{"id":9214,"date":"2002-02-07T19:49:57","date_gmt":"2002-02-07T18:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9214"},"modified":"2025-04-23T11:17:12","modified_gmt":"2025-04-23T09:17:12","slug":"exodus-20-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-7\/","title":{"rendered":"Exodus 20,1\u201317"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Lehrpredigt zur Einf\u00fchrung | Februar 2002 | Exodus 20,1\u201317 | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Dies wird eine <i>Lehrpredigt<\/i> sein, eine Lehrpredigt zur Einleitung<br \/>\neiner Predigtreihe \u00fcber &#8222;das erste Hauptst\u00fcck&#8220; von<br \/>\nLuthers Kleinem Katechismus: die Zehn Gebote.<\/p>\n<p>Um es gleich am Anfang auszusprechen: Nat\u00fcrlich wissen wir, da\u00df<br \/>\nLuthers Kleiner Katechismus nicht die Bibel ist. Wenn wir dennoch \u00fcber<br \/>\nihn predigen, dann deswegen, weil Geschichte und Erfahrung, weil Studium<br \/>\nund Nachdenken uns vor Augen gebracht haben: Es gibt kaum ein Buch, vielleicht<br \/>\nsogar \u00fcberhaupt keines, das so wie Luthers Kleiner Katechismus die<br \/>\nBibel zusammenfa\u00dft &#8211; ja: zusammenfa\u00dft, und das auf ein paar<br \/>\nSeiten. Zusammenfa\u00dft nat\u00fcrlich nicht im Sinne einer Inhaltsangabe,<br \/>\neiner Nacherz\u00e4hlung oder gar eines Kompendiums. Sondern zusammenfa\u00dft,<br \/>\nindem er anhand seiner f\u00fcnf &#8222;St\u00fccke&#8220;, wie Luther sie<br \/>\nnennt, d.h.: Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Taufe, Abendmahl;<br \/>\nindem er also anhand dieser f\u00fcnf Teile gleichsam in f\u00fcnffacher<br \/>\nBrechung ausbreitet, wer der Gott der Bibel ist, was er will, was er tut<br \/>\nund was Glaube und Leben im Glauben meint.<\/p>\n<p>Und um auch das gleich zu Beginn festzustellen: Da\u00df Luthers Kleiner<br \/>\nKatechismus so klar und umfassend die Bibel zusammenfa\u00dft, \u00fcberhaupt<br \/>\nzusammenfassen kann, hat nat\u00fcrlich mehrere Gr\u00fcnde. Einer von<br \/>\nihnen, vielleicht der gewichtigste, ist dieser: Luther selber nennt die<br \/>\nZehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser, also diese drei<br \/>\nTexte, &#8222;den Katechismus&#8220; und bekennt: An diesem &#8222;Katechismus&#8220;<br \/>\narbeite er sich t\u00e4glich ab, ohne doch mit ihm sozusagen fertig zu<br \/>\nwerden. Mehr noch: Wenn er einmal an einem \u00fcbervollen Tag nicht zum<br \/>\nBeten gekommen sei, dann bete er wenigstens &#8222;den Katechismus&#8220;.<br \/>\nJa: er betet ihn. Er betet die Zehn Gebote, er betet das Glaubensbekenntnis,<br \/>\ner betet das Vaterunser. &#8211; Wir gehen hier nur auf seine Erkl\u00e4rung<br \/>\nder Zehn Gebote ein; so fragen wir jetzt: Wie, wie <i>betet<\/i> man die<br \/>\nZehn Gebote; wie macht man das? Geht das denn \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, da\u00df wir mit dieser Frage am Herzst\u00fcck<br \/>\nseines Katechismus \u00fcberhaupt sind: den &#8222;Katechismus&#8220; <i>beten<\/i>.<br \/>\nBeten &#8211; also im Anreden Gottes, in der Bitte an Gott, im Fragen und Klagen<br \/>\nvor Gott, im Dank an Gott, in der Anklage Gottes, im Flehen zu Gott, im<br \/>\nH\u00f6ren auf Gott; kurzum, im Gespr\u00e4ch mit Gott in allen seinen<br \/>\nFormen und Schattierungen Gottes Gebote zur Sprache zu bringen, sie im<br \/>\nGespr\u00e4ch mit ihm gleichsam zu w\u00e4lzen, etwa: &#8222;Du hast hier<br \/>\ngesagt&#8230; &#8211; und was soll das jetzt hei\u00dfen?&#8220; oder: &#8222;Du<br \/>\nziehst dort diese Grenze&#8230; &#8211; und wie kann man sie hier einhalten?&#8220;<br \/>\noder auch: &#8222;Du sagst&#8230; &#8211; soll das wom\u00f6glich auch einschlie\u00dfen:&#8230;?&#8220;<br \/>\nVielleicht auch nur im Sinne eines: &#8222;Das also ist dein Wille: Gib,<br \/>\nda\u00df ich ihn nicht aus dem Herzen und dem Denken verliere.&#8220;<br \/>\nWie auch immer, es k\u00f6nnte sein, da\u00df dies das Enscheidende ist:<br \/>\nda\u00df wir lernen, die Zehn Gebote zu beten, und Luthers Erkl\u00e4rungen<br \/>\nhierf\u00fcr als Hilfen verstehen.<\/p>\n<p>Beten &#8211; das hei\u00dft auch: sich in einen Zusammenhang, sich gleichsam<br \/>\nin einen Raum zu begeben, der von allem Anderen grunds\u00e4tzlich unterschieden<br \/>\nist. Unterschieden darin, da\u00df ich hier, da\u00df ich jetzt alles<br \/>\nAndere abstreife und wegschlie\u00dfe und aussperre, was sonst mein Leben<br \/>\nausmacht, indem ich mich Gott zuwende, um &#8211; ja, im Alltag w\u00fcrden<br \/>\nwir sagen: um mich mit ihm einmal ungest\u00f6rt zu unterhalten. Aufs<br \/>\nBeten angewandt, klingt das vielleicht etwas flapsig &#8211; oder ist das nur<br \/>\nder <i>Klang<\/i> dabei? Denn wo ich im Alltag alle Vorkehrungen treffe,<br \/>\num mich mit einem Menschen &#8222;einmal ungest\u00f6rt zu unterhalten&#8220;,<br \/>\nda geht es regelm\u00e4\u00dfig um Gewichtiges und ist diese &#8222;Unterhaltung&#8220;<br \/>\nauf jeden Fall ernsthaft. Das ist gerade der Punkt &#8211; oder vielmehr: das,<br \/>\nda\u00df wir&#8217;s versuchen, uns mit diesem Ersten Hauptst\u00fcck zur\u00fcckzuziehen,<br \/>\num uns hier\u00fcber mit Gott &#8222;einmal ungest\u00f6rt zu unterhalten&#8220;,<br \/>\nd.h. ernsthaft und aus dem Bewu\u00dftsein, da\u00df jetzt Gewichtiges<br \/>\nzur Rede steht.<\/p>\n<p>Wie auch immer sich das bei uns gestalten mag, jedenfalls kommen wir<br \/>\ndabei ungleich intensiver und umfassender dem auf die Spur, was die Gebote<br \/>\nGottes sind, was sie sagen, wollen, verlangen; ungleich intensiver und<br \/>\numfassender als auf jede andere Weise. Wir lernen sie dabei n\u00e4mlich<br \/>\ngleichsam von innen her kennen, und wir lernen sie nicht kennen als Lehrst\u00fccke<br \/>\noder als Lernstoff, sondern von vornherein &#8211; etwas modisch ausgedr\u00fcckt:<br \/>\n&#8211; indem wir mit Gott in Beziehung treten und uns mit ihm auf einen Dialog<br \/>\neinlassen. Und dann geht es &#8211; Luther mit der Art seiner Erkl\u00e4rungen<br \/>\nmacht es ja deutlich &#8211; nicht um einen spezifischen Wortlaut, nicht um<br \/>\nVorschriften, nicht um M\u00f6glichkeiten und Unm\u00f6glichkeiten und<br \/>\nschon gar nicht um Moral. Sondern dann geht es um das, was ein Dialog<br \/>\nals solcher ja ausdr\u00fcckt und dem er dient: um eine &#8222;Beziehung&#8220;,<br \/>\nGottes Beziehung zu uns und die unsere zu ihm.<\/p>\n<p>Das ist uns ungewohnt. Ich habe den Eindruck, wir pflegen die Gebote<br \/>\nzu lesen, als st\u00fcnde dort: &#8222;Man soll&#8230;&#8220; oder: &#8222;Man<br \/>\nsoll nicht&#8230;&#8220; oder auch: &#8222;Niemand soll&#8230;&#8220; Will sagen,<br \/>\nich habe den Eindruck, als l\u00e4sen wir die Gebote als moralische Statuten,<br \/>\n&#8211; warum auch immer. Als ob uns entgangen sei und gar nicht mehr wahrgenommen<br \/>\nwerde: Die Zehn Gebote treffen keine allgemeinen Feststellungen. <i>Die<br \/>\nZehn Gebote reden an! <\/i>&#8222;Ich bin der Herr, DEIN Gott&#8230;&#8220; &#8222;DU<br \/>\nsollst&#8230;&#8220; &#8222;DU sollst nicht&#8230;&#8220; Und Luther mit seinem sechsten<br \/>\nSinn f\u00fcr m\u00f6gliche Irrt\u00fcmer und Verf\u00e4lschungen f\u00fchrt<br \/>\ndas gleich weiter, indem er in seinen Erkl\u00e4rungen &#8222;wir&#8220;<br \/>\nsagt: &#8222;WIR sollen&#8230;&#8220; Damit entnimmt er den einzelnen der \u00dcberlast<br \/>\nvon Forderungen und stellt ihn in den Zusammenhang &#8211; wie er gerne sagt:<br \/>\n&#8211; der Christenheit: &#8222;Wir Christenmenschen&#8220; meint er, und f\u00fcgt<br \/>\nan, dem Text entsprechend: &#8222;&#8230;sollen&#8230;&#8220; oder auch &#8222;&#8230;sollen<br \/>\nnicht&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sollen&#8220; &#8211; das klingt uns nun doch nach Moral in den Ohren.<br \/>\nGerade deswegen ist es so wichtig, ja entscheidend, da\u00df wir die<br \/>\nGebote von vornherein aufnehmen und bedenken und ihnen nachsinnen, indem<br \/>\nwir uns mit Gott &#8222;ungest\u00f6rt unterhalten&#8220; und dabei wahrnehmen:<br \/>\nEr redet an mit seinem Gebieten und Verbieten, und indem er anredet und<br \/>\ngebietet und verbietet, schlie\u00dft er uns zur Christenheit zusammen.<br \/>\nDiese Christenheit aber purzelt nicht ziel- und planlos und ohne Linie<br \/>\ndurch die Landschaft. Sondern sie wurzelt in einem strukturierten Raum<br \/>\nund empf\u00e4ngt aus ihm klare Zielvorgaben und Wegprofile.<\/p>\n<p>Die empf\u00e4ngt sie zun\u00e4chst daraus, da\u00df sie von Gottes<br \/>\nwegen &#8222;soll&#8220;: &#8222;Du sollst&#8230;&#8220; Und zwar &#8222;soll&#8220;<br \/>\nnicht &#8222;<i>man<\/i>&#8220; dies und jenes. Dieses &#8222;Sollen&#8220;<br \/>\nmeint vielmehr das ganze Leben: Mit <i>deinem<\/i> Leben &#8222;sollst&#8220;<br \/>\n<i>du<\/i>. Dies und jenes &#8211; was &#8222;soll <i>man<\/i>&#8220; nicht alles<br \/>\nund &#8222;sollen&#8220; entsprechend wir von fr\u00fch bis sp\u00e4t, sieben<br \/>\nTage die Woche; und wir d\u00fcrfen gar nicht daran denken, was wir sonst<br \/>\nnoch &#8222;sollen&#8220;, und erst recht nicht, wer uns das auferlegt&#8230;<br \/>\nDoch &#8222;sollen&#8220; mit dem Leben? Lassen Sie uns kurz \u00fcberlegen,<br \/>\nuns erinnern: Da sagte jemand in Verzweiflung: &#8222;Was \u0082soll&#8216; ich<br \/>\ndenn noch?&#8220; Da l\u00e4uft ein arbeitsloser Mitmensch ins Leere, weil<br \/>\ner so, da\u00df es sein Leben tr\u00e4gt, nichts mehr &#8222;soll&#8220;.<br \/>\nDa wird einer dadurch weggemobbt, da\u00df ihm alle Aufgaben entzogen<br \/>\nwerden, d.h. er nichts mehr tun &#8222;soll&#8220; &#8211; wer nichts, wer nichts<br \/>\nmehr &#8222;soll&#8220;, wirklich \u00fcberhaupt gar nichts mehr &#8222;soll&#8220;,<br \/>\ndem bleibt nur noch der Strick. Der hat weder Ziel noch Sinn.<\/p>\n<p>Ahnen wir, was das bedeutet, da\u00df wir nach Gottes Willen &#8222;sollen&#8220;<br \/>\n&#8211; sollen nicht wie von Amts wegen oder weil der Chef es w\u00fcnscht oder<br \/>\neine Beh\u00f6rde es anordnet oder eine &#8222;Bezugsperson&#8220; es mir<br \/>\nauferlegt oder es ganz einfach meine Pflicht ist; ahnen wir&#8217;s? Wir m\u00f6gen<br \/>\nverzweifelt sein, resigniert haben, nicht mehr m\u00f6gen, nicht mehr<br \/>\nk\u00f6nnen, keine Perspektiven mehr erkennen, allen Mut und allen Glauben<br \/>\nverloren haben &#8211; wir SOLLEN. &#8222;Wir sollen Gott \u00fcber alle Dinge<br \/>\nf\u00fcrchten, lieben und vertrauen.&#8220; Und was, so mag man gegenfragen,<br \/>\nwas hei\u00dft das, was soll (&#8222;soll&#8220;!) mir das, wenn ich eh<br \/>\nam Boden liege? Mit dieser Frage &#8211; denke ich &#8211; haben wir begonnen, die<br \/>\nZehn Gebote zu beten, also uns mit Gott &#8222;ungest\u00f6rt (hoffentlich!)<br \/>\nzu unterhalten&#8220;. Und in einer ungest\u00f6rten Unterhaltung kann<br \/>\nes ja auch geschehen, da\u00df einer pl\u00f6tzlich explodiert und seinen<br \/>\nganzen Unmut und \u00c4rger und Frust herausschreit und so richtig seinen<br \/>\nKropf leert. Es mu\u00df ja nicht&#8230; Aber es ist m\u00f6glich, und hinterher<br \/>\nherrschen Klarheit, reine Luft und saubere Atmosph\u00e4re. Die Hauptsache<br \/>\ndabei ist ja, da\u00df man auch danach in der Beziehung bleibt, freilich<br \/>\nebenso, da\u00df man auch dem Gegen\u00fcber zugesteht, gegebenenfalls<br \/>\nseinerseits auszupacken! Dann wird es eben beidseits vor\u00fcbergehend<br \/>\nlautstark und undiplomatisch &#8211; und?<\/p>\n<p>Wenn, wenn wir denn &#8222;Gott \u00fcber alle Dinge f\u00fcrchten, lieben<br \/>\nund vertrauen&#8220; SOLLEN, dann schlie\u00dft das auch dies ein, nein:<br \/>\nmeint es geradezu mit, da\u00df da ein uneingeschr\u00e4nktes Vertrauensverh\u00e4ltnis<br \/>\nsei; genauer: Damit f\u00e4ngt es doch \u00fcberhaupt an &#8211; also mit uneingeschr\u00e4nkter<br \/>\nEhrlichkeit. Dann geht es darum, da\u00df ich mich ganz \u00f6ffne, offen<br \/>\nbin, offen bin auch in meinem Herzen und darum auch das zu auszusprechen<br \/>\nmich getraue, was gegen Gott auf ihm liegt, umgekehrt auch bereit, auf<br \/>\nGott zu h\u00f6ren und mir das Geh\u00f6rte zu Herzen zu nehmen. Und ich<br \/>\nwerde es zumal zu Herzen nehmen, indem ich dar\u00fcber <i>erfahre<\/i>:<br \/>\nEs tut gut, es tut mir gut, so wahr da einer f\u00fcr mich am Kreuz blutete<br \/>\nund starb&#8230;<\/p>\n<p>Strukturierten Raum, Zielvorgaben und Wegprofile empf\u00e4ngt die Christenheit<br \/>\nnicht allein dadurch, da\u00df sie &#8222;soll&#8220;, sondern auch durch<br \/>\nGottes &#8222;du sollst nicht&#8220;. Wenn uns dabei vor dem inneren Auge<br \/>\nein langer, hoch aufgerichteter Zeigefinger aufsteigt, dann &#8211; lassen Sie<br \/>\nuns schnell an Lehrer L\u00e4mpel denken, wie Wilhelm Busch ihn bei <i>Max<br \/>\nund Moritz<\/i> dem vierten Streich vorangestellt hat, \u00fcber ihn l\u00e4cheln<br \/>\nund das Bild vergessen. Gottes &#8222;du sollst nicht&#8220; meint anderes.<br \/>\nEs sagt: Hier verl\u00e4uft eine Grenze. Indem du diese Grenze \u00fcberschreitest,<br \/>\nbeginnst du, das Leben und Zusammenleben zu ruinieren. Indem du sie wahrst<br \/>\n&#8211; nein, nicht: dann bist du brav, oder etwas Derartiges. Sondern: Dann<br \/>\nhast du begriffen, da\u00df dein und aller Menschen Leben von Gottes<br \/>\nwegen einen Schutzwall hat und haben soll. Und innerhalb dieses Schutzwalles,<br \/>\nda soll Leben, menschliches Leben, da soll Menschlichkeit sich entfalten,<br \/>\nin seiner F\u00fclle sich entfalten. Da habe Raum und Pflege, was unser<br \/>\nLeben menschlich macht und lebenswert: Liebe und Vertrauen. Erkl\u00e4rung<br \/>\num Erkl\u00e4rung malt Luther das mit knappen, kr\u00e4ftigen Strichen<br \/>\naus. Indem wir uns von ihm leiten lassen, tritt etwas Weiteres vor Augen:<\/p>\n<p>Es geht eben nicht oder jedenfalls nicht zuerst um das, was wir tun oder<br \/>\nnicht tun &#8222;sollen&#8220;; ja, bei Licht betrachtet, geht es in erster<br \/>\nHinsicht \u00fcberhaupt nicht um ein Tun. Worum dann? Wenn wir einmal<br \/>\nalles, was in den Erkl\u00e4rungen hinter dem &#8222;&#8230;sondern&#8230;&#8220;<br \/>\nkommt, zusammenstellen, dann zeigt sich: Hier wird mit Hinweisen auf m\u00f6gliches<br \/>\nVerhalten eine <i>Linie<\/i> markiert, eine <i>Lebenslinie<\/i>. Diese Linie,<br \/>\ndiese Lebenslinie dr\u00fcckt sich darin aus, da\u00df f\u00fcr uns bestimmte<br \/>\nDinge nicht in Frage kommen &#8211; wir kennen die Wendung: &#8222;Das ist nicht<br \/>\nmeine Art&#8220; &#8211; und da\u00df bestimmte andere f\u00fcr uns das Normale<br \/>\nsind. Da\u00df also, um noch einmal auf das 8. Gebot zu kommen, wir uns<br \/>\nan Rufmord nicht beteiligen &#8211; nicht, weil das verboten ist oder unanst\u00e4ndig<br \/>\noder b\u00f6se, sondern weil das, was dabei geschieht, uns fremd wurde.<br \/>\nDenn wir haben gelernt, den Mitmenschen mit den Augen der Liebe zu sehen<br \/>\nund ihm in Vertrauen zu begegnen. Er wie wir, wir alle &#8222;sollen&#8220;<br \/>\nja den von Gott umgrenzten und gesch\u00fctzten Lebensraum als Raum f\u00fcr<br \/>\nmenschliches Leben nutzen, gestalten und bewahren.<\/p>\n<p>Ja &#8211; &#8222;sollen&#8220; wir das?<br \/>\nDamit ist die Zielvorgabe im Blick: Ja, wir &#8222;sollen&#8220;. Denn das<br \/>\nist unser Lebenssinn und sei uns darum das Ziel f\u00fcr unser Tun und<br \/>\nLassen: Schritt um Schritt und Tag um Tag lernen, ein\u00fcben und fortschreiten<br \/>\ndarin, &#8222;Gott \u00fcber alle Dinge&#8220; zu &#8222;f\u00fcrchten&#8220;,<br \/>\nzu &#8222;lieben&#8220; und zu &#8222;vertrauen&#8220;. Gerade auch dann,<br \/>\nwenn &#8211; um ein letztes Mal an das 8. Gebot zu denken &#8211; mir ein Schleimer<br \/>\neine Position wegschnappt und ich so manches \u00fcber ihn zu sagen w\u00fc\u00dfte&#8230;,<br \/>\noder wenn einer uns allesamt behumpst und als Ehrenmann strahlt, so da\u00df<br \/>\nes mir (und nicht mir allein) schwer f\u00e4llt, nicht mit Fingern auf<br \/>\nihn zu zeigen und auch jedem, der es nicht wissen will, zu sagen, was<br \/>\nder f\u00fcr einer&#8230; Zumal auch dann, wenn Leiden \u00fcber mich kommt,<br \/>\ngrundlos, sinnlos, elend; wenn mir Unersetzliches genommen wird; wenn<br \/>\n&#8211; wie am 11. September 2001 &#8211; Terror zuschl\u00e4gt, einfach so, blindlings,<br \/>\nbrutal, blutig.<\/p>\n<p>Dann, dann &#8211; ich denke, wir ahnen, wie dar\u00fcber die Zehn Gebote zum<br \/>\nGebet werden k\u00f6nnen, n\u00e4mlich zu Gottesworten, \u00fcber die<br \/>\nwir mit Gott reden und rechten und hadern und streiten, beginnend mit<br \/>\nder Frage, woraufhin wir ihm vertrauen k\u00f6nnen, bis hin dazu, da\u00df<br \/>\nwir ihm vorhalten, da\u00df wir uns in einer Welt, die ums goldene Kalb<br \/>\ntanzt, mit dem 9. Und 10. Gebot selbst das Grab schaufeln: Ob er das denn<br \/>\nwohl wolle, ob wir das nach seinem Willen denn &#8222;sollen&#8220;? Der<br \/>\nPunkt ist: Da\u00df wir, da\u00df wir tats\u00e4chlich ins Gebet gehen<br \/>\nund da\u00df wir in ihm verharren, so lange verharren, bis uns \u00fcber<br \/>\neines der Gebote ein neues Licht aufgegangen ist. Es steht nirgends geschrieben,<br \/>\nda\u00df das schnell gehe, auch nicht, da\u00df das bequem w\u00e4re.<br \/>\nAber indem wir nicht ausweichen, uns nicht vorzeitig zur\u00fcckziehen,<br \/>\ngeschieht auch etwas an uns und in uns &#8211;<\/p>\n<p>Ich hatte eine Lehrpredigt angek\u00fcndigt &#8211; darf ich&#8217;s einmal flapsig<br \/>\nsagen: keine Belehrpredigt &#8211; , also eine Predigt nicht \u00fcber einen<br \/>\nText, sondern von lehrhafter Art &#8211; abermals etwas spitzig: nicht in p\u00e4dagogischer<br \/>\nAbsicht. Will sagen, eine Predigt, die einen Inhalt des christlichen Glaubens<br \/>\nin allgemeinerer Form vorstellt. Wenn diese Predigt richtig &#8222;gelehrt&#8220;<br \/>\nhat, dann mag jetzt deutlich sein: Es geht nicht um eine &#8222;Lehre&#8220;,<br \/>\nsondern um einen h\u00f6chst lebendigen und, wer wei\u00df, auch dramatischen<br \/>\nVorgang, da\u00df n\u00e4mlich Gott und wir einander in einem Dialog<br \/>\n&#8222;ungest\u00f6rt&#8220; begegnen. Die &#8222;Lehre&#8220; bei alledem<br \/>\nlag darin, Zusammenhang und Rahmen dieses &#8222;Dialogs&#8220; ein wenig<br \/>\nzu beschreiben, n\u00e4mlich: da\u00df es hier um Gottes Beziehung zu<br \/>\nuns geht und unsere Beziehung zu Gott. Denn die Zehn Gebote sind keine<br \/>\nmoralischen Satzungen. Vielmehr redet Gott uns mit ihnen an und zeigt<br \/>\nuns Grund, Verlauf und Ziel einer Lebenslinie &#8211; einer Lebenslinie, die<br \/>\ndaraus entsteht, da\u00df Gott mich anredet und ich dar\u00fcber mit<br \/>\nihm in eine &#8222;ungest\u00f6rte Unterhaltung&#8220; komme.<\/p>\n<p>Bei alledem mag freilich mag ein Einwand auftauchen, der in einer Zeit,<br \/>\ndie faktengeil und zahlens\u00fcchtig ist (als ob dergleichen \u00fcbrigens<br \/>\nkein Aberglaube w\u00e4re!), wohl unvermeidlich ist: Da\u00df die Zehn<br \/>\nGebote tats\u00e4chlich von Gott stammten, das sei nicht bewiesen und<br \/>\nhistorisch unwahrscheinlich. Im \u00fcbrigen habe schon Hammurabi ganz<br \/>\n\u00e4hnlich&#8230; Und \u00fcberhaupt handelte es sich hier nur mehr um Stammesregeln<br \/>\nvon Nomaden&#8230; Und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Zu diesem Einwand k\u00f6nnte man vieles sagen; entkr\u00e4ften l\u00e4\u00dft<br \/>\ner sich nicht. Auf dieser Ebene mag man Aktienkurse oder Gem\u00fcsepreise<br \/>\noder den Z\u00fcndzeitpunkt eines Motors verhandeln; Gott und sein Wille<br \/>\nerfordern eine andere Ebene. Die deutet ein Mann an, der einst sich mit<br \/>\nder Hinterlassenschaft des Mose plagte und dessen geradezu unglaubliche<br \/>\ngeistliche und geistige Kompetenz einem vollen Jahrtausend die entscheidenden<br \/>\nThemen vorgab: Augustin n\u00e4mlich, erst ber\u00fchmter Rhetorik-Professor<br \/>\nzu Mailand und dann Bischof in der Provinz, in Hippo n\u00e4mlich, einer<br \/>\nkleinen K\u00fcstenstadt im heutigen Algerien. Er schrieb:<\/p>\n<p><i>W\u00e4re Mose noch da, ich w\u00fcrde ihn festhalten&#8230;und&#8230;beschw\u00f6ren,<br \/>\nda\u00df er&#8217;s mir darlegte&#8230; Nur, woher wollte ich wissen, da\u00df<br \/>\ner die Wahrheit sagte? Aber wenn ich auch das w\u00fc\u00dfte, w\u00fc\u00dfte<br \/>\nich&#8217;s nicht von ihm? In mir selber freilich, in der Wohnung des Denkens&#8230;w\u00fcrde<br \/>\nmir die Wahrheit ohne das Werkzeug von Mund und Zunge und ohne das Geklapper<br \/>\nvon Silben sagen: &#8222;Ja, er redet wahr!&#8220; <\/i>(Conf. XI, 3,5)<\/p>\n<p>Augustin hatte Sinn und Gesp\u00fcr f\u00fcr die Wirklichkeit und f\u00fcr<br \/>\nZusammenh\u00e4nge. Er wu\u00dfte, da\u00df man Heiliges nicht auf der<br \/>\nEbene von K\u00fcchen-Rezepten verhandelt. Er leitet uns an zu pr\u00fcfen:<br \/>\nWenn du die Gebote und den Katechismus h\u00f6rst und liest, dann frag&#8216;<br \/>\nnicht, woher sie stammen und unter welchen geschichtlichen Bedingungen<br \/>\nsie entstanden. Sondern dann achte auf diese Worte, von denen jedes einzeln<br \/>\ngewogen wurde, was sie dir sagen, la\u00df sie auf dich wirken und horche<br \/>\ndabei tief in sie hinein und dann in dich.<br \/>\nNur das?<br \/>\nNur das, mehr nicht.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<br \/>\n<a href=\"mailto:kschwarzwaeller@foni.net\">E-Mail: kschwarzwaeller@foni.net<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Lehrpredigt zur Einf\u00fchrung | Februar 2002 | Exodus 20,1\u201317 | Klaus Schwarzw\u00e4ller | Liebe Gemeinde! Dies wird eine Lehrpredigt sein, eine Lehrpredigt zur Einleitung einer Predigtreihe \u00fcber &#8222;das erste Hauptst\u00fcck&#8220; von Luthers Kleinem Katechismus: die Zehn Gebote. 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