{"id":9277,"date":"2021-02-07T19:49:55","date_gmt":"2021-02-07T19:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9277"},"modified":"2022-08-21T16:16:16","modified_gmt":"2022-08-21T14:16:16","slug":"lukas-1-39-45-46-55-56","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1-39-45-46-55-56\/","title":{"rendered":"Lukas 1, (39-45) 46-55 (56)"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">Lukas 1, (39-45) 46-55 (56)<\/p>\n<p>&#8222;Es preist meine Seele den Herrn,<br \/>\nund es beginnt zu jubeln mein Geist \u00fcber Gott, meinen Retter;<br \/>\ndenn er hat hingeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd.<br \/>\nDenn siehe, von jetzt an werden mich gl\u00fccklich preisen alle Geschlechter;<br \/>\ndenn getan hat Gro\u00dfes an mir der Machtvolle,<br \/>\nund heilig ist sein Name,<br \/>\nund sein Erbarmen (w\u00e4hrt) \u00fcber Geschlechter und Geschlechter<br \/>\nf\u00fcr die, die ihn f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Ausge\u00fcbt hat er Macht mit seinem Arm,<br \/>\nzerstreut hat er \u00dcberhebliche in (ihres) Herzens Sinnen;<br \/>\ngest\u00fcrzt hat er Herrscher von Thronen<br \/>\nund erh\u00f6ht hat er Niedrige,<br \/>\nHungernde hat er gef\u00fcllt mit G\u00fctern<br \/>\nund Reiche weggeschickt als Leere.<br \/>\nEr hat sich angenommen Israels, seines Knechtes,<br \/>\nzu gedenken (seines) Erbarmens,<br \/>\nwie er geredet hat zu unseren V\u00e4tern,<br \/>\ndem Abraham und seinem Samen auf ewig.&#8220;<\/p>\n<p>Der letzte verkaufsoffene Samstag ist \u00fcberstanden.<br \/>\nZeit, noch einmal tief durchzuatmen.<br \/>\nZwei Tage, dann haben wir es wieder geschafft.<\/p>\n<p>4. Sonntag im Advent.<br \/>\nAdvent, Zeit der Erwartungen &#8211; wessen?<\/p>\n<p>Die politische wie soziale Lage im Lande ist schlecht wie seit langem<br \/>\nnicht mehr. Renten- un Krankenversicherung droht ohne grundlegende und<br \/>\neinschneidende Reformen der finanzielle Zusammenbruch. Die \u00f6ffentliche<br \/>\nHand wird immer gieriger, die Steuergesetze daf\u00fcr immer undurchsichtiger.<br \/>\nParteiengez\u00e4nk um Wahlbetrug f\u00fcllt die Medien, obwohl jeder,<br \/>\nder lesen konnte, schon vor der Bundestagswahl wu\u00dfte, wohin der<br \/>\nZug fuhr. Mit Streikdrohungen werden im \u00f6ffentlichen Dienst unrealistische<br \/>\nForderungen gestellt. Gewerkschafter fahren zur morgendlichen Hauptverkehrszeit<br \/>\nihre M\u00fcllwagen &#8211; diese wie der verfahrene Kraftstoff vom Steuerzahler<br \/>\nfinanziert &#8211; durch die Hauptstra\u00dfen N\u00fcrnbergs spazieren und<br \/>\nblockieren f\u00fcr zwei Stunden den Verkehr. Parteienskandale ohne Ende<br \/>\nn\u00e4hren die Politikverdrossenheit der B\u00fcrger. Im Bundestag findet<br \/>\nmehr Wahlkampf als Politik statt. In der Wirtschaft wird Personal abgebaut,<br \/>\nwohin man sieht. Drohungen mit Terroranschl\u00e4gen \u00fcberschatten<br \/>\nden Alltag.<\/p>\n<p>Beim Blick \u00fcber die Grenzen sieht es noch schlimmer aus. Da sagen<br \/>\nNamen schon genug: Israel und die Pal\u00e4stinenser, Irak, Afghanistan,<br \/>\nKaschmir, Nordkorea, Elfenbeink\u00fcste, Kongo, Simbabwe, Argentinien<br \/>\nund und und&#8230;.<\/p>\n<p>Und dann dieses Lied, das der Evangelist Lukas Maria singen l\u00e4\u00dft!<br \/>\nDabei waren die Verh\u00e4ltnisse im damaligen Pal\u00e4stina keineswegs<br \/>\nbesser. In der Zeit, in die uns Lukas versetzt, herrschte Herodes der<br \/>\nGro\u00dfe \u00fcber das Land. Skrupellos und machtbesessen schreckte<br \/>\ner vor nichts zur\u00fcck, wenn er seine Stellung bedroht w\u00e4hnte.<br \/>\nNach ihm bestimmte die r\u00f6mische Besatzungsmacht die Geschicke des<br \/>\nLandes. Brutal griff sie durch, wenn es jemand wagte, gegen sie aufzubegehren.<br \/>\nHinzu kamen Armut und Hungersn\u00f6te, Reiche, die immer reicher wurden,<br \/>\nbetr\u00fcgerische Zollp\u00e4chter und ausbeuterische Gro\u00dfgrundbesitzer,<br \/>\npatriarchalische Familienstrukturen.<\/p>\n<p>Wie kann da eine junge Frau, eher noch ein M\u00e4dchen, solch ein Lied<br \/>\nsingen, das der Christ Lukas in seinem Evangelium das j\u00fcdische M\u00e4dchen<br \/>\nMaria singen l\u00e4\u00dft? Wie kann diese junge Frau, die so kleinen<br \/>\nVerh\u00e4ltnissen entstammte, da\u00df niemand mehr sich an die Namen<br \/>\nihrer Eltern erinnerte und erst eine sp\u00e4tere Legende sie erfinden<br \/>\nmu\u00dfte, wie kann sie solch ein Lied singen?<\/p>\n<p>Es ist ein Lied wie ein Psalm aus dem Alten Testament. Es erinnert an<br \/>\ndas Lied der Hanna im Ersten Buch Samuel, das sie sang, als sie ihr einziges<br \/>\nKind, einen Sohn, geboren hatte.<\/p>\n<p>In der ersten Strophe dankt Maria und preist Gott, den Herrn und Retter,<br \/>\ndaf\u00fcr, da\u00df er sich ihrer, die aus so niedrigen irdischen Verh\u00e4ltnissen<br \/>\nstammte, angenommen hat, da\u00df die &#8222;Frucht ihres Leibes gesegnet&#8220;<br \/>\nist, wie ihre Verwandte Elisabeth zu ihr sagt. Und voller Freude preist<br \/>\nnicht sie sich daf\u00fcr gl\u00fccklich, sondern &#8211; weit in die Zukunft<br \/>\nvorausgreifend &#8211; sieht sie, da\u00df alle kommenden Geschlechter sie<br \/>\ngl\u00fccklich preisen werden wegen des Gro\u00dfen, das Gott an ihr<br \/>\ngetan hat &#8211; als sei ihr etwas Weltbewegendes geschehen.<\/p>\n<p>Pa\u00dft dieser Dank, der so weit ausholt, zu der politischen und sozialen<br \/>\nLandschaft, zu der mutma\u00dflichen Zukunft, in die das Kind, das diese<br \/>\njunge Frau in sich tr\u00e4gt, einmal geboren werden und in der es aufwachsen<br \/>\nwird? Eher nicht.<\/p>\n<p>Doch das Lied ist hier noch nicht zu Ende. Es hat eine zweite Strophe.<br \/>\nIn ihr erklingt ein v\u00f6llig neuer, ganz anderer Ton. In Zeitformen<br \/>\nder Vergangenheit beschreibt das Lied K\u00fcnftiges, als sei es schon<br \/>\neingetreten, schon Gegenwart. Doch hat das nichts mehr mit einer jungen<br \/>\nFrau aus einfachsten Verh\u00e4ltnissen zu tun, sondern mit Revolution,<br \/>\nmit einer v\u00f6lligen Umw\u00e4lzung der bestehenden sozialen und politischen<br \/>\nVerh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Das Lied, in h\u00f6chstem Ma\u00dfe umst\u00fcrzlerisch, verk\u00fcndet<br \/>\nohne Wenn und Aber, da\u00df die ethisch-religi\u00f6sen Ma\u00dfst\u00e4be<br \/>\nnicht mehr stimmen und da\u00df &#8211; gemessen an der Ordnung Gottes &#8211; der<br \/>\npolitisch-soziale Zustand der Welt heillos in Unordnung ist, da\u00df<br \/>\ner genau das Gegenteil ist von allem, was Gott sich gedacht hat &#8211; und<br \/>\nda\u00df Gott dem ein Ende gesetzt hat.<\/p>\n<p>Ein Ende gesetzt? Blicken wir auf unsere ethischen Ma\u00dfst\u00e4be,<br \/>\nauf die heutige politisch-soziale Situation in unserem Land, gar auf die<br \/>\nin vielen L\u00e4ndern jenseits unserer Grenzen, m\u00fcssen wir jedoch<br \/>\nzur Kenntnis nehmen, da\u00df die Revolution, die Umkehr der Werte, von<br \/>\nder Marias Lied singt, offenbar nicht oder zumindest noch nicht stattgefunden<br \/>\nhat.<\/p>\n<p>Nehmen wir unsere ethischen Ma\u00dfst\u00e4be. Zwei Stichworte m\u00f6gen<br \/>\ngen\u00fcgen: Stammzellenforschung und die vom italienischen Mediziner<br \/>\nSeverino Antinori f\u00fcr Januar angek\u00fcndigte Geburt des ersten<br \/>\ngeklonten Kindes. Das menschliche Leben wird zurecht gezimmert und beginnt<br \/>\ndort, wo es opportun und n\u00fctzlich ist. Die Ethik der W\u00fcrde und<br \/>\nder Normen wird durch eine Ethik der Erfolgsinteressen und des Nutzens<br \/>\nersetzt &#8211; und wie schon im Dritten Reich bei der Euthanasie wissenschaftlich<br \/>\nverbr\u00e4mt.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir die politisch-soziale Lage in den Blick. Wo sind bei<br \/>\nuns, wo die Reichen immer reicher werden, je die Reichen leer davon geschickt<br \/>\nworden? Schon Martin Luther sagte, da\u00df es weitaus schwieriger sei,<br \/>\n&#8222;in Reichtum und gro\u00dfen Ehren oder Gewalt ma\u00dfzuhalten<br \/>\nals in Armut, Schanden und Schwachheit&#8220; (Das Magnificat, verdeutscht<br \/>\nund ausgelegt, 1521). Ob die geplanten Steuern auf Spekulations- und Ver\u00e4u\u00dferungsgewinne,<br \/>\nauf Verm\u00f6gen und andere neue oder erh\u00f6hte alte Abgaben dies<br \/>\nbewirken sollen &#8211; und vor allem werden?<\/p>\n<p>Wo sind Niedrige erh\u00f6ht und Herrscher vom Thron gesto\u00dfen worden?<br \/>\nWo hat die Arbeitslosigkeit abgenommen? Sitzen doch die, die Arbeit haben,<br \/>\nauf ihrem je eigenen Thron. Sie wollen ihre Arbeit um keinen Preis mit<br \/>\ndenen teilen, die keine haben. Ja, sie oder die, die sie als ihre Vertreter<br \/>\ngew\u00e4hlt haben, zieren sich zuzulassen, da\u00df andere eine Arbeit<br \/>\nwie die ihre f\u00fcr weniger Geld erledigen d\u00fcrfen, als sie bekommen.<br \/>\nGerechtigkeit kann auch gnadenlos sein &#8211; f\u00fcr die anderen.<\/p>\n<p>Und wenn wir Nahrungsmittel etwa nach Simbabwe liefern, die dann nur<br \/>\nan die Anh\u00e4nger des Diktators Mugabe verteilt werden, wie sollen<br \/>\nda die, die wirklich hungern, mit G\u00fctern gef\u00fcllt werden, wie<br \/>\nMaria singt? Auch barmherzige Hilfe kann t\u00f6dlich sein -f\u00fcr die<br \/>\nanderen.<\/p>\n<p>Und dann bleibt da noch Israel: &#8222;Er hat sich angenommen Israels,<br \/>\nseines Knechtes.&#8220; Wie sagt Martin Luther in seiner Auslegung des<br \/>\nMagnificats? &#8222;Darum sollten wir die Juden nicht so unfreundlich behandeln&#8220;<br \/>\n&#8211; trotz Scharon. Und die Pal\u00e4stinenser trotz Arafat. Zwar f\u00e4hrt<br \/>\ner fort &#8222;Denn es sind noch zuk\u00fcnftige Christen unter ihnen&#8220;,<br \/>\ndoch der Vordersatz gilt uneingeschr\u00e4nkt, auch wenn sie es nicht<br \/>\nwerden.<\/p>\n<p>Nein, die vollendete Zukunft, von der Maria als Gegenwart singt, ist<br \/>\nnoch nicht eingetreten. Es sieht aus, als sei alles noch beim Alten geblieben.<br \/>\nUnd dennoch, in der kommenden K\u00f6nigsherrschaft Gottes werden alle<br \/>\nbisherigen Ma\u00dfst\u00e4be zerbrochen und alle bisherigen Werte entwertet.<br \/>\nDoch wer macht uns dessen gewi\u00df?<\/p>\n<p>Eben dieses Lied. Denn Maria singt von der Zukunft, als sei sie schon<br \/>\ngegenw\u00e4rtig. Sie kann es, weil sie an sich erfahren hat, da\u00df<br \/>\nGott Gro\u00dfes an ihr getan hat. Darum vertraut sie darauf, da\u00df<br \/>\nauch eintreten und vollendet werden wird, was Gott zusagt. Sie verl\u00e4\u00dft<br \/>\nsich nicht einfach darauf, da\u00df Gottes Wort wirkt, was es zusagt.<br \/>\nDenn der, der in seinem Namen gegenw\u00e4rtig ist, ist der zu allen Zeiten<br \/>\nBarmherzige. Und so verbirgt sich der Beginn der Vollendung unter der<br \/>\nFreude einer werdenden Mutter, die Gott f\u00fcr das dankt, was er in<br \/>\nihrem Scho\u00df gewirkt hat.<\/p>\n<p>So sagt es der Evangelist Lukas. Und er wu\u00dfte schon viel mehr,<br \/>\nals Maria wissen konnte. Und wie er, ja noch besser als er, wissen wir,<br \/>\nda\u00df diese Erwartungen mit der Ankunft des Erwarteten eingetroffen<br \/>\nsind &#8211; freilich anders, ganz anders als erwartet. Denn mit der Geburt<br \/>\ndes Kindes, das Maria unter ihrem Herzen tr\u00e4gt und auf dessen Erscheinen<br \/>\nwir im Advent warten, hat die Umkehr der Werte zeichenhaft schon begonnen.<br \/>\nGottes entscheidende Tat ist schon geschehen, auch wenn der \u00e4u\u00dfere<br \/>\nAnschein dagegen spricht.<\/p>\n<p>Advent &#8211; Zeit zu jubeln und sich mit dieser jungen Frau \u00fcber die<br \/>\nanstehende Geburt zu freuen.<\/p>\n<p><b>Dr. Peter Weigandt<br \/>\nJohannisstr. 7<br \/>\n90419 N\u00fcrnberg<br \/>\n0911-958 33 37<br \/>\n<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lukas 1, (39-45) 46-55 (56) &#8222;Es preist meine Seele den Herrn, und es beginnt zu jubeln mein Geist \u00fcber Gott, meinen Retter; denn er hat hingeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd. 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