{"id":9198,"date":"2002-02-07T19:50:02","date_gmt":"2002-02-07T18:50:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9198"},"modified":"2025-04-15T15:49:46","modified_gmt":"2025-04-15T13:49:46","slug":"exodus-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-2\/","title":{"rendered":"Exodus 20, 2"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog | Februar 2002 | Ex 20,2 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p><b>&#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gypten,<br \/>\naus der Knechtschaft gef\u00fchrt habe.&#8220; (Ex. 20, 2)<\/b><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>die Osterferien r\u00fcckten n\u00e4her, und darauf freute er sich.<br \/>\nNicht, da\u00df er Ferien bek\u00e4me &#8211; seit fast zehn Jahren geno\u00df<br \/>\nWerner seinen Ruhestand. Wohlverdient, wie der Superintendent bei der<br \/>\nVerabschiedung gemeint hatte. Inzwischen sah er das auch so, denn er hatte<br \/>\ngemerkt, was alles ihm der Pfarrdienst verhindert hatte. Lange Spazierg\u00e4nge<br \/>\nohne schlechtes Gewissen zum Beispiel, n\u00e4chtelanges Lesen und Schlafen<br \/>\nbis in die Puppen, Zeit f\u00fcr die Kinder und besonders f\u00fcr seine<br \/>\nEnkelkinder. Zwei wohnten ganz in der N\u00e4he, die sah er h\u00e4ufig.<br \/>\nSein \u00e4ltester Enkel aber wohnte mit seinen Eltern weit entfernt,<br \/>\nund trotz seiner fast 19 Jahre kam er wenigstens in den Oster- und Herbstferien<br \/>\nzu Besuch. &#8222;Erholung von meinen Eltern&#8220; nannte er das, und das<br \/>\nverstand Werner nur zu gut.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn waren die sommerlichen CVJM-Zeltlager auch Erholung vom<br \/>\nElternhaus gewesen, besonders von seinem Vater. Der hatte unbedingten<br \/>\nGehorsam gefordert; &#8222;Heute bleibst du hier!&#8220; hatte der gelegentlich<br \/>\nentschieden, wenn Werner wie verlangt um Erlaubnis gebeten hatte, zur<br \/>\nGruppenstunde gehen zu d\u00fcrfen. Werner war der Gruppenleiter. Sein<br \/>\nVater hatte sein willk\u00fcrliches Verhalten stets mit dem vierten Gebot<br \/>\nbegr\u00fcndet, und Werner hatte z\u00e4hneknirschend gehorcht. Noch heute<br \/>\n\u00fcberkam ihn ohnm\u00e4chtige Wut, wenn er sich daran erinnerte. Sein<br \/>\nVater f\u00fchrte \u00fcberhaupt st\u00e4ndig die Gebote als Erziehungsmittel<br \/>\nim Munde, und als er wieder einmal damit prahlte, wie er als Soldat mit<br \/>\neiner einzigen Handgranate einen ganzen &#8222;Trupp Feinde unsch\u00e4dlich<br \/>\ngemacht&#8220; hatte, hatte Werner gesagt: &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten!&#8220;<br \/>\nDarauf hatte er eine schallende Ohrfeige und dann vier Wochen Hausarrest<br \/>\nbekommen. Seine Mutter hatte nur hilflos die Schultern gezuckt. Wie sie<br \/>\nes auch tat, wenn sie mal wieder von einer Aff\u00e4re ihres Mannes erfuhr.<br \/>\nDoch an Scheidung hatte sie nie gedacht.<\/p>\n<p>Werner erinnerte sich an die qu\u00e4lend langen Sonntage seiner Kindheit:<br \/>\nVormittags in die Kirche, und nach dem Mittagessen sa\u00dfen sie in<br \/>\nder Stube, h\u00f6rten &#8222;Wunschkonzert&#8220; im Radio, abends wurde<br \/>\nMensch-\u00e4rgere-dich-nicht gespielt oder Halma. Vater trank sein Bier<br \/>\ndazu und rauchte eine &#8222;Sonntagszigarre,&#8220; die anderen bekamen<br \/>\nApfelsaft. Einmal, Werner war vielleicht vierzehn oder f\u00fcnfzehn gewesen,<br \/>\nhatte er eine von Vaters Sonntagszigarren gemopst und heimlich geraucht<br \/>\n&#8211; nicht ahnend, da\u00df der Vater f\u00fcr jede gerauchte Zigarre einen<br \/>\nStrich im Deckel machte. Mit &#8222;Du sollst nicht stehlen&#8220; wurden<br \/>\ndiesmal Ohrfeige und Hausarrest begr\u00fcndet. Ein andermal hatte Werner<br \/>\nvor dem Elternhaus stolz eine Runde auf dem &#8222;Sportrad&#8220; seines<br \/>\nSchulfreundes gedreht und prompt vom Vater zu h\u00f6ren bekommen: &#8222;Du<br \/>\nsollst nicht begehren &#8230;!&#8220;<\/p>\n<p>Als Werner dann studierte &#8211; durch sein Engagement im CVJM war er auf<br \/>\nTheologie gekommen, obwohl ihn auch anders gelockt h\u00e4tte &#8211; belegte<br \/>\ner als Erstsemester im Fach Altes Testament eine Vorlesung zum Thema &#8222;Dekalog.&#8220;<br \/>\nWas das hie\u00df, wu\u00dfte er noch nicht, aber der Professor sollte<br \/>\ngut sein. Und dann lernte er, da\u00df mit &#8222;Dekalog&#8220; die zehn<br \/>\nGebote bezeichnet wurden und da\u00df sie so eine Art Grundgesetz des<br \/>\nBundes Gottes mit seinem Volk Israel waren, lernte auch, da\u00df es<br \/>\nin der Bibel ein Gebot gab, das im Kleinen Katechismus nicht vorkam und<br \/>\nda\u00df daf\u00fcr aus dem urspr\u00fcnglich zehnten durch Teilung das<br \/>\nneunte und das zehnte geworden waren. H\u00f6rte, da\u00df die Gebote<br \/>\nnicht Drohung, sondern Verhei\u00dfung Gottes an sein Volk waren &#8211; denn<br \/>\ndas &#8222;du sollst nicht&#8220; kann man genau so richtig mit &#8222;du<br \/>\nwirst nicht&#8220; wiedergeben: Wer den Bund mit Gott h\u00e4lt, der wird,<br \/>\nja, der kann bestimmte Dinge einfach nicht tut, weder fremde G\u00f6tter<br \/>\nanbeten noch t\u00f6ten, stehlen oder ehebrechen. Er begriff, da\u00df<br \/>\ndas vierte Gebot &#8211; &#8222;Du sollst Vater und Mutter ehren&#8220; &#8211; kein<br \/>\nMittel ist, um Kinder zum Gehorsam zu zwingen, sondern die Altersversorgung<br \/>\nnicht mehr arbeitsf\u00e4higer Eltern sichert. Auch ging ihm auf, da\u00df<br \/>\ndie Heiligung der Feiertage ja sogar f\u00fcr Sklaven eine Sechstagewoche<br \/>\nbedeutete. Das war damals sicherlich ein beispielloses Arbeitsrecht gewesen.<br \/>\nSo fand er einen neuen Zugang zu den Geboten, lernte, sie als eine Wegweisung<br \/>\ndes gn\u00e4digen Gottes zu verstehen und nicht als b\u00f6se Falle eines<br \/>\nrachs\u00fcchtigen Gottes. Ihm wurde klar, da\u00df auch das Gesetz Gottes<br \/>\nEvangelium ist &#8211; weil es dem Menschen Chancen er\u00f6ffnet, Angebote<br \/>\nmacht, das Alltagsleben nach Gottes Willen zu gestalten. Was sie allerdings<br \/>\noft nicht wollen oder k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Werner dachte an Menschen aus seinen Gemeinden zur\u00fcck. Drei mal<br \/>\nhatte er gewechselt, weil die Arbeit ihm zur Routine wurde. Und weil die<br \/>\nGemeindeglieder ihm so vertraut geworden waren, da\u00df die Beerdigungen<br \/>\nihm immer schwerer gefallen waren. Doch wo er auch war, in einer Dorfgemeinde,<br \/>\nin einer Kleinstadt oder in einer Satellitenstadt einer Gro\u00dfstadt:<br \/>\nEs waren ihm immer die gleichen, es waren ihm die immer gleichen zwischenmenschlichen<br \/>\nProbleme begegnet: Konflikte zwischen jung und alt, Neid, Betrug und Diebstahl,<br \/>\nsogar Mord. Und etwa die H\u00e4lfte der verheirateten Menschheit, so<br \/>\nschien es ihm, ging fremd. An Sonn- und Feiertagen zu arbeiten, war inzwischen<br \/>\nfast normal, und der Glaube an andere G\u00f6tter, ob sie nun &#8222;Geld&#8220;<br \/>\nhie\u00dfen oder &#8222;Freizeit,&#8220; den Namen eines Stars trugen oder<br \/>\neine politische Parole waren, hatte sich weit verbreitet. Wie auch v\u00f6llige<br \/>\nGottlosigkeit, besonders im Osten. &#8222;Kein Wunder, da\u00df Unfriede<br \/>\nherrscht auf der Erde,&#8220; dachte Werner mit einem Lied aus dem Gesangbuch,<br \/>\nund der Refrain hakte sich bei ihm fest: &#8222;Friede soll mit euch sein,<br \/>\nFriede f\u00fcr alle Zeit! Nicht so, wie ihn die Welt euch gibt: Gott<br \/>\nselber wird es sein.&#8220; Dieser Refrain beschrieb f\u00fcr Werner das,<br \/>\nwas die Gebote bewirken wollten &#8211; und konnten, wenn die Menschen k\u00f6nnten<br \/>\nund wollten.<\/p>\n<p>Es klingelte an der T\u00fcr, &#8222;Post,&#8220; hallte es durchs Treppenhaus,<br \/>\nund Werner ging gleich zum Briefkasten. Als Gemeindepfarrer hatte er sich<br \/>\noft \u00fcber die viele Post ge\u00e4rgert, die von der Kirchenleitung,<br \/>\nvom Diakonischen Werk, von Verlagen und Versandh\u00e4usern gekommen war,<br \/>\ndoch nun freute er sich \u00fcber jeden Brief. Dieser kam von seinem Enkel,<br \/>\nder sein Kommen ank\u00fcndigte. Mit Mutters Auto wolle er kommen, denn<br \/>\ner habe den F\u00fchrerschein gemacht, schrieb er. Und im Religionsunterricht<br \/>\nh\u00e4tten sie nach langer Zeit mal wieder \u00fcber die Gebote gesprochen.<br \/>\nEs sei ihm unverst\u00e4ndlich, da\u00df trotz der klaren Vorgaben der<br \/>\nGebote Betr\u00fcgereien und Diebereien, ja, sogar Mord und Totschlag<br \/>\noffenbar an der Tagesordnung seien, schrieb der Enkel, und da\u00df er<br \/>\ndar\u00fcber gern mal mit seinem Opa sprechen w\u00fcrde. Es sei doch<br \/>\nkaum zu begreifen, da\u00df die Menschheit in dreitausend Jahren nicht<br \/>\nkl\u00fcger geworden sei, meinte er, und er k\u00f6nne sich nicht vorstellen,<br \/>\nda\u00df alle Propheten und Pastoren drei Jahrtausende vergeblich gepredigt<br \/>\nh\u00e4tten. &#8211; &#8222;Der kennt die Menschen noch nicht,&#8220; dachte Werner.<br \/>\nDann suchte er in seinem B\u00fccherregal nach einem Buch \u00fcber die<br \/>\nGebote, stellte es aber wieder zur\u00fcck, als er darin gelesen hatte.<br \/>\nEs stammte aus seiner Studentenzeit, und er konnte mit dem, was er las,<br \/>\nnichts mehr anfangen. Es war sicherlich alles richtig, was da stand, aber<br \/>\nes hatte mit den Menschen nichts zu tun, wie er sie kennengelernt hatte.<br \/>\nEs war wohl besser, seinem Enkel von Menschen zu erz\u00e4hlen statt theologische<br \/>\nRichtigkeiten weiterzugeben.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter kam der Enkel, es war schon sp\u00e4t. Er war in<br \/>\neinen Stau geraten, nun war er hundem\u00fcde, wollte nur noch ein Bier<br \/>\nund dann schlafen. Werner verkniff sich die Bemerkung, da\u00df die Bahn<br \/>\neben doch bequemer und manchmal sogar schneller sei als ein Auto. Am n\u00e4chsten<br \/>\nMorgen so gegen zehn fr\u00fchst\u00fcckten sie zusammen. Werner las als<br \/>\nerstes die Losung, diesmal laut, und war &#8211; wie so oft &#8211; \u00fcberrascht:<br \/>\n&#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gypten, aus<br \/>\nder Knechtschaft gef\u00fchrt habe. &#8211; Du kennst den Text?&#8220; &#8211; &#8222;Nein,<br \/>\nwieso?&#8220; fragte der Enkel, und Werner erz\u00e4hlte, da\u00df es<br \/>\nsich um den vollst\u00e4ndigen ersten Satz der zehn Gebote handele und<br \/>\nda\u00df die Gebote das Handeln des freien Menschen geschrieben, frei<br \/>\nvon knechtischem Gehorsam gegen\u00fcber weltlichen Herrinnen und Herren,<br \/>\nfrei aber auch von den &#8218;inneren Herrinnen und Herren,&#8216; den destruktiven<br \/>\nund gemeinschaftsfeindlichen Impulsen.<\/p>\n<p>&#8222;Meinst du das, was Psychologen als Triebhaftigkeit bezeichnen?&#8220;<br \/>\nfragte der Enkel, und als Werner nickte, fuhr er fort: &#8222;Aber sag<br \/>\nmir doch mal, warum trotz der Gebote die Menschen immer noch l\u00fcgen<br \/>\nund betr\u00fcgen, rauben und morden und so!&#8220; &#8211; &#8222;Weil sie Menschen<br \/>\nsind,&#8220; wollte Werner antworten, sagte dann aber: &#8222;Weil jeder<br \/>\neinzelne Mensch f\u00fcr sein eigenes Leben diese Orientierung neu braucht.<br \/>\nJeder mu\u00df aus eigenen Erfahrungen lernen, da\u00df bestimmte Dinge<br \/>\nnicht gehen. Sag einem Dreij\u00e4hrigen, da\u00df die Herdplatte hei\u00df<br \/>\nist: er wird sie trotzdem anfassen. Aber dann wei\u00df er, da\u00df<br \/>\nhei\u00df weh tut.&#8220;<\/p>\n<p>Der Enkel lachte: &#8222;Als ich gestern losfuhr, sagte Mutter nat\u00fcrlich:<br \/>\nFahr nicht so schnell. Und doch h\u00e4tten sie mich fast geblitzt.&#8220;<br \/>\n&#8211; &#8222;Siehst du,&#8220; meinte der Gro\u00dfvater, &#8222;und als mich<br \/>\nk\u00fcrzlich jemand ausgebremst hat, h\u00e4tte ich ihn am liebsten mit<br \/>\nVollgas gerammt. Meine impulsive Wut kocht immer mal wieder hoch. Wei\u00dft<br \/>\ndu, der erste Paragraph der Stra\u00dfenverkehrsordnung ist fast so etwas<br \/>\nwie eine Zusammenfassung der Gebote; jedenfalls derer, die das Zusammenleben<br \/>\nvon Menschen regeln. Kennst du ihn?&#8220;<\/p>\n<p>Der Enkel z\u00f6gerte einen Moment, bis er meinte, da\u00df es darum<br \/>\nginge, andere Verkehrsteilnehmer nicht mehr als unumg\u00e4nglich zu beeintr\u00e4chtigen.<br \/>\nWerner gab sich mit der Antwort zufrieden &#8211; er kannte den Wortlaut auch<br \/>\nnicht mehr so genau &#8211; griff nach der Bibel, die immer auf dem E\u00dftisch<br \/>\nlag, und bl\u00e4tterte. &#8222;In Bibelkunde bin ich heute besser als<br \/>\nbeim Examen,&#8220; stellte er zufrieden fest, und las aus dem Philipperbrief:<br \/>\n&#8222;Jeder richte den Blick nicht nur auf das Seine, sondern auch auf<br \/>\ndas, was des anderen ist. Klingt nicht viel anders, was? Das Auch ist<br \/>\nwichtig, auch die Interessen der Mitmenschen beachten und ber\u00fccksichtigen.<br \/>\nIm Kleinen wie im Gro\u00dfen.&#8220; &#8211; &#8222;Also von mal-auf-Vorfahrt-Verzichten<br \/>\nbis Menschenw\u00fcrde achten,&#8220; interpretierte der Enkel und meinte<br \/>\ndazu: &#8222;Aber das ist doch so vern\u00fcnftig, da\u00df das jeder<br \/>\neinsehen kann!&#8220; &#8211; &#8222;Wenn jeder die n\u00f6tige Vernunft und Einsicht<br \/>\nh\u00e4tte,&#8220; erg\u00e4nzte Werner, &#8222;Heute steht in der Zeitung,<br \/>\nda\u00df jemand durch Raserei einen Unfall verursacht hat; ein Toter,<br \/>\nzwei Schwerverletzte. Dem Fahrer war erst k\u00fcrzlich wegen Raserei<br \/>\nder F\u00fchrerschein entzogen worden. Wo sind da Vernunft und Einsicht?<\/p>\n<p>Du fragst in deinem Brief, ob denn alles Predigen von Propheten und Pastoren<br \/>\nvergeblich gewesen sei.&#8220; &#8211; &#8222;Ja, ist es denn nicht so?&#8220;<br \/>\nwarf der Enkel etwas ungeduldig ein und bekam ein etwas lautes Nein zu<br \/>\nh\u00f6ren. &#8222;Wir m\u00fcssen die Menschen nehmen, wie sie sind, es<br \/>\ngibt keine anderen, und wir werden sie nicht \u00e4ndern. Wir k\u00f6nnen<br \/>\nihnen nur immer wieder, am besten jedem einzeln, helfen, einigerma\u00dfen<br \/>\ngut miteinander auszukommen.&#8220; &#8211; &#8222;Dann hat dein Beruf ja eine<br \/>\ntolle Zukunft, ich glaub, ich werde Pastor,&#8220; meinte der Enkel, und<br \/>\nWerner wu\u00dfte nicht, ob das Ironie oder Ernst war. Dann fuhr er fort:<br \/>\n&#8222;Was wir aber k\u00f6nnen, ist, die Verh\u00e4ltnisse, die Lebensbedingungen<br \/>\nso zu \u00e4ndern, da\u00df es sich in ihnen friedlicher und gerechter<br \/>\nleben l\u00e4\u00dft. Hunger erzeugt Gewalt. Also m\u00fcssen wir darauf<br \/>\nhinwirken, da\u00df die G\u00fcter der Erde gerechter verteilt werden,<br \/>\num Gewalt von Menschen gegen Menschen und gegen die Natur zu verringern.<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, manchmal denke ich: Wenn Gott so empfinden w\u00fcrde<br \/>\nwie ein Mensch, dann k\u00f6nnte er \u00fcber seine Kreaturen nur weinen<br \/>\noder in wilde Wut geraten. Statt dessen haben wir seine Gebote, sein Wort,<br \/>\nwonach und womit wir miteinander leben k\u00f6nnen. Das wir aber immer<br \/>\nwieder neu h\u00f6ren m\u00fcssen, weil die destruktiven Kr\u00e4fte in<br \/>\nuns und die negativen M\u00e4chte um uns uns das Leben so schwer machen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Enkel dachte einen Augenblick nach, bevor er feststellte, das sei<br \/>\nja die reinste Sisyphusarbeit, nie fertig und immer wieder von vorn anzufangen.<br \/>\nWerner fand den Vergleich durchaus treffend, doch dann erz\u00e4hlte er<br \/>\nvon einem seiner Gemeindeglieder, mehrfach wegen Diebstahls, auch wegen<br \/>\nK\u00f6rperverletzung vorbestraft. Werner hatte ihn im Gef\u00e4ngnis<br \/>\nregelm\u00e4\u00dfig besucht. Eines Sonntags war der Mann im Gottesdienst<br \/>\nerschienen und von da an regelm\u00e4\u00dfig. Werner hatte ihm geholfen,<br \/>\neine Arbeit zu finden und hatte es gewagt, den Mann bei der Haussammlung<br \/>\nf\u00fcr die Diakonie einzusetzen. Bald war der Mann ehrenamtlicher Helfer<br \/>\nin der Bahnhofsmission geworden &#8211; wo er fr\u00fcher oft fr\u00fchst\u00fccken<br \/>\ngegangen war und wo er dann einen Teil seiner alten Kumpels traf. Der<br \/>\nMann war nie mehr r\u00fcckf\u00e4llig geworden.<\/p>\n<p>&#8222;So etwas gibt es eben auch,&#8220; meinte Werner, &#8222;und darum<br \/>\nsind die Gebote doppelt wichtig: Um Menschen Orientierung zu geben &#8211; und<br \/>\num den Propheten und Pastoren etwas an die Hand zu geben, womit sie andere<br \/>\nauf einen guten Weg bringen k\u00f6nnen. Apropos Weg: Die Sonne scheint,<br \/>\nla\u00df uns spazieren gehen, da k\u00f6nnen wir weiterreden.&#8220;<\/p>\n<p>Der Enkel r\u00e4umte den Tisch ab, dann gingen sie los. A\u00dfen in<br \/>\neinem kleinen Gasthaus zu Mittag, tranken in einem anderen Kaffee und<br \/>\nkamen abends m\u00fcde zur\u00fcck. Als der Enkel schlafen gehen wollte,<br \/>\nsagte er noch: &#8222;Ich hab das jetzt begriffen mit den Menschen und<br \/>\nden Geboten, da\u00df die immer wieder neu gepredigt werden m\u00fcssen.<br \/>\nUnd wenn das Unrecht weniger werden soll, m\u00fcssen wir die Lebensbedingungen<br \/>\n\u00e4ndern, damit die Menschen auf Gewalt verzichten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Werner war versucht, das Gespr\u00e4ch wieder aufzunehmen, aber der Wunsch<br \/>\nwar st\u00e4rker, den angefangenen Krimi zu Ende zu lesen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Gebet<\/b>:<\/p>\n<p>Guter Gott, dein Wort und dein Gebot hast du uns als Licht auf unseren<br \/>\nWegen geschenkt. Denn b\u00f6ses Dunkel umgibt uns, und dunkles B\u00f6ses<br \/>\nist auch in uns. Lug und Betrug, Diebstahl und Raub, Mord und Totschlag<br \/>\ngeschehen um uns und in uns. Du aber willst, da\u00df wir den Weg des<br \/>\nLichtes gehen, den Weg des Lebens. Darum weist du uns immer wieder zurecht,<br \/>\nweist uns zu dem, was Recht ist. Daf\u00fcr danken wir dir.<\/p>\n<p>Guter Gott, wir bitten dich heute f\u00fcr alle Menschen, die anderen<br \/>\nMenschen Schlimmes antun: F\u00fchre sie zur Einsicht ihres Unrechts und<br \/>\nhilf ihnen, Wege zu einem besseren, dir gef\u00e4lligeren Leben zu finden.<br \/>\nWir bitten dich auch f\u00fcr alle, die sich m\u00fchen, deinem Wort und<br \/>\nGebot mehr Geh\u00f6r und Geltung zu verschaffen: La\u00df sie nicht<br \/>\nm\u00fcde werden in ihrem erm\u00fcdenden Tun, la\u00df sie nicht resignieren<br \/>\nbei ihrer scheinbaren Erfolglosigkeit.<\/p>\n<p>Guter Gott, auch f\u00fcr uns bitten wir dich. Du wei\u00dft, da\u00df<br \/>\nuns manchmal Gedanken und Impulse \u00fcberkommen, die deinen Geboten<br \/>\nwidersprechen. Gib du uns Kraft, den dunklen M\u00e4chten in uns nicht<br \/>\nzu erliegen. Mache uns vielmehr zu Menschen, die andere aus dem Dunkel<br \/>\nzu deinem Licht f\u00fchren.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Liedvorschl\u00e4ge<\/b>: EG 447, 1, 7-20; EG 196, 1, 2, 5; EG 295,<br \/>\n1 &#8211; 4; EG 420, 1 &#8211; 5<\/p>\n<p><b>Paul Kluge<br \/>\nProvinzialpfarrer im Diakonischen Werk<br \/>\nin der Kirchenprovinz Sachsen e. V.<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">E-Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=dekalog-pr-kluge.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog | Februar 2002 | Ex 20,2 | Paul Kluge | &#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gypten, aus der Knechtschaft gef\u00fchrt habe.&#8220; (Ex. 20, 2) Liebe Geschwister, die Osterferien r\u00fcckten n\u00e4her, und darauf freute er sich. 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