{"id":9284,"date":"2021-02-07T19:49:51","date_gmt":"2021-02-07T19:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9284"},"modified":"2022-09-15T11:38:19","modified_gmt":"2022-09-15T09:38:19","slug":"lukas-2-1-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-1-20-2\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 1-20"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Christnacht<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 24. Dezember 2002<br \/>\nLukas 2, 1-20, verfa\u00dft von Dietz Lange<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge&#8220;. So begr\u00fcndet die Weihnachtsgeschichte den Umstand, dass Jesus in einem Stall zur Welt gekommen sei und in eine Futterkrippe gebettet wurde. Was steckt eigentlich dahinter? Oft ist zu h\u00f6ren oder zu lesen, Maria und Josef seien schrecklich arm gewesen, deshalb h\u00e4tten sie sich bei den Vermietern in Bethlehem nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Und dann diese harte Krippe &#8211; das arme Kind! Man m\u00fcsste deshalb tiefes Mitleid mit Jesus haben. Dieses Mitleid mit Jesus hat im Lauf der Jahrhunderte dazu gef\u00fchrt, dass viele Weihnachtskrippen in deutschen Wohnzimmern heute richtig kuschelig geworden sind &#8211; so kuschelig, so friedlich und sanft beleuchtet, dass man am liebsten sein eigenes Baby auch so betten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber das ist ein tiefes Missverst\u00e4ndnis. Josef war Zimmermann. Das war damals wie heute ein ehrenwerter Beruf. Dabei wurde man zwar nicht reich, aber man hatte sein Auskommen. Arm war Josef also nicht. Und ob die Krippe hart zum Liegen war oder gut mit Heu gepolstert, ob es in dem Stall kalt und zugig war oder ob es einen Ofen gab, all das war dem alten Erz\u00e4hler der Weihnachtsgeschichte v\u00f6llig gleichg\u00fcltig. Er h\u00e4tte solche \u00dcberlegungen f\u00fcr ziemlich sentimental gehalten. Typisch verw\u00f6hnte Europ\u00e4er im 21. Jahrhundert, w\u00fcrde er heute wohl sagen. Die wollen Jesus einen Platz in ihrem gem\u00fctlichen Wohnzimmer g\u00f6nnen. Warum nur? Schlechtes Gewissen, weil er im \u00fcbrigen Jahr allenfalls an den Sonntagen mal vorgekommen ist? Sie haben halt normalerweise auch keinen Platz f\u00fcr ihn in ihrer Herberge! Oder ist es eher deshalb, weil sie ihn auf dem engen Platz unter dem Tannenbaum so gut unter Kontrolle haben?<\/p>\n<p>Vielleicht ist das ungerecht. Ganz vielen Menschen heute ist Jesus und mit ihm auch Gott selbst einfach irgendwie abhanden gekommen. Diese Leute &#8211; und vielleicht auch manche von uns &#8211; w\u00fcrden ihn ja gerne angemessen unterbringen. Aber er ist anscheinend so weit weg, dass man ratlos ist, wie man das denn machen soll. Vor ein paar Tagen war ich in einem Spielwarengesch\u00e4ft, wo ich noch rasch ein Geschenk f\u00fcr meinen Enkel kaufen wollte. Die \u00fcbliche s\u00fc\u00dfliche Musik, mit der man die Kunden und so auch mich in Kaufrausch versetzen wollte. Dann gab es eine Unterbrechung, und eine freundliche, einschmeichelnde M\u00e4nnerstimme im Lautsprecher regte an, dass wir doch einmal an die Geschichte von Weihnachten denken sollten. Da hat der Pastor in mir nat\u00fcrlich sofort die Ohren gespitzt. Und was war die &#8222;Geschichte von Weihnachten&#8220;? Wie es doch vor 50 Jahren bei Uroma und Uropa so gem\u00fctlich war beim sch\u00f6n geschm\u00fcckten Tannenbaum und mit all den netten Menschen. So sollten wir es uns doch auch wieder machen. Keine Spur davon, dass Weihnachten vielleicht mit einem Mann namens Jesus etwas zu tun haben k\u00f6nnte. M\u00f6glicherweise wusste der freundliche Sprecher das gar nicht.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das gar nicht so neu. &#8222;Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge&#8220;, haben wir eben in der Weihnachtsgeschichte geh\u00f6rt. F\u00fcr den verhei\u00dfenen Nachkommen Davids, wie man damals sagte; ja mehr noch: f\u00fcr diesen Jesus, der Gott in sich trug, der den Leuten Gott nahe bringen wollte, f\u00fcr den gab es keinen Platz, zumindest nicht im Mittelpunkt des Geschehens. Das ist der Punkt, auf den es der Weihnachtsgeschichte ankommt! Das Kind, von dem sie spricht, zog sp\u00e4ter als erwachsener Mann als einfacher Wanderprediger in jenem abgelegenen Teil des r\u00f6mischen Reiches von Dorf zu Dorf. In schlichten, aber einpr\u00e4gsamen Bildern versprach er gerade den Erfolglosen und gesellschaftlich Ge\u00e4chteten Gottes N\u00e4he. Ihm sollten sie all ihre berechtigte Sorge anvertrauen. Menschen, die ihr Leben verpfuscht hatten, sagte Jesus zu, Gott werde ihnen vergeben und ihnen so einen neuen Anfang erm\u00f6glichen. Sie brauchten nur ihren Stolz hintanzusetzen und das anzunehmen. Aber f\u00fcr die damals ma\u00dfgeblichen Leute im alten Israel passte das nicht in ihre religi\u00f6sen Schablonen. Gott m\u00fcsste doch mit einem m\u00e4chtigen und un\u00fcbersehbaren Befreiungsschlag alles B\u00f6se in der Welt vernichten, wenn er die Menschen erl\u00f6sen will. Und schuldig Gewordenen ohne jede Vorbedingung im Namen Gottes Vergebung zuzusprechen, das sei doch eine unerh\u00f6rte Anma\u00dfung und widerspreche auch jedem Gef\u00fchl f\u00fcr menschlichen Anstand, meinten sie.<\/p>\n<p>So wie Jesus damals nicht in die religi\u00f6se Welt hineinpasste, so passt er heute nicht in die Welt des Weihnachtsgesch\u00e4fts und der Unterhaltungsindustrie. Was h\u00e4tten die Kunden in dem Spielzeuggesch\u00e4ft wohl gesagt, wenn der freundliche Mann sie an Jesus erinnert h\u00e4tte? Wenn sie es denn \u00fcberhaupt geh\u00f6rt h\u00e4tten&#8230;<\/p>\n<p>Nun hat aber Gott damals durch das Wirken Jesu tats\u00e4chlich Menschen im Innersten ber\u00fchrt. Die Weihnachtsgeschichte dr\u00fcckt das so aus, dass sie von einem Engel spricht, der den Hirten erschienen sei. Ein Engel ist kein merkw\u00fcrdiges rosa Fl\u00fcgelwesen, sondern Symbol f\u00fcr die Ehrfurcht gebietende Gegenwart Gottes. Und die Hirten sind nicht die hochgebildeten Sch\u00e4fer, die uns etwa die Dichtung des 18. Jahrhunderts vorstellt. Das ist pure Phantasie der damals gesellschaftlich herrschenden Schicht. Die Hirten der Weihnachtsgeschichte sind ganz normale, hart arbeitende Menschen. Die werden von Gott angesprochen, und nicht die hohen Herren. Von diesen Hirten wird erz\u00e4hlt, dass sie spontan begriffen h\u00e4tten: Was wir da geh\u00f6rt haben, das wird unser ganzes Leben ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Nun sind freilich wir heute abend in dieser Kirche allesamt keine Hirten auf dem Felde. Vielleicht meinen wir auch, dass wir nicht so leicht zu beeindrucken sind wie die Hirten damals. Schlie\u00dflich leben wir ja in einer aufgekl\u00e4rten Zeit und k\u00f6nnen mit komplizierten technischen Produkten wie Autos oder Computern umgehen. Von denen lie\u00dfen sich diese schlichten Gem\u00fcter damals ja noch nichts tr\u00e4umen. Und was w\u00e4re, wenn die ganze Weihnachtsgeschichte am Ende nur eine wundersch\u00f6ne Legende w\u00e4re?<\/p>\n<p>Nichts w\u00e4re dann anders, liebe Gemeinde. Warum sollen denn Legenden nicht wahr sein k\u00f6nnen? Mit der ihm \u00fcberlieferten Weihnachtsgeschichte will der Evangelist Lukas uns auf das vorbereiten, was er sp\u00e4ter \u00fcber Jesu Auftreten als Prediger in Pal\u00e4stina zu berichten hat. Und das geht uns nach wie vor etwas an. Daran h\u00e4ngt nicht weniger als die ganze Richtung unseres t\u00e4glichen Lebens.<\/p>\n<p>Das steckt in den ber\u00fchmten Worten des Engels: &#8222;Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr&#8220;? Heiland hei\u00dft Retter. Wovor rettet er uns? Um zwei Dinge geht es da. Einmal, wie Jesus in einer seiner Predigten gesagt hat: &#8222;Macht euch keine Sorgen, was ihr morgen zu essen oder zum Anziehen haben werdet.&#8220; Nicht dass Gott unsere Sorgen nicht ernst n\u00e4hme. Klar, dass man sich Sorgen macht, wenn die K\u00fcndigung und damit die Arbeitslosigkeit droht. Verst\u00e4ndlich auch, dass viele von uns Angst vor Terroranschl\u00e4gen in Deutschland haben, besonders wenn es tats\u00e4chlich zu einem Krieg mit dem Irak kommen sollte. Aber, so fuhr Jesus damals fort: &#8222;Gott wei\u00df schon, was ihr braucht.&#8220; Er hat das nicht nur so dahergeredet, sondern er stand selbst daf\u00fcr gerade; schlie\u00dflich wusste er auf seinen Wanderungen nicht, ob er am n\u00e4chsten Tag etwas zu essen bekommen w\u00fcrde. Darum kann er auch zu uns heute glaubhaft sprechen. Letztlich k\u00f6nnen wir tats\u00e4chlich alle unsere Sorgen Gott anheim stellen. Wir k\u00f6nnen uns darauf verlassen, dass er uns nicht im Stich l\u00e4sst, obwohl es manchmal sehr danach aussieht. Das hilft die Angst zu \u00fcberwinden, auch wenn der Anlass daf\u00fcr noch lange nicht verschwunden ist.<\/p>\n<p>Das Zweite, was das Wort Retter bedeutet, ist mindestens genauso wichtig. Weihnachten ist eine Zeit, wo wir Gelegenheit haben, zur Ruhe zu kommen. Da geht uns schon einmal die Frage durch den Kopf, was denn das Leben, das wir so f\u00fchren, eigentlich taugt. Ist die Zwischenbilanz, die da zu ziehen w\u00e4re, nicht trotz all der Arbeit erschreckend d\u00fcrftig? Habe ich nicht allzu oft den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Ob ich regelm\u00e4\u00dfig in die Kirche gehe oder nicht, spielt daf\u00fcr gar keine Rolle. Vielleicht habe ich auch einem anderen Menschen erst vor kurzem ein kaum wieder gutzumachendes Unrecht angetan? Gerade am Heiligen Abend passiert das nur allzu leicht. Wir spannen ja unsere Erwartungen an ein harmonisches Fest oft so wahnwitzig hoch, dass die Entt\u00e4uschung schon programmiert ist. Jesus sagt heute Abend dazu: &#8222;Gott will euch vergeben. Dann ist die Pattsituation behoben, wo keiner sich vorw\u00e4rts oder r\u00fcckw\u00e4rts bewegen kann. Denn Ihr k\u00f6nnt euch daraufhin auch gegenseitig verzeihen.&#8220; So etwas steht nicht morgen in der Zeitung, wie zum Beispiel die Abwendung eines Streiks. Aber solche unauff\u00e4lligen Dinge sind das, wovon wir leben.<\/p>\n<p>Jetzt wird auch verst\u00e4ndlich, warum die Weihnachtsgeschichte berichtet, die Hirten h\u00e4tten alles stehen und liegen gelassen, um nach Bethlehem zu gehen. Wenn Gott durch Jesus zu uns spricht und uns innerlich ergreift, dann bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als uns ohne Reserve darauf einzulassen und unser ganzes weiteres Leben danach einzurichten. Ob so etwas heute Abend einer oder einem von Ihnen geschieht, das hat ein Prediger nicht in der Hand. Aber ich w\u00fcnsche es uns allen. Daf\u00fcr ist das Weihnachtsfest da.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\nPlatz der G\u00f6ttinger Sieben 2<br \/>\n37073 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel. 0551 \/ 75455<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christnacht, 24. Dezember 2002 Lukas 2, 1-20, verfa\u00dft von Dietz Lange Liebe Gemeinde! &#8222;Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge&#8220;. So begr\u00fcndet die Weihnachtsgeschichte den Umstand, dass Jesus in einem Stall zur Welt gekommen sei und in eine Futterkrippe gebettet wurde. Was steckt eigentlich dahinter? 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