{"id":9212,"date":"2002-02-07T19:50:00","date_gmt":"2002-02-07T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9212"},"modified":"2025-04-22T17:22:09","modified_gmt":"2025-04-22T15:22:09","slug":"exodus-20-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-3\/","title":{"rendered":"Exodus 20, 8\u201311"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Reflexion zum 3. Gebot | Februar 2002 | Exodus 20,8\u201311 | Esko Ry\u00f6k\u00e4s |<\/h3>\n<p>1. F\u00fcr Martin Luther war Gott ein liebender, der aber auch das Gesetz<br \/>\nanwendete. Das Gesetz war kein Gegensatz zur Liebe, wie in der markionistischen Deutung. Bei Luther hatte das Gesetz zwei Aufgaben zu erf\u00fcllen: zu zeigen, was richtig ist, und zu zeigen, dass der Mensch ein s\u00fcndhafter ist. Das Gesetz h\u00e4lt die Gesellschaft zusammen und deswegen ist es Gottes Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Welche Gesetze waren in der Gesellschaft erforderlich? Die Gesetze zum<br \/>\nSchutz des Menschen k\u00f6nnen eindeutig begr\u00fcndet werden, aber<br \/>\nwie ist es mit den Gesetzen, die auf Gott bezogen sind. Ist zum Beispiel<br \/>\ndas Gesetz \u00fcber die Entheiligung des Feiertages notwendig? In Finnland<br \/>\nwurde vor ein paar Jahren ein Gesetz erlassen, nach dem die kleineren<br \/>\nGesch\u00e4fte in den Ballungszentren auch sonntags ge\u00f6ffnet sein<br \/>\nk\u00f6nnen, aber die grossen Gesch\u00e4fte m\u00fcssen geschlossen bleiben.<br \/>\nIst dieses richtig? Was bedeutet die Entheiligung des Feiertages?<\/p>\n<p>2. In seinem kleinen Katechismus fasst Luther seine Gedanken zusammen:<br \/>\n&#8222;Wir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben, dass wir die Predigt und<br \/>\nsein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne h\u00f6ren<br \/>\nund lernen.&#8220; In der Erl\u00e4uterung zum Gebot wird nicht \u00fcber<br \/>\nden Feiertag gesprochen, nur \u00fcber Gottes Wort und seine Entheiligung.<br \/>\nVon hier aus \u00f6ffnet sich die lutherische Weise, das dritte Gebot<br \/>\nzu verstehen: es geht nicht um den Feiertag, sondern um den Willen, in<br \/>\nder N\u00e4he Gottes zu sein und Gottes Wort zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>3. In seinem grossen Katechismus (Gebote, Stelle 83) sagt Luther, dass<br \/>\nder Feiertag kein Tag sein soll, wo man nichts macht. Die wesentlichste<br \/>\nAufgabe des Feiertages besteht darin, Ruhe zu erteilen, also: &#8222;\u0085,<br \/>\ndass wir Feiertage halten nicht der verst\u00e4ndigen und gelehrten Christen<br \/>\nwillen, \u0085, sondern erstlich auch umb leiblicher Ursach und Notdurst<br \/>\nwillen, welche die Natur lehret und fordert\u0085&#8220;<\/p>\n<p>Die Unterscheidung des Sonntags von anderen Wochentagen erinnert uns<br \/>\ndaran, dass wir unseren Ruhetag brauchen. Es ist Gottes guter Wille, dass<br \/>\njederman die M\u00f6glichkeit hat, seinen Ruhetag zu verbringen.<\/p>\n<p>Daneben ist die Aufgabe des dritten Gebotes die M\u00f6glichkeit anzubieten,<br \/>\nGottes Wort zu h\u00f6ren: &#8220; [der Sonntag wird verbracht] allermeist<br \/>\ndarumb, dass man an solchem Ruhetag \u0085 Raum und Zeit nehme, Gottesdiensts<br \/>\nzu warten, also, dass man zuhause komme, Gottes Wort zu h\u00f6ren und<br \/>\nhandeln, darnach Gott loben, singen und beten.&#8220;<\/p>\n<p>Luther sagt jedoch nicht &#8222;Du sollst am Feiertag ausruhen&#8220;.<br \/>\nEr h\u00e4lt es f\u00fcr angepasst den Feiertag zu heiligen, und dieses<br \/>\nbedeutet nicht, dass man da keine Arbeit verrichten d\u00fcrfte. Die Arbeit<br \/>\nsollte jedoch von ihrem Charakter zuf\u00e4llig sein, sonst verwirklicht<br \/>\nsich der Zweck des Ruhetages nicht.<\/p>\n<p>4. Die Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands hatte diesen zweifachen<br \/>\nGedanken bei der Annahme des neuen Katechismus im Jahr 1999. Darin geht<br \/>\nman im lutherischen Sinne vom Ruhebedarf aus. Danach geht man zur Zerbrochenheit<br \/>\ndes Menschen und zur Fragen \u00fcber. Diese werden in Gottes Wort beantwortet:<\/p>\n<p>&#8222;Gott hat den Menschen sowohl die Arbeit als auch die Ruhe gegeben.<br \/>\nDie Ruhe bedeutet etwas anderes als nur Schlafen und die Ruhe des K\u00f6rpers.<br \/>\nDas Aufhalten vor Gott ist der tiefste Sinn des Ruhetages.<\/p>\n<p>In der Stille ahnen wir die Existenz der Heiligkeit, auch wenn wir ihr<br \/>\nkeinen Namen und keine Form zu geben wissen. Unsere Zerbrochenheit und<br \/>\ndie Widerspr\u00fcchlickeit des Lebens erwecken in uns Fragen und zwingen,<br \/>\nAntworten zu suchen.<\/p>\n<p>Der Heilige Gott will uns antworten. In seinem Wort kommt er in unsere<br \/>\nWelt und spricht unsere Sprache. Wenn wir Gott nicht zuh\u00f6ren wollen,<br \/>\nschliessen wir ihn von unserem Leben aus.<\/p>\n<p>Der Gottesdienst am Sonntag ist ein Begegnungsort, wo Gott mit uns spricht<br \/>\nund wir mit Ihm. Durch das heilige Wort der Bibel lernen wir verstehen,<br \/>\nwas Gott uns sagt und wie er auf unser Gebet antwortet.&#8220;<br \/>\n[http:\/\/www.evl.fi\/katekismus\/10kaskya\/3.html]<\/p>\n<p>5. Luther begr\u00fcndet den Feiertag auch unter Berufung auf den Verstand.<br \/>\nHierbei folgt er dem Gesetz der goldenen Regel: Behandle den anderen Menschen<br \/>\nso, wie du hoffst, dass er dich behandelt (hierzu z.B. Jorma Laulaja).<br \/>\nF\u00fcr Luther handelt Gott durch das Gesetz und durch die Ordnung der<br \/>\nGesellschaft. Aber das dritte Gebot ist ein Querschnitt der Tafel. Die<br \/>\ngoldene Regel betrifft im Eigentlichen die Gebote vom dritten ab. Das<br \/>\ndritte Gebot begr\u00fcndet Luther auch andersweitig: Es ist um des Glaubens<br \/>\nwillen wichtig im Evangelium. Den Inhalt des Glaubens erl\u00e4utert er<br \/>\nschon im Jahr 1520 in seinem fr\u00fchen B\u00fcchlein.<\/p>\n<p>In seinem Buch &#8222;Sermon von den guten Werken&#8220; fasst Luther nach<br \/>\nder Behandlung des dritten Gebotes die Nachricht der drei ersten Gebote<br \/>\nzusammen (WA 6: 249-250). Er stellt fest, dass sie den drei ersten Bitten<br \/>\ndes Vaterunser folgen. Wenn wir bitten &#8222;Dein Reich komme&#8220;, bitten<br \/>\nwir um wahren Sabbat und Ruhe, so dass Gott uns beherrschen w\u00fcrde,<br \/>\nwie er in Seinem Reich herrscht. Das wahre Reich Gottes bedeutet, dass<br \/>\nArbeit und Ruhe sich wechseln, dass man nach der Arbeit in die N\u00e4he<br \/>\nGottes kommen kann. In dieser Stelle weisst Luther auch darauf, dass das<br \/>\ndritte Gebot zum zweiten f\u00fchrt. Wenn der Teufel den Glauben bemerkt,<br \/>\ngreift er an. Da braucht man den Ruhetag, um die Texte Gottes zu lesen.<br \/>\nDa soll man Gottes Namen anrufen, also das, wozu das zweite Gebot f\u00fchrt.<br \/>\nEs bringt uns n\u00e4her Vater Gott, also dem ersten Gebot. In der N\u00e4he<br \/>\nGottes w\u00e4chst der Glauben und wir kehren zur\u00fcck zum dritten<br \/>\nGebot.<\/p>\n<p>6. Luther sagt, dass der Mensch sowohl gerechtfertigt wird als auch gerecht<br \/>\ngemacht wird. Wenn der Mensch gerechtfertigt wird, bleiben seine S\u00fcnden,<br \/>\nsie werden aber nicht mehr zu seiner Last gez\u00e4hlt. Wenn der Mensch<br \/>\ngerecht gemacht wird, verschwinden seine S\u00fcnden. Gott heiligt den<br \/>\nMenschen und der Mensch beginnt zum Gottes Gesch\u00f6pf zu werden, der<br \/>\ner urspr\u00fcnglich sein sollte. Der wahrhafte Subjekt dieses Wachstums<br \/>\nist Christus. Er kommt in Glauben in Menschen. &#8222;In ipsa fide Christus<br \/>\nadest&#8220;, im Glauben selbst ist Christus gegenw\u00e4rtig (u.a. Tuomo<br \/>\nMannermaa hat dieses hervorgehoben). Die Entheiligung des Feiertages ist<br \/>\nwichtig, dass der Mensch ein wahrhafter Mensch werden konnte.<\/p>\n<p>In der lutherischen Ethik hat man es zuweilen als ein Problem gesehen,<br \/>\nwer das Subjekt ist, wenn Christus im Menschen den Willen und das Tun<br \/>\ndes Menschen bewirkt (u.a. Simo Knuutila 1998). F\u00fcr Luther war dieses<br \/>\nanscheinend kein Problem. Wie Knuutila bemerkt, bei der Verrichtung der<br \/>\nguten Taten ging es dabei gar nicht um einen ethischen Bereich der T\u00e4tigkeit.<br \/>\nEs ging um die T\u00e4tigkeit des Glaubens. In seinem grossen Katechismus<br \/>\nwarnt Luther vor denen, die die Gebote \u00e4usserlich halten, aber gedankenm\u00e4ssig<br \/>\nnicht dabei sind (Stellen 97 und 101). Es kann ihnen schlecht gehen: &#8222;Wo<br \/>\naber das Herz m\u00fcsig stehet und das Wort nicht klinget, so bricht<br \/>\ner [Teufel] ein und hat den Schaden getan, ehe man&#8217;s gewahr wird. Wiederumb<br \/>\nhat es [Wort Gottes] die Kraft, wo man&#8217;s mit ernst betrachtet, h\u00f6ret<br \/>\nund handlet, dass es nimmer ohn Frucht abgehet, sondern allezeit neuen<br \/>\nVerstand, Lust und Andacht erwecket, rein Herz und Gedanken machet.&#8220;<\/p>\n<p>7. Das dritte Gebot bedeutet f\u00fcr Luther ein Mittel zur Fortf\u00fchrung<br \/>\ndes Lebens. Man sch\u00f6pft aus Gottes Wort Kraft, wenn der Teufel einbricht.<br \/>\nDiesen Umstand hat die Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands hervorgehoben,<br \/>\nwenn sie \u00fcber die Zerbrochenheit des Lebens spricht. Das dritte Gebot<br \/>\nist kein Gesetz, das mit der Liebe in Widerspruch stehen w\u00fcrde. Das<br \/>\ndritte Gebot will den Hoffnunglosen Hoffnung geben, Licht ins Dunkle bringen,<br \/>\nUnversehrtheit dort sch\u00f6pfen, wo vieles gebrochen ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Esko Ry\u00f6k\u00e4s<br \/>\nInstitut f\u00fcr westliche Theologie, Universit\u00e4t zu Joensuu<br \/>\n<a href=\"mailto:Esko.ryokas@joensuu.fi\">E-Mail: Esko.ryokas@joensuu.fi<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Reflexion zum 3. Gebot | Februar 2002 | Exodus 20,8\u201311 | Esko Ry\u00f6k\u00e4s | 1. F\u00fcr Martin Luther war Gott ein liebender, der aber auch das Gesetz anwendete. Das Gesetz war kein Gegensatz zur Liebe, wie in der markionistischen Deutung. Bei Luther hatte das Gesetz zwei Aufgaben zu erf\u00fcllen: zu zeigen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,2,727,157,853,999,114,914,686,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9212","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-dekalog","category-deut","category-esko-ryoekaes","category-kapitel-20-chapter-20-exodus","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9212","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9212"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9212\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23127,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9212\/revisions\/23127"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9212"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9212"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9212"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9212"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9212"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9212"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9212"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}