{"id":9209,"date":"2002-04-07T19:49:57","date_gmt":"2002-04-07T17:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9209"},"modified":"2025-04-23T11:13:38","modified_gmt":"2025-04-23T09:13:38","slug":"exodus-20-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-8\/","title":{"rendered":"Exodus 20,14"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Reflexion zum 6. Gebot | April 2002 | Exodus 20,14 | Traugott Koch |<\/h3>\n<p>Christlich gesehen lautet die ethische Frage in Bezug auf die Ehe: Wie<br \/>\nkann <i>die Liebe<\/i> in einer Ehe, in der ungeteilten und umfassenden<br \/>\nLebensgemeinschaft zweier unterschiedlicher Menschen, <i>von Dauer<\/i><br \/>\nsein?<\/p>\n<p>Im erotischen Verlangen unter Menschen liegt bereits der Wunsch und &#8211;<br \/>\nje erwachsener desto bewu\u00dfter &#8211; hoffentlich auch der Wille, einen<br \/>\nanderen Menschen zu finden, f\u00fcr den man nicht nur interessant und<br \/>\nanziehend, sondern unaustauschbar und einzigartig ist, der einen mag,<br \/>\nso wie man ist, und der sich bei jedem Wiedersehen freut. Menschen wollen<br \/>\ndie Aufhebung ihrer Isolation in einer Gemeinsamkeit, in der die beiden<br \/>\neinander angeh\u00f6ren, einer und eine als Erwachsene beim Anderen &#8222;daheim&#8220;,<br \/>\naufgehoben und angenommen ist. Diese so offenkundig menschliche Erwartung<br \/>\nist im Trieb zum Anderen, im sexuellen Begehren, vital mitgegeben, ist<br \/>\ner doch ein menschlicher. In der Liebe ist keiner durch irgendeinen Anderen<br \/>\nersetzbar.<\/p>\n<p>Aus dem Begehren, einander anzugeh\u00f6ren, finden zwei Menschen zusammen<br \/>\n&#8211; und beginnen sie, zumindest gewisse Zeiten gemeinsam zu leben. Solange<br \/>\nnun zwei Menschen verliebt, verlobt, verheiratet, im Guten, d. i. in einer<br \/>\ngemeinsamen Liebe zusammenleben, haben sie den Wunsch und hoffentlich<br \/>\nauch den Willen, da\u00df ihre Gemeinsamkeit, ihre gemeinsame Liebe,<br \/>\ndauerhaft sei. Schon gar nicht geht jemand eine Ehe bei einem Standesamt<br \/>\nund obendrein einer kirchlichen Trauung ein, der nicht den Wunsch und<br \/>\ndie Absicht nach einer dauerhaften Verbundenheit mit dieser anderen Person<br \/>\nh\u00e4tte. Und doch f\u00fcrchten alle, eine Krise &#8211; hervorgerufen durch<br \/>\nangeh\u00e4ufte Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Entt\u00e4uschungen &#8211;<br \/>\nk\u00f6nnte ihre Verbundenheit, ihre Liebe, zerbrechen. Was also k\u00f6nnte<br \/>\ndagegen &#8222;helfen&#8220; und zur Dauerhaftigkeit beitragen? Anders gesagt:<br \/>\nWie kann es zu einer <i>Verl\u00e4\u00dflichkeit<\/i> in einer ungeteilten,<br \/>\ndas Leben zweier Menschen umfassenden Lebensgemeinschaft kommen?<\/p>\n<p>Verl\u00e4\u00dflichkeit stellt sich ein, wenn einer oder eine am geliebten<br \/>\nAnderen wahrnimmt, was er oder sie an ihm <i>hat<\/i>. Dann will einer<br \/>\noder eine den Anderen nicht mehr verlieren; dann ist er oder sie dem Anderen<br \/>\nverbunden. Jeder der beiden mu\u00df das &#8222;nur&#8220; f\u00fcr sich<br \/>\n<i>selbst<\/i> wollen: Dann ist die <i>Verbundenheit<\/i> mit dem Anderen<br \/>\nf\u00fcr ihn oder f\u00fcr sie <i>verbindlich<\/i>. M. Jesensk\u00e1,<br \/>\ndie Freundin F. Kafkas, hat das so formuliert: &#8222;Das gr\u00f6\u00dfte<br \/>\nVersprechen, das Frau und Mann einander geben k\u00f6nnen, ist der Satz,<br \/>\nden man Kindern mit einem L\u00e4cheln sagt: \u0082Ich geb dich nicht<br \/>\nher&#8216;. Ist das nicht mehr als \u0082Ich werde dich bis in den Tod lieben&#8216;<br \/>\noder \u0082Ich werde dir ewig treu sein&#8216;? Ich geb dich nicht her. Darin<br \/>\nliegt alles. Anstand, Wahrhaftigkeit, Heim, Treue, Zugeh\u00f6rigkeit,<br \/>\nEntscheidung, Freundschaft. &#8211; &#8222;Ich gebe dich nicht mehr her&#8220;:<br \/>\nwas du auch tust, wie unvollkommen du auch bist, welche M\u00e4ngel du<br \/>\nhast, was die Anderen auch sagen, und obschon du es mir zuweilen schwer<br \/>\nmachst. So, wie du bist &#8211; &#8222;ich la\u00df dich nicht fallen&#8220;,<br \/>\n&#8222;ich gebe dich nicht auf&#8220;: einfach weil ich dich liebe.<\/p>\n<p>Eine verl\u00e4\u00dfliche Verbundenheit, die jedem der beiden verbindlich<br \/>\nist, entsteht und besteht nicht ohne <i>Vertrauen<\/i>. Und das will zeitlebens<br \/>\nund immerzu wirklich gelebt und gepflegt werden; denn das ist durch nichts,<br \/>\nauch nicht durch die staatliche Rechtsform der Ehe oder durch die kirchliche<br \/>\nTrauung garantiert. Wenn es ein wirkliches Vertrauen ist, so wird es ein<br \/>\nbedingungsloses sein. Dem wird das nicht schwerfallen, der den Anderen<br \/>\nwirklich liebt. Es ist ja keine Liebe, die nicht vorbehaltlos w\u00e4re.<br \/>\nUnd es ist keine Liebe ohne bedingungsloses Vertrauen. &#8211; Aber wo nichts<br \/>\nals Vertrauen ist, da ist die Gefahr des Verrats nicht fern. Deshalb ist<br \/>\ndas Vertrauen und das Lieben eines der gewagtesten Unternehmungen von<br \/>\nMenschen.<\/p>\n<p>Selbst entt\u00e4uschte Liebe und fraglich gewordenes Vertrauen k\u00f6nnen<br \/>\nsich erneuern in der Selbsterinnerung an die Erfahrung <i>gemeinsamer<\/i><br \/>\nLiebe, die doch in sich selbst mehr ist, dichter und ungleich verbindender<br \/>\nist als jeder mit seiner immer wieder eintretenden Entt\u00e4uschung f\u00fcr<br \/>\nsich. In solcher Selbstbesinnung ist einem Menschen die Liebe <i>selbst<\/i><br \/>\nverbindlich und verpflichtend geworden. Denn: ist sie ihm ein &#8222;Schatz&#8220;,<br \/>\nso wird er achtsam auf sie sein und sie erhalten wollen.<\/p>\n<p>Die Verbindlichkeit einer ungeteilten Lebensgemeinschaft, einer Ehe,<br \/>\nund also die Verpflichtung f\u00fcr einander und zur Treue liegt also<br \/>\nin ihrer Gemeinsamkeit, in ihrer gemeinsamen, sie verbindenden Liebe selbst.<br \/>\nDarum ist die Verpflichtung in einer Ehe keine von au\u00dfen auferlegte<br \/>\nNorm, sondern eine selbst gewollte, eine Selbstverpflichtung, die einer<br \/>\noder eine, bleibt er oder sie nur in der Liebe oder erinnert er oder sie<br \/>\nsich neu ihrer Liebe, gar nicht als Last empfindet. Jene Verpflichtung<br \/>\nwird in Liebe gelebt als Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Was tr\u00e4gt zur Dauer einer liebevollen Gemeinsamkeit in einer ehelichen<br \/>\nLebensgemeinschaft bei? Antwort: Wenn Menschen darauf vertrauen, ja daran<br \/>\nglauben, da\u00df die Liebe <i>selbst<\/i> sich auch f\u00fcr ihre Lebensgemeinschaft<br \/>\nwieder und wieder <i>erneuern<\/i> kann. Vertrauen sie der Selbsterneuerungsf\u00e4higkeit<br \/>\nder Liebe, so stellt sich diese ganz gewi\u00df &#8211; als Wunder der Liebe<br \/>\n&#8211; von selbst ein. So war es ja zwischen ihnen schon immer und von Anfang<br \/>\nan: die Liebe stellt sich von selber ein. Man mu\u00df sie &#8222;nur&#8220;<br \/>\nempfangen, freudig empfangen, und bei sich einlassen. Wir &#8222;machen&#8220;<br \/>\nsie nicht, setzen sie auch nicht aus uns heraus und verf\u00fcgen \u00fcber<br \/>\nsie nicht. Noch einmal: Man mu\u00df sie &#8222;kommen&#8220; lassen und<br \/>\nso innigst und ernsthaft selber <i>wollen<\/i>. Denn der ihr Verschlossene<br \/>\nsperrt sie aus.<\/p>\n<p>Was zwei Menschen verbindet, ist nichts Handgreifliches, nat\u00fcrlich<br \/>\nauch nicht die Sexualit\u00e4t an sich. Sondern das ist ein <i>Geist<\/i>,<br \/>\nder eine Geist der Gemeinsamkeit, der Liebe &#8211; und darin selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\nauch die sexuelle Intimit\u00e4t. Wo nun die beiden, sie und er, sich<br \/>\ndarin bejaht und anerkannt finden, da sind sie in Wahrheit frei und frei<br \/>\nmiteinander einig, eines Sinns, auch wenn sie zuweilen in dieser oder<br \/>\njener Hinsicht unterschiedlicher Ansicht sind. Es ist im Leben von Menschen<br \/>\nnichts Freundlicheres. Leben nun beide auf diese ihre Gemeinsamkeit, auf<br \/>\ndiesen Geist der Liebe, <i>hin<\/i>, so ist keiner auf den Anderen fixiert<br \/>\nund wird von ihm alles erwarten. Es ist dann mehr &#8222;im Spiel&#8220;<br \/>\nals die beiden. Ihre Gemeinsamkeit und der Geist, der sie tr\u00e4gt und<br \/>\nbewegt, ist unaussch\u00f6pfbar <i>mehr<\/i> noch und hoffentlich auch<br \/>\nst\u00e4rker noch als jeder f\u00fcr sich allein. Die beiden m\u00f6gen<br \/>\nsich nur auf ihn besinnen. Erkennen sie, was ihre Gemeinsamkeit bildet,<br \/>\nerh\u00e4lt und entwickelt, so erkennen sie den Schatz, der im Miteinander<br \/>\nmitten unter ihnen ist, sie verbindet und umf\u00e4ngt. Und indem sie<br \/>\nauf ihn achthaben, ihn in diesem Sinne h\u00fcten, bleibt er bei ihnen,<br \/>\nzerrinnt er ihnen nicht. Eine lebendige Mitte ist so ihre gemeinsame Liebe,<br \/>\ndie zwischen ihnen sich abspielt und sie lebendig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Erkennen sie das, glauben sie daran und halten sie das fest, so erkennen<br \/>\nsie, da\u00df der Geist alles Guten, Gottes Geist, in ihrem endlichen<br \/>\nLieben bei ihnen ist. Es ist der Geist Gottes, der unter ihnen lebendig<br \/>\nist, der sich und sie erneuert, indem er sie zu neuer Zuwendung erweckt<br \/>\nund sie so best\u00e4rkt. Im Gl\u00fcck der liebenden Vereinigung und<br \/>\nin allem gegenseitigen Sichverstehen und so in ihrem Zusammengeh\u00f6ren<br \/>\nist er bei ihnen: sie dazu inspirierend, die Dauerhaftigkeit ihrer Liebe<br \/>\nzueinander <i>selbst<\/i> zu wollen.<\/p>\n<p>Die bedingungslose Liebe zweier Menschen hat ihre gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke<br \/>\nim Geist der unersch\u00f6pflichen, nicht aufgebenden Liebe, also in dem<br \/>\nGeist, der Gott selber ist. Darauf k\u00f6nnen zwei Menschen miteinander<br \/>\nihr Leben aufbauen und zuversichtlich frei zu leben wagen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Traugott Koch<br \/>\nInstitut f\u00fcr Systematische Theologie<br \/>\nUniversit\u00e4t Hamburg<br \/>\n<a href=\"mailto:ISyTh-FB01@uni-hamburg.de\">E-Mail: ISyTh-FB01@uni-hamburg.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Reflexion zum 6. 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