{"id":9199,"date":"2002-04-07T19:49:58","date_gmt":"2002-04-07T17:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9199"},"modified":"2025-04-19T16:43:32","modified_gmt":"2025-04-19T14:43:32","slug":"exodus-20-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-6\/","title":{"rendered":"Exodus 20"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog: Das achte Gebot | April 2002 | Exodus 20 | Stefan Knobloch |<\/h3>\n<p><b>Das 8. Gebot &#8211; ein Gebot, dem wir nicht entkommen<\/b><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Mit der Wahrheit hat er es nicht recht&#8220; sagen wir manchmal<br \/>\nvon einem Menschen. Und wir sprechen ihm damit gewisse ethische Qualit\u00e4ten<br \/>\nab. Es ordnet ihn ein als einen Menschen, dem man nicht durch Dick und<br \/>\nD\u00fcnn vertrauen d\u00fcrfe. Merkw\u00fcrdig ist das schon: Wir konstatieren<br \/>\nso etwas leichter bei anderen als bei uns selbst, obwohl auch wir selbst<br \/>\nkeineswegs die Wahrheit, oder besser die Wahrhaftigkeit, in jeder Situation<br \/>\nf\u00fcr uns gepachtet haben. &#8222;Omnis homo mendax&#8220;, die Menschen<br \/>\nl\u00fcgen alle, hei\u00dft es im Psalm 116,11. Wenn wir schon dem Dunstkreis<br \/>\nder Unaufrichtigkeit und L\u00fcge nicht entkommen, dann nehmen wir f\u00fcr<br \/>\nuns gerne unsere Zuflucht zur Notl\u00fcge. Es sei ja nur &#8222;Notl\u00fcge&#8220;<br \/>\ngewesen, auf keinen Fall arglistige T\u00e4uschung oder Irref\u00fchrung,<br \/>\nwas wir uns vorzuwerfen h\u00e4tten.<\/p>\n<p><b>Alles nur Notl\u00fcge &#8211; alles halb so wild?<\/b><\/p>\n<p>In Abraham und Sara haben wir gewisserma\u00dfen willkommene Entlastungszeugen,<br \/>\ndie uns vorgemacht haben, wie das mit der Notl\u00fcge funktioniert und<br \/>\nda\u00df das also schlimm nicht so sein kann. Als er von einer Hungersnot<br \/>\ngetrieben mit seiner Frau Sara nach \u00c4gypten zieht, um sich dort mit<br \/>\nEssensvorr\u00e4ten zu versorgen, kommen ihm Bedenken wegen Saras Sch\u00f6nheit.<br \/>\nAm Ende k\u00f6nnten ihm die Leute im fremden Land Gewalt antun, um an<br \/>\nseine Frau zu kommen. &#8222;Sag doch, sollte es soweit kommen, du seiest<br \/>\nmeine Schwester, dann wird uns nichts passieren&#8220; (vgl. Gen 12,13).<br \/>\nTrotz dieser Notl\u00fcge scheut sich das Neue Testament nicht, Abraham<br \/>\nden Vater unseres Glaubens zu nennen (vgl. Gal 3,7)?<\/p>\n<p>Eine Notl\u00fcge auf der Ebene der gro\u00dfen Politik wird ohne Wimpernzucken<br \/>\nund unkommentiert bei Jeremia berichtet. In der dramatischen Situation<br \/>\nder Belagerung Jerusalems durch die Truppen der Chald\u00e4er &#8211; der Babylonier,<br \/>\nwie wir eher zu sagen gewohnt sind -, r\u00e4t Jeremia dem K\u00f6nig<br \/>\nZidkija, vor die Stadt zu ziehen und sich den Heerf\u00fchrern des K\u00f6nigs<br \/>\nvon Babel zu ergeben. So werde von ihm selbst und von der gesamten Stadt<br \/>\nUnheil abgewendet. Die Gener\u00e4le und Berater Zidkijas aber hegten<br \/>\ngegen\u00fcber Jeremia schon lange den Verdacht, er torpediere die Moral<br \/>\nder Truppe, er untergrabe den Widerstands- und Kampfeswillen der Belagerten.<br \/>\nIn den Schatten dieses Verdachts wollte der K\u00f6nig Zidkija aufgrund<br \/>\nseiner Kontakte zu Jeremia nicht hineingezogen werden. &#8222;Niemand darf<br \/>\nvon unserem Gespr\u00e4ch erfahren&#8220;, so sch\u00e4rft er Jeremia ein,<br \/>\n&#8222;und wenn dich die Beamten fragen, dann erz\u00e4hle ihnen irgend<br \/>\netwas Belangloses&#8220; (vgl. Jer 24-28). Und so tat es Jeremia dann auch.<\/p>\n<p>Von dieser Begebenheit ist der Sprung in die aktuelle Tagespolitik nicht<br \/>\nweit. Was da Mitte-Ende M\u00e4rz im Bundesrat in Sachen Abstimmung \u00fcber<br \/>\ndas Zuwanderungsgesetz \u00fcber die B\u00fchne ging, war &#8222;Theater&#8220;,<br \/>\nsagten die einen; &#8222;ehrliche Emp\u00f6rung&#8220;, sagten die anderen.<br \/>\nPolitische Wegelagerei auf beiden Seiten war es allemal, Getrickse, unw\u00fcrdiges<br \/>\nMiteinanderumgehen, dem es an Wahrheit und Wahrhaftigkeit mangelte. Oder<br \/>\nman denke an den sogenannten K\u00f6lner Spendensumpf, an offensichtliche<br \/>\nBestechungs- und Korruptionsvorg\u00e4nge. &#8222;K\u00f6ln sei \u00fcberall&#8220;,<br \/>\nsagt und liest man in diesen Tagen. Nur mu\u00df man sich h\u00fcten,<br \/>\ndas Problem der Wahrheitsbeugung und der mangelnden Wahrhaftigkeit gro\u00dfformatig<br \/>\nauf die Politiker und die politische Szene zu projizieren, um durch diese<br \/>\nAblenkung gewisserma\u00dfen selbst mit wei\u00dfer Weste dazustehen.<br \/>\nSo weit d\u00fcrfte es mit unserer wei\u00dfen Weste nicht her sein.<br \/>\nMan versuche nur einmal, gedanklich seiner letzten Steuererkl\u00e4rung<br \/>\netwas n\u00e4herzutreten&#8230;<\/p>\n<p><b>Der urspr\u00fcngliche Topos &#8211; vor Gericht<\/b><\/p>\n<p>Dabei hat das 8. Gebot sein Zentrum genau genommen nicht in der Ehrlichkeit,<br \/>\nsondern in seiner Ausrichtung am anderen, am N\u00e4chsten. &#8222;Du sollst&#8220;,<br \/>\nso lautet das Gebot nach Ex 20,16 bzw. Dtn 5,20, &#8222;nicht falsch gegen<br \/>\ndeinen N\u00e4chsten aussagen.&#8220; Man sieht es der Formulierung an,<br \/>\nwo das Gebot urspr\u00fcnglich seinen Sitz hat, n\u00e4mlich in der Aussage<br \/>\nvor Gericht, ob in der Rolle des Kl\u00e4gers oder des Zeugen, macht da<br \/>\nkeinen gro\u00dfen Unterschied. \u00dcberall lauert die Gefahr der Falschaussage,<br \/>\nder Beugung der Wahrheit. Meineid vor Gericht wird noch heute mit Strafe<br \/>\nbelegt, und vereidigt wird gegebenenfalls der Zeuge, da dessen Aussage<br \/>\nauf ein Urteil entscheidend einwirken kann. Nicht erst hier, in der qualifizierten<br \/>\nSituation der Zeugenschaft vor Gericht, sondern ganz generell verletzt<br \/>\ndie bewu\u00dfte sch\u00e4digende Falschaussage das Fundament des sozialen<br \/>\nZusammenlebens. Auch wenn heute viele beim Gebrauch der Eidesformel &#8211;<br \/>\ndie gelegentlich zur Meineidsformel ger\u00e4t &#8211; auf den direkten Bezug<br \/>\nauf Gott verzichten, \u00e4ndert das nichts an der zerst\u00f6rerischen<br \/>\nDramatik eines solchen Vorgangs. Im Alten Testament ist mehrfach bezeugt,<br \/>\nda\u00df ein falscher Zeuge Gott ein Greuel sei (Spr 6,19), da\u00df<br \/>\nFluch in das Haus dessen einziehe, &#8222;der bei meinem Namen einen Meineid<br \/>\nschw\u00f6rt&#8220; (Sach 5,4).<\/p>\n<p>Jesu Haltung war hier von einer noch kompromi\u00dfloseren Radikalit\u00e4t.<br \/>\n&#8222;Ihr habt geh\u00f6rt, da\u00df zu den Alten gesagt worden ist:<br \/>\nDu sollst keinen Meineid schw\u00f6ren&#8230; Ich aber sage euch: Schw\u00f6rt<br \/>\n\u00fcberhaupt nicht&#8230; Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles<br \/>\nandere stammt vom B\u00f6sen&#8220; (Mt 5,33.34.37). Gleichwohl kannte<br \/>\nauch Jesus Sprachformen, die das einfache Ja zu einer qualifizierten Aussage<br \/>\numfigurierten, beispielsweise wenn er seinen Worten ein &#8222;Amen, ich<br \/>\nsage euch&#8220; oder ein &#8222;Amen, ich sage dir&#8220; (vgl. Mk 14,9.25.30)<br \/>\nvoranstellte.<\/p>\n<p>Wenn also das 8. Gebot seinen qualifizierten Ort auch im Bereich der<br \/>\nRechtsprechung hat, so reicht es gleichwohl weit dar\u00fcber hinaus in<br \/>\nalle Lebensbereiche hinein. So f\u00e4llt unter das Gebot auch schon die<br \/>\n\u00fcble Nachrede, jener Sachverhalt also, wo einer \u00fcber einen anderen<br \/>\nDinge verbreitet, die dessen Leben tats\u00e4chlich betreffen oder betroffen<br \/>\nhaben, also nicht aus der Luft gegriffen und frei erfunden sind. Sie zu<br \/>\nstreuen und unter die Leute zu bringen, erf\u00fcllt streng genommen nicht<br \/>\nden Tatbestand der L\u00fcge, f\u00e4llt aber gleichwohl unter das 8.<br \/>\nGebot, da hier Dinge aus unlauteren Motiven und mit sch\u00e4digender<br \/>\nAbsicht gestreut werden. Hieran wird erneut deutlich, da\u00df das 8.<br \/>\nGebot sein Zentrum im N\u00e4chsten hat. Das ist gewi\u00df zweischneidig<br \/>\nund darf nicht dahingehend mi\u00dfdeutet werden, als d\u00fcrfe man<br \/>\ndann ja wohl auch einen Meineid vor Gericht schw\u00f6ren, wenn damit<br \/>\nnur die &#8222;gute Absicht&#8220; verfolgt werde, Schaden von jemand abzuhalten.<br \/>\nHier die Dinge richtig zu gewichten, d\u00fcrfte nicht schwerfallen. Im<br \/>\nFall der Gerichtsverhandlung geht es um die Wahrheitsfindung ohne Ansehen<br \/>\nder Person, im anderen Fall aber haben immer der Pers\u00f6nlichkeitsschutz<br \/>\nund die Achtung der Personenw\u00fcrde den Vorrang, die es verbieten,<br \/>\nGift zu spritzen und den guten Namen eines Menschen in den Dreck zu ziehen.<br \/>\nWie sagt ein lateinisches Sprichwort? &#8222;Semper aliquid adhaeret&#8220;;<br \/>\netwas bleibt immer h\u00e4ngen &#8211; an ausgestreuten Ger\u00fcchten, m\u00f6gen<br \/>\nsie nun zutreffen oder nicht.<\/p>\n<p><b>In kluger Weise Wahrheit verschleiern?<\/b><\/p>\n<p>Dieses oberste Gesetz der R\u00fccksichtnahme, besser der Orientierung<br \/>\nam N\u00e4chsten, scheint als Prinzip auch einem Satz des Thomas&#8216; von<br \/>\nAquin zugrunde zu liegen, der in seiner Summa theologica begegnet: &#8222;Es<br \/>\nist erlaubt, in kluger Weise die Wahrheit zu verschleiern.&#8220; Im ersten<br \/>\nMoment m\u00f6chte man spontan aufbegehren gegen das Hintert\u00fcrchen,<br \/>\ndas hier der Wahrheitsbeugung ge\u00f6ffnet zu werden scheint. Aber der<br \/>\nSatz f\u00fchrt offensichtlich etwas anderes im Schilde. Die Wahrheit<br \/>\nin kluger Weise zu verschleiern, will bedeuten, in einer Situation, in<br \/>\nder einer kein Anrecht auf die objektiv &#8222;volle&#8220; Wahrheit hat,<br \/>\ndiese Wahrheit mit R\u00fccksicht auf einen Dritten nicht frank und frei<br \/>\nauf den Tisch zu legen. &#8222;In kluger Weise&#8220; meint keine Tricks,<br \/>\nsondern meint den verantwortungsvollen Bezug auf den N\u00e4chsten, \u00fcber<br \/>\nihn nicht &#8222;falsch&#8220; bzw. sch\u00e4digend zu reden.<\/p>\n<p>Wenn es so um das 8. Gebot steht, dann scheint es allerdings schwierig<br \/>\nzu werden mit der sogenannten &#8222;Gemeinderegel&#8220;, der wir in Mt<br \/>\n18,15-20 begegnen. Dort ist zwar nicht von der L\u00fcge die Rede, aber<br \/>\nder dort empfohlene modus procedendi, der dort empfohlene Verfahrensmodus,<br \/>\nwenn ein Bruder ges\u00fcndigt habe, scheint letztlich ohne die Verletzung<br \/>\nseiner Personenw\u00fcrde nicht auszukommen. Wenn ein Bruder s\u00fcndigt,<br \/>\n&#8222;dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.&#8220; Schon<br \/>\nhier dr\u00e4ngt sich die Frage auf, wann wir das zum letzten Mal versucht<br \/>\nh\u00e4tten? Und mit welchem Erfolg? Wurden wir mit offenen Armen aufgenommen<br \/>\noder sind wir nicht eher abgeblitzt, wom\u00f6glich unter Hinweis auf<br \/>\nein anderes Jesuswort, das hier einschl\u00e4gig w\u00e4re: &#8222;Warum<br \/>\nsiehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem<br \/>\nAuge bemerkst du nicht&#8220; (Mt 7.3)? Die Gemeinderegel sieht weiter<br \/>\nvor, wenn der &#8222;Vier-Augen-Versuch&#8220; gescheitert sei, dann zwei<br \/>\nweitere Personen hinzuzuziehen. Wenn auch das keinen Erfolg habe, m\u00fcsse<br \/>\ndie Angelegenheit vor die Gemeinde gebracht werden.<\/p>\n<p>Anstrengende S\u00e4tze sind das, die nach ihrer inneren Logik gewi\u00df<br \/>\nnichts mit dem 8. Gebot zu tun haben, aber f\u00fcr unser Empfinden eben<br \/>\nwohl doch, insofern sich das 8. Gebot sch\u00fctzend vor den N\u00e4chsten<br \/>\nstellt. Gewi\u00df geht es in der Gemeinderegel im Ansatz genau nicht<br \/>\num Pers\u00f6nlichkeitssch\u00e4digung, sondern um das genaue Gegenteil,<br \/>\naber verstricken sich hier nicht die F\u00e4den rasch so, da\u00df man<br \/>\nder Gemeinderegel kaum nachkommen kann, ohne den Inhalt des 8. Gebotes<br \/>\nzu tangieren? Vielleicht hat sich eben deshalb diese Gemeinderegel in<br \/>\nder Praxis kaum durchgesetzt.<\/p>\n<p><b>Unglaube als &#8222;L\u00fcge&#8220;<\/b><\/p>\n<p>All diese bisherigen \u00dcberlegungen scheinen, wie mehrfach betont,<br \/>\ndas 8. Gebot ausschlie\u00dflich einem blo\u00df ethischen Horizont<br \/>\nzuzuordnen, als sei mit diesem Referenzrahmen sein Inhalt bereits vollg\u00fcltig<br \/>\ngetroffen. Ohne seiner Orientierung am N\u00e4chsten auch nur das Geringste<br \/>\nwegzunehmen, mu\u00df man allerdings auch sehen, da\u00df die Heilige<br \/>\nSchrift nicht nur den Tatbestand der Falschaussage gegen\u00fcber dem<br \/>\nMitmenschen mit L\u00fcge bezeichnet, sondern auch den ganz anders gearteten<br \/>\nTatbestand des Unglaubens gegen\u00fcber Gott als L\u00fcge identifiziert.<br \/>\nVom Joh-Evangelium her legt sich das zwingend nahe. Nach Joh 8,30-47 findet<br \/>\nJesus, der Offenbarer des Vaters, bei den Juden, den Kindern Abrahams,<br \/>\nkein Geh\u00f6r, keinen Glauben, weil sie, wie Jesus sagt, nicht Abraham,<br \/>\nsondern den Teufel zum Vater h\u00e4tten. Deshalb seien sie nicht imstande,<br \/>\nseine, Jesu, Worte zu h\u00f6ren (vgl. Joh 8,43b). Sie seien dem &#8222;Vater<br \/>\nder L\u00fcge&#8220; (Joh 8,44) verfallen und k\u00e4men so nicht zum Glauben.<br \/>\nUnglaube also als L\u00fcge, gewisserma\u00dfen &#8211; um es im Wortlaut des<br \/>\n8. Gebotes zu spiegeln &#8211; als Falschaussage gegen Gott, da\u00df an Gott<br \/>\nnichts sei, an seiner N\u00e4he und an seinem Interesse am Menschen, vor<br \/>\nallem aber, da\u00df an Jesus als Offenbarer Gottes nichts sei.<\/p>\n<p><b>Und die &#8222;Gotteskrise&#8220; heute?<\/b><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellen manche die bange Frage, ob diese Art der<br \/>\n&#8222;Falschaussage&#8220; gegen Gott heute nicht fl\u00e4chendeckend um<br \/>\nsich greife, wo so viele von einer Gottvergessenheit bzw. einer Gotteskrise<br \/>\nsprechen, die den eigentlichen und tiefsten Hintergrund der gegenw\u00e4rtigen<br \/>\nKirchenkrise ausmache. Ich denke, hier mu\u00df man in der Beurteilung<br \/>\nVorsicht walten lassen. Es d\u00fcrfte nicht alles &#8222;Gotteskrise&#8220;<br \/>\nsein, wo Gotteskrise bzw. Kirchenkrise draufsteht. Was soll Gotteskrise<br \/>\neigentlich hei\u00dfen? Es kann sich n\u00e4mlich in der scheinbar so<br \/>\nbesorgten Rede von der Gotteskrise ihrerseits so etwas wie eine Krise<br \/>\ndes Glaubens an den nahen Gott verbergen. Das Zweite Vatikanische Konzil<br \/>\nhat mit Recht in der Pastoralkonstitution &#8222;Gaudium et spes&#8220;<br \/>\ndarauf bestanden, da\u00df &#8222;es in Wahrheit nur eine letzte Berufung<br \/>\ndes Menschen gibt, die g\u00f6ttliche&#8220;, und hat darauf verwiesen,<br \/>\n&#8222;da\u00df der Heilige Geist allen die M\u00f6glichkeit anbietet,<br \/>\ndem \u00f6sterlichen Geheimnis <i>in einer Gott bekannten Weise<\/i> (modo<br \/>\nDeo cognito) verbunden zu sein&#8220; (GS Art.22). Auch nach der anderen<br \/>\nSeite, also gewisserma\u00dfen vom Menschen her, d\u00fcrfte es so sein,<br \/>\nda\u00df der Mensch &#8211; auch und gerade heute &#8211; einen Gottesbedarf hat,<br \/>\nder ihn freilich auf ganz verschiedenen Wegen nach Gott suchen und fragen<br \/>\nl\u00e4\u00dft; nicht zuletzt in der Gestalt der Frage nach dem Sinn<br \/>\ndes eigenen Lebens. Dann also handelte es sich heute bei vielen Menschen<br \/>\nnicht um die dezidierte &#8222;Falschaussage&#8220; gegen Gott, da\u00df<br \/>\nes Gott nicht gebe, sondern um ein offenes Suchen und Fragen, welches<br \/>\ndieselbe Pastoralkonstitution so beurteilte: &#8222;Jeder Mensch bleibt&#8230;<br \/>\nsich selbst eine ungel\u00f6ste Frage, die er dunkel sp\u00fcrt. Denn<br \/>\nniemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen<br \/>\nEreignissen des Lebens, diese Frage g\u00e4nzlich verdr\u00e4ngen. Auf<br \/>\ndiese Frage kann nur Gott die volle und ganz sichere Antwort geben; Gott,<br \/>\nder den Menschen zu tieferem Nachdenken und dem\u00fctigerem Suchen aufruft&#8220;<br \/>\n(GS 21).<\/p>\n<p>Wir sind ein uns aufgegebenes R\u00e4tsel. Nicht nur im Bereich unseres<br \/>\nindividuellen Lebens. R\u00e4tselhaft, ja erschreckend r\u00e4tselhaft,<br \/>\nerschreckend von L\u00fcge und Verblendung durchsetzt gestalten sich in<br \/>\nunseren Tagen wieder einmal die Auseinandersetzungen zwischen Staaten<br \/>\nund V\u00f6lkern, wie aktuell die Eskalation der Gewalt zwischen Israel<br \/>\nund den Pal\u00e4stinensern deutlich macht. Und wieder ist dabei die L\u00fcge<br \/>\nin einer qualifizierten Weise im Spiel, indem sie Selbstmordattent\u00e4ter<br \/>\nzu M\u00e4rtyrern hochstilisiert, die in Wahrheit verf\u00fchrte und verblendete<br \/>\nM\u00f6rder sind.<\/p>\n<p>&#8222;Du sollst nicht falsch gegen deinen N\u00e4chsten aussagen.&#8220;<br \/>\nDas 8. Gebot lastet schwer auf uns. Und w\u00fcrden wir in gro\u00dfer<br \/>\nNonchalance behaupten, wir h\u00e4tten mit ihm keine Probleme, bef\u00e4nden<br \/>\nwir uns erneut im Bann der L\u00fcge, ganz so wie 1 Joh 1,6 die Zusammenh\u00e4nge<br \/>\nsieht: &#8222;Wenn wir sagen, da\u00df wir Gemeinschaft mit ihm (mit Gott)<br \/>\nhaben, und doch in der Finsternis leben, l\u00fcgen wir und tun nicht<br \/>\ndie Wahrheit.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\nJohannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz, Fachbereich Katholische Theologie<br \/>\nSaarstra\u00dfe 21 D-55099 Mainz<br \/>\nTel.\/Fax: 0 61 31 \/ 39 22 743<br \/>\n<a href=\"mailto:pastoralunimz@hotmail.com\">pastoralunimz@hotmail.com<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog: Das achte Gebot | April 2002 | Exodus 20 | Stefan Knobloch | Das 8. 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