{"id":9223,"date":"2021-02-07T19:49:56","date_gmt":"2021-02-07T19:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9223"},"modified":"2025-06-28T09:28:24","modified_gmt":"2025-06-28T07:28:24","slug":"fussballhimmel-und-teufelstechnik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/fussballhimmel-und-teufelstechnik\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfballhimmel und Teufelstechnik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"600\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"left\">\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b><span style=\"color: #003399;\">Fu\u00dfballhimmel<br \/>\nund Teufelstechnik<\/span><\/b><\/span> <span style=\"color: #003399;\"><b><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><br \/>\nThies Gundlach<\/span><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Liebe Gemeinde,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"> Gott ist rund,<br \/>\ndie Kurie tr\u00e4gt das kleine Schwarze mit der Trillerpfeife und die<br \/>\nDiakone stehen abseits vom Heiligtum, um auf`s Abseits zu achten. Fu\u00dfball<br \/>\nist Pseudoreligion, echte Konkurrenz also, denn die Epiphanie des Heiligen<br \/>\ngeschehen hier in Zeit und Raum, in der Regel samstags zwischen 15.30<br \/>\nund 17.15 Uhr, gedr\u00e4ngt auf bummeligen 120 x 55 Metern, allerdings<br \/>\nunter freiem Himmel, mit begeisterten Ges\u00e4ngen aus der Gemeinde.<br \/>\nDie Kulthandlungen haben festgelegte Zeremonien, Rituale des Ankommens,<br \/>\nder Einstimmung, der Gebetskonzentration durch das Erklingen von national<br \/>\nbedeutsamer Musik. Erst dann ist die Gemeinde reif f\u00fcr diese geheimnisvolle<br \/>\nVerwandlung der Leiber in ein gr\u00f6\u00dferes, anderes ihrer selbst,<br \/>\ndie Transsubstantiation der K\u00f6rper in ein Ganzes aus Sch\u00f6nheit<br \/>\nund Funktionalit\u00e4t. Ein gelungener Spielzug, ein gekonnter Doppelpass,<br \/>\nein begnadet vorgetragener Konter aus der Tiefe des Raumes, das erf\u00fcllt<br \/>\nden Tatbestand des Wandlungswunders: Durchschnittlich begabte Jungs<br \/>\nzwischen 20 und 30 werden durch Zeichen und Wunder zu Heiligen, zu Gesandten<br \/>\nder G\u00f6tter, zu Botschaftern eines Friedens, der h\u00f6her ist<br \/>\nals alle fu\u00dfballerische Vernunft. Auch diese Religion hat Fest-<br \/>\nund Feiertage, die die J\u00fcnger in Andacht, Gebet und Hoffnung versammeln:<br \/>\nWelt- oder Europameisterschaft, Champions-League, Pokalfinale, Bundesligaendspiele,<br \/>\ndas sind Feiertage, die das Leben rhythmisieren und den Alltag unterbrechen,<br \/>\ndie die Sinnfrage neu formulieren und die Antwort in die H\u00e4nde<br \/>\ndes Torwarts oder auf die F\u00fc\u00dfe des Sch\u00fctzen legen. Denn<br \/>\nexistentiell, also auf dem Rasen, helfen dann auch nicht die Priester,<br \/>\ndiese charismatisch begnadeten `Ballologen`, deren Rang zwischen Engel<br \/>\nund Teufel pendelt. Die Trainerpriester sind der \u00f6ffentlichen Gerichtsbarkeit<br \/>\nfreigegeben, sie sind entweder genial oder blind, bl\u00f6d und begrenzt,<br \/>\nsie tragen alle Schuld und sind die hochbezahlten S\u00fcndenb\u00f6cke<br \/>\ndieser Religion, die stellvertretend geopfert werden, wenn der runde<br \/>\nGott unvers\u00f6hnlich scheint. Sie k\u00f6nnen von Gl\u00fcck sagen,<br \/>\ndas andere Hochreligionen die Kreuzigung als Todesstrafe abgeschafft<br \/>\nhaben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"> Und nat\u00fcrlich<br \/>\ngibt es beim Fu\u00dfball &#8211; wie in jeder Hochreligionen &#8211; Konfessionen,<br \/>\nkenntlich durch ihren `Sonntagsanzug`, mal schwarz-gelb, mal blau-wei\u00df,<br \/>\nkenntlich auch an ihren spezifischen Ges\u00e4ngen, an ihren Heiligen<br \/>\nund an ihren Feindbildern, die in der Regel bei den anderen Vereinen<br \/>\nzu finden sind. Und es gibt nat\u00fcrlich auch Abspaltungen unter den<br \/>\nGl\u00e4ubigen, emotionale Ausrei\u00dfer, Sektenbildungen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Denn was den Christen<br \/>\ndie Endzeitpropheten sind, sind dem Fu\u00dfball seine Hooligans, also<br \/>\nmissbrauchte Begeisterung, fehlgeleitete Gewissensbildung, die sich<br \/>\nin Gewalt, Hass und Selbstzerst\u00f6rung ausdr\u00fcckt. Aber ein wahrhaft<br \/>\nGl\u00e4ubiger der h\u00e4rteren Sorte beweist allw\u00f6chentlich seine<br \/>\nvorbildliche Fr\u00f6mmigkeit: Denn in welcher Religion sonst w\u00fcrden<br \/>\ndie Menschen bei idiotisch schlechtem Wetter eine mittelm\u00e4\u00dfig<br \/>\nkickende Mannschaft ohne Torerfolg zusehen, und daf\u00fcr auch noch<br \/>\nEintritt zahlen? Kein Papst, kein Pastor, auch kein Charismatiker k\u00f6nnte<br \/>\nsich solch einen miserablen Service leisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Aber zu unserer<br \/>\ngro\u00dfen Verwunderung gibt es auch Ungl\u00e4ubige, &#8218;Thomasse&#8216;,<br \/>\nZweifler und N\u00f6rgler: Zuerst nat\u00fcrlich und wie immer die Intellektuellen,<br \/>\ndie Skepsis zu ihrem Beruf machen und mit Ironie ihr Geld verdienen.<br \/>\nAber dass es keinen Roman gibt wie `Die Suche nach dem verlorenen Ball`<br \/>\noder `Match ohne Eigenschaften`, das demonstriert letztlich die Niveaulosigkeit<br \/>\nder schreibenden Zunft. Und der einzig vermeintlich gro\u00dfe Fu\u00dfballtext,<br \/>\nPeter Handkes `Die Angst des Tormanns beim Elfmeters`, illustriert auf<br \/>\nseine Weise die tiefe Ahnungslosigkeit der `Klugis&#8216;, denn nat\u00fcrlich<br \/>\nhat nicht der Tormann, sondern der Sch\u00fctze die Angst vor dem Elfmeter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Schlimmer aber,<br \/>\nweil sozusagen nur privat zu handhaben, ist aber die andere Gruppe von<br \/>\nZweiflern, die sich zumeist &#8211; das muss man ganz wertfrei feststellen<br \/>\n&#8211; in Gestalt des weiblichen Geschlechtes zusammenrotten, erg\u00e4nzt<br \/>\nnur durch einige versprengte, fehlgeleitete M\u00e4nnern. Hier muss<br \/>\nman m.E. sch\u00f6pfungstheologisch argumentieren: Solange es noch Frauen<br \/>\ngibt, die mit leicht entr\u00fcstetem Unterton mitten in einem Endspiel<br \/>\nden Hinweis geben, von ihnen aus k\u00f6nne jeder der Jungs einen eigenen<br \/>\nBall haben, solange pl\u00e4diere ich f\u00fcr die Wiedereinf\u00fchrung<br \/>\neines Vorhofes im Heiligtum. Fu\u00dfball ist eine M\u00e4nnerkirche,<br \/>\nnicht weil es die Offenbarungsschriften forderten, auch nicht, weil<br \/>\ndie Tradition der heiligen, fu\u00dfballspielenden Gemeinschaft dies<br \/>\nso will, sondern weil es offenbar aus sch\u00f6pfungsbiologischen Gr\u00fcnden<br \/>\nvielen Frauen und manchen M\u00e4nnern verwehrt ist, die Abseitsregel<br \/>\nzu verstehen. Fu\u00dfball ist M\u00e4nnerreligion, denn nirgends sonst<br \/>\ndarf der Mann so unverbl\u00fcmt von Angriff und Verteidigung, von Torj\u00e4ger<br \/>\nund Bomber reden, nirgends sonst darf der Mann so ungeniert von diesem<br \/>\n&#8222;glitschigen, nassen Ding reden, das einem durch die H\u00e4nde<br \/>\nrutscht&#8220;, nirgends sonst darf er so ungeschoren schreien: `Schiebt<br \/>\ndas Ding doch rein, Klinsi`, nirgends sonst kann er noch \u00f6ffentlich<br \/>\nfachsimpeln \u00fcber die Latte, die getroffen ist, und \u00fcber Beckenbauer,<br \/>\nder von hinten gedeckt wird. Kurz: Nirgends sonst darf der Mann so sexistisch<br \/>\nund militaristisch sein wie beim Fu\u00dfball; ich pl\u00e4diere f\u00fcr<br \/>\nArtenschutz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Soweit zur Ph\u00e4nomenologie<br \/>\ndieser Religion, liebe Gemeinde; nun m\u00fcsste eigentlich &#8211; theologisch<br \/>\nkorrekt &#8211; die S\u00fcndenlehre kommen, ich m\u00fcsste als protestantischer<br \/>\nPrediger mit der Dauersorgenfalte in der Halskrause nun die kritischen,<br \/>\nmissratenen, gottfernen Seiten des Fu\u00dfballs benennen. Und da g\u00e4be<br \/>\nes ja manches zu sagen: Ich h\u00e4tte \u00fcber die gnadenlose Leistungsausbeutung<br \/>\nvon K\u00f6rper, Kopf und Knorpel zu reden; ich m\u00fcsste \u00fcber<br \/>\ndie vollendete Kommerzialisierung reden, \u00fcber die K\u00e4uflichkeit<br \/>\neines jeden Menschen, ab einer bestimmten Dollarh\u00f6he, versteht<br \/>\nsich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Ich m\u00fcsste<br \/>\nvon dem totalen Besitzanspruch der Medien \u00fcber diese intellektuell<br \/>\nund sprachlich nicht immer ausgereiften Jungstars reden: und ich m\u00fcsste<br \/>\n\u00fcber den f\u00fcr eine freie Gesellschaft besch\u00e4menden moralischen<br \/>\nDruck reden, der auf den Kicker lastet: Matth\u00e4us hat eine Freundin!<br \/>\ndas erf\u00fcllt fast den Tatbestand des Landesverrates! Die Wohlverhaltenserwartung,<br \/>\ndie fr\u00fcher auf dem Lebenswandel der Pastoren ruhte, wird heute<br \/>\nauf die Kicker projiziert: Nirgends wo sonst sind so junge Menschen<br \/>\nso fr\u00fch so bieder verheiratet!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Aber all dies will<br \/>\nich nur andeuten, liebe Gemeinde, denn wichtig ist mir die Erl\u00f6sungslehre<br \/>\ndieser Religion. Welche Verhei\u00dfung, welchen Trost, welchen Segen<br \/>\nbietet sie? Ein kluger Kopf hat einmal geschrieben, Fu\u00dfball sei<br \/>\n&#8222;die Inszenierung von Zufall in einem nichtzuf\u00e4lligen Rahmen&#8220;.<br \/>\nUnd darin ist das Spiel Spiegel und Abbild des wirklichen Lebens, das<br \/>\nwir alle kennen: Denn es geht in unserem Leben ja wirklich nur zum Teil<br \/>\num Leistung, Kraft und K\u00f6nnen, gerade unter gleichstarken Bedingungen<br \/>\ngewinnen keineswegs immer die Besseren, sondern eher die Gl\u00fccklicheren.<br \/>\nDeutschland nimmt an der WM teil, das auch nicht unverdient, aber eben<br \/>\nauch nicht herausgespielt, die Niederlande h\u00e4tten eine Teilnahme<br \/>\nebenso verdient. Und genauso ist es im wirklichen Leben: Viele Menschen<br \/>\nhaben Kraft und K\u00f6nnen, Verstand und Einsatzbereitschaft, aber<br \/>\ndazu muss noch jenes Qu\u00e4ntchen Gl\u00fcck kommen, das wir als Kinder<br \/>\nden Schutzengeln zugetraut haben und das wir als Erwachsene hoffentlich<br \/>\neinem unerzwingbaren Segen zubilligen. Im Fu\u00dfball inszeniert sich<br \/>\nnicht der `homo faber`, der Machermensch, sondern der `homo ludens`,<br \/>\nder Spielermensch, und deswegen \u00fcbt Fu\u00dfball ein in den rechten<br \/>\nUmgang mit Gl\u00fcck und Segen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Allzu oft rechnen<br \/>\nwir uns selbst jeden Erfolg zu, wir haben gewonnen, sagen wir, dabei<br \/>\nhatten wir nur Gl\u00fcck gehabt. Kahn, Ballack, Bode und Deisler, f\u00fcr<br \/>\ndie Verwegenen auch V\u00f6ller, sie sind unsere Helden, wir klopfen<br \/>\nuns auf die Schultern und halten uns und die Unseren f\u00fcr bravour\u00f6se<br \/>\nKerle. Aber im Kern schm\u00fccken wir uns mit geliehenen Federn, denn<br \/>\nwas wie Leistung aussieht, ist oft nur blindes Gl\u00fcck. Da macht<br \/>\ndas Bekreuzigen, das man bei manchen Spielern sieht nach einem gelungenen<br \/>\nTorschutz, schon mehr Sinn: Als Zeichen des Dankes, des Empfangens,<br \/>\nals Schutzzeichen vor dem ungedeckten Gr\u00f6\u00dfenwahn, der alles<br \/>\nGl\u00fcck dem eigenen Konto gutschreibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Und diese geistlich<br \/>\nbescheidene Haltung bew\u00e4hrt und bewahrheitet sich dort, wo der<br \/>\nSegen ausbleibt. Denn Fu\u00dfball ist ja zugleich die inszenierte<br \/>\nReduktion des K\u00f6rpers auf atavistische Grobmechanik. Jede Hand<br \/>\nkann sich sensibler, feiner, pr\u00e4ziser bewegen als Beine und F\u00fc\u00dfe.<br \/>\nFu\u00dfball lebt von der Benutzung der zweitbesten M\u00f6glichkeit;<br \/>\nes ist so, als wenn die Schnecken Schnelllauf oder die Elefanten Hochsprung<br \/>\nzu ihrem Lieblingssport auserw\u00e4hlten. Deswegen ist Fu\u00dfball<br \/>\nauch Erinnerung an die Grenzen des Menschen: An f\u00fcr sich kann Fu\u00dfball<br \/>\nnur entt\u00e4uschen, Spieler sind `Heroen des Scheiterns`, Leute, die<br \/>\nin aller \u00d6ffentlichkeit zu tun versuchen, was sie eigentlich nicht<br \/>\nk\u00f6nnen, n\u00e4mlich Meister der Materie, Beherrscher der Physik,<br \/>\nKonkurrenten der Ballbeweglichkeit zu werden. So aber mutet der Fu\u00dfball<br \/>\nsich selbst und den Fans immer wieder die Ein\u00fcbung ins Versagen<br \/>\nzu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Die Grenzen, Unm\u00f6glichkeiten,<br \/>\nVergeblichkeiten sind &#8211; aufs Ganze eines Fu\u00dfballspieles gesehen<br \/>\n&#8211; ungleich h\u00f6her als das Gelingen und K\u00f6nnen. Wenn unsere<br \/>\nmoderne Technik in Auto, Flugzeug und Fahrrad auch nur ann\u00e4hernd<br \/>\ndie Fehlerquote aufweisen w\u00fcrde wie ein durchschnittliches Fu\u00dfballspiel,<br \/>\nw\u00fcrden wir l\u00e4ngst alle wieder zu Fu\u00df laufen. Fu\u00dfball<br \/>\n\u00fcbt ein in das Leiden und Mitleiden, in die Solidarit\u00e4t mit<br \/>\ndem Scheitern, Niederlagenbew\u00e4ltigung und Trauerarbeit ist die<br \/>\nGrundform der Gemeindebeteiligung: Man weint und klagt, zetert und schimpft,<br \/>\nFremde fallen sich in die Arme und tr\u00f6sten sich, tapfer werden<br \/>\nanfeuernde Siegesges\u00e4nge zelebriert, obwohl der R\u00fcckstand<br \/>\nbetr\u00e4chtlich ist. Wer mit seinem Lieblingsverein schon einmal in<br \/>\ndie 2. Liga abgestiegen ist, dem muss man nichts mehr erz\u00e4hlen<br \/>\nvon Verzweiflung, Ohnmacht und Sinnleere, der hat eine lebenslange Vorstellung<br \/>\ndavon, was Spott, Angst und Hohn ist. Wenn irgendwo, dann wird beim<br \/>\nFu\u00dfball die Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit auch des modernen<br \/>\nMenschen regelm\u00e4\u00dfig erinnert, und das ist nicht das Schlechteste<br \/>\nan diesem Sport.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Doch hinter diesem<br \/>\nbeiden, dem Umgang mit Fluch und mit Segen, taucht als Drittes die symbolische<br \/>\nVerdichtung der grunds\u00e4tzlichen Lebensverhei\u00dfung auf, die<br \/>\nuns aus dem Alltag rei\u00dft und uns befreit aus unserer durchrationalisierten<br \/>\nNormalit\u00e4t. Wer einmal eine Verl\u00e4ngerung miterlebt hat, wei\u00df,<br \/>\nwas gemeint ist: Innerhalb jener 30 Minuten Nachspielzeit kann mehr<br \/>\n\u00fcber Gl\u00fcck und Angst, Hoffnung und Verzweiflung, \u00fcber<br \/>\nScheitern und Aufbruch erfahren werden als in manchen Lebensjahren zusammen.<br \/>\nDass wir in unserer verwalteten Welt, in der die Existenzdimensionen<br \/>\nnur noch in dosierter &#8218;Scheiblettenform&#8216; dargereicht und alle Lebensabenteuer<br \/>\nlocker vom gepolsterten Sessel aus wahrgenommen werden k\u00f6nnen,<br \/>\nin dieser Welt hat das Fu\u00dfballspiel eine Existenzdichte, eine<br \/>\nDramatik, die uns daran erinnert, dass unser Leben eigentlich weder<br \/>\nlangweilig noch rationalistisch gemeint ist. Hier schlummert die letzte<br \/>\nreligi\u00f6se Tiefenschicht des Spieles, das Geheimnis des Fu\u00dfballsportes:<br \/>\nDie wohl seltene, aber doch immer wieder eintretende Epiphanie des Sch\u00f6nen<br \/>\nvor dem Hintergrund der Lebensdramatik, das ist das religi\u00f6se Urgestein<br \/>\ndes Spiels. Bei den alten Griechen war Sport eine Form von Gottesdienst,<br \/>\neine Feierstunde der Sch\u00f6nheit in einer h\u00e4sslichen Welt. Und<br \/>\ntats\u00e4chlich, dass unsere Welt Teil eines Kosmos ist, also als eine<br \/>\nMischung aus Ordnung, Sch\u00f6nheit und Schmuck gemeint ist, dass unsere<br \/>\nrationalistisch leere und gnadenlose langweilige Welt doch voller Sinn<br \/>\nund Sch\u00f6nheit, voller Gr\u00f6\u00dfe und Gelingen sein kann,<br \/>\ndas erahnen wir manchmal auf dem Rasen. Gro\u00dfe Fu\u00dfballspiele<br \/>\nerinnern daran, dass die Frage nach Gott dort anf\u00e4ngt, wo ein gelungenes<br \/>\nSpiel aufh\u00f6rt: Bei dem Staunen dar\u00fcber, dass es neben Zweck<br \/>\nund Berechnung, neben Funktion und Verwaltung immer auch Sch\u00f6nheit,<br \/>\nVollendung, eben Kosmos gibt, der uns geschenkt wird, auch wenn wir<br \/>\nmanchmal ganz sch\u00f6n daf\u00fcr laufen m\u00fcssen. Amen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b>Oberkirchenrat<br \/>\nDr. Thies Gundlach<br \/>\nLeiter der Abteilung &#8222;Verk\u00fcndigung, Kirchliche Dienste und<br \/>\nWerke&#8220;<br \/>\nim Kirchenamt der EKD<\/b><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Fu\u00dfballhimmel und Teufelstechnik Thies Gundlach Liebe Gemeinde, Gott ist rund, die Kurie tr\u00e4gt das kleine Schwarze mit der Trillerpfeife und die Diakone stehen abseits vom Heiligtum, um auf`s Abseits zu achten. 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