{"id":9210,"date":"2002-03-07T19:50:01","date_gmt":"2002-03-07T18:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9210"},"modified":"2025-04-22T10:42:05","modified_gmt":"2025-04-22T08:42:05","slug":"exodus-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-2013\/","title":{"rendered":"Exodus 20,13"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das f\u00fcnfte Gebot | M\u00e4rz 2002 | Exodus 20,13 | Reinhold Mokrosch |<\/h3>\n<p><b>&#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; &#8211; Ethische \u00dcberlegungen zum 5. Gebot (2 Mose 20,13)<\/b><\/p>\n<p>Unser Rabbiner in Osnabr\u00fcck, Marc Stern, sagte k\u00fcrzlich gerad&#8216;<br \/>\nheraus und ohne Umschweife: &#8222;Die 6 Millionen gemordeten Juden w\u00fcrden<br \/>\nnoch leben, wenn England und Frankreich 1936, als Hitler widerrechtlich<br \/>\ndie entmilitarisierte Rheinlandzone besetzt hatte, durch eine Intervention<br \/>\neingegriffen und die damals noch schwache Deutsche Armee besiegt h\u00e4tten.<br \/>\nSie h\u00e4tten die Shoah an den Juden verhindern k\u00f6nnen.&#8220; Und<br \/>\ndann f\u00fcgte er leise hinzu: &#8222;Man muss manchmal das 5. Gebot brechen,<br \/>\num es einzuhalten.&#8220;<\/p>\n<p>Diese \u00c4u\u00dferung l\u00e4sst mir seit dem keine Ruhe mehr. Gibt<br \/>\nes Situationen, in denen ein Verzicht auf das T\u00f6tungsverbot geboten<br \/>\nist? Muss man manchmal aus N\u00e4chstenliebe t\u00f6ten? Gibt es Grenzf\u00e4lle,<br \/>\nin denen ein Krieg unvermeidlich ist, um schlimmere Kriege zu verhindern?<br \/>\nBedeutet das nicht eine gef\u00e4hrliche Rechtfertigung des T\u00f6tens<br \/>\nmit dem oft pervertierenden Argument, man m\u00fcsse das kleinere \u00dcbel<br \/>\nw\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Widerspricht das nicht Paulus&#8216; Aufforderung, aus Liebe alles zu ertragen<br \/>\n(1 Kor 13,7)? Widerspricht das nicht Jesu&#8216; Feststellung &#8222;Wer das<br \/>\nSchwert ergreift, soll durch das Schwert umkommen&#8220; (Mt 26,52) und<br \/>\nseiner Aufforderung, dem B\u00f6sen nicht zu widerstehen, sondern dem<br \/>\nAngreifer auch noch die andere Wange hinzuhalten (Mt 5,39)? Ja, hat der<br \/>\nBergprediger das 5. Gebot nicht noch versch\u00e4rft, als er sogar Zorn<br \/>\nund Wut als T\u00f6ten bezeichnete (Mt 5,21ff.)?<\/p>\n<p>Und nun soll es Situationen geben, in denen man das 5. Gebot nur halten<br \/>\nk\u00f6nne, indem man es bricht? Stimmt das? L\u00e4sst das 5. Gebot solche<br \/>\nVerrenkungsauslegungen zu?<\/p>\n<p>Die \u00dcberlieferer des 5. Gebotes hatten vor 2700 Jahren das Interesse,<br \/>\ndas friedliche Zusammenleben von Nomadenst\u00e4mmen in Israel zu erhalten<br \/>\nund zu regeln. Deshalb benutzten sie f\u00fcr &#8222;T\u00f6ten&#8220; das<br \/>\nhebr\u00e4ische Wort <i>razach<\/i>, das sowohl ein ungesetzliches, heimt\u00fcckisches<br \/>\nErmorden Unschuldiger als auch eine fahrl\u00e4ssige T\u00f6tung derselben<br \/>\nbezeichnete. Offensichtlich fielen damals im Zuge einer Blutrache Unschuldige<br \/>\nund vor allem sozial Schwache wie Witwen, Weisen, Kranke, Arme und Leidende<br \/>\nder Gewalt zum Opfer. Dem wollten die Traditoren Einhalt gebieten, indem<br \/>\nsie mahnten: Gott will Leben und keine T\u00f6tung! Respektiert das Lebensrecht<br \/>\njedes Menschen! Jeder Mensch verdankt sich dem Atem Gottes. Sein Blut<br \/>\ngeh\u00f6rt Gott und nicht menschlicher Willk\u00fcr. Er ist gottbildlich<br \/>\nund Gottes Stellvertreter und darf deshalb nicht vernichtet werden. T\u00f6tung<br \/>\nw\u00fcrde Vernichtung der Sch\u00f6pfung bedeuten. Du sollst nicht t\u00f6ten,<br \/>\ndenn der andere ist wie Du!<\/p>\n<p>Aber dabei hatten sie, wie gesagt, nur das &#8222;gentile Grenzrecht&#8220;<br \/>\nder Nomadenst\u00e4mme untereinander im Blick. An andere damals aktuelle<br \/>\nFragen und Probleme des T\u00f6tens wie Kriegf\u00fchren, Todesstrafe,<br \/>\nSuizid, Euthanasie bei schwerer Krankheit u.\u00e4. hatten sie, soweit<br \/>\nwir wissen, nicht gedacht; ganz zu schweigen von den heute aktuellen Problemen<br \/>\nder Abtreibung nach pr\u00e4nataler Diagnostik, der Embryonenforschung<br \/>\nund -vernichtung, des Abschaltens k\u00fcnstlicher Lebensverl\u00e4ngerung<br \/>\nusw. Deshalb w\u00e4re es g\u00e4nzlich falsch, w\u00fcrde man aus dem<br \/>\nGebrauch des hebr\u00e4ischen Wortes razach, was sich auf ungesetzliches<br \/>\nMorden bzw. fahrl\u00e4ssige T\u00f6tung bezieht, schlie\u00dfen, dass<br \/>\ngesetzlich zugelassenes T\u00f6ten wie z.B. im Krieg oder bei gesetzlichen<br \/>\nRegelungen zur Euthanasie, Abtreibung oder verbrauchender Embryonenforschung<br \/>\nalso erlaubt oder gar geboten sei. Wer so argumentiert und dazu noch behauptet,<br \/>\ndass Gott bzw. die Dekalog-Traditoren bewusst nicht die Verben <i>harag<\/i><br \/>\noder <i>mut<\/i>, welche jede Art von T\u00f6ten bezeichnen, gew\u00e4hlt<br \/>\nh\u00e4tten, weil sie eben gesetzliches T\u00f6ten f\u00fcr erlaubt hielten,<br \/>\nder irrt.<\/p>\n<p>Die Traditoren des 5. Gebotes hatten alle diese Situationen nicht im<br \/>\nBlick. Also sagten sie nichts dar\u00fcber und wir k\u00f6nnen sie heute<br \/>\nnicht als normative Zeugen f\u00fcr diese Fragen heranziehen. Auf keinen<br \/>\nFall d\u00fcrfen wir behaupten, dass das Gebot lauten m\u00fcsste &#8222;Du<br \/>\nsollst nicht morden&#8220;, um f\u00fcr nichtmordendes T\u00f6ten einen<br \/>\nT\u00fcrspalt offen zu lassen. Weder erlaubt noch verbietet das 5. Gebot<br \/>\nT\u00f6ten in Krieg, bei der Abtreibung, bei Suizid, Todesstrafe etc.<br \/>\nEs sagt nichts dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Den Traditoren ging es allein um die Bewahrung der Freiheit, die Gott<br \/>\nden Israeliten geschenkt hatte, als er sie aus der Sklaverei in \u00c4gypten<br \/>\nbefreit hatte. &#8222;Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus \u00c4gypten,<br \/>\naus der Knechtschaft, befreit hat&#8220; hei\u00dft es im Prolog zum Dekalog.<br \/>\nUnd zur Bewahrung dieser Freiheit geh\u00f6rte es eben, dass man nicht<br \/>\nungesetzlich t\u00f6tet oder willk\u00fcrlich mordet, sondern dass jeder<br \/>\ndas Lebensrecht des anderen respektiert und ihn f\u00fcr gott(eben)bildlich<br \/>\nanerkennt, denn er ist wie ich.<\/p>\n<p>Es ist also klar geworden, dass gewaltsames T\u00f6ten, so wie es damals<br \/>\nim Blick war, einer Ermordung der Sch\u00f6pfung, ja Gottes gleich kommt<br \/>\nund deshalb die geschenkte Freiheit in Unfreiheit, Sklaverei und Gewalt<br \/>\nverkehrt. Wie steht es nun aber mit den T\u00f6tungen, die uns heute bewegen,<br \/>\ndie damals aber nicht im Blick waren? Kann man , wenn schon nicht direkt,<br \/>\nso doch wenigstens indirekt vom 5. Gebot her etwas dazu sagen? Ja, aber<br \/>\nnur im Zusammenhang auch neutestamentlicher Aussagen. Mir sind hier nur<br \/>\nkurze Anmerkungen m\u00f6glich:<\/p>\n<p>Wenn man das 5. Gebot im Zusammenhang alttestamentlicher und neutestamentlicher<br \/>\nFeindesliebe sieht (AT: Spr\u00fcche 25,21: Hat dein Feind Hunger, gib<br \/>\nihm zu essen, hat der Durst, gib ihm zu trinken; NT: Liebt eure Feinde<br \/>\nund bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen, Mt 5,44), dann kann es eine<br \/>\nAblehnung jeder Beteiligung am <i>Krieg<\/i>, ja dann kann es einen prinzipiellen<br \/>\nPazifismus begr\u00fcnden. Der Einzelne ist dann eher bereit, f\u00fcr<br \/>\nsich Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun. Aber nat\u00fcrlich kann es<br \/>\nin der Verantwortung f\u00fcr andere zu Pflichtenkollisionen kommen. Wie<br \/>\ndie Eingangsbemerkung von Rabbiner Marc Stern belegt, kann ein Krieg evtl.<br \/>\nMillionen das Leben retten. Aber in solchem Fall muss der Gewaltt\u00e4tige<br \/>\nsich seiner furchtbaren Schuld bewusst sein und darf sich nicht als Retter<br \/>\nf\u00fchlen und sein T\u00f6ten rechtfertigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine <i>Todesstrafe<\/i> gibt es heutzutage angesichts sicherer<br \/>\nGef\u00e4ngnisse keine einzige Rechtfertigung. Sie verbietet sich prinzipiell<br \/>\nvom 5. Gebot und vom Liebesgebot her. Denn bestraft werden soll die Tat,<br \/>\nweniger der T\u00e4ter, der ein Gesch\u00f6pf Gottes ist. Bei der Todesstrafe<br \/>\nwird aber der T\u00e4ter und nicht die Tat vernichtet.<\/p>\n<p>Das Selbstbestimmungsrecht zur <i>Selbstt\u00f6tung<\/i> l\u00e4sst sich<br \/>\nm.E. weder mit dem 5. noch mit dem Liebesgebot aufheben. Wenn jemand durch<br \/>\neinen Freitod (der nat\u00fcrlich auch ein Zwangstod ist) einem grausamen<br \/>\nFremdtod zuvorkommen m\u00f6chte, dann muss man m.E. selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\nf\u00fcr solche Grenzsituationen Verst\u00e4ndnis und Respekt haben. Allerdings<br \/>\nist die Frage, wo die Grenze liegt. Das Judentum lehnt jeglichen Suizid<br \/>\nab, weil dabei Gottes Sch\u00f6pfung und Gottes lebensstiftender Atem<br \/>\nget\u00f6tet wird. Aber die protestantische Tradition hatte demgegen\u00fcber<br \/>\nimmer Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ausweglose Situationen, betonte aber immer<br \/>\nzugleich, dass jeder Suizid ein Hilfeschrei an die Gemeinschaft sei, welchen<br \/>\ndiesen h\u00f6ren und ihm gerecht werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die Fragen einer passiven und\/oder aktiven <i>Euthanasie<\/i> beim Sterbeprozess<br \/>\nlassen sich, wie gesagt, vom 5. Gebot her nicht beantworten. Hier gilt<br \/>\nvorrangig das doppelte Liebesgebot, die Bereitschaft zur Schuld\u00fcbernahme<br \/>\nund das Ma\u00df der Leidzumutung. Selbstverst\u00e4ndlich hat immer<br \/>\nSterbebegleitung Vorrang vor Sterbehilfe. Aber wenn Lebensverl\u00e4ngerung<br \/>\nausschlie\u00dflich Leidverl\u00e4ngerung bedeutet, sollte &#8211; m\u00f6glichst<br \/>\nnur im Falle einer vorliegenden Patientenverf\u00fcgung &#8211; im \u00e4u\u00dfersten<br \/>\nGrenzfall auch &#8218;Euthanasie auf Verlangen&#8216; Verst\u00e4ndnis finden. Eine<br \/>\ngesetzliche Regelung &#8211; m.E. m\u00f6glichst nicht im Schlepptau des niederl\u00e4ndischen<br \/>\nSterbehilfegesetzes &#8211; w\u00e4re dazu notwendig.<\/p>\n<p><i>Embryonenvernichtung<\/i> und <i>Abtreibung<\/i> lassen sich erst recht<br \/>\nnicht allein vom 5. Gebot her verurteilen, weil es hier nicht um einen<br \/>\nvollen Menschen, sondern um die Entwicklung zu ihm geht. Ich pers\u00f6nlich<br \/>\nlehne beides vom Gedanken unseres Auftrages zur Sch\u00f6pfungsbewahrung<br \/>\nprinzipiell ab, habe aber Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Ausnahmesituationen,<br \/>\ndie allerdings noch keineswegs mit dem Argument sozialer Indikation oder<br \/>\ndemjenigen einer therapeutischen Stammzellenforschung gegeben sind. Es<br \/>\nmuss wirklich abgewogen werden, was die Sch\u00f6pfung bewahrt und was<br \/>\nsie zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Muss man manchmal das 5. Gebot brechen, um es zu erf\u00fcllen? Ja, aber<br \/>\nnur im Bewusstsein der Schuld und niemals in dem einer Selbstrechtfertigung.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Osnabr\u00fcck, 19. M\u00e4rz 2002<br \/>\nProf. Dr. Reinhold Mokrosch<br \/>\nInstitut f\u00fcr Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck<br \/>\n<a href=\"mailto:evantheo@uos.de\"> evantheo@uos.de<\/a><\/b><\/p>\n<p><noscript><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=dekalog-tx-mokrosch.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das f\u00fcnfte Gebot | M\u00e4rz 2002 | Exodus 20,13 | Reinhold Mokrosch | &#8222;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; &#8211; Ethische \u00dcberlegungen zum 5. 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