{"id":9258,"date":"2021-02-07T19:49:48","date_gmt":"2021-02-07T19:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9258"},"modified":"2022-09-17T20:00:03","modified_gmt":"2022-09-17T18:00:03","slug":"matthaeus-21-1-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-21-1-9-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 21, 1-9"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">1. Advent<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 1. Dezember 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Matth\u00e4us 21, 1-9, verfa\u00dft von Ulrich Braun<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><b>Die Statik der Hoffnung<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Predigttext: Matth\u00e4us 21, 1-9<br \/>\n<em>Als sie nun in die N\u00e4he von Jerusalem kamen, nach Betfage an den \u00d6lberg, sandte Jesus zwei J\u00fcnger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und eine F\u00fcllen bei ihr; bindet sie los und f\u00fchrt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch \u00fcberlassen. <\/em><br \/>\n<em>Das geschah aber, damit erf\u00fcllt w\u00fcrde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9, 9): &#8222;Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir sanftm\u00fctig und reitet auf einem Esel und auf einem F\u00fcllen, dem Jungen eines Lasttiers.&#8220;<\/em><br \/>\n<em>Die J\u00fcnger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das F\u00fcllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.<\/em><br \/>\n<em>Aber eine sehr gro\u00dfe Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den B\u00e4umen und streuten sie auf den Weg.<\/em><br \/>\n<em>Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der H\u00f6he!<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nWas haben wir gewartet! Hin durch den d\u00fcsteren November, durch Rezession und finstere Insolvenz-Rekorde, durch den Pisa-Schock &#8211; und das in wirtschaftlichen und anderen Depressionen. Und jetzt ist mit dem ersten Licht am Adventskranz alles auf Erwartung gestellt. Warmes, tr\u00f6stliches Leuchten erz\u00e4hlt im raren Tageslicht des verl\u00f6schenden Jahres davon, wie am allerverlassendsten Ort neues Leben beginnen wird. Aber das ist schon eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Dieser Tage geht es um die Erwartung selbst. Das ist keine einfache Sache. Mindestens einen Teil ihres Wertes bezieht sie aus demjenigen, was sie erst in Aussicht stellt. Das macht die Sache heikel. Was ist nicht alles erz\u00e4hlt worden von einem neuen Konjunkturfr\u00fchling in diesem Herbst. Wie schnell bl\u00fchende Hoffnung in gl\u00fchenden Zorn umschlagen kann &#8211; auch davon wird bei unserer Predigtgeschichte zu reden sein.<\/p>\n<p>Ob allerdings die Erwartung ihren Wert allein aus demjenigen bezieht, was sie in Aussicht stellt, ist mindestens eine Frage wert. Bis zu einem gewissen Grade muss es so sein. Wer gro\u00dfe Erwartungen weckt, wird irgendwann f\u00fcr ihre Erf\u00fcllung einstehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Unsere Predigtgeschichte erz\u00e4hlt davon. Jesus zieht unter dem Jubel des Volkes in Jerusalem ein. Der Fortgang der Geschichte wird vom Umschlagen der Stimmung zu berichten haben. Die Stimmung der Massen hat nun einmal eine komplizierte Statik. Am Ende wird vom Kreuz zu reden sein, an das der Begr\u00fc\u00dfte schon bald geschlagen wird. Aber auch das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Es bleibt indes schon jetzt die Frage: Wird die Zeit der Erwartung durch den m\u00f6glichen Fortgang der Ereignisse ihres Wertes beraubt? Wenn die Antwort &#8222;Nein&#8220; lauten soll, werden wir Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Sicht der Dinge finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Herbst 1989 hatten sich erst einige, dann einige hundert, schlie\u00dflich eine un\u00fcbersehbare Menge von Menschen in die bundesdeutschen Botschaft in Prag gefl\u00fcchtet. Mit ebenso unterschiedlichen wie wahrscheinlich schier grenzenlosen Erwartungen hatten sie die DDR verlassen. Warum auch den eigenen Hoffnungen Schranken auferlegen, wenn es doch darum geht, Grenzen zu sprengen?<\/p>\n<p>In dieser Situation kam der damalige Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher in die tschechische Hauptstadt. Er wollte \u00fcber den Stand der diplomatischen Verhandlungen informieren. Am Abend des 30. September trat er auf den Balkon des Palais Lobkovicz. Es wurde ganz still als er begann: &#8222;Ich bin heute gekommen&#8220;, fing er an, &#8222;um Ihnen mitzuteilen&#8220; &#8211; atemlose Stille &#8211; &#8220; &#8222;dass heute Ihre Ausreise &#8230;&#8220;. Weiter kam er nicht. Die Wartenden hatten verstanden. Mehr brauchten sie nicht. F\u00fcr den Moment gab es keine Grenzen.<\/p>\n<p>Die Bilder der dann folgenden Tage und Wochen sind unterdessen gut aufbereitet beim Goethe-Institut oder bei Spiegel-TV zu beziehen. Sonderz\u00fcge, die die Leute von Prag \u00fcber Dresden in den Westen brachten. Freuden- und andere Tr\u00e4nen, winkende Arme aus \u00fcbervollen Reichsbahn-Z\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das alles ist dreizehn Jahre her. Die damals Ausgereisten sind l\u00e4ngst irgendwo angekommen. Ob sie auch dort angekommen sind, wohin sie es sich damals gehofft haben? Wer kann das sagen?<\/p>\n<p>Irgendwo werden sie angekommen sein. Und sie werden weiter unterwegs sein. Durch d\u00fcstere Novembertage, finstere Insolvenzen, durch wirtschaftliche und andere Depressionen.<\/p>\n<p>Im Garten des Palais Lobkovicz hat man dem Freiheitsrausch ein Denkmal gesetzt. Der Tschechische K\u00fcnstler David Cerny hat einen Trabi auf Stelzen gestellt. Der steht dort zum Zeichen, dass Z\u00e4une \u00fcberstiegen und Tore ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist sogar ein Brettspiel mit dem etwas umst\u00e4ndlichen Titel &#8222;Flucht in die deutsche Botschaft in Prag&#8220; auf den Markt gekommen. Spielfiguren sind kleine Plastiktrabis. Mit ihnen muss man die Fallen von Volkspolizisten und Grenzern \u00fcberwinden. Auf dem W\u00fcrfel prangt statt des Sechsers ein Konterfei von Genscher. Wirft man dies, berechtigt es zum direkten Zug ins Ziel. Es hei\u00dft Freiheit.<\/p>\n<p>Man wird nicht leugnen k\u00f6nnen, dass sich manche Hoffnung an der Wirklichkeit zurechtgeschliffen hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Ganz energisch w\u00fcrde ich jedoch leugnen, dass deswegen jene Momente, in denen es keine Grenzen mehr gab, ihren Wert verloren h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Unsere Predigtgeschichte erz\u00e4hlt ihren Moment, in dem es keine Grenzen gibt, nicht au\u00dferhalb all der anderen Geschichten, in die sie m\u00fcndet. Zugleich aber erz\u00e4hlt sie ihn als die Erf\u00fcllung lang gehegter Hoffnungen selbst. &#8222;Tochter Zion, freue dich!&#8220; hatte der Prophet Sacharja ausrufen lassen. Gut f\u00fcnfhundert Jahre lang war die Statik dieser Hoffnung allen erdenklichen Belastungen ausgesetzt. Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem wird der Moment besungen, an dem es keine Grenzen mehr gibt. Er ist da.<\/p>\n<p>\u00dcber die Verse des Advent baut sich die Geschichte von der Geburt an einem scheinbar gottverlassenen Ort auf. Es ist eine andere Geschichte, und doch ist sie mit unserer heutigen verbunden. \u00dcber den Einzug in Jerusalem gelangt Jesu Weg nach Golgatha. Das ist eine andere Geschichte, aber unsere heutige m\u00fcndet in sie ein.<\/p>\n<p>Wo Geschichten weitergehen, f\u00fchren sie durch d\u00fcstere Novembertage, wirtschaftliche und sonstige Depressionen, durch Freuden- und durch andere Tr\u00e4nen. All das vergegenw\u00e4rtigt sich in dem einen Moment, in der Erwartung. Und zugleich hebt dieser Moment sich \u00fcber jeden m\u00f6glichen Fortgang der Geschichte hinaus. So lebt in ihm schon die Ahnung, dass die Geschichte auch in Golgatha nicht enden kann.<\/p>\n<p>Johann Sebastian Bach hat das in einem Choral des Weihnachtsoratoriums ausgedr\u00fcckt. Mit Pauken und Trompeten hat er den Anfang gesetzt. So etwa m\u00fcsste die Begleitmusik zum Einzug Jesu in Jerusalem klingen. Und dann l\u00e4sst Bach den Chor singen: &#8222;Wie soll ich dich empfangen&#8220; &#8211; nicht triumpfal, sondern auf die Melodie von &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220;.<\/p>\n<p>Es sind viele Geschichten, in die unsere Predigtgeschichte m\u00fcndet. In die Weihnachtsgeschichte von der Geburt an scheinbar gottverlassenem Ort und in die Passion. Und sie f\u00fchrt &#8211; wie Menschengeschichten es eben tun &#8211; durch Traurigkeit und Herzeleid. Doch w\u00e4re es am Ende ganz falsch, von dem warmen, tr\u00f6stlichen Licht des Advent zu schweigen, in dem all die anderen Geschichten so gut aufgehoben sind.<\/p>\n<p>Deshalb: Macht hoch die T\u00fcr, die Tor macht weit, \/ eu&#8217;r Herz zum Tempel zubereit&#8216;. \/ Die Zweiglein der Gottseligkeit \/ steckt auf mit Andacht, Lust und Freud; \/ so kommt der K\u00f6nig auch zu euch, \/ ja Heil und Leben mit zugleich. \/ Gelobet sei mein Gott, \/ voll Rat, voll Tat, voll Gnad.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Ulrich Braun<br \/>\nPastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.braun@nikolausberg.de\">eMail: ulrich.braun@nikolausberg.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent, 1. 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