{"id":9225,"date":"2002-06-07T19:50:00","date_gmt":"2002-06-07T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9225"},"modified":"2025-04-22T13:40:44","modified_gmt":"2025-04-22T11:40:44","slug":"sind-fussballer-unsere-wahren-goetter-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sind-fussballer-unsere-wahren-goetter-2\/","title":{"rendered":"Exodus 20,3"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><span style=\"color: #003399;\">Predigten zur EKD-Initiative \u2013 Sind Fu\u00dfballer unsere wahren G\u00f6tter? |<\/span><\/span><span style=\"color: #003399;\"><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"> Exodus 20,3: &#8222;Du sollst keine anderen G\u00f6tter neben mir haben&#8220; | Eberhard Harbsmeier |<\/span><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Man kann dar\u00fcber streiten, ob es in diesen Tagen der Fu\u00dfball ist, oder ob es die Fu\u00dfballer sind, die die wahren G\u00f6tter sind. Unter allen Umst\u00e4nden ist festzuhalten: An religi\u00f6sen Untert\u00f6nen fehlt es wahrlich nicht in dieser Zeit, in der der Fu\u00dfball geradezu religi\u00f6se Leidenschaften weckt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Ein Plakat eines Fernsehsenders will da die Aufmerksamkeit wecken f\u00fcr das gro\u00dfe Ereignis der Fu\u00dfballweltmeisterschaft mit Plakaten, auf denen bekannte Fu\u00dfballer zu sehen sind, aber auch ein brasilianisch aussehendes M\u00e4dchen mit zum Gebet gen Himmel erhobenen H\u00e4nden. Der dazu passende Text lautet: &#8222;Es geht um alles&#8220;. Als Gegenplakat gegen diese fast religi\u00f6se Aufwertung des Fu\u00dfballs dann das Motto bzw. die Gegenthese auch in der Form eines Plakats seitens der evangelischen Kirche: &#8222;Sind Fu\u00dfballer unsere wahren G\u00f6tter?&#8220; &#8211; eine rhetorische Frage, die einem die Antwort in den Mund legt: Nat\u00fcrlich nicht &#8211; denn eigentlich geht es ja im Fu\u00dfball nicht um alles, sondern um &#8211; nichts. Denn Fu\u00dfball &#8211; verge\u00dft das nicht, ist nur ein Spiel. Wenn es \u00fcberhaupt um etwas geht, dann um Geld, aber &#8211; und das wei\u00df eigentlich auch der leidenschaftlichste Fu\u00dfballfan &#8211; letztlich geht es im Fu\u00dfball nicht um alles, sondern um nichts, es ist ein Spiel, die sch\u00f6nste Nebensache der Welt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Ein witziges Plakat, das den Fu\u00dfball und die Fu\u00dfballleidenschaft religi\u00f6s aufwertet &#8211; und dann das andere, die theologisch richtige Belehrung dar\u00fcber, da\u00df es ja wahrlich wichtigere Dinge gibt als Fu\u00dfball. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich als Theologe und Fu\u00dfballzuschauer Schwierigkeiten habe, mich zwischen diesen beiden Plakaten zu entscheiden: Auf der einen Seite eine Leidenschaft f\u00fcr Fu\u00dfball, die in Hysterie ausartet, eine Hysterie, die zu Krawallen und nationalistischen Exzessen f\u00fchren kann &#8211; wo aus einem sch\u00f6nen Spiel blutiger Ernst wird: Fu\u00dfball als N\u00e4hrboden rechtsradikaler Gewalt. Ein Spiel, in dem sich Aggressionen &#8211; vor allem bei den Zuschauern &#8211; entladen k\u00f6nnen nach dem Motto: Hier d\u00fcrfen wir die Sau rauslassen. Hier darf man noch Nationalhymnen gr\u00f6len, die sonst nur dezent und unaggressiv gesungen werden. Fu\u00dfball ist ja ein Kriegsspiel, es geht um alles &#8211; n\u00e4mlich den Sieg!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Auf der anderen Seite die moralische Belehrung: Nun \u00fcbertreibt man nicht! Es ist nur ein Spiel! Es gibt wichtigere Dinge als Fu\u00dfball, Fu\u00dfballer &#8211; auch die besten &#8211; sind auch nur Menschen. Das ist mir nun wieder zu vern\u00fcnftig und auch irgendwie zu pastoral und hilflos. Sicher: Fu\u00dfball ist nur ein Spiel &#8211; wer w\u00fcrde das ernsthaft bestreiten &#8211; es gibt wichtigeres. Aber ist es nicht so, da\u00df auch unser Leben in einem gewissen Sinne ein Spiel ist, das wir inszenieren? Und ist nicht der Fu\u00dfball &#8211; wie andere Spiele &#8211; gerade deshalb so interessant, weil er sozusagen das Leben wiederspiegelt: Man mu\u00df k\u00e4mpfen, erringt Siege, erleidet auch Niederlagen, man kann viel tun f\u00fcr das Gelingen, den Sieg &#8211; aber es h\u00e4ngt nicht nur von mir ab, Gl\u00fcck geh\u00f6rt dazu, auch der Zusammenhalt in der Mannschaft. Und wie im wirklichen Leben gibt es andere, die das Spiel teilweise bestimmen: der Schiedsrichter, die Trainer, die immer mehr zur Hauptperson werden &#8211; und dann, nicht zu vergessen, all die klugen Leute, die das Geschehen f\u00fcr uns deuten. Das ist schon fast wie in der Kirche, im Gottesdienst. Vielleicht ist es ja auch kein Zufall, da\u00df der Schiedsrichter immer in Schwarz erscheint, als der Hohepriester des Geschehens. Da wird gesungen, wie in einem Gottesdienst, Freud und Leid stehen dicht nebeneinander wie im Mythos von Tod und Auferstehung. Und dann gibt es die ganz Klugen, die Wissenschaftler, die immer f\u00fcr alles eine Erkl\u00e4rung haben. Diese Erkl\u00e4rungen k\u00f6nnen bierernst und fast pseudowissenschaftlich sein wie bei G\u00fcnther Netzer und seinem Freund, oder aber auch geradezu religi\u00f6s, wie bei Trainern und Journalisten: Mir ist aufgefallen, da\u00df Fu\u00dfballspiele meist so kommentiert werden, das man stets feststellt, der Sieger habe doch &#8222;letztlich verdient&#8220; gewonnen &#8211; das wird meist dann betont, wenn an sich jedem deutlich ist, da\u00df das Gegenteil der Fall ist: Der Sieg war reiner Zufall, die schlechtere Mannschaft hat gewonnen. Aber dieser Gedanke erscheint gleichsam unertr\u00e4glich, deshalb die eigenartige Logik: Wer mehr Tore geschossen hat bzw. mehr Punkte gewonnen hat, hat den Sieg bzw. die Meisterschaft auch verdient. Eigentlich eine merkw\u00fcrdige Logik, ein fast theologischer Satz, ein fu\u00dfballerischer Erw\u00e4hlungsgedanke: Wer gewonnen hat, hat es auch verdient.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Nun m\u00f6chte ich diese Parallele zwischen Fu\u00dfball und Religion nicht \u00fcbertreiben, dennoch l\u00e4\u00dft sich nicht bestreiten: Es gibt Parallelen, auch in dem Sinne, da\u00df der christliche Gottesdienst &#8211; wie auch andere Gottesdienste &#8211; den Charakter eines Spiels hat: Wir inszenieren, spielen das, was im Leben wichtig ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">In Wirklichkeit ist es doch so: Man kann im Leben gar nicht so, wie das kirchliche Plakat es anzudeuten scheint, zwischen Spiel und Ernst unterscheiden. Oft wird aus Spiel Ernst und umgekehrt &#8211; z.B. in der Liebe. Und oft ist ja schwer zu unterscheiden, was Spiel ist im Leben und was Ernst. Und au\u00dferdem: Ein Spiel macht nur Sinn, wenn man es auch ernst nimmt. Ich h\u00e4tte jedenfalls keine Lust, gegen jemanden zu spielen, dem es egal ist, ob er gewinnt oder verliert. Zum Spiel geh\u00f6rt Leidenschaft &#8211; wie im Leben sonst. Und das ist ja wohl auch der positive Sinn von Spiel und Sport: Leidenschaft, sich auf eine Aufgabe konzentrieren k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Es w\u00e4re jedenfalls nicht gut, wenn man unter dem Hinweis darauf, da\u00df Fu\u00dfballer keine G\u00f6tter seien, jede Fu\u00dfballleidenschaft als G\u00f6tzendienst verdammen wollte. Wir w\u00fcrden zu Puritanern, die ja bekanntlich das Spielen \u00fcberhaupt verbieten bzw. als s\u00fcndhaft brandmarken wollten, weil ihnen jede Form von Leidenschaft grunds\u00e4tzlich verd\u00e4chtig erschien. Gewi\u00df: Es gibt wichtigere Dinge als Fu\u00dfball &#8211; aber ist deshalb Fu\u00dfballleidenschaft verboten? Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Von einem Manne, der seine Geliebte in den Armen h\u00e4lt, zu verlangen, er solle sich nach der Seligkeit jenseits sehen, ist vorsichtig ausgedr\u00fcckt, eine Geschmacklosigkeit. Einem Fu\u00dfballfan, dessen Held gerade das entscheidende Tor geschossen hat, in Erinnerung zu rufen: Es gibt wichtigeres als Fu\u00dfball &#8211; ist wohl genauso geschmacklos &#8211; und p\u00e4dagogisch unbegabt. Die Deutschen, hat der Schweizer Theologe Karl Barth einmal kritisch bemerkt, haben die besondere Gabe, die richtigen Dinge zum falschen Zeitpunkt zu sagen. Dies w\u00e4re ein typisches Beispiel daf\u00fcr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Nat\u00fcrlich sind Fu\u00dfballspieler G\u00f6tter unserer Zeit, es gibt einen Fu\u00dfballgott und viele andere G\u00f6tter. Man kann ja nur einmal in die Zimmer unserer Kinder sehen: Dort h\u00e4ngen die Ikonen unserer Zeit, die Fu\u00dfballg\u00f6tter &#8211; neben vielen anderen. Entgegen landl\u00e4ufiger Meinung bestreitet die Bibel ja auch nicht die Existenz anderer G\u00f6tter: Es gibt M\u00e4chte und Gewalten, gute und b\u00f6se, es gibt andere G\u00f6tter als den einen Gott. Auch Luther machte bekanntlich kein Hehl daraus, da\u00df dem Menschen alles zum Gott werden kann. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Das erste Gebot lautet bekanntlich: Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keine anderen G\u00f6tter haben neben mir.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Ich verstehe dieses Gebot nicht so, da\u00df hier die Existenz anderer G\u00f6tter bestritten wird. Auch nicht unbedingt so, als da\u00df man unbedingt die anderen G\u00f6tter schlechtmachen m\u00fc\u00dfte und herabw\u00fcrdigen m\u00fc\u00dfte. Das w\u00e4re ein falscher, aggressiver Monotheismus, den es zwar im Laufe der Geschichte &#8211; und nicht zuletzt auch im Alten Testament &#8211; gegeben hat, der aber nicht in unsere Zeit pa\u00dft. Man braucht ja nicht andere Frauen schlecht zu machen, weil man eine liebt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Es gibt so etwas wie einen lockeren, respektvollen Umgang mit anderen G\u00f6ttern. &#8222;Betet sie nicht an und dienet ihnen nicht!&#8220; Gewi\u00df: Man mu\u00df zwischen dem einen Gott und den vielen G\u00f6ttern unterscheiden k\u00f6nnen, gerade das meint das erste Gebot. Wer an den einen Gott glaubt &#8211; braucht die anderen G\u00f6tter weder zu f\u00fcrchten noch zu verleumden. Wer an den einen Gott glaubt, kann deshalb vielleicht sogar einen mehr lockeren und spielerischen Umgang mit den vielen G\u00f6ttern pflegen. Christlicher Glaube und Fu\u00dfballleidenschaft schlie\u00dfen sich ja nicht aus. Das w\u00e4re ja ein geradezu eunuchisches Glaubensverst\u00e4ndnis, wollte man einem Christen Leidenschaft verbieten und den Willen, zu gewinnen, als s\u00fcndig verd\u00e4chtigen. &#8222;Es geht um alles&#8220; &#8211; nat\u00fcrlich: Wer spielt will gewinnen, wer &#8211; wie die meisten &#8211; zuschaut, fiebert mit. Spiele, wo es mir egal ist, wer gewinnt, sehe ich mir nicht an. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">In diesem Sinne: La\u00dft Euch den Spa\u00df am Fu\u00dfball nicht verderben. Gewi\u00df &#8211; es ist viel Geld im Spiel, aber das ist z.B. beim Weihnachtsfest nicht viel anders. Was ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde: Mehr Freude am Spiel, mehr Leidenschaft &#8211; und weniger bierernste Analysen und Kommentare, ob nun alle auch &#8222;verdient&#8220; gewonnen haben. Denn das ist auch das Sch\u00f6ne an der Welt der Fu\u00dfballg\u00f6tter: Hier geht es eben nicht immer nach Verdienst &#8211; eigentlich ganz wie in der Kirche!<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b>Rektor Professor Eberhard Harbsmeier<br \/>\nKirkeall\u00e9 2, DK-6240 L\u00f8gumkloster<br \/>\nTelefon: 74 74 32 13 &#8211; Direkte: 74 74 50 44 &#8211; 11<br \/>\nTelefax: 74 74 50 13<br \/>\n<a href=\"mailto:ebh@km.dk\">E-mail: ebh@km.dk<\/a><\/b><\/span><noscript><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1\" height=\"1\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=1&amp;bn=neukirch&amp;f=ekd-ini-pr-fussball-3.html&amp;r=r1\"\/><\/noscript><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigten zur EKD-Initiative \u2013 Sind Fu\u00dfballer unsere wahren G\u00f6tter? | Exodus 20,3: &#8222;Du sollst keine anderen G\u00f6tter neben mir haben&#8220; | Eberhard Harbsmeier | Man kann dar\u00fcber streiten, ob es in diesen Tagen der Fu\u00dfball ist, oder ob es die Fu\u00dfballer sind, die die wahren G\u00f6tter sind. 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