{"id":9215,"date":"2002-04-07T19:49:55","date_gmt":"2002-04-07T17:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9215"},"modified":"2025-06-28T09:26:07","modified_gmt":"2025-06-28T07:26:07","slug":"exodus-20-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-16\/","title":{"rendered":"Exodus 20"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#669999\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#669999\">\n<div align=\"center\">\n<p><span style=\"color: #ffffff;\"><b>Predigten und Texte zum Dekalog, April 2002<br \/>\nReflexion zum 9. Gebot, Michael Sievernich<\/b><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><b>Haus des N\u00e4chsten<\/b> &#8211; das 9. Gebot in theologisch-praktischer<br \/>\nPerspektiveWer theologisch \u00fcber das 9. Gebot des Dekalogs nachdenkt, mu\u00df<br \/>\nzun\u00e4chst die bis heute nachwirkenden Tradierungsformen in der katechetischen<br \/>\nLiteratur erl\u00e4utern und sodann den Gehalt der biblischen Formulierungen<br \/>\ndarlegen, um auf diesem Hintergrund die Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart<br \/>\ndarlegen und theologisch stimmig sowie praktisch relevant er\u00f6rtern<br \/>\nzu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Die katechetischen Traditionen<br \/>\n<\/b> &#8222;Du sollst nicht begehren deines N\u00e4chsten Haus.&#8220; so<br \/>\nformulierte Martin Luther das 9. Gebot des Dekalogs in seinen Katechismen.<br \/>\nIn den katholischen Katechismen derselben Zeit lautet das 9. Gebot anders:<br \/>\n&#8222;Du sollst nicht begehren das Weib deines N\u00e4chsten.&#8220; Diese<br \/>\nkonfessionelle Differenz, die bis in die Gegenwart gilt, verweist auf<br \/>\ndie verwirrende Vielfalt der Z\u00e4hlungen der Zehn Gebote, die sich<br \/>\nzum einen aus den unterschiedlichen biblischen \u00dcberlieferungen und<br \/>\nzum anderen aus theologischen Akzentuierungen im Lauf der Geschichte ergibt.<br \/>\nDie katholische und die lutherische Z\u00e4hlung kommen jedoch darin \u00fcberein,<br \/>\ndass sie der Tradition des Augustinus verpflichtet sind, welche aus systematischen,<br \/>\ntrinit\u00e4tstheologischen Gr\u00fcnden die ersten drei Gebote als Pflichten<br \/>\nder Gottesverehrung der ersten der beiden Tafeln zuweist, w\u00e4hrend<br \/>\nsie die restlichen sieben Gebote, die Pflichten gegen\u00fcber dem N\u00e4chsten<br \/>\nbetreffend, der zweiten Tafel zuweist. Der augustinische Systemzwang f\u00fchrte<br \/>\nin der katechetischen Tradition, die mittelalterlich und neuzeitlich den<br \/>\nDekalog als Gliederungsprinzip der materialen Moral benutzte, einerseits<br \/>\nzur Auslassung des Bilderverbots, das aber von den reformierten Kirchen<br \/>\nwieder aufgegriffen wurde, und andererseits zur Notwendigkeit, um die<br \/>\nZehnzahl zu erf\u00fcllen, das <i>eine<\/i> biblische Verbot des Begehrens,<br \/>\ndas sich auf Personen, Tiere und Sachen bezog, in zwei Verbote des Begehrens<br \/>\nzu splitten, wobei die Aufteilung, durchaus mit Berufung auf die biblischen<br \/>\nTexte, konfessionell nochmals unterschiedlich ausfiel (s. oben). Die j\u00fcdische,<br \/>\northodoxe und reformierte Tradition kennen nur ein Begehrungsverbot (10.<br \/>\nGebot), weil sie das 1. Gebot in die zwei Verbote (andere G\u00f6tter,<br \/>\nBilder) unterteilen.<\/p>\n<p>\u00dcberdies kommen die Katechismen lutherischer und katholischer Pr\u00e4gung<br \/>\ndarin \u00fcberein, dass beide die Pr\u00e4ambel des Dekalogs, die von<br \/>\nGottes befreiendem Handeln an seinem Volk (Herausf\u00fchrung aus dem<br \/>\nSklavenhaus \u00c4gypten, Ex 20, 2) erz\u00e4hlt, leider nicht erw\u00e4hnen<br \/>\nund daher keine narrative Begr\u00fcndung des Dekalogs bieten, sondern<br \/>\nzum Nachteil der Auslegung eine autoritative vorziehen. Da nach Luthers<br \/>\nprogrammatischer Hermeneutik des Alten Testaments geschichtliche Ereignisse<br \/>\nwie der Exodus nur f\u00fcr die Juden, aber nicht mehr f\u00fcr die Christen<br \/>\nrelevant sind, bedeutet dies f\u00fcr die Auslegung des 9. und 10. Gebots,<br \/>\ndass diese beiden Gebote &#8222;eigentlich ausschlie\u00dflich den Juden<br \/>\ngegeben&#8220; sind, wenngleich sie dann &#8222;doch auch teilweise uns<br \/>\nbetreffen&#8220; (Gro\u00dfer Katechismus).<\/p>\n<p><b>Die biblischen Texte<br \/>\n<\/b> Im Wortlaut des Alten Testaments findet sich in der Dekalogfassung<br \/>\ndes 2. Buch Mose nur <i>ein<\/i> Verbot des Begehrens (10. Gebot): &#8222;Du<br \/>\nsollst das Haus deines N\u00e4chsten nicht begehren.&#8220; (Ex 20, 17a)<br \/>\nDenn nach den neun vorausgehenden Geboten und Verboten, darunter das Bilderverbot,<br \/>\nblieb nur noch ein Platz \u00fcbrig, um die Zehnzahl zu erreichen. Unter<br \/>\n&#8222;Haus&#8220; versteht der hebr\u00e4ische Sprachgebrauch zum einen<br \/>\nein festes Geb\u00e4ude; dieses setzt Se\u00dfhaftigkeit voraus, bezieht<br \/>\nsich also nicht auf das Nomadentum. Zum anderen bezeichnet &#8222;Haus&#8220;<br \/>\n\u00fcber das Geb\u00e4ude hinaus das Land, auf dem es steht, den Grundbesitz,<br \/>\naber auch das gesamte Hauswesen, das zum Besitz eines freien Vollb\u00fcrgers<br \/>\ngez\u00e4hlt wird. Dazu geh\u00f6ren die nicht voll rechtsf\u00e4higen<br \/>\nPersonen, wie die Familienangeh\u00f6rigen sowie die Sklaven und Sklavinnen,<br \/>\naber auch die Tiere und die zum Haus geh\u00f6rigen Sachg\u00fcter. Daher<br \/>\nerl\u00e4utert auch der biblische Text, was mit &#8222;Haus&#8220; gemeint<br \/>\nist und bezieht es in das Verbot des ungeordneten Begehrens ein: &#8222;Du<br \/>\nsollst nicht die Frau deines N\u00e4chsten begehren, seinen Sklaven oder<br \/>\nseine Sklavin, sein Rind oder sein Esel, oder irgend etwas, was deinem<br \/>\nN\u00e4chsten geh\u00f6rt.&#8220; (Ex 20, 17b) Das Verbot sch\u00fctzt<br \/>\nalso urspr\u00fcnglich den Besitz des freien Israeliten und verbietet<br \/>\nalle Unternehmungen und Machenschaften, diesen Besitz, den Anteil am verhei\u00dfenen<br \/>\nLand, an sich zu rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Heute kommt es uns anst\u00f6\u00dfig und die Menschw\u00fcrde verletzend<br \/>\nvor, auch die Ehefrau (und das Hausgesinde) zum Besitz des Mannes zu rechnen<br \/>\nund sie neben den Tieren und Sachg\u00fctern aufzuz\u00e4hlen. Im Alten<br \/>\nIsrael aber war die soziale Stellung der Frau tats\u00e4chlich sehr schwach,<br \/>\nauch wenn die Frau nicht, wie in anderen altorientalischen Rechtsordnungen,<br \/>\nverkauft werden konnte. Da die Frau als Sache begriffen wurde, galt es<br \/>\nals Eigentumsdelikt, sich an der Frau eines anderen zu vergreifen. Das<br \/>\ndamit gegebene Problem, eine Person als Sache zu behandeln, nahm man allerdings<br \/>\nschon im Alten Israel wahr, wie die Fassung des Dekalogs im 5. Buch Mose<br \/>\nzeigt, die zwar mit der Exodus-Fassung im wesentlichen \u00fcbereinstimmt,<br \/>\ndoch bei der Formulierung unseres Gebotes insofern abweicht, als es die<br \/>\nFrau nicht mehr zum Hausrat rechnet, sondern sie an erster Stelle nennt<br \/>\n(Dt 5, 21a) und damit den Weg ihrer Anerkennung als ebenb\u00fcrtige Person<br \/>\nanbahnt. Der Unterschied dr\u00fcckt sich auch in den verschiedenen Verben<br \/>\naus, f\u00fcr das Verlangen nach der Frau und das Begehren des Hauses<br \/>\nverwendet werden. Diese Aufteilung hat auch zur Folge, dass unter &#8222;Haus&#8220;<br \/>\nnicht mehr die gesamte Habe zu verstehen ist, sondern nurmehr das Geb\u00e4ude,<br \/>\nzumal nun auch das Feld eigens genannt wird (Dt 5, 21b). Damit war der<br \/>\nWeg gebahnt, das 10. Gebot in zwei aufzuteilen, was die Notwendigkeit<br \/>\nmit sich brachte, die beiden ersten Gebote, um die Zehnzahl zu bewahren,<br \/>\nauf <i>ein<\/i> Gebot zu reduzieren. Die Vielfalt der katechetischen Z\u00e4hlungen<br \/>\nder Gebote kann sich mithin darauf berufen, dass es zwei Fassungen des<br \/>\nDekalogs und die Aufteilung des urspr\u00fcnglich einen 10. Gebots in<br \/>\nder Deuteronomiumversion gibt.<\/p>\n<p>Bei der Auslegung des Verbots, das &#8222;Haus&#8220; des N\u00e4chsten<br \/>\nzu begehren, wird man also den verschiedenen biblischen Versionen des<br \/>\nDekalogs entsprechend darauf achten m\u00fcssen, ob man vom &#8222;Haus&#8220;<br \/>\nim umfassenden Sinn des gesamten Hab und Guts nach altorientalischer Vorstellung<br \/>\nspricht, oder in einem eingeschr\u00e4nkten Sinn, der die soziale Stellung<br \/>\nder Frau ber\u00fccksichtigt, oder in einem \u00fcbertragenen Sinn, demzufolge<br \/>\ndas zu sch\u00fctzende und zu bewahrende &#8222;Haus des N\u00e4chsten&#8220;<br \/>\ndie materiellen und geistigen Lebensbedingungen meint, die nicht angetastet,<br \/>\nnicht &#8222;begehrt&#8220; werden d\u00fcrfen. Auf jeden Fall jedoch ist<br \/>\ndas Verbot mit der Pr\u00e4ambel des Dekalogs in Verbindung zu bringen,<br \/>\ndie lautet: &#8222;Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus \u00c4gypten<br \/>\ngef\u00fchrt hat, aus dem Sklavenhaus.&#8220;(Ex 20,2; Dt 5, 6) Denn solche<br \/>\nLebens- und Arbeitsbedingungen, die das Volk Israel in der Fron \u00c4gyptens<br \/>\nerfahren hat, n\u00e4mlich Ausbeutung, Enteignung und Beraubung der Lebensgrundlagen<br \/>\nund der Freiheit (Ex 1, 14), soll es k\u00fcnftig es nicht mehr geben.<br \/>\nVielmehr soll das Volk durch Einhalten der als Freiheitsregeln verstandenen<br \/>\nGebote den von Gott er\u00f6ffneten und geschenkten Freiheitsraum sch\u00fctzen<br \/>\nund in Gemeinschaft miteinander und mit Gott ohne Versklavung und im Genuss<br \/>\nder G\u00fcter leben. In diesem Sinn ist auch das 9. Gebot eine Freiheitsregel,<br \/>\nwelche im Interesse der eigenen Freiheit den Lebensraum des anderen vor<br \/>\ndem ungeordneten Begehren anderer sch\u00fctzt.<\/p>\n<p><b>Die heutigen Verh\u00e4ltnisse<br \/>\n<\/b> Wer sich in homiletischer Absicht mit dem 9. Gebot befa\u00dft,<br \/>\ndarf nicht bei der Rekonstruktion des historischen Kontextes stehenbleiben,<br \/>\nsondern mu\u00df im Sinn einer applikativen Hermeneutik das biblische<br \/>\nWort im Kontext der Gegenwart erschlie\u00dfen. Welchen aktuellen theologischen<br \/>\nund ethischen Sinn kann man dem 9. Gebot in der sp\u00e4ten Moderne abgewinnen,<br \/>\ndie doch ganz andere Rechtsordnungen und moralische \u00dcberzeugungen<br \/>\nkennt?<\/p>\n<p>Von grunds\u00e4tzlicher theologischer Bedeutung ist dabei ein Verst\u00e4ndnis<br \/>\nder &#8222;zehn Worte&#8220;, welche die Gebote, also auch das 9. Gebot,<br \/>\nnicht als Begrenzung der Freiheit oder zus\u00e4tzliche moralische Last<br \/>\ninterpretiert, sondern als Freiheitsregeln, welche das Leben in Freiheit<br \/>\nund Gemeinschaft gew\u00e4hrleisten sollen. Wer aber die gesetzten Grenzen<br \/>\n\u00fcberschreitet, entzieht dadurch den anderen und auf Dauer auch sich<br \/>\nselbst die Lebensgrundlage. Man w\u00fcrde dem 9. Gebot (und den anderen<br \/>\nGeboten) allerdings nicht gerecht, wenn man es als Teil eines allgemein<br \/>\ng\u00fcltigen Weltethos verstehen w\u00fcrde, auf das ich die Menschen<br \/>\nguten Willens schnell einigen k\u00f6nnen. Zwar ist es rechtliches und<br \/>\nethisches Allgemeingut, dass man dem anderen nicht Hab und Gut wegnehmen<br \/>\ndarf, wie es im 7. Gebot als Verbot des Stehlens formuliert ist (Ex 20,<br \/>\n15), aber das 9. Gebot verbietet schon das Begehren, das Haben-wollen<br \/>\ndessen, was dem anderen geh\u00f6rt. Hier bahnt sich also jene Verinnerlichung<br \/>\nder sittlichen Pflicht an, derzufolge das B\u00f6se nicht erst im Tun<br \/>\nsichtbar wird, sondern schon im b\u00f6sen Herzen beginnt. Diese Verinnerlichung<br \/>\nwird bei den alttestamentlichen Propheten immer wieder angemahnt und findet<br \/>\nsich vor allem in der Verk\u00fcndigung Jesu, die das &#8222;reine Herz&#8220;<br \/>\n(Mt 5, 8) preist sowie das B\u00f6se im Herzen gei\u00dfelt (Mt 15, 18ff),<br \/>\nund alle Gebote im Doppelgebot der Liebe &#8222;aus ganzem Herzen&#8220;<br \/>\nzusammenf\u00fchrt (Mt 22, 34-40).<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass der Dekalog als ganzer und die einzelnen Gebote grunds\u00e4tzlich<br \/>\nauf jenes vorg\u00e4ngige Handeln Gottes zu beziehen sind , wie es in<br \/>\nder Pr\u00e4ambel des Dekalogs als befreiendes Handeln Jahwes geschildert<br \/>\nwird. Das 9. Gebot ist also kein &#8222;kategorischer Imperativ&#8220;,<br \/>\nsondern eher ein &#8222;responsorischer&#8220; Appell, der dazu auffordert,<br \/>\nauf Gottes Handeln mit dem eigenen Handeln zu antworten und insofern vor<br \/>\nGott &#8222;Verantwortung&#8220; f\u00fcr den N\u00e4chsten zu \u00fcbernehmen.<br \/>\nN\u00e4hme man die Gottesbeziehung aus dieser sittlichen Verantwortung<br \/>\nheraus, w\u00fcrde man das ethische Verhalten seines theologischen Grundes<br \/>\nberauben.<\/p>\n<p>Auf dem weiten ethischen Feld des 9. Gebots ist von jener Natur des Menschen<br \/>\nauszugehen, die Luther im Gro\u00dfen Katechismus realistisch schildert:<br \/>\n&#8222;Denn so, wie die Natur geartet ist, g\u00f6nnt niemand dem anderen<br \/>\nsoviel als sich selber, und jeder bringt an sich, so viel er nur kann;<br \/>\nein anderer soll bleiben, wo er mag.&#8220; Dieser Natur eingedenk und<br \/>\nim Hinblick auf die heutigen Verh\u00e4ltnisse, lenkt das 9. Gebot die<br \/>\nAufmerksamkeit auf die Verantwortung der Christen f\u00fcr die Ausgestaltung<br \/>\nder Arbeitswelt, f\u00fcr den rechten Umgang mit dem Eigentum und f\u00fcr<br \/>\ndie Sorge um eine gerechte wirtschaftliche Ordnung, auch im globalen Ma\u00dfstab.<br \/>\nDabei geht es etwa um die Anerkennung der Arbeit und den gerechten Lohn,<br \/>\num die \u00dcberwindung der Arbeitslosigkeit, aber auch um die Ausgestaltung<br \/>\nhumaner Arbeitsbedingungen und unternehmerische Initiative. Was den Umgang<br \/>\nmit dem Eigentum in seinen vielf\u00e4ltigen Formen (z. B. Grund-, Gebrauchs-,<br \/>\nGeldeigentum, geistiges Eigentum) angeht, so ist einerseits auf die Gemeinbestimmung<br \/>\nhinzuweisen, nach der alle Menschen ein urspr\u00fcngliches Nutzungsrecht<br \/>\nan den G\u00fctern der Erde haben, und andererseits auf das pers\u00f6nliche<br \/>\nFreiheitsrecht des Eigentums, das am Gemeinwohl seine Grenze findet, wie<br \/>\ndenn auch die Sozialpflichtigkeit des Eigentums darauf verweist, dass<br \/>\nder Gebrauch der G\u00fcter an die R\u00fccksicht auf die Bed\u00fcrfnisse<br \/>\nanderer gebunden ist.<\/p>\n<p>Im Bereich des wirtschaftlichen Verhaltens k\u00f6nnen nur einige wenige<br \/>\nAufgaben kurz genannt werden. Zum Schutz des Eigentums des N\u00e4chsten<br \/>\ngeh\u00f6ren neben dem Verbot des Diebstahls etwa das Verbot, sich widerrechtlich<br \/>\nfremdes Eigentum anzueignen oder es zu besch\u00e4digen. Dass dies auch<br \/>\ndurch Betrug, oft unter dem Schein des Rechts geschehen kann (z. B. Unterschlagung,<br \/>\nVeruntreuung, unlauterer Wettbewerb), hat schon Luther hellsichtig gesehen,<br \/>\nals er es im Kommentar des 9. Gebots f\u00fcr verboten erkl\u00e4rte,<br \/>\ndem N\u00e4chsten unter dem Schein des Rechts etwas zu nehmen oder mit<br \/>\nHilfe des Rechts dem anderen etwas abzujagen, zum Beispiel eine gro\u00dfe<br \/>\nErbschaft, oder auch den N\u00e4chsten bei Kaufgesch\u00e4ften listig<br \/>\nzu \u00fcbervorteilen (Gr. Katechismus). Heute geh\u00f6rt auch die Achtung<br \/>\nvor dem sozialen Eigentum in den Bereich des 9. Gebotes. Sei es das materielle<br \/>\nEigentum in Gestalt von \u00f6ffentlichen Einrichtungen oder von sozialen<br \/>\nSicherungssystemen, die nur funktionieren, wenn das Solidarprinzip eingehalten<br \/>\nwird. Sei es das geistige Eigentum und die damit gegebenen Urheberrechte,<br \/>\nbis hin zu Raubkopien von CDs oder Computerprogrammen.<\/p>\n<p>Das &#8222;Haus des N\u00e4chsten&#8220; steht im Zeitalter der Globalisierung<br \/>\nnicht nur in nachbarschaftlicher Sichtweite, sondern auch in weit entfernten<br \/>\nGegenden, so dass sich auch das Begehrensverbot globalisiert. Da \u00fcberdies<br \/>\ndas der Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit dienende Eigentumsrecht allen<br \/>\nzusteht und prinzipiell niemand ausgeschlossen werden darf, steht im Horizont<br \/>\ndes 9. Gebots auch die Fragen der hinreichenden Erzeugung und gerechten<br \/>\nVerteilung der G\u00fcter, damit alle ihr &#8222;Haus&#8220; haben, in dem<br \/>\nsie menschenw\u00fcrdig leben k\u00f6nnen. Doch gibt es faktisch eine<br \/>\nzunehmende Ungleichheit der Lebensverh\u00e4ltnisse, die bewirkt, dass<br \/>\nein Teil der Menschheit \u00fcber Geld, G\u00fcter und Dienstleistungen<br \/>\nim \u00dcberflu\u00df verf\u00fcgt, w\u00e4hrend ein gro\u00dfer anderer<br \/>\nTeil kaum die Grundbed\u00fcrfnisse befriedigen kann, die mit einem t\u00e4glichen<br \/>\nUS-Dollar zu stillen sind. Damit die zunehmende Globalisierung nicht gro\u00dfe<br \/>\nTeile der Menschheit oder ganze Kontinente wie Afrika ausschlie\u00dft,<br \/>\nbedarf es einer Globalisierung der Solidarit\u00e4t und Verantwortung,<br \/>\num eine sozial gerechte Teilhabe an den G\u00fctern wenigstens auf den<br \/>\nWeg zu bringen. Dabei verlangt der Schutz des &#8222;Hauses der armen N\u00e4chsten&#8220;<br \/>\neine &#8222;vorrangige Option f\u00fcr die Armen&#8220; als moralisches<br \/>\nKriterium f\u00fcr wirtschaftliches Handeln und politische Entscheidungen,<br \/>\nwie sie im gemeinsamen Wort der deutschen Kirchen <i>F\u00fcr eine Zukunft<br \/>\nin Solidarit\u00e4t und Gerechtigkeit <\/i>(1997) gefordert wird. Dabei<br \/>\nd\u00fcrfte der Einsatz f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere soziale Gerechtigkeit<br \/>\neng verbunden sein mit dem Abbau von allen Formen der Korruption in Geber-<br \/>\nund Empf\u00e4ngerl\u00e4ndern, aber auch mit der Beachtung der \u00f6kologischen<br \/>\nNachhaltigkeit. So gesehen, geht es also auch um die strukturellen Bedingungen,<br \/>\nunter denen das &#8222;Haus des (armen) N\u00e4chsten&#8220; aufgebaut und<br \/>\nvor dem &#8222;Begehren&#8220; gesch\u00fctzt werden kann. Wer das Geschenk<br \/>\nder Freiheit durch Gott im Glauben als Gabe erkennt und annimmt, wird<br \/>\nes in der Liebe als seine Aufgabe betrachten, das &#8222;Haus des N\u00e4chsten&#8220;<br \/>\nzu respektieren und so auszustatten, dass aus allen H\u00e4usern allm\u00e4hlich<br \/>\njene Stadt ersteht, die am Ende der Tage von Gott her in die himmlische<br \/>\nStadt verwandelt werden kann (Offb 21).<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Michael Sievernich SJ<br \/>\nHochschule Sankt Georgen, Frankfurt \/M.<br \/>\n<a href=\"mailto:siev@st-georgen.uni-frankfurt.de\">E-Mail: siev@st-georgen.uni-frankfurt.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><script language=\"javascript\"><![CDATA[ \n<!-- \ndocument.write(\"<IMG WIDTH=\"1\" HEIGHT=\"1\" \");\ndocument.write(\"SRC=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&#038;bn=neukirch\");\ndocument.write(\"&#038;f=dekalog-tx-sievernich.html\");\ndocument.write(\"&#038;r=r1\");\nif(document.referrer.toLowerCase().indexOf('http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/')<0) { document.write(\"&#038;w=\"+escape(document.referrer)); } document.write(\"\">\"); \n\/\/ --> \n]]><\/script><\/p>\n<p><noscript><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=dekalog-tx-sievernich.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Predigten und Texte zum Dekalog, April 2002 Reflexion zum 9. 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