{"id":9216,"date":"2002-02-07T19:50:00","date_gmt":"2002-02-07T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9216"},"modified":"2025-04-22T13:37:35","modified_gmt":"2025-04-22T11:37:35","slug":"exodus-20-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-20-5\/","title":{"rendered":"Exodus 20,7"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das Erste Gebot und sein Evangelium | Februar 2002 | Exodus 20,7 | Walter Sparn |<\/h3>\n<p><b>Das Erste Gebot und sein Evangelium<\/b><\/p>\n<p>1. <i>Das Erste Gebot und der Erste Satz.<\/i> Der Kleine Katechismus<br \/>\nerkl\u00e4rt das erste Gebot eindrucksvoll pr\u00e4gnant und lapidar:<br \/>\n\u0084Wir sollen Gott \u00fcber alle Ding f\u00fcrchten, lieben und vertrauen\u0093.<br \/>\nNoch Zweifel? Bei n\u00e4herem Zusehen: ja. Diese Erkl\u00e4rung plausibel<br \/>\nzu finden, ist ja keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Unmittelbar evident<br \/>\nmag sie dem erscheinen, der in einer christlichen Erziehung und Glaubensgeschichte<br \/>\n\u0084Gott\u0093 aus der Bibel und aus den Evangelien kennen und schon<br \/>\nlieben gelernt hat. Den andern (und die meisten Zeitgenossen h\u00f6ren<br \/>\nsie wohl zum ersten Mal) d\u00fcrfte sie unverst\u00e4ndlich sein, wenn<br \/>\nnicht \u00e4rgerlich. Als Erkl\u00e4rung des ersten Gebots genommen, das<br \/>\ndoch nur sagt: \u0084Du sollt nicht ander G\u00f6tter haben\u0093, stellt<br \/>\nsie eine Zumutung dar. Und das erst recht, wenn sie die Erkl\u00e4rung<br \/>\neines <i>Gebotes<\/i> sein soll. Man merkt das sp\u00e4testens, wenn man<br \/>\nKindern sagt, dass sie Gott lieben <i>sollen<\/i>. Eben den, den sie zuerst<br \/>\n<i>f\u00fcrchten<\/i> sollen, den sie vielleicht schon genug f\u00fcrchten<br \/>\nals \u00dcbervater, der alles sieht und alles bestrafen wird. Und dann<br \/>\nsollen sie ihm auch noch <i>vertrauen<\/i> &#8230;<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen Katechismus ersetzt Luther die anf\u00e4ngliche Frage,<br \/>\nwie man das Gebot verstehen solle, durch eine andere: \u0084Was hei\u00dft<br \/>\neinen Gott haben oder was ist Gott?\u0093 Die Antwort darauf hat nichts<br \/>\nmit so etwas wie einem Gebot oder seinem Befolgen zu tun: \u0084Gott\u0093<br \/>\nhei\u00dft das, von dem man das schlechthin Gute erwartet, auf das man<br \/>\nsein tiefstes Vertrauen setzt, zu dem man seine letzte Zuflucht nimmt.<br \/>\n\u0084Also dass ein Gott haben nichts andere ist, denn ihm von Herzen<br \/>\ntrauen und gl\u00e4uben, wie ich oft gesagt habe, dass alleine das Trauen<br \/>\nund Gl\u00e4uben des Herzens machet beide, Gott und Abegott. Ist der Glaube<br \/>\nund Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht, und wieder\u00fcmb,<br \/>\nwo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht.<br \/>\nDenn die zwei geh\u00f6ren zuhaufe, Glaube und Gott. Worauf Du nu (sage<br \/>\nich) Dein Herz h\u00e4ngest und verl\u00e4ssest, das ist eigentlich Dein<br \/>\nGott\u0093 (BSLK 560, 13ff).<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze werden oft zitiert, um zu belegen, dass der christliche<br \/>\nGlaube nicht ein angelerntes oder abgen\u00f6tigtes F\u00fcrwahrhalten<br \/>\nmeine, sondern ein Gottesvertrauen, in dem das ganze Leben eingeschlossen<br \/>\nist und das die ganze Person pr\u00e4gt und tr\u00e4gt: <i>fiducia<\/i>.<br \/>\nDieser Hinweis ist richtig, gen\u00fcgt aber nicht zur Erkl\u00e4rung<br \/>\ndes ersten Gebots. Denn wenn das Herz beide, Gott und Abgott, \u0084macht\u0093,<br \/>\nso nicht deshalb, weil es beide hervorbringen k\u00f6nnte, sondern weil<br \/>\nes das Pr\u00e4dikat \u0084Gott\u0093 einem Gegenstand zuspricht, der<br \/>\nGott <i>ist<\/i> oder eben nicht <i>ist<\/i>. Irrt\u00fcmlicherweise w\u00fcrde<br \/>\ndas Gottsein etwa dem Mammon zugeschrieben, oder der politischen Macht,<br \/>\nder Gelehrsamkeit; immer dort, wo das Herz eines Menschen \u0084H\u00fclfe,<br \/>\nTrost und Seligkeit suchet in eigenen Werken &#8230; als wolle es nichts von<br \/>\nihm (dem wahren Gott) geschenkt nehmen &#8230;\u0093 (565,2ff). Im ersten<br \/>\nGebot geht es also um den <i>wahren Gottesdienst<\/i> in seinem Gegensatz<br \/>\nzum G\u00f6tzendienst. Der Katechismus erkl\u00e4rt, wie man dazu kommt:<br \/>\nDas Erste Gebot des wahren Gottesdienstes wird einzig und allein durch<br \/>\ndas Vertrauen und Glauben des Herzens erf\u00fcllt. Denn nur dieses Glauben<br \/>\nl\u00e4sst den wahren Gott seinen Gott sein, weil sein \u0084Erf\u00fcllen\u0093,<br \/>\nsein <i>Tun<\/i> in einem <i>Lassen<\/i> besteht: \u0084&#8230; lasse mich alleine<br \/>\nDeinen Gott sein\u0093. Alles kommt daher darauf an, dass es ein vorg\u00e4ngiges<br \/>\nTun Gottes gibt, das unser Zulassen, Loslassen und Seinlassen m\u00f6glich<br \/>\nmacht (\u0084zul\u00e4sst\u0093). Die Plausibilit\u00e4t des ersten Gebots<br \/>\nbegr\u00fcndet sich in diesem Anfangen Gottes, einem Zuspruch seiner selbst:<br \/>\n\u0084ICH, ich will Dir gnug gegen und aus aller Not helfen&#8230;\u0093 (560,35ff).<\/p>\n<p>Damit ist Luther wieder bei der Frage nach dem Sinn des ersten Gebots.<br \/>\nEine Antwort darauf, so zeigt sich in der Korrelation von \u0084Glauben\u0093<br \/>\nund \u0084Gott\u0093, ist nur m\u00f6glich, wenn das erste Gebot nicht<br \/>\nder Anfang der Redens Gottes ist, sondern erst sein zweiter Satz. Das<br \/>\nerste Gebot folgt einem ersten Satz: \u0084Ich bin der Herr dein Gott\u0093.<br \/>\nAm Anfang, ja \u0084im Anfang\u0093 (1.Mose 1,1; Joh 1,1) und vor allem<br \/>\nTun und Lassen der Welt: der <i>Erste Satz.<\/i> Seinetwegen ist das erste<br \/>\nGebot das<i> Erste Gebot.<\/i> Denn er ist das Gute, aus dem wir immer<br \/>\nschon und noch immer lebe. Er besagt und vollzieht den ersten und letzten<br \/>\nWillen Gottes, weil er von Gott selbst gesprochen wird \u0096 l\u00e4ngst<br \/>\nbevor wir Gottes Gebote erf\u00fcllen und v\u00f6llig unabh\u00e4ngig<br \/>\ndavon, wie gut oder schlecht wir sie dann erf\u00fcllen. \u0084So er spricht,<br \/>\nso geschieht\u0092s &#8230;\u0093<\/p>\n<p>Auch der Kleine Katechismus unterstellt den \u0084Ich bin\u0093-Satz<br \/>\nGottes (sp\u00e4tere Drucke haben ihn eigens vorangestellt). Er l\u00e4sst<br \/>\ndie im \u0084du sollst\u0093 gemachte Voraussetzung \u0084ich bin\u0093<br \/>\nim Aufbau erkennen: <i>Credo<\/i> steht im Mittelpunkt des Katechismus,<br \/>\nund im Credo ist der Zweite Artikel der stets unterstellten Ausgangspunkt.<br \/>\nDies \u0084ich glaube\u0093 nennt den wahren Gott \u0084Gott\u0093: \u0084&#8230;<br \/>\ner hei\u00dft Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott<br \/>\n&#8230;\u0093, um es mit Luthers Lied zu sagen (EG 362,2; vgl. Jes 51,15 u.\u00f6.).<\/p>\n<p><i>2. Der Erste Satz als Evangelium.<\/i> Diese Liedzeile sollte man sich<br \/>\n\u00f6fters vergegenw\u00e4rtigen, damit man die Korrelation von Glaube<br \/>\nund \u0084Gott\u0093 nicht zu einem Abstraktum macht, das dann schnell<br \/>\nder Religionskritik, etwa der Feuerbach\u0092schen Projektionsthese, zum<br \/>\nOpfer f\u00e4llt. Die christliche Auszeichnung der <i>fiducia<\/i> als<br \/>\nwahrem Gottesdienst und die reformatorische Pointierung dieses Vertrauensglaubens,<br \/>\ndas <i>sola fide<\/i>, ist keine theoretische Fortentwicklung eines anthropologischen<br \/>\nDatums, das \u0084an sich\u0093 richtig w\u00e4re. Ohnehin ist die Annahme,<br \/>\ndass ohne Vertrauen menschliches Handeln nicht m\u00f6glich ist, jedenfalls<br \/>\ngutes Handeln und Leben ohne Vertrauenk\u00f6nnen nicht gelingt, eine<br \/>\nkulturell und religi\u00f6s \u00fcberaus voraussetzungsreiche \u00dcberzeugung.<br \/>\nChristlich ist sie, wenn wir uns in den Glauben haben \u0084locken\u0093<br \/>\nlassen, der die Anrede <i>Vater unser<\/i> an Gott f\u00fchrt (BSLK 520,20ff);<br \/>\nwenn das <i>Gottesvertrauen<\/i>, das in unserem Handeln motivierend und<br \/>\norientierend wirksam ist, sich verl\u00e4sst auf das mit dem Namen Jesus<br \/>\nChristus zugesprochene \u0084Ich bin\u0093 Gottes. Luthers Liedzeile formuliert<br \/>\neindr\u00fccklich, dass der Erste Satz, der jedem Gebieten Gottes voraus<br \/>\ngesprochen ist, f\u00fcr Christen das <i>Evangelium<\/i> ist. Jener Satz<br \/>\nist in Gestalt eines leibhaften Menschen gesprochen worden: als welcher<br \/>\nMensch Gott selbst da war und in der Kraft des Heiligen Geistes gegenw\u00e4rtig<br \/>\ngeblieben ist.<\/p>\n<p>Das alttestamentliche Erste Gebot setzt einen anderen \u0084Ich bin\u0093-Satz<br \/>\nGottes voraus. Dessen begr\u00fcndende Kraft liegt in der Erinnerung an<br \/>\neine spezifische Gotteserfahrung: \u0084&#8230; der dich aus \u00c4gypten,<br \/>\ndem Sklavenhaus, gef\u00fchrt hat\u0093. Es ist dies eine Erfahrung <i>Israels<\/i>.<br \/>\nDie Gotteserfahrung von Christen hei\u00dft zuerst und zuletzt: <i>Jesus<br \/>\nChristus<\/i>. Was bedeutet dieser Unterschied? Ist er erheblich f\u00fcr<br \/>\nden christlichen Umgang mit Gottes Geboten?<\/p>\n<p>Ganz zweifellos \u0096 das gesamte Neue Testament spiegelt die oft m\u00fchevolle<br \/>\nArbeit an dieser Frage. Doch wird sie nicht in der Weise beantwortet,<br \/>\ndass man sie vergessen und sich die weitere Arbeit daran ersparen k\u00f6nnte.<br \/>\nDas ist nicht einmal bei der so endg\u00fcltig klingenden paulinischen<br \/>\nAntwort der Fall, wonach Jesus Christus das <i>Telos<\/i> des Gesetzes<br \/>\nist (R\u00f6 10,4) \u0096 das Ende oder das Ziel, in dem das Gesetz \u0084aufgehoben\u0093<br \/>\nw\u00e4re auch im Sinne des Bewahrens? Sagt doch Jesus Christus, dem Evangelisten<br \/>\nMatth\u00e4us zufolge, dass er gekommen sei, das Gesetz und die Propheten<br \/>\nnicht etwa aufzul\u00f6sen, sondern zu erf\u00fcllen (Mt 5,17ff). Aber<br \/>\nbesagt der Begriff des <i>Gesetzes<\/i> dasselbe wie der Begriff des <i>Gebotes<\/i>,<br \/>\nder doch eine Rangordnung zwischen kleineren und wichtigeren Geboten zul\u00e4sst<br \/>\n(Mt. 5,19)? \u00dcberdies gibt Jesus Christus, gefragt nach dem gr\u00f6\u00dften<br \/>\nGebot, eine v\u00f6llig klare, bejahende Antwort \u0096 mit Rekurs auf<br \/>\ndie \u0084Schrift\u0093, d.h. auf diejenigen Gebote, die das \u0084Ich<br \/>\nbin\u0093 des Bundesgottes Israels unterstellen. \u0084Das h\u00f6chste<br \/>\nGebot ist das: \u0082H\u00f6re, Israel, der Herr, unser Gott, ist der<br \/>\nHerr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,<br \/>\nvon ganzer Seele, von ganzem Gem\u00fct und von allen deinen Kr\u00e4ften\u0092.<br \/>\nDas andre ist dies: \u0082Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich<br \/>\nselbst\u0092\u0093 (Mk 12,29f parr; mit 5. Mose 6,4f und 3. Mose 19,18).<\/p>\n<p>Unsere christliche Behauptung eines Ersten Gebotes hat nicht in allen,<br \/>\nwohl aber in elementaren Aspekten keine andere Begr\u00fcndung als die<br \/>\ndes alttestamentlichen Dekalogs. Die Person, als die der Erste Satz Gottes<br \/>\ndem christlichen Glauben gewiss ist, steht, schon als frommer Jude, f\u00fcr<br \/>\ndiesen Zusammenhang. Und das Neue des Verh\u00e4ltnisses Jesu zum \u0084Vater\u0093<br \/>\nund die endzeitliche N\u00e4he des \u0084Reiches Gottes\u0093 in diesem<br \/>\nVerh\u00e4ltnis trat und tritt immer noch in Erscheinung gerade in der<br \/>\nG\u00fcltigkeit des alten Selbstzuspruches Gottes. Denn schon in der alten,<br \/>\ndem Volk Israels geltenden <i>promissio<\/i> war die menschliche Weise,<br \/>\netwas als \u0084Gott\u0093 zu bezeichnen, durch die Selbstbennennung Gottes<br \/>\nmit Namen und Art aufgehoben worden: \u0084Ich bin Jahwe, dein Gott, der<br \/>\ndich herausgef\u00fchrt hat &#8230;\u0093 Nur deshalb d\u00fcrfen wir den<br \/>\nZuspruch \u0084F\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st;<br \/>\nich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!\u0093 (Jes 43,1)<br \/>\nbei der christlichen Taufe als Wort Gottes an uns, das Bundesvolk aus<br \/>\nJuden und Heiden, zitieren. \u0084Du aber, Herr, bist unser Vater und<br \/>\nunser Erl\u00f6ser; von alters her ist das dein Name\u0093 (Jes 63,16):<br \/>\nDas ist auch sein christlicher, durch Jesus Christus uns vom wahren Gott<br \/>\ngegebener Name, auch wenn die Art Gottes sich durch das Kreuz Christi<br \/>\nnoch einmal neu offenbart hat.<\/p>\n<p>Ein christlicher Umgang mit dem Ersten Gebot ist derjenige, der Jesus<br \/>\nChristus als Ersten Satz Gottes geh\u00f6rt hat und best\u00e4ndig h\u00f6rt.<br \/>\nDies schlie\u00dft ein, dass der j\u00fcdische Erste Satz seine G\u00fcltigkeit<br \/>\nbeh\u00e4lt: Die Tora ist, was sie ist, im Vorgang des Selbstzuspruches<br \/>\ndes wahren Gottes; sie ist daher, l\u00e4ngst bevor sie fordert, gar \u0084gesetzlich\u0093<br \/>\nfordert, anklagt und verurteilt, Anleitung zum guten Handeln und zum gelingenden<br \/>\nLeben. Ein christliches Verst\u00e4ndnis des Dekalogs wird unm\u00f6glich,<br \/>\nwenn man, in der Annahme, dass \u0084Gesetz\u0093 und \u0084Evangelium\u0093<br \/>\nsich gegenseitig ausschlie\u00dfen, den analog evangelischen Charakter<br \/>\nauch des Dekalogs abblendet.<\/p>\n<p><i>3. Das Erste Gebot als \u0084Gesetz\u0093? <\/i>Die Annahme, dass \u0084Evangelium\u0093<br \/>\nund \u0084Gesetz\u0093 sich ausschlie\u00dfen, ist eine wesentliche Einsicht<br \/>\nder Theologie, die dem Katechismus zugrunde liegt. Nur muss man sie konkret<br \/>\nverstehen: als soteriologisch-hermeneutische Unterscheidung im Reden und<br \/>\nHandeln Gottes. Durch sie werden Gottes Werk und unser menschliches K\u00f6nnen<br \/>\nund Sollen gesondert, also auch unser Glaube und unsere Werke \u0096 sie<br \/>\nzu vermischen ist nicht nur einigen Synergisten, sondern allen alten Adams<br \/>\nund Evas bekanntlich ein Herzensbed\u00fcrfnis. Ihre sowohl f\u00fcrs<br \/>\nGlauben als auch f\u00fcrs Handeln schlechthin wichtige Unterscheidung<br \/>\nwird aber verdorben, wenn man davon absieht, dass sie erst im Glauben<br \/>\naufgemacht wird und wahrgenommen werden kann; dass sie also eine aposteriorische<br \/>\nund asymmetrische Unterscheidung ist.<\/p>\n<p>Eine Zeitlang galt es als Ausweis besonderen Luthertums, \u0084Gesetz<br \/>\nund Evangelium\u0093 zum apriorischen und symmetrischen Prinzip der Dogmatik<br \/>\nzu erheben (und gar noch eine \u0084nat\u00fcrliche Offenbarung\u0093<br \/>\ndamit zu begr\u00fcnden). Das war eine Sackgasse (wie Nachgeborene leichthin<br \/>\nsagen), die auch die Gegenformel \u0084Evangelium und Gesetz\u0093 ein<br \/>\nSt\u00fcck weit in Mitleidenschaft zog (auch hier ist hinterher leicht<br \/>\nzu sehen, dass das Schema von \u0084Form\u0093 und \u0084Inhalt\u0093<br \/>\ndabei uzureichend war). Als Ausweg bot sich an, das \u0084Gebot\u0093<br \/>\nGottes aus der Gegenstellung von \u0084Gesetz\u0093 und \u0084Evangelium\u0093<br \/>\nauszunehmen. Nur scheinbar konnte das ankn\u00fcpfen an die alte Formel<br \/>\ndes \u0084dritten Brauchs des Gesetzes\u0093 im \u0084neuen Gehorsam\u0093<br \/>\n(alle drei Gestalten des \u0084Gesetzes\u0093 waren auch \u0084Gebote\u0093<br \/>\ngewesen). Wer den kontradiktorischen Gegensatz von Glauben und Unglaube,<br \/>\nwie er in der elenchtischen Funktion des Gesetzes aufgerissen wwird, auf<br \/>\nden kontr\u00e4ren Gegensatz von Glaube und Werke \u00fcbertrug, hatte<br \/>\ndenn auch M\u00fche zu erkl\u00e4ren: Wann und warum ist ein und dieselbe<br \/>\nForderung des Dekalogs t\u00f6tendes \u0084Gesetz\u0093, wann und inwiefern<br \/>\nlebenserhaltendes \u0084Gebot\u0093?<\/p>\n<p>Das hierin angesprochene Problem wird meist nicht zureichend erkannt.<br \/>\nEs ist der im Kern klare, im einzelnen allerdings komplexe Tatbestand,<br \/>\ndass unser moderner Begriff \u0084Gesetz\u0093 in wichtigen Aspekten nicht<br \/>\ndasselbe besagt wie der reformatorische (und \u00fcberhaupt vorneuzeitliche)<br \/>\nBegriff. Der wichtigste Unterschied: Der moderne Gesetzesbegriff ist durchweg<br \/>\nauf die <i>Souver\u00e4nit\u00e4t<\/i> eines Gesetzgebers zugeschnitten<br \/>\n(was, zugegeben, auch im reformatorischen \u0084\u00fcberf\u00fchrenden<br \/>\nBrauch des Gesetzes\u0093 eine, aber nur eine Wurzel hat). Der Grund hierf\u00fcr<br \/>\nist die Abl\u00f6sung vom alteurop\u00e4ischen Naturrecht, dem zufolge<br \/>\njegliche Regulierung menschlicher Verh\u00e4ltnisse und menschlichen Verhalten<br \/>\nletztlich einen g\u00f6ttlichen Gesetzgeber voraussetzt; an seine Stelle<br \/>\ntrat im Zeitalter der religi\u00f6sen B\u00fcrgerkriege das die Bed\u00fcrfnisse<br \/>\ndes \u00dcberlebens und des friedlichen Zusammenlebens sichernde und an<br \/>\nder Vernunftnatur des Menschen orientierte Vertragsrecht. Dieses Vernunftrecht<br \/>\n\u00fcbertr\u00e4gt Gesetzgebung einem irdischen, aber letztinstanzlichen<br \/>\nSouver\u00e4n: S\u00e4kulare Politik tritt an die Stelle der<i> politia<br \/>\nChristiana<\/i>, moralische \u0084Autonomie\u0093 an die Stelle des fremdbestimmten<br \/>\nGehorsams gegen Gebote. Die Folge dieses Vorgangs ist bis heute, dass<br \/>\ndie Verbindlichkeit von Gesetzen kraft ihres als sinnvoll einsehbaren<br \/>\n<i>Inhalts<\/i> und ihre Verbindlichkeit kraft des souver\u00e4nen Willens<br \/>\ndes <i>Gesetzgebers<\/i> immer weiter auseinander traten. Genau dies ist<br \/>\nder blinde Fleck des neueren theologischen Gesetzesbegriffs, der durchweg<br \/>\nund betont auf die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes rekurriert; daher die<br \/>\nantinomistische oder aber umgekehrt nomistische Schlagseite der neueren<br \/>\nevangelischen Theologie.<\/p>\n<p>Der Antinomismus beruft sich gern auf Luthers Relativierung des alttestamentlichen<br \/>\nGesetzes als \u0084der Juden Sachsenspiegel\u0093 bzw. auf die These,<br \/>\ndie Christen k\u00f6nnten und sollten \u0084neue Dekaloge machen\u0093.<br \/>\nDoch sah Luther den Dekalog nicht blo\u00df als positives g\u00f6ttliches<br \/>\nGesetz (<i>lex divina<\/i>) an, das Gott auf dem Berg Sinai f\u00fcr das<br \/>\nVolk Israel aufgerichtet hatte, sondern zugleich als dasjenige Gesetz,<br \/>\ndas Gott allen Menschengesch\u00f6pfen ins Herz eingeschrieben hatte,<br \/>\nals \u0084Naturrecht\u0093 (<i>lex naturalis<\/i>): Jedem Verst\u00e4ndigen,<br \/>\nsofern er sich nicht durch die Affekte des Eigeninteresses hinrei\u00dfen<br \/>\nlie\u00df, musste der gute Sinn dieser Grund- und Grenzregeln lebens-<br \/>\nund gemeinschaftsgem\u00e4\u00dfen Verhaltens aus Erfahrung und Vernunft<br \/>\neinleuchten. Sodann folgt so etwas wie \u0084neue Dekaloge aufstellen\u0093<br \/>\ndem biblischen, von Jesus Christus in Person bewahrheiteten <i>Liebesgebot<\/i>.<br \/>\nDieses aber hat seinen Charakter als Gebot nicht trotz, sondern wegen<br \/>\nder Erf\u00fcllung des Ersten Gebots im rechten Gottesvertrauen; eine<br \/>\nErf\u00fcllung, die im Sich-Verlassen auf das zugesprochene \u0084Ich<br \/>\nbin\u0093 Gottes besteht. Kurz, der richtige, dem Liebesgebot folgende<br \/>\nGebrauch des Dekalogs in der christlichen Lebensf\u00fchrung h\u00e4ngt<br \/>\nan der Erf\u00fcllung des Ersten Gebots im Glauben.<\/p>\n<p>Ist dies klar, dann muss dem Evangelium, dem \u0084Gesetz des Geistes\u0093<br \/>\n(R\u00f6 8,2) ein <i>analoger<\/i> Gesetzesbegriff zugeordnet werden. Richtig<br \/>\nist es dann, wie das die finnische Lutherforschung (in Kritik der deutschen,<br \/>\nneukantianisch und existentialistisch belasteten Sicht) tut, vom <i>\u0084Gesetz<br \/>\nder Liebe\u0093 <\/i>zu sprechen, wie es im \u0084gr\u00f6\u00dften Gebot\u0093<br \/>\noder auch in der \u0084Goldenen Regel\u0093 (Mt 7,12par) formuliert ist,<br \/>\nohne dass dies \u0084gesetzlich\u0093 w\u00e4re oder der r\u00f6mischen<br \/>\nAuffassung vom Evangelium als <i>nova lex<\/i> folgte. Denn das \u0084Gesetz<br \/>\nder Liebe\u0093 steht nicht \u0084unter dem Gesetz\u0093, sondern bezeichnet<br \/>\nden im Ersten Satz immer liegenden Anspruch Gottes auf den (im Glauben<br \/>\nnun dazu freien) Mitarbeiter Gottes, auf den <i>cooperator<\/i> <i>Dei<\/i>.<br \/>\nRichtig ist es dann auch (aber nur dann!) zu sagen, dass der Dekalog einen<br \/>\nchristlichen <i>Wertekanon<\/i> enthalte, der in den aktuellen ethischen<br \/>\nDebatten christlich zu orientieren verm\u00f6ge. Denn die Erf\u00fcllung<br \/>\ndes Ersten Gebotes stellt eine pers\u00f6nliche und gemeinschaftliche<br \/>\nLebensform dar, in der unsere Lebensf\u00fchrung \u00fcberformt wird durch<br \/>\ndie Gestaltung unseres Lebens durch Gott: Rechter Gottesdienst (nicht<br \/>\nschon, kommunitaristisch, die fromme Gemeinschaft) ist zugleich Ort christlicher<br \/>\nWerteerziehung.<\/p>\n<p>Kehren wir zur Erkl\u00e4rung des Ersten Gebots im Kleinen Katechismus<br \/>\nzur\u00fcck: \u0084Wir sollen Gott \u00fcber alle Ding f\u00fcrchten &#8230;\u0093<br \/>\n\u0096 nicht die Zumutung knechtischer Unterw\u00fcrfigkeit also, sondern:<br \/>\n<i>Ehrfurcht<\/i>. Sie kann man allerdings nur aufbringen, wo die Angst<br \/>\nvor unserer Endlichkeit mit ihrer M\u00f6glichkeit, in der Lebensf\u00fchrung<br \/>\nzu scheitern, \u00fcberwunden ist. Genau dies ist im Glauben der Fall.<br \/>\nEr l\u00f6st jene Angst \u0096 die Wurzel aller S\u00fcnde, des misstrauischen<br \/>\nUnglaubens Gott gegen\u00fcber, \u0084als wolle man sich nichts von ihm<br \/>\nschenken lassen\u0093 \u0096 in nichts auf. Denn der Glaube ist kein Mittel<br \/>\nunserer Lebensf\u00fchrung, sondern das Element christlicher Fr\u00f6mmigkeit,<br \/>\ndas in der Gestaltung und F\u00fchrung unseres Lebens durch Gott am Ma\u00df<br \/>\nJesu Christi besteht. Das Erste Gebot im Glauben zu erf\u00fcllen ist,<br \/>\nim Blick aufs Handeln gesehen, nicht zuletzt klug, denn \u0084Gottesfurcht<br \/>\nist aller Weisheit Anfang\u0093 (Spr 1,7). Doch lange vorher ist es, als<br \/>\nVergebung des Unglaubens, lebensrettend: \u0084Denn bei dir ist die Vergebung,<br \/>\ndass man dich f\u00fcrchte\u0093 (Ps 130,4). Nur wer den Abba-Glauben<br \/>\nals Kumpanei missversteht, k\u00f6nnte etwas gegen die Ehrfurcht haben,<br \/>\ndie doch einem Gott gegen\u00fcber selbstverst\u00e4ndlich ist, der es<br \/>\nsich leisten kann, ohne Berechnung zu vergeben.<\/p>\n<p>Angesichts des Ersten Satzes Gottes ist das Problem \u0084Gesetz\u0093<br \/>\nkeine letzte, sondern eine vorletzte Problematik. Sogar diesseits der<br \/>\nUnterscheidung von Gesetz und Evangelium gilt nach Luther: \u0084Wo also<br \/>\nund mit wem Gott redet, es sei im Zorn oder in Gnaden, der ist gewiss<br \/>\nunsterblich\u0093. Ein wenig \u00fcberspitzt durfte Luther bei Tisch sogar<br \/>\nsagen: \u0084Es ist kein gr\u00f6\u00dferes Ding, als wenn wir glauben<br \/>\nk\u00f6nnen, dass Gott mit uns redet. Wenn wir das glaubten, so w\u00e4ren<br \/>\nwir schon selig\u0093.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Walter Sparn, Erlangen<br \/>\n<a href=\"mailto:Walter.Sparn@t-online.de\">E-Mail: Walter.Sparn@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Dekalog \u2013 Das Erste Gebot und sein Evangelium | Februar 2002 | Exodus 20,7 | Walter Sparn | Das Erste Gebot und sein Evangelium 1. Das Erste Gebot und der Erste Satz. Der Kleine Katechismus erkl\u00e4rt das erste Gebot eindrucksvoll pr\u00e4gnant und lapidar: \u0084Wir sollen Gott \u00fcber alle Ding f\u00fcrchten, lieben und vertrauen\u0093. 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