{"id":9256,"date":"2021-02-07T19:49:51","date_gmt":"2021-02-07T19:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9256"},"modified":"2022-09-15T12:40:19","modified_gmt":"2022-09-15T10:40:19","slug":"matthaeus-21-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-21-1-9\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 21, 1-9"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Advent<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 1. Dezember 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Matth\u00e4us 21, 1-9, verfa\u00dft von J\u00f8rgen Demant<br \/>\n(\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\">&#8222;Machet die Tore weit und die T\u00fcren in der Welt hoch, da\u00df der K\u00f6nig der Ehre einziehe!&#8220; (Ps. 24).<\/p>\n<p align=\"left\">Wir haben von der hohen T\u00fcr gesungen. Jesus reitet durch das Tor nach Jerusalem h\u00f6rten wir im Evangelium.<\/p>\n<p>Wir deuten unser Leben mit Hilfe von Bildern. Das Tor ist das Bild f\u00fcr diesen Sonntag im Advent. Die T\u00fcr oder das Tor ist das Bild f\u00fcr den \u00dcbergang, den Zwischenzustand.<\/p>\n<p>Wir kennen Tore und T\u00fcren aus unserem eigenen Leben.<\/p>\n<p>Die <i>T\u00fcr der Heimat<\/i>. Die T\u00fcr des \u00dcbergangs zu der fremden Welt. Man steht in der T\u00fcr und ist gefangen von der Erinnerung an das, was in der Heimat war: Geborgenheit, F\u00fcrsorge, Bekanntheit. Da\u00df nichts in Frage gestellt wurde. Alles ruht in sich selbst. Die W\u00e4nde stehen dort, wo sie stehen. Und die Menschen sind so, wie sie immer sind. Wem wird nicht bei dieser Heimatt\u00fcr ein Stich durchs Herz gehen, wenn er \u00fcber die Schwelle zum Neuen und Unbekannten tritt.<\/p>\n<p>Und dann ist da die <i>T\u00fcr der Sehnsucht<\/i>. Kennt Ihr nicht das Bild vom M\u00e4dchen am Fenster. Man sieht sie von hinten. Sie steht auf den Zehen und streckt den Kopf und lehnt sich aus dem Fenster. Und was sieht sie? Ja, wir, die hinter ihr stehen, sehen blauen Himmel und den Teil eines Schiffmastes. Ein Schiff kommt vorbei im Kanal unten. Wir sehen nicht das ganze Schiff, sondern nur ein Teil davon. Genug, um uns selbst das Gef\u00fchl zu geben, das das M\u00e4dchen hat: Das Gef\u00fchl der Sehnsucht und des Fernwehs. Sie hat l\u00e4ngst das Bekannte und Heimatliche verlassen. Sie ist drau\u00dfen im fremden Hafen. In der anderen und freien Welt. Die Sehnsucht ist das Pfand daf\u00fcr, da\u00df die Verhei\u00dfung wahr ist: Das Gl\u00fcck ist gr\u00f6\u00dfer als Du ahnst und tr\u00e4umst. Du wirst gr\u00f6\u00dfere Dinge sehen. Die Sehnsucht ist mit der Verhei\u00dfung verlobt. Die Verhei\u00dfung hat ihre Triebkraft in der Sehnsucht, und sie bewahrt den Sinn f\u00fcr eine andere Sicht des Daseins. Es wird immer ein Schiffsmast hinter dem Fenster und ein blauer Himmel dasein.<\/p>\n<p>Und war da die Frau, die ein <i>Steintor<\/i> setzte. Das Schicksalstor, eine Steins\u00e4ule \u00fcber sich selbst. Das Tor \u00fcber der Frau Lots, die sich \u00fcber die Schulter umsah, um zu sehen, was sie verlassen hatte. Sie konnte das Gebot nicht einhalten, sich nicht umzublicken. Sie war nicht imstande, sich von der Vergangenheit zu l\u00f6sen. Kreiste um das, was war, und vermochte nicht, den Blick auf etwas anderes Neues zu richten. Ihr Tor steht wie das Tor \u00fcber dem versteinerten Menschen &#8211; des Menschen, der von der Last des Schicksals erdr\u00fcckt und eingeschlossen wird. Nicht f\u00e4hig, den Hinterhalt zu \u00fcberschreiten, in dem sie das Leben eingefangen hat. Das Tor des Gef\u00e4ngnisses.<\/p>\n<p>Und dann ist da das <i>Tor der Liebe<\/i>. Das Tor, das ich mit einem anderen Menschen bilde. Zwei Menschen einander gegen\u00fcber in Wundern und Hingabe, Geben und Nehmen. Im Tor reicht man einander und wird erwidert. In N\u00e4he, die das Leben flie\u00dfen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist da das <i>Tor des Todes<\/i>. Das Tor zu dem Ort, an dem die Lebensreise aufh\u00f6rt. In einem s\u00fcdj\u00fctl\u00e4ndischen Dorf besteht die Sitte, wenn der Sarg aus der Kirche hinaus auf den Friedhof getragen wird, um kirchlich beerdigt zu werden, da\u00df man in der Kirchent\u00fcr stehen bleibt und den Sarg in der T\u00fcr\u00f6ffnung am \u00dcbergang vom Land der Lebenden zur St\u00e4tte der Toten ruhen l\u00e4\u00dft. An der Schwelle zwischen der Welt der Menschen zum Friedhof l\u00e4\u00dft man sich den Frieden der Ewigkeit \u00fcber den Toten senken. Der Tote ist nun nur bei Gott.<\/p>\n<p>Wir errichten Tore in unserem Leben. Gro\u00dfe und kleine Tore. Schmale und breite Tore. K\u00f6nigs- und K\u00f6niginnentore. Traumpforten. Gef\u00e4ngnistore, Liebestore. Pforten des Todes. Wir sind in einer st\u00e4ndigen Bewegung von einem Zustand in den anderen. Von der existentiellen Situation zu der anderen, von Leben zu Leben.<\/p>\n<p>Sieht man auf die Religionsgeschichte, wird man sehen, da\u00df das Tor ein h\u00e4ufig gebrauchtes Bild in fast allen Religionen ist. Es symbolisiert den grundlegenden Gedanken von der menschlichen Existenz: Der Mensch ist ein unfertiges und offenes Wesen. Er wird immer wieder geboren, n\u00e4mlich geistlich. Der Mensch wird in den meisten Religionen als ein Wesen geschildert, das unterwegs ist. Von einem unvollkommenen zu einem vollkommenen Zustand.<\/p>\n<p>Das Christentum teilt den elementaren Gedanken in dieser religi\u00f6sen Lebensauffassung. Und f\u00fcgt dann hinzu: Die uralten Tore erhalten mit Christus eine neue Bedeutung. Die wichtigste ist im Evangelium f\u00fcr den heutigen Sonntag enthalten \u00fcber den Einzug in Jerusalem. Von Jesus, der auf einem Esel durch eines der Tore Jerusalems reitet.<\/p>\n<p>Jesus inszeniert einen Eselsritt durch ein Tor. Das Tor ist die heilige St\u00e4tte. Und im Tor begegnet der Heilige &#8211; der Sohn Gottes &#8211; den Menschen. Gott auf dem R\u00fccken eines Esels durch das Tor. Zu Menschen in Augenh\u00f6he. Wo das Tor vor Jesus ein Tor f\u00fcr den erhabenen K\u00f6nig war, der in Ehrfurcht und Distanz anzubeten ist, k\u00f6nnen wir nun Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen. In der N\u00e4he der Liebe und der Gegenwart der N\u00e4he.: Wo Du bist, da bin auch ich. Und wo Du bist, bin ich bei Dir mit mir selbst: Du redest und ich h\u00f6re und antworte. Ich rede und Du h\u00f6rst und antwortest. Das ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und mir nach dem Einzug.<\/p>\n<p>An dem Tage, als Jesus durch das Tor nach Jerusalem reitet, verwandelte sich der Inhalt der Architektur sich nicht wegen eines Umbaus, sondern wegen einer Person: Das Tor der Furcht wurde zu einem Tor der Liebe.<\/p>\n<p>Die Begegnung zwischen Gott und mir im Tor der Gnade oder der Barmherzigkeit entspricht dem. Es geht nicht mehr darum, da\u00df Gott der Erh\u00f6hte ist und ich der Niedrige. Wir sind auf Augenh\u00f6he. Christush\u00f6he. Es handelt sich nicht mehr darum, da\u00df der andere Macht hat und ich keine. Wir haben beide Macht &#8211; Macht zu geben und zu empfangen.<\/p>\n<p>Advent hei\u00dft Kommen. Da ist Bewegung. Unabl\u00e4ssig. Unabgeschlossen zwischen Gott und mir, zwischen mir und meinem N\u00e4chsten. Kommen in Liebe hei\u00dft einander ausgeliefert sein &#8211; sich in Offenheit vorbehaltlos hingeben. Auf Gott und den N\u00e4chsten h\u00f6ren. Eingehend zuh\u00f6ren und antworten. Das andere Gesicht und seine Sprache lesen. Vorbehaltlos. Ohne Angst und Feigheit.<\/p>\n<p>Was dann mit unseren eigenen Toren, die wir setzen? Verschwinden sie hiermit nach dem Kommen Christi? Nein! Sie sind noch immer die Tore der Heimat, der Sehnsucht, der Scham und der Schuld, die Tore der Liebe und des Todes. Sie stehen auch noch, nachdem Du das Tor der Kirche heute verlassen hast.<\/p>\n<p>Advent bedeutet also Kommen &#8211; Bewegung. Sein Kommen zu Dir, Christi Kommen. Und Du kannst zu ihm kommen. Er ist sanftm\u00fctig an jedem Tor, wenn Du kommen und ihm begegnen willst. Schreist Du vor Sehnsucht und Fernweh: Er spricht sanftm\u00fctig zu Dir, damit Du nicht betrogen wirst. Er spricht verhei\u00dfungsvolle Worte zu Dir.<\/p>\n<p>Qu\u00e4len Dich Schuld und die Last der Scham, er sieht in Dir mehr als nur einen Schuldigen. Sieht Dich so, als w\u00e4re es das erste Mal, da\u00df er dich seht, wo Du ihn offen sahst, ohne die Augen niederzuschlagen. Am Tor der Liebe zwischen Dir und Deinem N\u00e4chsten bemerkst Du ihn gar nicht, denn da ist alles so, wie es sein soll. Um am Tor des Todes kannst Du seiner Gegenwart gewi\u00df sein. Sein und unser Vater nahmen selbst den Stein vom Tor des Todes. Die Osterbotschaft vom Stein, der vom Eingang zum Grabe des Todes gew\u00e4lzt war, ist Pfand daf\u00fcr, da\u00df wir heute hier sind, Advent feiern und singen k\u00f6nnen: Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-2800 Lyngby<br \/>\nemail: <a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">j.demant@wanadoo.dk<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent, 1. Dezember 2002 Predigt \u00fcber Matth\u00e4us 21, 1-9, verfa\u00dft von J\u00f8rgen Demant (\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen) &#8222;Machet die Tore weit und die T\u00fcren in der Welt hoch, da\u00df der K\u00f6nig der Ehre einziehe!&#8220; (Ps. 24). 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