{"id":9251,"date":"2001-12-07T19:49:57","date_gmt":"2001-12-07T18:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9251"},"modified":"2025-04-23T11:19:59","modified_gmt":"2025-04-23T09:19:59","slug":"predigtreihe-zum-vater-unser-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigtreihe-zum-vater-unser-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6,13"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe zum Vater-Unser | Dritter Advent | 16. Dezember 2001 | Mt 6,13 | Klaus B\u00e4umlin |<\/h3>\n<p><b>&#8222;Unser Vater im Himmel! F\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich liebe die Bibel, weil sie im Blick auf uns Menschen<br \/>\nund die Welt so realistisch ist. Weder redet sie einem harmlosen und bequemen<br \/>\nOptimismus und Fortschrittsglauben das Wort, der so tut, als gehe es schon<br \/>\nirgendwie weiter, noch \u00fcberl\u00e4sst sie uns einer pessimistischen<br \/>\nWeltsicht, die mit keiner Ver\u00e4nderung mehr rechnet und uns der Resignation<br \/>\n\u00fcberl\u00e4sst: Man kann ja sowieso nichts tun!<\/p>\n<p>Die Bibel nimmt die Realit\u00e4t des B\u00f6sen ernst. Es hat \u00fcberw\u00e4ltigende<br \/>\nMacht und Gewalt \u00fcber die Menschen, \u00fcber ihre Gedanken, ihr<br \/>\nWollen und Tun, eine \u00fcberw\u00e4ltigende Macht und Gewalt \u00fcber<br \/>\ndas Schicksal der Menschen und V\u00f6lker. Das zu Ende gehende Jahr hat<br \/>\nuns das in fast apokalyptischer, das hei\u00dft: enth\u00fcllender Weise<br \/>\ngezeigt. &#8222;Das eben ist der Fluch der b\u00f6sen Tat, dass sie, fortzeugend,<br \/>\nimmer B\u00f6ses muss geb\u00e4ren.&#8220;<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>Ganz am Anfang der Bibel, in der Erz\u00e4hlung von der Grossen Flut,<br \/>\nhei\u00dft es, Gott habe gesehen, &#8222;dass auf der Erde die Schlechtigkeit<br \/>\nder Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens<br \/>\nimmer nur b\u00f6se war.&#8220; (Gen. 6,5). Und als die Sintflut zu Ende<br \/>\nwar, die Wasser sich verzogen hatten, sprach Gott: &#8222;Ich will die<br \/>\nErde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen, denn das Trachten<br \/>\ndes Menschen ist b\u00f6se von Jugend an.&#8220; Was f\u00fcr ein schreckliches,<br \/>\nnegatives, pessimistisches Bild vom Menschen wird uns da gezeichnet! Oder<br \/>\nist es nicht vielmehr ein realistisches?<\/p>\n<p>In der Theologie der Alten Kirche, heute noch offiziell g\u00fcltig in<br \/>\nder r\u00f6misch-katholischen Kirche, gab es die Lehre von der sogenannten<br \/>\nErbs\u00fcnde: Weil Adam und Eva, die ersten Menschen, die Prototypen<br \/>\ndes Menschen, der Versuchung nicht widerstanden und von der Frucht des<br \/>\nverbotenen Baumes der Erkenntnis gegessen haben, vererbe sich die S\u00fcnde<br \/>\nauf alle ihre Nachkommen. Versteht man diese Lehre so, dass sich das B\u00f6se<br \/>\nsozusagen in die menschlichen Gene eingenistet hat und sich biologisch<br \/>\nvon Adam her durch alle Generationen vererbt, ist sie unsinnig und dazu<br \/>\ngeeignet, die Menschen seelisch zu verkr\u00fcppeln.<\/p>\n<p>Nicht als dogmatische Wahrheit, aber als Erfahrungs-Weisheit verstanden,<br \/>\nist die Lehre von der Erbs\u00fcnde &#8211; den Namen &#8222;Erbs\u00fcnde&#8220;<br \/>\nallerdings sollte man vergessen &#8211; nichts Unsinniges, sondern etwas sehr<br \/>\nRealistisches: Jedes Menschenkind, wo und wann auch immer es zur Welt<br \/>\nkommt, ist von der Stunde seiner Geburt an und vielleicht schon vor seiner<br \/>\nGeburt Teil einer Welt, in der das B\u00f6se mit seinen vielf\u00e4ltigen,<br \/>\nsubtilen, verborgenen und manifesten, brutalen Gestalten, immer schon<br \/>\nda ist. Die kleine und die grosse Welt, in der das Kind hineingeboren<br \/>\nwird und aufw\u00e4chst, ist immer schon vermint und verseucht durch das<br \/>\nB\u00f6se, so sehr, dass es in jedem Menschen seine Spuren hinterl\u00e4sst,<br \/>\nin seinem Leben, an seiner Seele. Jeder Mensch ist immer schon von ihm<br \/>\ngepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Deshalb lehr uns Jesus den Vater im Himmel bitten: &#8222;Erl\u00f6se<br \/>\nuns von dem B\u00f6sen.&#8220; Wir k\u00f6nnen uns selber nicht aus dem<br \/>\nglobalen Netzwerk des B\u00f6sen befreien. Wir k\u00f6nnen uns nicht selber<br \/>\naus der Generationen \u00fcbergreifenden Verkettung von Schuld herausl\u00f6sen.<br \/>\nDazu braucht es ein sch\u00f6pferisches, befreiendes Wort, wie es nur<br \/>\nvon Gott kommen kann. Dazu braucht es einen neuen Anfang im leben eines<br \/>\nMenschen und f\u00fcr die Welt als Ganzes, braucht es eine Heilung und<br \/>\nVergebung, wie nur Gott sie schaffen und schenken kann. Darum hei\u00dft<br \/>\nJesus uns beten: &#8222;Erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen&#8220; &#8211; f\u00fcr<br \/>\nunser eigenes Leben und f\u00fcr das Leben und f\u00fcr die Zukunft unserer<br \/>\nErde.<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>Zuvor aber beten wir mit dem Unservater: &#8222;F\u00fchre uns nicht in<br \/>\nVersuchung.&#8220; Seltsame Bitte, die zu vielen Fragen und Missverst\u00e4ndnissen<br \/>\nAnlass gibt. Sollte denn Gott selber uns in Versuchung f\u00fchren k\u00f6nnen?<br \/>\nDas kann doch nicht sein. Vielleicht musste schon der Verfasser des Jakobusbriefes<br \/>\nauf solche Fragen und Missverst\u00e4ndnisse antworten, wenn er schreibt<br \/>\n(Ja. 1,13f): &#8222;Keiner, der versucht wird, sage: Von Gott werde ich<br \/>\nversucht; denn Gott ist unversucht vom Schlechten; er selbst versucht<br \/>\nkeinen. Ein jeder wird von seinen eigenen Begierden versucht &#8211; fortgerissen<br \/>\nund verlockt.&#8220; Keine Rede also davon, dass Gott selber uns in Versuchungen<br \/>\nhineinlockt und hineinf\u00fchrt, um sozusagen zu experimentieren, wie<br \/>\nwir uns verhalten, um uns auf die Probe zu stellen. Man wird die Bitte<br \/>\netwa so verstehen: &#8222;F\u00fchre uns nicht an den Ort, nicht in Situationen<br \/>\nder Versuchung. Bewahre, verschone uns vor der Versuchung, Beh\u00fcte<br \/>\nuns von der Macht der Versuchung.&#8220; Wir merken: die Bitte hat etwas<br \/>\nzu tun mit der anderen um Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen.<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>Nun m\u00f6chten wir nat\u00fcrlich gern wissen, an was f\u00fcr eine<br \/>\nVersuchung Jesus denkt. Jesus hat gewusst, wovon er redet, wenn er den<br \/>\nVater im Himmel bittet &#8222;F\u00fchre uns nicht in Versuchung.&#8220;<br \/>\nEr hat gewusst, was Versuchung ist. Wir erinnern uns jetzt an die Erz\u00e4hlung,<br \/>\ndie ich Ihnen, liebe Gemeinde, zuvor in der Lektion vorgelesen habe: die<br \/>\nErz\u00e4hlung von der Versuchung Jesu in der W\u00fcste. Sie steht im<br \/>\n4. Kapitel bei Matth\u00e4us, kurz vor dem Unservater. Es gibt da also<br \/>\neinen Zusammenhang. Nach seiner Taufe durch Johannes am Jordan h\u00e4lt<br \/>\nsich Jesus vierzig Tage lang in der W\u00fcste auf und wird vom Teufel<br \/>\nversucht. Die Versuchungsgeschichte meint das ganze Erdenleben Jesu: Es<br \/>\nwar ein von der Versuchung bedr\u00e4ngtes Leben. Dreimal setzt der Versucher<br \/>\nein. Ich m\u00f6chte jetzt nur auf die dritte Versuchung zur\u00fcckkommen:<br \/>\n&#8222;Abermals nimmt ihn der Teufel auf einen sehr hohen Berg. Und er<br \/>\nzeigt ihm alle K\u00f6nigt\u00fcmer der Welt und ihre Herrlichkeiten.<br \/>\nUnd er sprach zu ihm: Das alles gebe ich dir, wenn du dich niederwirfst<br \/>\nund dich tief vor mir verneigst. Darauf sagt Jesus zu ihm: Weg da, Satan!<br \/>\nDenn es ist geschrieben: Tief verneigen sollst dich vor dem Herrn, deinem<br \/>\nGott, und ihm allein dienen. Darauf l\u00e4sst ihn der Teufel. Und da!<br \/>\nEngel traten heran und dienten ihm.&#8220; (Matth. 4,8-11)<\/p>\n<p>Das vielleicht ist die gr\u00f6\u00dfte, die menschlichste aller Versuchungen:<br \/>\nOben stehen und oben bleiben. Gr\u00f6sser, m\u00e4chtiger, einflussreicher,<br \/>\nt\u00fcchtiger, schneller sein als andere im grossen Konkurrenzkampf.<br \/>\nH\u00f6her hinaus wollen. So viel wie m\u00f6glich an sich reissen von<br \/>\nden Herrlichkeiten der Welt. Keine Grenzen respektieren. Das ist&#8217;s, was<br \/>\ndie Versuchung uns einfl\u00fcstert. Es ist das elementar Menschliche<br \/>\nund hat doch in unserer Gegenwart Dimensionen angenommen, die jede Grenze<br \/>\nsprengen. Alles kann man haben, alles kaufen, alles herstellen und machen.<br \/>\nAlles steht uns zur Verf\u00fcgung, wohlverstanden: uns in den reichen<br \/>\nL\u00e4ndern. Wirklich, die Welt liegt uns zu F\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die ganze Welt gewinnen &#8211; und dar\u00fcber die Seele, das Leben verlieren!<br \/>\nImmer mehr junge Menschen verlieren die Orientierung, wissen nicht mehr,<br \/>\nwer sie sind und f\u00fcr was sie da sind und was das Ganze f\u00fcr einen<br \/>\nSinn macht. Immer mehr Menschen f\u00fchlen sich in unserer Welt der grenzenlosen<br \/>\nKommunikation einsam, unverstanden, ungebraucht.<\/p>\n<p align=\"center\">*<\/p>\n<p>Das ist die <i>eine<\/i> Seite der Versuchung: die Versuchung der Macht,<br \/>\ndie Versuchung, alles machen, alles beherrschen und gebrauchen zu k\u00f6nnen,<br \/>\nalles in den Griff zu bekommen. Ihre Kehrseite aber ist die Resignation,<br \/>\ndas Gef\u00fchl von Ohnmacht und Ratlosigkeit angesichts einer Welt, die<br \/>\naus den Fugen ger\u00e4t: angesichts einer Welt, in der die Kluft zwischen<br \/>\nden Habenden und den Armen immer gr\u00f6sser wird, die Kluft, die ja<br \/>\neben deshalb gr\u00f6sser wird, weil wir der Versuchung zum Immer-mehr-Haben<br \/>\nnicht widerstehen k\u00f6nnen, die Kluft, aus der heraus das Schreckgespenst<br \/>\nvon Gewalt und Terrorismus aufsteigt bis in die Machtzentren der Reichen.<br \/>\nMan kann ja doch nichts tun. Arme und Reiche hat es immer gegeben. Gewalt<br \/>\ngeh\u00f6rt nun mal dazu, und das einzige Mittel gegen sie ist Gegengewalt.<br \/>\nDie Welt ist nun mal so, wie sie ist. Da kann man nichts machen. Am besten,<br \/>\njeder schaut f\u00fcr sich und wie er ungeschoren davonkommt.<\/p>\n<p><i>Gebet<\/i><\/p>\n<p>Wir sehnen uns, Gott, nach dir!<\/p>\n<p>Wir sehnen uns, Gott, dass die Gewalt ein Ende hat:<br \/>\nDie Gewalt der Worte und der Waffen;<br \/>\nDass der Hunger gestellt wird:<br \/>\nDer Hunger nach Brot und Gerechtigkeit;<br \/>\nDass wir Menschen die Sorgfalt lernen:<br \/>\nDie Sorgfalt f\u00fcr einander und f\u00fcr deine Sch\u00f6pfung;<br \/>\nDass aus Fremden und Feinden Vertraute und Freunde werden;<br \/>\nDass Worte nicht verletzen, sondern heilen, tr\u00f6sten<br \/>\nUnd Mut zusprechen;<br \/>\nDass H\u00e4nde nicht wegreissen und schlagen,<br \/>\nsondern z\u00e4rtlich ber\u00fchren:<br \/>\ndass Taube h\u00f6ren, Stummgemachte rede, Blinde aufblicken<br \/>\nund Gel\u00e4hmte aufstehen:<br \/>\ndass die Vergessenen ans Licht kommen,<br \/>\nund die Toten auferweckt werden zum Leben;<br \/>\ndass Tr\u00e4gen der Trauer und des Schmerzes sich wandeln<br \/>\nin Tr\u00e4nen der Freude;<br \/>\ndass die Angst vergeht und die Liebe alle Furcht vertreibt;<br \/>\ndass das B\u00f6se verschwindet und \u00fcberwunden wird<br \/>\ndurch das Gute:<br \/>\ndass der Fluch zum Segen wird und die Klage zum Lied;<br \/>\ndass die Nacht ein Ende hat und Dein Tag anbricht,<br \/>\nDein Reich kommt, dass Du, Gott, kommst und uns befreist.<\/p>\n<p>Wir sehnen uns nach Dir, Gott!<br \/>\nWir harren auf Deine Erl\u00f6sung<br \/>\nWir wollen f\u00fcr sie leben und ihr dienen.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><b>Klaus B\u00e4umlin<br \/>\nPfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Nydegg in Bern.<br \/>\n<a href=\"mailto:klaus.baeumlin@mydiax.ch\">E-Mail: klaus.baeumlin@mydiax.ch<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater-Unser | Dritter Advent | 16. 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