{"id":9278,"date":"2021-02-07T19:49:46","date_gmt":"2021-02-07T19:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9278"},"modified":"2022-10-01T15:06:44","modified_gmt":"2022-10-01T13:06:44","slug":"matthaeus-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 1"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><b><a href=\"#an\">Anmerkungen<\/a><\/b><\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde in der heiligen Nacht,<\/p>\n<p align=\"left\">1.<br \/>\nGeburtsgeschichten haben ihre eigene Logik und Bedeutung. Die vierj\u00e4hrige<br \/>\nAnna setzt sich zu ihren Eltern und bittet sie: &#8222;Erz\u00e4hlt doch<br \/>\nnoch einmal die Geschichte, wie ihr euch gefreut habt, da\u00df ihr ausgerechnet<br \/>\nmich als Kind bekommen habt.&#8220; Die Eltern kennen das Ritual, es ist<br \/>\nschon viele Male abgelaufen. Die Mutter beginnt zu erz\u00e4hlen, der<br \/>\nVater f\u00e4llt ein und Anna strahlt. Sie kann diese Geschichte immer<br \/>\nwieder h\u00f6ren. Sie handelt davon, da\u00df Anna wichtig ist, um nicht<br \/>\nzu sagen einzigartig. In der Erz\u00e4hlung der Eltern spiegelt sich wider,<br \/>\nda\u00df sie geliebt und gesch\u00e4tzt wird, auch wenn sie hin und wieder<br \/>\neine Kratzb\u00fcrste ist. Sie sch\u00f6pft daraus Vertrauen und Selbstbewu\u00dftsein.<br \/>\nSie hat ihren Platz in der Familie und damit in Welt gefunden. Wer wei\u00df,<br \/>\nwom\u00f6glich sind auch heute Abend Geschichten erz\u00e4hlt worden von<br \/>\nEreignissen, die mit Kindern, Enkeln oder gar Urenkeln zu tun haben, hinrei\u00dfende<br \/>\nund abenteuerliche.<\/p>\n<p align=\"left\">&#8222;Ausgerechnet mich&#8220;, hat Anna gesagt. Geburtsgeschichten<br \/>\nwerden erz\u00e4hlt, um die Bedeutung einer Person herauszustreichen.<br \/>\nEs wird eine Beziehung hergestellt zwischen der Geburt und sp\u00e4teren<br \/>\nkleinen oder gr\u00f6\u00dferen Taten, mitunter auch zu Ereignissen.<br \/>\nDoch nicht historische Einzelheiten sind wichtig, die Person steht im<br \/>\nMittelpunkt. Auf .sie ist alles zugeschnitten.<\/p>\n<p>Am Heiligabend feiern wir die Geburt Jesu Christi, jenes Ereignis, mit<br \/>\ndem eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Es ist das gr\u00f6\u00dfte<br \/>\nFest im Jahr, von den meisten Menschen in unseren Breiten erw\u00fcnscht<br \/>\nund ersehnt. Wir haben die Geburtsgeschichte bereits im Ohr: &#8222;Es<br \/>\nbegab sich aber zu der Zeit, da\u00df ein Gebot von dem Kaiser Augustus<br \/>\nausging, da\u00df alle Welt gesch\u00e4tzt w\u00fcrde&#8230;&#8220; So von<br \/>\nLukas erz\u00e4hlt. Um diese mittern\u00e4chtliche Stunde steht freilich<br \/>\neine andere Version der Geburt Jesu im Vordergrund, die vom Evangelisten<br \/>\nMatth\u00e4us berichtete. Ich lese sie in Ausschnitten vor:<br \/>\n(Matth. 1, 1 + 18 &#8211; 25)<\/p>\n<p>2.<br \/>\nDiese Geburtsgeschichte ist nicht so eing\u00e4ngig erz\u00e4hlt und nicht<br \/>\nso breit dargeboten wie die lukanische, sie ist sachlicher und n\u00fcchterner.<br \/>\nSie bringt dadurch wichtige Dinge auf den Punkt. Der matth\u00e4ische<br \/>\nBericht bietet eine Menge auf, um die Bedeutung dieses Jesus zu unterstreichen.<br \/>\nEin ganzer Stammbaum wird vorgetragen, von Abraham bis zu Josef; von einem<br \/>\nTraum mit einer Engelserscheinung wird berichtet und die Namensgebung<br \/>\nspielt eine hervor gehobene Rolle.<\/p>\n<p>Josef ist in diesem Bericht die handelnde Person. Er \u00fcberlegt sich,<br \/>\nob er Maria heimlich verlassen soll, als er ihre Schwangerschaft bemerkt.<br \/>\nAuf heute \u00fcbertragen: Es gibt manchen modernen Josef, der aus der<br \/>\nFamilie abhaut oder auch weggeschickt wird, und sei es wenige Tage vor<br \/>\nWeihnachten, dann wenn der Erwartungsdruck besonders gro\u00df ist. Es<br \/>\nsieht so aus, als sei auch die heilige Familie durchaus keine heile gewesen.<br \/>\nBleibt eine allein erziehende Maria zur\u00fcck? Da sei Gott vor!<\/p>\n<p>Er ist in dieser Geschichte l\u00e4ngst im Spiel. Das Matth\u00e4usevangelium<br \/>\ngeht selbstverst\u00e4ndlich davon aus, da\u00df Gottes Geist von Anfang<br \/>\nan in diesem Jesus war. Ob die Jungfrauengeburt uns hilft, dies besser<br \/>\nzu verstehen, darf bezweifelt werden. In der Antike war sie eine gel\u00e4ufige<br \/>\nVorstellung, die durchaus akzeptiert war. Aber heute? &#8222;Gott ist im<br \/>\nFleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?&#8220;, hei\u00dft es bereits<br \/>\nin einem Weihnachtslied von 1731. Da\u00df Gott Mensch wird, ist die<br \/>\nungeheuerliche und zugleich wunderbare Aussage der Weihnacht. Uns zugute<br \/>\ngeschieht dies. Wir werden so sehr wertgesch\u00e4tzt, da\u00df Gott<br \/>\neiner von uns wird. Ausgerechnet von uns, die wir st\u00e4ndig zwischen<br \/>\nGutem und B\u00f6sen schwanken und der S\u00fcnde l\u00e4ngst erlegen<br \/>\nsind.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nJosef mu\u00df dies auch erst begreifen. Durch einen Boten, auch Engel<br \/>\ngenannt, der ihm im Traum erscheint. Erst da geht ihm ein Licht auf. Ein<br \/>\nganzer Kronleuchter. Wenn Gott Mensch wird, sprengt das die \u00fcblichen<br \/>\nMa\u00dfst\u00e4be.<\/p>\n<p>Er hat nun nicht mehr die Neigung, Maria heimlich zu verlassen. Er bleibt,<br \/>\nwo er ist, an ihrer Seite. Als das Kind geboren ist, schreitet er zur<br \/>\nTat: Er gibt ihm einen Namen. Er mu\u00df nicht lange \u00fcberlegen,<br \/>\nwie er hei\u00dfen soll. Wie das bei jungen Eltern heutzutage ist. Namen<br \/>\nsind eben nicht Schall und Rauch, sie sagen viel \u00fcber das Kind und<br \/>\nwom\u00f6glich noch mehr \u00fcber Mutter und Vater aus. Hat er einen<br \/>\nguten Klang? Pa\u00dft er zu unserer Familie oder wollen wir darauf keine<br \/>\nR\u00fccksicht nehmen? Mit wem m\u00f6chte wir uns identifizieren? Es<br \/>\nkann auch sein, da\u00df der ausgesuchte Namen in letzter Minute verworfen<br \/>\nwird. Mein Vater hat, so erz\u00e4hlt die Familienm\u00e4r, auf dem Weg<br \/>\nzum Standesamt meinen bereits festgelegten Namen von sich aus noch ge\u00e4ndert.<br \/>\nDa habe ich nun die Bescherung, eine, die mir durchaus gef\u00e4llt. Joseph<br \/>\nbrauchte sich solche \u00dcberlegungen nicht zu machen. Der Name des Erstgeborenen<br \/>\nstand fest: Jesus. Oder aram\u00e4isch ausgesprochen: Jeschua. Was bedeutet:<br \/>\nEr ist meine Hilfe und mein Heil. Oder auch was Josef als Begr\u00fcndung<br \/>\ngesagt bekommt: &#8222;Er wird sein Volk erretten von ihren S\u00fcnden.&#8220;<br \/>\nDer Name ist Programm.<\/p>\n<p>Der Evangelist Matth\u00e4us f\u00fcgt ein Zitat aus dem Propheten Jesaja<br \/>\nhinzu: &#8222;Siehe, eine junge Frau wird schwanger sein und einen Sohn<br \/>\ngeb\u00e4ren, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben.&#8220; Das hei\u00dft<br \/>\n\u00fcbersetzt. Gott mit uns. In diesem soeben geborenen Kind ist Gott<br \/>\nmit uns.<\/p>\n<p>Eine ungemein tr\u00f6stliche Aussage, die jetzt gilt und k\u00fcnftig.<br \/>\n&#8222;Ich werde da sein.&#8220; Auch wenn du es nicht gleich merkst. Du<br \/>\nwirst meine N\u00e4he erfahren. Dies steht im ersten Kapitel des Matth\u00e4us-Evangeliums.<br \/>\nIm letzten wird es wieder aufgegriffen. &#8222;Siehe, ich bin bei euch<br \/>\nalle Tage bis an der Welt Ende.&#8220;<\/p>\n<p>4.<br \/>\nDer Geburtsgeschichte ist bei Matth\u00e4us ein langer Stammbaum vorgeschaltet.<br \/>\nWarum? Heutzutage ist es un\u00fcblich geworden, in langen Familientraditionen<br \/>\nzu denken. Bei Anzeigen in der Zeitung sind oft nur Vornamen erw\u00e4hnt.<br \/>\nAls sei die Sippe nicht von Belang. Es wird etwas ver\u00f6ffentlicht<br \/>\nund zugleich versteckt. Ein merkw\u00fcrdiger Widerspruch. Sind wir nomadisierende<br \/>\nIndividualisten?<\/p>\n<p>Matth\u00e4us stellt Jesus in eine lange Reihe von Generationen, gegliedert<br \/>\nin dreimal vierzehn, also 42 Generationen. Wozu dies? Jesus wird in eine<br \/>\nGeschichte voller Verhei\u00dfungen gestellt. \u00dcber 1000 Jahre hinweg<br \/>\nwird der Bogen zu ihm geschlagen. David wird erw\u00e4hnt, jener K\u00f6nig,<br \/>\nder die Messiasvorstellung aus sich heraus gesetzt hat. &#8222;Hosianna,<br \/>\nDavids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!&#8220; Jesus wird selbstverst\u00e4ndlich<br \/>\nin die Geschichte seines Volkes eingeordnet. Abraham wird genannt, er<br \/>\nsteht im Stammbaum ganz am Anfang, jener Erzvater, von dem es hei\u00dft,<br \/>\nda\u00df in ihm alle Geschlechter auf Erden gesegnet sein sollen. Hier<br \/>\nwird \u00fcber Israel hinaus der Blick auf alle V\u00f6lker gerichtet.<br \/>\nIn einem Weihnachtslied ist dies aufgegriffen: &#8222;Welt ging verloren,<br \/>\nChrist ist geboren&#8220;.<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit: In diesem Stammbaum, in dem fast nur Namen<br \/>\nvon M\u00e4nnern stehen, sind neben Maria vier weitere Frauen aufgenommen<br \/>\nworden. Auff\u00e4llig ist, da\u00df sie alle Ausl\u00e4nderinnen waren.<br \/>\nDas Weltweite und Weltl\u00e4ufige wird hierdurch unterstrichen. Zugleich<br \/>\nwird damit herausgestellt, da\u00df Frauen in der Verhei\u00dfungsgeschichte<br \/>\neine tragende Rolle haben. Damit sind wir bei Maria angekommen. Welche<br \/>\nBedeutung hat sie f\u00fcr uns, f\u00fcr evangelische Christinnen und<br \/>\nChristen?<\/p>\n<p>5.<br \/>\nLassen Sie mich abschlie\u00dfend eine Episode erz\u00e4hlen, die sich<br \/>\nin diesem Sommer zugetragen hat, und zwar in Grimma, der malerischen s\u00e4chsischen<br \/>\nStadt an der Mulde. W\u00e4hrend der Flut. Die Familie Seidel war in diese<br \/>\nStadt gezogen. In der alten Wohnung hatten sie auf der Tiefk\u00fchltruhe<br \/>\nihren kleinen Hausaltar eingerichtet, mit einer Madonna, eine Elle lang,<br \/>\nwei\u00df und gold. &#8222;Stellen Sie sich vor&#8220;, erz\u00e4hlt die<br \/>\nFrau, &#8222;kommt doch pl\u00f6tzlich auf dem Wasser die Tiefk\u00fchltruhe<br \/>\nmit der Madonna angeschwommen!&#8220; Die Truhe war Schrott und nicht mehr<br \/>\nzu gebrauchen. Die Madonna haben sie mitnehmen k\u00f6nnen in eine schlichte,<br \/>\nzu DDR-Zeiten errichtete Neubauwohnung. Da sieht man, was \u00fcber den<br \/>\nTag hinaus Bestand hat und was nicht untergehen darf. Die Madonna ist<br \/>\nnat\u00fcrlich Maria, die Mutter Jesu. Wenn wir glauben, da\u00df in<br \/>\nJesus Gott Mensch geworden ist, k\u00f6nnen wir sie auch Mutter Gottes<br \/>\nnennen. Wir Protestanten werden sie nicht an die Stelle Jesu setzen und<br \/>\nauch nicht zu ihr beten. Aber sie in Ehren zu halten, steht uns wohl an.<br \/>\nGerade in der Heiligen Nacht. Und Lieder zu singen, in denen sie genannt<br \/>\nist:<\/p>\n<p>&#8222;Den aller Welt Kreis nie beschlo\u00df, der liegt jetzt in Marien<br \/>\nScho\u00df;<br \/>\ner ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erh\u00e4lt allein. Kyrieleis.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p align=\"left\"><b><a name=\"an\"><\/a>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>1. Ich entscheide mich daf\u00fcr, \u00fcber den ganzen Abschnitt (Matth.<br \/>\n1,1-25) zu predigen, ohne ihn ganz zu verlesen. Die matth\u00e4ische Fassung<br \/>\nder Geburt Jesu hat in Form und Inhalt einen eigenen Zuschnitt, der es<br \/>\nverdient nachgezeichnet zu werden.<\/p>\n<p>2. Geburtsgeschichten sind eine eigene Gattung, von der Antike bis zur<br \/>\nGegenwart, auch wenn sie sehr verschieden ausfallen k\u00f6nnen, wie man<br \/>\nan Matth\u00e4us 1 im Vergleich zu Lukas 2 unschwer erkennen kann. Die<br \/>\nBesonderheit der Geburtsgeschichte versuche ich an einem heutigen Beispiel<br \/>\ndarzustellen und steige gleich damit ein, um so einen Schl\u00fcssel f\u00fcr<br \/>\ndie Entfaltung des Predigttextes zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Dr. Hinrich Bu\u00df<br \/>\nLandessuperintendent i. R.<br \/>\n37075 G\u00f6ttingen<br \/>\nLudwig-Beck-Stra\u00dfe 4<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen Liebe Gemeinde in der heiligen Nacht, 1. 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