{"id":9204,"date":"2002-03-07T19:50:02","date_gmt":"2002-03-07T18:50:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9204"},"modified":"2025-04-11T14:54:18","modified_gmt":"2025-04-11T12:54:18","slug":"exodus-20-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-13\/","title":{"rendered":"Exodus 20, 13"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog: Das f\u00fcnfte Gebot | M\u00e4rz 2002 | Exodus 20,13 | Jobst von Stuckrad-Barre |<\/h3>\n<p><b>Das f\u00fcnfte Gebot: &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220;<\/b><\/p>\n<p><i>Ramallah: N\u00e4chtliche Jagden folgen auf j\u00fcngste Attentate<br \/>\nund umgekehrt. Afghanistan: Der Krieg geht weiter &#8211; die Zivilisten leiden<br \/>\nmehr als bisher bekannt. Zimbabwe: Diktator Mugabe hindert die W\u00e4hler<br \/>\nmit Waffengewalt an freien Wahlen. USA und anderswo: Menschen zu schaffen<br \/>\ndurch T\u00f6tung von Zellen, werdendem Leben also, ist nicht mehr v\u00f6llig<br \/>\nutopisch.<\/i><\/p>\n<p align=\"left\">In<br \/>\nZeiten, da das Bild des Gekreuzigten f\u00fcr manche Zeitgenossen eine<br \/>\nsolche Zumutung geworden ist, da\u00df sein Anblick sie offenbar (ver-)<br \/>\nst\u00f6rt, ja, da\u00df sie sogar per Gericht ihre durch dieses Bild<br \/>\nscheinbar bedrohte Freiheit einklagen; in Zeiten, da die Bilder von gequ\u00e4lten,<br \/>\ngefolterten, getretenen, verletzten und get\u00f6teten Menschen jeden<br \/>\nTag in Massen konsumiert werden; in Zeiten wie diesen also ist der einfache<br \/>\nSatz: Du sollst nicht t\u00f6ten! beinahe grotesk wahr, grundlegend und<br \/>\nbefreiend. So grotesk wirkt das, da\u00df es kaum der Rede, geschweige<br \/>\ndenn einer Predigt wert zu sein scheint, sich \u00fcber diesen Wahrheitsgehalt<br \/>\nund jenes Mi\u00dfverh\u00e4ltnis der Zeit zu dieser Wahrheit Rechenschaft<br \/>\nabzulegen.<\/p>\n<p>Du sollst nicht t\u00f6ten. Nicht morden! Auch f\u00fcr die ersten H\u00f6rer<br \/>\nin alttestamentlicher Zeit war dieser Satz so unmi\u00dfverst\u00e4ndlich,<br \/>\nda\u00df er keiner begr\u00fcndenden oder erkl\u00e4renden Zus\u00e4tze<br \/>\nbedurfte: nicht des Hinweises auf die Befreiung aus der Knechtschaft,<br \/>\nnicht auf die Heiligkeit des Namens, nicht auf die Sch\u00f6pfung, die<br \/>\ndie Ruhe Gottes und entsprechend die des Menschen am Sabbat\/Sonntag einleuchtend<br \/>\nmacht, auch nicht auf den Zusammenhang der Generationen, der die gegenseitige<br \/>\nAchtung und den Erhalt des Lebens zu Voraussetzungen hat. Dabei bergen<br \/>\ndoch gerade diese Hintergr\u00fcnde &#8211; Befreiung und Heiligkeit, Sch\u00f6pfung,<br \/>\nAchtung und Erhaltung des Lebens &#8211; jeder f\u00fcr sich und Gott durch<br \/>\nsie alle gute und angebrachte Begr\u00fcndungen in sich.<\/p>\n<p>Nein, keine Zus\u00e4tze und Hinweise, sondern ganz elementar und ganz<br \/>\neinfach: Du sollst nicht t\u00f6ten. So einfach und elementar, da\u00df<br \/>\nder, der dies Gebot nicht beachtet und einen Menschen umbringt, sich selbst<br \/>\num die Grundlage seines Lebens bringt. Jedenfalls hat er den verlassen<br \/>\nhat, der Leben schafft und heiligt, und kann sich nicht mehr auf sich<br \/>\nund sein Leben verlassen. Er wird versuchen zu fliehen, vor sich und vor<br \/>\ndenen, die bisher nach ihm gefragt haben; Erkl\u00e4rungen werden gesucht<br \/>\nund vielleicht einleuchten, und doch wird dieser Mensch keine Ruhe mehr<br \/>\nfinden. Er bringt durch sein Tun sich selbst um, so wie er Opfer und Trauer,<br \/>\nEntsetzen und Angst hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Von daher gewinnt der Anblick des Gekreuzigten, der Blick auf den, der<br \/>\nin den Tod ging, damit wir Leben finden, gerade im Gegen\u00fcber zum<br \/>\nBild des Menschen verletzenden, ja ums Leben bringenden T\u00e4ters seine<br \/>\nuns bewegende Bedeutung. Die Grenze wird sichtbar &#8211; zwischen Leben und<br \/>\nTod, zwischen Ehrfurcht und Mi\u00dfachtung, zwischen Recht und Unrecht,<br \/>\neine Linie, die nicht die Welt in Gut und B\u00f6se teilt, sondern die<br \/>\nSpur anzeigt, auf der wir als Menschen uns befinden und die wir nun in<br \/>\nder Perspektive des Kreuzes sehen.<\/p>\n<p>So einfach und elementar der Satz ist: Du sollst nicht t\u00f6ten, so<br \/>\nsehr wird dieser Satz, diese Grundlage des Zusammenlebens, vergessen und<br \/>\nmi\u00dfachtet: Es wird verletzt und gefoltert, entrechtet und bedroht,<br \/>\ngeschunden und gemordet, da\u00df ganze Industrien sich davon gut ern\u00e4hren.<br \/>\nMenschen bringen sich um. Und Gott wird gemartert und ans Kreuz geschlagen,<br \/>\nhier wie \u00fcberall.<\/p>\n<p>Die T\u00e4ter, all die, die t\u00f6tend das Leben verloren geben, sie<br \/>\nsind aber nur die eine Seite. Das Perverse der Situation kommt oft erst<br \/>\ndadurch heraus, da\u00df wir uns in der Rolle der Voyeure wiederfinden<br \/>\nund dabei von den objektiven T\u00e4tern und ihren Nutznie\u00dfern nur<br \/>\nein paar Bit entfernt erscheinen.<\/p>\n<p>Ein israelischer Schriftsteller, Etgar Keret, hat jetzt (laut &#8222;taz&#8220;<br \/>\nv. 8.3.02) von einem Fernsehsender seines Landes berichtet, der um der<br \/>\nAktualit\u00e4t willen den Fernsehschirm aufgeteilt hatte: In der einen<br \/>\nH\u00e4lfte waren Bilder vom j\u00fcngsten Selbstmordanschlag zu sehen,<br \/>\nin der andern H\u00e4lfte wurde das Fu\u00dfballspiel weiter \u00fcbertragen;<br \/>\nf\u00fcnf Tote links gegen drei Tore rechts &#8211; Normalit\u00e4t der Voyeure<br \/>\nin einer gegen Gewalt beinahe immunisierten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Vielleicht reicht es nicht, vom Voyeur in uns zu reden, wenn die Verfolgung<br \/>\nder Krimis zur abendlichen Norm geworden ist. Gew\u00f6hnung an Schreckensbilder,<br \/>\nVerwechslung von Unterhaltung und Abwehr des Schreckens durch seine Einverleibung<br \/>\n&#8211; wie auch immer. Was f\u00fcr Passionen!<\/p>\n<p><i>Erinnern Sie sich an das Bild des kleinen pal\u00e4stinensischen Jungen,<br \/>\nder &#8211; vor laufender Kamera &#8211; in den Armen seines schwer verletzten Vaters<br \/>\nerschossen wurde; es ist noch gar nicht so lange her. Gestern berichtete<br \/>\neine ARD-Redakteurin von ihren Untersuchungen zu diesem Bild (wie zu andern<br \/>\nsolchen Schreckensbildern). Israelische Streitkr\u00e4fte haben aus Sicherheitsgr\u00fcnden<br \/>\ndie Mauer, den Tatort, beseitigt, der Vater wie andere Pal\u00e4stinenser<br \/>\nmachen nun Propaganda mit diesen 50 Sekunden des Grauens &#8211; mehr Filmmaterial<br \/>\n(6 Minuten lang) existiert, wird aber vom franz\u00f6sischen Sender aus<br \/>\nunbekannten Gr\u00fcnden nicht freigegeben. Die Redakteurin gibt in einem<br \/>\nVorausbericht wieder, was Rekontruktionsversuche ergeben haben: Die dort<br \/>\nstationierten israelischen Scharfsch\u00fctzen k\u00f6nnen es nicht gewesen<br \/>\nsein; m\u00f6glicherweise haben pal\u00e4stinensische Bewohner hinter<br \/>\nihnen geschossen und dabei das Kind und den Vater getroffen&#8230;<\/i><\/p>\n<p>Die sich st\u00e4ndig steigernden Aggression zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern<br \/>\nmachen im Lande der Zehn Gebote daf\u00fcr aufmerksam, da\u00df das Nicht-T\u00f6ten<br \/>\nGrundlage f\u00fcr den Frieden sein kann, wenn denn Menschen damit rechnen<br \/>\nund nicht das body counting den Tag beherrscht wie die Nacht.<\/p>\n<p>Rache, Blutrache, diese Motive scheinen seit Menschengedenken und der<br \/>\nbiblischen Grundlegung dazu ausgeschlossen. Nicht zuletzt die Attentate<br \/>\ndes 11. Sept. und die seither erfolgten Versuche einer Eind\u00e4mmung<br \/>\ndes Terrors lassen aber erkennen, da\u00df die Motive in Wirklichkeit<br \/>\nso s\u00e4uberlich nicht zu trennen sind.<\/p>\n<p>Wenn das Gebot nicht nur verblassende Schrift an der Wand sein soll,<br \/>\nist es Anleitung, die Grenzlinie wahrzunehmen zwischen Leben und Nicht-Lebenlassen;<br \/>\nzugleich wird der Blick auf den, der get\u00f6tet wurde um des Lebens<br \/>\nwillen, tats\u00e4chlich zur Perspektive.<\/p>\n<p>Uns wird die Grenz\u00fcberschreitung durch den einfachen Satz: Du sollst<br \/>\nnicht t\u00f6ten! so eingesch\u00e4rft, da\u00df wir auch in diesen Zeiten<br \/>\nnicht an uns selbst vorbeikommen. Wenn T\u00f6ten das Ausschalten (! Dieser<br \/>\nTechnizismus zeigt auch unsere medial vermittelte Menschensicht!) des<br \/>\nAndern bedeutet, wird im Akt der Vernichtung auch der Zugang zum eigenen<br \/>\nLeben verhindert &#8211; du sollst nicht t\u00f6ten, du bringst dich um dein<br \/>\nLeben!<\/p>\n<p>Die Grenze zum Nicht-Leben einzuhalten &#8211; das f\u00fcnfte Gebot birgt<br \/>\nin sich den Schutz des Lebens, eben darum ist es ja in seiner Elementarit\u00e4t<br \/>\nin die verschiedenen Gesetzeskodizes der uns bestimmenden Kultur eingegangen.<br \/>\nSchutz des Lebens und Grundlage f\u00fcr Frieden!<\/p>\n<p>Ein Kriegsschauplatz, der allm\u00e4hlich erst ins allgemeine Bewu\u00dftsein<br \/>\ndringt, ist durch die Auseinandersetzung um die Genethik sichtbar geworden.<br \/>\nDa beginnt etwas, was Folgen f\u00fcr Individuen und ganze Generationen<br \/>\nin sich tr\u00e4gt: Eingriffe in die Keimbahn, die nicht wieder einzuholen<br \/>\nsind. So sind die gegenw\u00e4rtigen Scharm\u00fctzel um Forschungsfreiheit<br \/>\nund Schutz des beginnenden Lebens wohlm\u00f6glich Vorboten eines gr\u00f6\u00dferen<br \/>\nKriegs um die Welt: Wer beherrscht die therapeutisch gew\u00fcnschte Technik<br \/>\nund wer nutzt dies f\u00fcr seine, Menschen aus aller Heiligkeit und Freiheit,<br \/>\nAchtung und Zusammengh\u00f6rigkeit mit der \u00fcbrigen Sch\u00f6pfung<br \/>\nherausl\u00f6senden Ziele aus?<\/p>\n<p>Das einfache: Du sollst nicht t\u00f6ten! greift hier wirklich auf elementare<br \/>\nWeise ein. Unsere Ehrfurcht vor dem Leben sollte nicht kleiner sein als<br \/>\ndie Erkenntnis, da\u00df uns damit gesagt ist, was Gott will &#8211; und was<br \/>\ner tut: Der Leben unter seinen Schutz stellt, das ist der, der sein Leben<br \/>\ngibt &#8211; f\u00fcr uns!<\/p>\n<p>Von Afghanistan bis Zimbabwe, von Israel und Pal\u00e4stina \u00fcber<br \/>\nuns bis in die USA, an den Schaupl\u00e4tzen des Schreckens und in den<br \/>\neigenen Herzen brauchen die Menschen den, der sagt, du sollst nicht t\u00f6ten<br \/>\n&#8211; du sollst leben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Jobst von Stuckrad-Barre, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:%20Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de\">e-mail: Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog: Das f\u00fcnfte Gebot | M\u00e4rz 2002 | Exodus 20,13 | Jobst von Stuckrad-Barre | Das f\u00fcnfte Gebot: &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; Ramallah: N\u00e4chtliche Jagden folgen auf j\u00fcngste Attentate und umgekehrt. 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