<br \/>\nOst vorstellen, die eine Furt durch das Gew\u00e4sser auf kurze Zeit freigibt,<br \/>\num anschlie\u00dfend \u00e4gyptische Spitzentechnologie mitsamt ihren<br \/>\nWagenlenkern zu verschlingen.<\/p>\n<p>Ganz werden wir auch bei sparsameren Ausstattungen der Geschichte auf<br \/>\nWunderhaftes nicht verzichten k\u00f6nnen. Denn als ein Wunder muss es<br \/>\nallerdings gelten, was auch historisch f\u00fcr einigerma\u00dfen gewiss<br \/>\ngehalten werden darf: Die \u00c4gypter waren eine Weltmacht, eine bis<br \/>\nheute sagenumwobene Hochkultur, Israel noch kaum wirklich ein Volk. In<br \/>\n\u00e4gyptischen Quellen werden St\u00e4mme erw\u00e4hnt, Hapiru genannt,<br \/>\ndie uns in der Bibel als Hebr\u00e4er begegnen. Sie lebten in sklaven\u00e4hnlichem<br \/>\nStatus und verrichteten niedere Arbeiten f\u00fcr die \u00c4gypter, vor<br \/>\nallem bei der Verwirklichung von Bauprojekten. Nichts spricht daf\u00fcr,<br \/>\ndass \u00c4gypten die Arbeiter freiwillig ziehen lie\u00df.<\/p>\n<p>Uns aber begegnen sie, die Sklavengeschichte im R\u00fccken, in der W\u00fcste.<br \/>\nDer Freiheitsrausch der ersten Nacht d\u00fcrfte schnell verflogen gewesen<br \/>\nsein. Vor ihnen liegt die weite ungewisse Zukunft. Alles, was in \u00c4gypten<br \/>\ndurch die Macht der W\u00e4chter geregelt war, ist jetzt schwierig. Was<br \/>\nsoll gelten? Wer soll das Sagen haben? Und soll das, was der sagt, f\u00fcr<br \/>\nalle gleicherma\u00dfen gelten?<\/p>\n<p>Es soll. Denn was von nun an gelten soll, soll alle Z\u00fcge des Rechts<br \/>\ntragen und es soll aus der Quelle der Freiheit gespeist sein, nicht der<br \/>\nGewalt. Deshalb h\u00e4lt die Pr\u00e4ambel fest: &#8222;Ich bin der Herr,<br \/>\ndein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland , aus der Knechtschaft gef\u00fchrt<br \/>\nhabe&#8220;.<\/p>\n<p>In der W\u00fcste, die Verfolger abgesch\u00fcttelt, d\u00fcrfte die<br \/>\nSituation der St\u00e4mme, die gerade dabei waren, das Volk Israel zu<br \/>\nwerden, durchaus problematisch gewesen sein. \u00c4u\u00dferer Mangel<br \/>\nherrschte sowieso. Aber zugleich herrschte gewiss auch das, was die Soziologie<br \/>\neine kognitive und moralische \u00dcberforderung nennt. Alles musste geregelt<br \/>\nwerden, nichts verstand sich mehr von selbst. Die Verbote der \u00c4gypter<br \/>\nhatten von der Strafandrohung gelebt. Die war zur allgemeinden Erleichterung<br \/>\nweggefallen. Sollte aber deswegen nun alles erlaubt sein?<\/p>\n<p>Bei w\u00fcsten\u00fcblichem Mangel an allem &#8211; Wasser an erster Stelle<br \/>\n&#8211; muss die Verteilung geregelt werden. Soll jeder nehmen d\u00fcrfen,<br \/>\nwas er kriegen kann werden die freigewordenen Kerkermeister-Pl\u00e4tze<br \/>\nbald mit eigenen Leuten neu besetzt sein. Mit der Freiheit derer, die<br \/>\nnicht schnell genug waren, wird es nach dem kurzen Rausch der ersten Nacht<br \/>\nnicht weit her sein.<\/p>\n<p>Die Abwesenheit einer \u00e4u\u00dferen Gewalt ist nicht schon gleichbedeutend<br \/>\nmit Freiheit. Freiheit ist ein zerbrechliches Gut und bedarf der Pflege<br \/>\nund der Verwirklichung. Sie ist auch immer die Freiheit des anderen und<br \/>\nfindet daran ihre Grenze. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Philosoph,<br \/>\nhat in seiner Rechtsphilosophie &#8222;das Rechtssystem das Reicht der<br \/>\nverwirklichten Freiheit&#8220; genannt. Freiheit solle eine Form haben.<br \/>\nUnd sie hat einen Grund: &#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich<br \/>\naus \u00c4gyptenland, aus der Knechtschaft herausgef\u00fchrt habe&#8220;.<\/p>\n<p>Die kognitive und moralische \u00dcberforderung Israels besteht darin,<br \/>\ndass jedes kleine Problem zu einer gro\u00dfen Krise wird. Werden die<br \/>\nVorr\u00e4te knapp, erw\u00e4chst Lynchstimmung gegen Mose. Der hat uns<br \/>\nin die W\u00fcste gef\u00fchrt, nun muss er uns auch versorgen. Fehlt<br \/>\netwas, klagt man es Mose, herrscht irgendein Streit, muss er ihn schlichten.<br \/>\nKaum ist er f\u00fcr f\u00fcr einige Tage fort, geht im Lager alles drunter<br \/>\nund dr\u00fcber, bleibt er gar l\u00e4nger aus, fertigt man sich sicherheitshalber<br \/>\nein neues G\u00f6tterbild, den Stier.<\/p>\n<p>Rechtsformulierungen folgen in aller Regel den Delikten. Verboten wird<br \/>\netwas, nachdem es einmal vorgefallen ist. Erst was in den Bereich menschlicher<br \/>\nVerf\u00fcgung ger\u00fcckt ist, muss auch gesetzlich geregelt werden.<br \/>\nStimmen diese allgemeinen Regeln, kann man also von Rechtsformulierungen<br \/>\ndarauf schlie\u00dfen, dass sie sich auf konkrete Delikte beziehen, die<br \/>\n\u00fcberhaupt erst zur Formulierung des Rechts f\u00fchrten, ergibt sich<br \/>\neine Ahnung, dass die W\u00fcstenwanderer nicht eben zimperlich mit ihresgleichen<br \/>\numgegangen sind. Es gibt Bestimmungen zum Schutz der Schwachen, zum Schadenersatz<br \/>\nbei mutwilligen Eigentumsdelikten und Sachbesch\u00e4digungen und eindringliche<br \/>\nAbschnitte \u00fcber die Vergehen gegen Leib und Leben.<\/p>\n<p>All das hat es also gegeben. Auch so kann Freiheit gestaltet werden &#8211;<br \/>\num den Preis, dass man sie damit zerst\u00f6rt. Deshalb erinnert die Pr\u00e4ambel<br \/>\nder Gebote: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland,<br \/>\naus der Knechtschaft, gef\u00fchrt habe. Zerst\u00f6rt ihr die Freiheit,<br \/>\ndie euch geschenkt ist, so wendet ihr euch auch von diesem Gott. Ihr verkauft<br \/>\neuch an andere G\u00f6tter, die einem Teil von euch manchen Erfolg versprechen.<br \/>\nBedenkt, welche Freiheit euch dort bl\u00fcht. Bedenkt welchen Preis ihr<br \/>\ndaf\u00fcr zahlt, und vergesst nicht zu fragen, welche Garantien ihr dort<br \/>\nhabt, dass euch die Freiheit nicht pl\u00f6tzlich wieder entzogen wird<br \/>\n&#8211; weil andere besser dran sind, schneller und vielleicht r\u00fccksichtsloser.<\/p>\n<p>Die \u00e4gyptische Sklaverei erfahren zu haben, macht noch nicht automatisch<br \/>\ngefeit gegen jede neue Versklavung &#8211; m\u00f6glicherweise auch selbstverschuldete<br \/>\nArten. Knechtschaft ist eben keine Erziehung zur Freiheit. Wenn die Ketten<br \/>\ngesprengt sind, muss noch etwas hinzu kommen, die geschenkte Freiheit<br \/>\nzu verwirklichen. Eines ist dabei entscheidend: Die Erinnerung an den<br \/>\nGrund der Freiheit. Erst auf diesem Grund lassen sich dann Pfosten errichten,<br \/>\ndie das Geb\u00e4ude der verwirklichten Freiheit tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus \u00c4gyptenland gef\u00fchrt<br \/>\nhat. F\u00fcr die, die es schon vergessen haben und sich zu den Fleischt\u00f6pfen<br \/>\n\u00c4gyptens zur\u00fccksehnen, sei hinzugef\u00fcgt, dass es Knechtschaft<br \/>\nwar, die dort herrschte. Macht und Gewalt haben die eure Knechtsangelegenheiten<br \/>\ngeregelt, nicht Recht und Gesetz, wie es sich f\u00fcr freie Menschen<br \/>\ngeh\u00f6rt. Nun habt ihr die Wahl: n\u00e4mlich auf diesen Grund der<br \/>\nFreiheit zu vertrauen und auf ihm freie Menschen zu sein, oder aber neue<br \/>\nAbh\u00e4ngigkeiten einzugehen.<\/p>\n<p>Alles, was auf diesem Grund als Rechtssysten und Reich der verwirklichten<br \/>\nFreiheit errichtet wird, werdet ihr als freie Menschen h\u00f6ren und<br \/>\nbeurteilen k\u00f6nnen. Vielleicht werdet ihr es sogar einmal korregieren<br \/>\nm\u00fcssen. Rechtsverordnungen k\u00f6nnen sich irren. Es k\u00f6nnen<br \/>\nneue hinzu kommen, weil Neues in den Bereich der menschlichen Verf\u00fcgung<br \/>\nger\u00fcckt werden. Die Gentechnik er\u00f6ffnet Einwirkungsm\u00f6glichkeiten,<br \/>\nvon denen wir entscheiden m\u00fcssen, ob sie dem Menschen dienen und<br \/>\nseiner Freiheit, ob sie erlaubt oder verboten werden sollen.<\/p>\n<p>Ihr werdet entscheiden k\u00f6nnen, welchen G\u00f6ttern ihr mit eurem<br \/>\nLeben dienen wollt. Soll es der Grund der Freiheit sein, dann verschreibe<br \/>\ndich nicht andern G\u00f6ttern als dem, der dich aus \u00c4gyptenland,<br \/>\naus der Knechtschaft, gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Ulrich Braun, Pastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<br \/>\n<a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\">E-Mail: Ulrich.F.Braun@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das erste Gebot | Februar 2002 | Exodus 20,2\u20133 | Ulrich Braun | Das erste Gebot (Ex 20, 2-3) Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland, aus der Knechtschaft gef\u00fchrt habe. Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir. Liebe Gemeinde, Die Pr\u00e4ambel &#8211; wenn wir sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,1,2,727,157,853,999,114,686,349,109,126,1237],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9195","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-dekalog","category-deut","category-kapitel-20-chapter-20-exodus","category-kasus","category-predigten","category-predigtreihen","category-ulrich-braun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9195"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23000,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9195\/revisions\/23000"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9195"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9195"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9195"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9195"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}