{"id":9292,"date":"2021-02-07T19:49:49","date_gmt":"2021-02-07T19:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9292"},"modified":"2022-09-16T09:55:24","modified_gmt":"2022-09-16T07:55:24","slug":"lukas-2-15-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-15-20\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 15-20"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">1. Weihnachtstag<\/span><span style=\"color: #000099;\">, 25. Dezember 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Lukas 2, 15-20, verfa\u00dft von Eberhard Busch<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\">\n<p align=\"left\">Der j\u00fcdische Schriftsteller Isaac Singer erz\u00e4hlt eine Legende, die in der Zeit des Chanukka-Festes spielt. In Erinnerung an die einstige Reinigung des Tempels vom G\u00f6tzendienst z\u00fcnden Juden dabei eine Kerze an: ein Licht in Erwartung des Herbeikommens Gottes, mit dem die Erde vom B\u00f6sen gereinigt und der Jammer in Freude verwandelt wird.<\/p>\n<p align=\"left\">Es war zur Zeit dieses Festes. Drau\u00dfen war es dunkel. Ein Schreckenssturm tobte. Eine Nacht, in der der Teufel los war. Drau\u00dfen hatte sich ein Kind verirrt, wurde von dem Orkan gebeutelt, von Regeng\u00fcssen durchpeitscht. Es wu\u00dfte nicht ein noch aus. Und der Teufel wollte es haben. Doch &#8211; wie Isaac Singer sagt &#8211; so geschickt der Teufel ist, einen Fehler macht er immer. Er rechnete nicht damit, da\u00df Chanukka ist. Einen Spalt breit war eine T\u00fcre offen. Dadurch schimmerte das Licht. Das Kind sah es und eilte dorthin. Der B\u00f6se hinter ihm her. Aber das Kind war vor ihm beim Licht und warf hinter sich die T\u00fcre zu. Da hatte es beim Zuschlagen dem B\u00f6sewicht den Schwanz eingeklemmt, und flugs nahm das Kind die Kerze, versengte ihm den Schwanz und rief keck nach drau\u00dfen: &#8222;Einen Denkzettel mu\u00dft du einmal haben.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Gleichnis f\u00fcr &#8222;die Geschichte, die da geschehen ist&#8220; &#8211; an der Weihnacht, im Stall von Bethlehem: Da ist ein Licht angez\u00fcndet worden: ein Licht sondergleichen, &#8222;das leucht&#8216; wohl mitten in der Nacht&#8220;, das &#8222;vertreibt mit seinem hellen Scheine die Finsternis&#8220;. Und die es sehen, denen wird es gehen gleichsam wie jenem Kind, &#8211; wie den Hirten. Die kommen eilend, rennen wie um ihr Leben, kommen von drau\u00dfen nach drinnen, aus dem Dunkel ans Licht, aus der Todesgefahr zum Leben, kommen, um sie zu finden: Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe.<\/p>\n<p>Man mu\u00df in diesem Fall sehr Obacht geben. Denn es gibt da drau\u00dfen auch Blendwerke, Strohfeuer, Trugbilder, Fata Morganas, Irrlichter, voll gl\u00e4nzendem Anschein, und locken uns doch nur auf Abwege, vorbei an dem rettenden Licht, weg von ihm. Dagegen ist der Ort, an dem das eine, gute Licht zu finden ist, seltsam unscheinbar, liegt abseits, liegt im Schatten, so da\u00df man den Ort leicht \u00fcbersehen und verfehlen kann.<\/p>\n<p>Die Hirten h\u00e4tten die Krippe auch nicht gefunden &#8211; wenn es nicht die Geschichte g\u00e4be, &#8222;die uns der Herr kundgetan hat&#8220;. Gott hat extra Boten gesandt, seine Engel, seine Apostel. Durch ihren Mund gibt er uns die Geschichte kund, &#8222;die da geschehen ist&#8220;. Ohne ihr Gotteswort liefen wir orientierungslos herum im Geflunker der Irrlichter oder tappten im Dunkeln. Und erst recht w\u00e4ren wir ohne Orientierung, wenn dann allzu Schlaue eines Tages das Licht von Bethlehem ausgeben wollten als auch nur eines in der Kette jener Irrlichter. Aber h\u00f6ren wir die Botschaft der Boten, dann sagen sie uns: Blickt, ja, geht, ja eilt dorthin!<\/p>\n<p>Was finden wir dort, drinnen im Stall von Bethlehem, bei &#8222;Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe&#8220;? Was sehen wir da? Einen w\u00fcsten Stall, \u00fcber dem der Stern der Erl\u00f6sung steht. Im Allerunscheinbarsten der denkbar hellste Schein. Im tiefsten Dunkel &#8222;die goldene Sonne voll Freud und Wonne&#8220;. Beides l\u00e4\u00dft sich gar nicht voneinander trennen. Denn das ist das Geheimnis des Kindes in der Krippe: &#8222;Und sie werden seinen Namen Immanuel nennen, das hei\u00dft auf deutsch: Gott mit uns&#8220;.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Gott setzt sich an der Weihnacht unserem Dunkel aus, unserer Bedrohtheit, unserer Fremde und Verirrung. Darum die Nacht in der Geschichte, die da geschehen ist. Aber darum nun auch kein Dunkel, keine Bedrohung und Verirrung, in der Gott nicht bei uns ist. Und darum das Licht in der selben Geschichte: &#8222;es leucht&#8216; wohl mitten in der Nacht&#8220;. Gott mit uns! Wie sollten wir nicht dorthin blicken, dorthin eilen, vielleicht stolpernd oder keuchend, aber dorthin, um in den Lichtkreis zu kommen, um hier aufzuatmen, aufzustehen, aufzuleben. Im Lichtkreis dieser Wahrheit: Gott mit uns! In ihrem Lichtkreis sind wir wie in einem Schutzraum, wie von m\u00fctterlichen Armen umfangen, drinnen und nicht mehr drau\u00dfen, geborgen und nicht mehr umhergetrieben, im Frieden und nicht mehr allein gelassen. Zuflucht, Asyl brauchen wir alle. Und hier ist es, was wir brauchen. &#8222;Unter deinen Schirmen bin ich von den St\u00fcrmen aller Feinde frei. La\u00df von Ungewittern rings die Welt erzittern, mir steht Jesus bei&#8220; &#8211; der, der das Licht der Welt ist, weil er der Immanuel ist: der Gott mit uns.<\/p>\n<p>Aber da sind noch so viele drau\u00dfen, im Dunkel, wohl hin und her eilend zwischen den Irrlichtern, die jetzt da und jetzt dort aufblitzen und dann wieder verl\u00f6schen, so da\u00df es dann dunkler ist als zuvor. Drau\u00dfen sind sie, drau\u00dfen vor der T\u00fcr. Aber an der Weihnacht t\u00f6nt es laut von fern und nah: &#8222;Heut schlie\u00dft er wieder auf die T\u00fcr.&#8220; Einen Spalt breit? Nein, mehr als das: Sie steht nun sperrangelweit offen.<\/p>\n<p>Weihnacht ist kein Privatvergn\u00fcgen f\u00fcr die, die es geschafft haben, einen Platz an der Sonne zu finden. An Weihnachten wird es hell gerade f\u00fcr die, die drau\u00dfen sind, damit sie Obdach finden, zu dem sie hineilen k\u00f6nnen. Es ist da f\u00fcr sie, die es friert, damit es ihnen warm wird, die mit den Tr\u00e4nen zu k\u00e4mpfen haben, damit sie aufgeheitert werden, f\u00fcr die Hungrigen, damit sie bekommen, was sie brauchen, f\u00fcr sie, die im Streit verhakt sind, damit Friede auf Erden werde, die Gewalt \u00fcben und Gewalt erleiden, damit Gerechtigkeit aufgerichtet werde. Der Gott, der mit uns ist, ist auch mit ihnen. Er verbindet uns mit ihnen. Denken wir in dieser Stunde an sie!<\/p>\n<p>Es hei\u00dft von den Hirten, die an der Krippe waren: &#8222;sie breiteten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war&#8220;. Man h\u00f6rt, da\u00df gerade an Weihnachten so viele leider nicht fr\u00f6hlich sind, vielmehr an Schwermut kranken, an Einsamkeit, am Gef\u00fchl der Leere und sogar der Bitterkeit, Menschen, die derart leiden, da\u00df sie ihr Leben leid sind. Es kommt sie in dieser Zeit die gro\u00dfe Sehnsucht an &#8211; wonach? nach Erf\u00fcllung, nach N\u00e4he, nach Frieden, nach Freude, nach Liebe, die Sehnsucht nach etwas, was ihnen verwehrt ist. Beten wir f\u00fcr sie! &#8211; da\u00df Gott mit ihnen sei, da\u00df dieses Licht ihnen leuchte, so da\u00df die Finsternis von ihnen weicht. Und vielleicht sind wir denen dann Boten und Botinnen und richten einigen einen freundlichen Gru\u00df aus: &#8222;Siehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude.&#8220;<\/p>\n<p>Ich traf vor einiger Zeit im Zug einen \u00e4lteren, drahtigen Herrn, der unterwegs war nach Vietnam. Er will dort \u00fcber Weihnachten, was er offenbar fachm\u00e4nnisch kann, Bomben aus dem einstigen Krieg entsch\u00e4rfen, weil sie immer noch die Menschen dort bedrohen. Man kann fabelhafte Einf\u00e4lle haben, um die gro\u00dfe Freude zu verk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Freude? Gro\u00dfe Freude? Wer hat die schon? &#8222;Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil&#8220;, sagt Friedrich Schiller. Und auch Jesus sagt: &#8222;In der Welt habt ihr Angst.&#8220; Oft ist es nur Blindheit und Torheit, wenn man keine Angst hat: vor den Fluten, die einen wegrei\u00dfen wollen, vor den D\u00fcrrezeiten, die uns verdursten lassen k\u00f6nnen, vor dem Beben, das den Boden wanken macht unter unseren F\u00fc\u00dfen, vor den Ausbr\u00fcchen, die uns zu versch\u00fctten drohen. Da sind wir alle immer wieder drau\u00dfen in der Finsternis und nicht drinnen beim Licht, bedroht und nicht geborgen, schwankend und nicht aufrecht. Eben, wir sind im Innersten alle Asylsuchende. Doch Jesus f\u00e4hrt fort: &#8222;Aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden.&#8220; Und verstehen wir das jetzt so: Dieselbe T\u00fcre, die best\u00e4ndig weit offen steht, so da\u00df wir hineilen d\u00fcrfen, hin zu dem mit Namen &#8222;Immanuel, Gott mit uns&#8220;, hin zu dem, der tr\u00f6stet, wie einen eine Mutter tr\u00f6stet &#8211; dieselbe offene T\u00fcr ist wunderbarerweise zugleich eine vollkommen verschlossene T\u00fcre, verschlossen f\u00fcr all die \u00fcblen M\u00e4chte, die uns zu stark sind. Hier m\u00fcssen sie drau\u00dfen bleiben und k\u00f6nnen nicht eindringen. Hier kommt die L\u00fcge mit ihren kurzen Beinen nicht hin. Hier hat sie nichts zu sagen.<\/p>\n<p>Gott ist mit uns &#8211; darum ist er gegen diese \u00fcblen M\u00e4chte. In seiner N\u00e4he haben sie nichts zu suchen &#8211; darum auch nicht mehr in unserer N\u00e4he. Gott mit uns &#8211; ein Tropfen dieser Wahrheit ist mehr als ein Ozean von Wirklichkeit, die dieser Wahrheit widerstreitet. Gott mit uns &#8211; das lassen wir jetzt nicht hinter uns zur\u00fcck, so wie man sch\u00f6ne Ferientage, wenn sie vorbei sind, hinter sich lassen mu\u00df.<\/p>\n<p>Genau genommen k\u00f6nnen wir nicht vom Geheimnis der Weihnacht herkommen, ohne da\u00df es mit uns geht. Wohl folgen auf die Feiertage Werktage. Wohl hei\u00dft es von den Hirten, da\u00df sie wieder umkehrten, n\u00e4mlich an ihre regul\u00e4re Arbeit. Aber nachher ist nicht mehr wie vorher. Es hei\u00dft ja, da\u00df sie nunmehr &#8222;Gott priesen und lobten um alles, was sie geh\u00f6rt und gesehen hatten&#8220;. Sie m\u00fcssen nicht stehen bleiben in dem Innenraum, der sich vor ihnen ge\u00f6ffnet hat, und sie m\u00fcssen keine Angst haben, dort herauszutreten in den Bereich ihrer normalen Gesch\u00e4fte. Und das aus dem einen und guten Grund: das darum, weil der in der Krippe Liegende dort nicht liegen bleibt, sondern sie begleitet, ihnen leuchtet, ihnen beisteht, ihnen zurechthilft. Wie von m\u00fctterlichen Armen umfangen sind sie darum nicht mehr blo\u00df drinnen, sondern auch drau\u00dfen. Auch da im Frieden, weil nicht allein gelassen.<\/p>\n<p>Wie sollten sie da etwa nicht &#8222;Gott preisen und loben&#8220;? Wie sollten sie da etwa nicht einstimmen in das Freudenlied? &#8211; : &#8222;Was kann euch schaden S\u00fcnd und Tod? Ihr habt mit euch den wahren Gott. La\u00dft z\u00fcrnen nur den alten Feind, ist Gottes Sohn doch euer Freund.&#8220; Er schenke uns und aller Welt eine gesegnete, eine friedvolle Weihnacht!<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Prof. Dr. Eberhard Busch, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:ebusch@gwdg.de\">E-Mail: ebusch@gwdg.de<\/a><\/b><b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Weihnachtstag, 25. 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