{"id":9237,"date":"2002-07-07T19:50:02","date_gmt":"2002-07-07T17:50:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9237"},"modified":"2025-04-21T10:23:46","modified_gmt":"2025-04-21T08:23:46","slug":"predigten-zur-ekd-initiative-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigten-zur-ekd-initiative-2\/","title":{"rendered":"Predigten zur EKD-Initiative"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #003399; font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Wohin wollen Sie eigentlich? | Predigten zur EKD-Initiative | Juli 2002 | Klaus-Dieter Kaiser |<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Wohin wollen Sie<br \/>\neigentlich? Eine Frage, die sich ganz selbstverst\u00e4ndlich aufdr\u00e4ngt<br \/>\nim Gedr\u00e4nge der Menschen auf den Strassen und in den Bahnh\u00f6fen<br \/>\nin diesen Tagen. Sommerzeit ist Urlaubszeit. Eine Zeit des Unterwegsseins.<br \/>\nZeit des Aufrechens zu unbekannten Ufern und in ungeahnte H\u00f6hen.<br \/>\nZeit des Ausruhens, Zeit des Abschaltens. Zeit, um bei sich selbst anzukommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"> Das Juli-Plakat<br \/>\nder EKD-Initiative 2002 spielt mit unseren Assoziationen in diesem sch\u00f6nsten<br \/>\nWochen des Jahres. Zwei Seilbahngondeln am Himmel. F\u00fcr einen kurzen<br \/>\nMoment sind sie zu sehen, gleich verschwinden sie am Bildrand in ihrer<br \/>\nAbw\u00e4rts- und Aufw\u00e4rtsbewegung. Welche Richtung jede der beiden<br \/>\nKabinen nimmt ist aber nicht auszumachen. Wissen Sie, wo es langgeht?<br \/>\nWenn sie in einer solchen Kabine sitzen, w\u00e4re es schon gut, zu<br \/>\nwissen, in wohin die Reise geht. Dazu ein Himmel voller Bewegung. St\u00e4ndig<br \/>\nver\u00e4ndern sich die Wolkengebilde. Alles ist im Fluss, nichts steht<br \/>\nmehr still. Grenzenlose Offenheit zeigt uns dieser aufgerissene Himmel.<br \/>\nNicht einmal Antwortvorgaben zum Festhalten gibt es auf diesem Plakat.<br \/>\nEin weiter Horizont \u00f6ffnet sich hier, fixiert nur f\u00fcr einen<br \/>\nAugenblick, wie bei einem Urlaubsschnappschuss: Wohin wollen Sie eigentlich?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">M\u00f6glichst<br \/>\nweit weg! An einen Ort ohne Handys, ohne Staus, ohne Termine. Weg von<br \/>\nden Sorgen des Alltags; seinen Verstrickungen, dem st\u00e4ndigen Entscheidungsdruck,<br \/>\nja auch alles richtig zu machen und es jedem Recht zu machen. Einfach<br \/>\nmal Innehalten und Abstand gewinnen. Sich treiben lassen in den Wolken.<br \/>\nDer Blick weitet sich. Wir gewinnen dadurch einen neuen \u00dcberblick<br \/>\nund lassen zugleich die Seele baumeln. Sich endlich frei und ungebunden<br \/>\nf\u00fchlen. Ein Drahtseilakt der Balance. F\u00fcr ein paar Tage den<br \/>\nHimmel auf Erden genie\u00dfen. Denn \u00fcber den Wolken, da muss<br \/>\ndie Freiheit wohl grenzenlos sein. Und wir mittendrin: Wohin wollen<br \/>\nwir eigentlich? Wohin soll die Reise gehen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Die Bibel ist voll<br \/>\nvon solchen Aufbruchsgeschichten. Denken sie an Abraham oder an Mose.<br \/>\nGeschichten des Reisens. Es beginnt mit dem sich auf den Weg machen,<br \/>\num in unbekannte Regionen vorzudringen. Zun\u00e4chst muss der Schritt<br \/>\nins Offene gewagt werden. Auf ein Wort vertrauen und sich mit den Seinen<br \/>\nauf den Weg machen. Davon erz\u00e4hlen uns die biblischen Geschichten<br \/>\nimmer wieder. Und dann unterwegs, dann gilt es sich immer neu zu versichern,<br \/>\nob man noch auf dem richtigen Weg ist oder ob man sich schon verirrt<br \/>\nhat. Ist es der rechte Weg, den ich eingeschlagen habe? Wohin wird die<br \/>\nReise gehen? Was erwartet mich dort am Ende? Wenn dann langsam die Zweifel<br \/>\nkommen, ob dieser Weg zum Ziel f\u00fchrt, wenn der Blick dann sehns\u00fcchtig<br \/>\nzur\u00fcckgeht zu den vermeintlich goldenen Zeiten, weil die Unsicherheit<br \/>\ndes Reisens doch nicht mehr auszuhalten ist, denn kriecht die Unsicherheit<br \/>\nlangsam herauf. Ein unangenehmes Kribbeln wie wir es f\u00fchlen, wenn<br \/>\nmitten in der Bewegung die Seilbahn pl\u00f6tzlich stockt, nichts mehr<br \/>\nvor oder zur\u00fcck geht. Und unter uns ein tiefer Abgrund, der sch\u00f6ne<br \/>\nhelle Himmel mit seiner weiten Aussicht tr\u00f6stet uns dann auch nicht.<br \/>\nUnd zum Schluss das Ankommen, oft \u00fcberraschend, weil man sich das<br \/>\nZiel so ganz anders vorgestellt hat. Oder wie Mose, es selbst gar nicht<br \/>\nmehr erreicht, es nur von Ferne erahnen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Solche Reisegeschichten<br \/>\nsind zugleich immer Geschichten des Zweifels und des Vertrauens. Geschichten,<br \/>\ndie davon erz\u00e4hlen, wie Menschen das Leben wagen, weil sie sich<br \/>\nvon Gott begleitet wissen und sich mit allem was sie haben, darauf verlassen.<br \/>\nVerl\u00e4sslichkeit und Wagnis geh\u00f6ren zusammen. Davon erz\u00e4hlt<br \/>\nuns die Bibel immer wieder. Wohin wollen wir eigentlich zwischen Zweifel<br \/>\nund Wagnis, zwischen Vertrauen und Verl\u00e4sslichkeit? Wohin mag die<br \/>\nReise unseres Lebens gehen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Immer wieder taucht<br \/>\nsie dann auf, diese Frage: Wohin willst Du eigentlich? Schon beim Losgehen.<br \/>\nWer aufbricht, der braucht ein Ziel, eine Richtung, in der er gehen<br \/>\nm\u00f6chte. Ist es \u00fcberhaupt sinnvoll, das Vertraute zu verlassen?<br \/>\nDie eigene Tr\u00e4gheit gilt es zu \u00fcberwinden, und das nicht nur<br \/>\nzur Ferienzeit. Denn wer aufbricht, bricht auch mit bisherigen Sicherheiten.<br \/>\nDa geh\u00f6rt schon eine ganze Portion Mut und Vertrauen dazu, mitzugehen,<br \/>\neinzusteigen, wenn die Reise losgeht. Abraham, Mose und auch die J\u00fcnger<br \/>\num Jesus wissen um die Schwere einer solchen Entscheidung. Ihr Aufbruch<br \/>\nist etwas anderes als eine Urlaubsfahrt mit Reiser\u00fccktrittsversicherung.<br \/>\nWer aufbricht, und schaut \u00e4ngstlich zur\u00fcck, der wird wohl<br \/>\nnie heil ankommen. Frei h\u00e4ngen die Gondeln der Seilbahn am d\u00fcnnen<br \/>\nDraht. &#8222;Aussteigen w\u00e4hrend der Fahrt verboten&#8220; lesen<br \/>\nwir \u00fcber der Kabinent\u00fcr, als bed\u00fcrfe es noch dieses Verbotes.<br \/>\nWir sind ja schlie\u00dflich nicht lebensm\u00fcde. Und dennoch hat<br \/>\nes immer wieder Menschen gegeben, die eingestiegen sind, die sich ohne<br \/>\nwenn und aber auf die Zusage Gottes eingelassen haben, er werde sie<br \/>\nauf rechter Strasse f\u00fchren. Einsteigen und die gewonnene Freiheit<br \/>\ngenie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Aber nur wenn wir<br \/>\nwirklich wissen, wohin wir wollen, werden wir diesen schwankenden Kabinenboden<br \/>\nbetreten. Darauf vertrauend, dass nicht nur auf der Ausgangsstation<br \/>\ndas Stahlseil fest verankert ist, sondern auch an der Zielstation. Und<br \/>\ndass das Seil fest genug ist, um nicht zu rei\u00dfen. Damit wir sicher<br \/>\nans Ziel kommen. Allein in diesem Vertrauen machen sich Menschen auf,<br \/>\ngehen mit Jesus. Sie lassen alles Vertraute hinter sich, lassen los,<br \/>\nweil sie wissen, wohin sie wollen an seiner Seite. In seiner N\u00e4he<br \/>\nfinden sie die Antwort auf ihre eigene Frage: Wohin will ich eigentlich?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Und dann unterwegs:<br \/>\nImmer wieder suchen die Augen nach Halt, wenn wir frei \u00fcber dem<br \/>\nAbgrund schweben. Mit festem Griff umklammern wir die Haltestangen in<br \/>\nder Seilbahn. Vorsichtig geht unser Blick in den freien Himmel; m\u00f6glichst<br \/>\nnicht zur\u00fcck oder nach unten schauen. Da k\u00f6nnen mitten auf<br \/>\nunserer Reise einem schon mal die Knie weich werden. Und an der ersten<br \/>\nZwischenstation \u00fcberkommt uns dann doch die bange Frage: Wollen<br \/>\nwir eigentlich wirklich dahin? Oder ist das Risiko nicht doch zu gro\u00df?<br \/>\nEin verzagtes Hin-und-Her bem\u00e4chtigt sich uns. In der Geschichte<br \/>\ndes Volkes Israels gab es immer wieder solche Augenblicke der Angst,<br \/>\ndes Zur\u00fcckblickens, der Verzagtheit. Ebenso in der Geschichte der<br \/>\nKirche. Auch manche, die anfangs voller Begeisterung mit Jesus zusammen<br \/>\nvon Ort zu Ort gezogen sind und seinen Wort begeistert gelauscht und<br \/>\nseine Taten bewundert haben, \u00fcberkommt nun doch noch das gro\u00dfe<br \/>\nZittern und Zagen. Nun wissen sie, wohin die Reise geht; und sie geht<br \/>\nihnen zu weit. Das Risiko ist ihnen zu gro\u00df. Voller Furcht steigen<br \/>\nsie aus, sobald sich eine dazu Gelegenheit bietet. Von da an wandten<br \/>\nsich viele seiner J\u00fcnger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm,<br \/>\nhei\u00dft es im Johannesevangelium nachdem Jesus seine Weg offenbart<br \/>\nhat. Last exit. Jetzt steht die Entscheidungsfrage an. Und Jesus stellt<br \/>\nsie den Seinen in aller Offenheit und H\u00e4rte: Da fragte Jesus die<br \/>\nZw\u00f6lf: Wollt ihr auch weggehen? Ihr wisst nun, wohin die Reise<br \/>\ngeht, auf was ihr euch eingelassen habt. Auf einer solchen Zwischenstation,<br \/>\nin lichter H\u00f6he, herrscht pl\u00f6tzlich Klarheit. Die Wolken haben<br \/>\nsich verzogen, das Ziel ist deutlich zu sehen. Die J\u00fcnger wissen<br \/>\nnun, woran sie sind. Klare Entscheidungen sind jetzt gefragt. Bleiben<br \/>\noder gehen. Da hilft kein verstecken mehr. Da antwortete Simon Petrus:<br \/>\nHerr, wohin sollen wir gehen? Du hast das Wort des ewigen Lebens; und<br \/>\nwir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes. Wer unterwegs<br \/>\naussteigt, wird alles verlieren. Dann war aller Aufbruch umsonst. Glauben<br \/>\nund Erkennen, Vertrauen und Entscheiden, geh\u00f6ren zusammen. Dies<br \/>\nmacht Petrus mit seinem Bekenntnis deutlich. Nur wer sich vorbehaltlos,<br \/>\nohne Netz und doppelten Boden auf die Zusage Jesu einl\u00e4sst, wird<br \/>\ndie Weiterfahrt wagen. Einzig in der Sicherheit, das dieser Jesus ihn<br \/>\nnicht verlassen wird. Darauf kann er sich verlassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Erst mitten auf<br \/>\ndem Weg finden also die J\u00fcnger eine klare Antwort auf die Frage:<br \/>\nWohin wollen wir eigentlich? Ohne vorherigen Aufbruch, ohne sich auf<br \/>\nden Weg zu machen, findet diese Frage keine Antwort, bleibt alles graue<br \/>\nTheorie, blo\u00dfe Illusion, reine Hirngespinste. Das Lesen eines<br \/>\nnoch so guten Reisef\u00fchrers ersetzt eben nicht das wirkliche Erleben.<br \/>\nErst als sich die J\u00fcnger mit diesem grenzenlosen Vertrauen auf<br \/>\nJesus auf den Weg machen, gewinnen sie dann auch wieder sicheren Boden<br \/>\nunter ihre F\u00fc\u00dfe. Sie wissen im Vollzug, was sie wollen und<br \/>\nwo sie es finden werden. Du hast die Worte des ewigen Lebens. Nirgendwo<br \/>\nanders werden wir sie finden. Keine Reise ins Nichts, kein entschweben<br \/>\nin den Wolken. Die Seilbahn hat eine Zielstation. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Wohin wollen wir<br \/>\neigentlich? Nutzen wir die nun anbrechende Ferienzeit, das Unterbrechen<br \/>\ndes Alltagstrotts, um mitten in aller sch\u00f6nen Entdeckerfreude,<br \/>\nMomente der Ruhe zu finden. Zeit zu finden, um in der Spannung zwischen<br \/>\nAngst und Vertrauen, zwischen Wagnis und Verl\u00e4sslichkeit Haltepunkte<br \/>\nf\u00fcr unser einmaliges, weil unverwechselbares, eben unser eigenes<br \/>\nLeben zu finden. Dann werden wir sicher etwas von der Aufbruchsstimmung<br \/>\nder Urlaubszeit in den Alltag mit hineinnehmen. Denn egal wo wir sind,<br \/>\nob an unbekannten Ufern oder in ungeahnten H\u00f6hen, oder einfach<br \/>\nnur zu Hause: Wenn wir uns ganz auf Jesus von Nazareth, diesen Heiligen<br \/>\nGottes verlassen, dass er uns leite und begleite, dann erledigt sich<br \/>\ndas Be\u00e4ngstigende dieser Kontrollfrage f\u00fcr in die Irre Gegangene.<br \/>\nWohin wollen Sie eigentlich?. Dann sind wir n\u00e4mlich schon angekommen,<br \/>\nweil wir aufgebrochen sind. Weil Jesus uns begleitet. Und fr\u00f6hlich,<br \/>\nohne angstvollen Blick zur\u00fcck, k\u00f6nnen wir dann singen: Vertraut<br \/>\nden neuen Wegen &#8230; (EG 395,1-3)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\">Amen.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-family: Arial, Helvetica, sans-serif;\"><b>OKR Klaus-Dieter<br \/>\nKaiser<br \/>\nKirchenamt der EKD<\/b><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohin wollen Sie eigentlich? | Predigten zur EKD-Initiative | Juli 2002 | Klaus-Dieter Kaiser | Wohin wollen Sie eigentlich? Eine Frage, die sich ganz selbstverst\u00e4ndlich aufdr\u00e4ngt im Gedr\u00e4nge der Menschen auf den Strassen und in den Bahnh\u00f6fen in diesen Tagen. Sommerzeit ist Urlaubszeit. Eine Zeit des Unterwegsseins. 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