{"id":9293,"date":"2021-02-07T19:49:44","date_gmt":"2021-02-07T19:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9293"},"modified":"2022-10-02T15:39:17","modified_gmt":"2022-10-02T13:39:17","slug":"lukas-2-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-15\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 15"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<br \/>\nWeihnachten hat uns ganz in seinen Bann geschlagen. Heiligabend war der<br \/>\nH\u00f6hepunkt. Der Baum, die Geschenke, der Gottesdienst, der Glanz der<br \/>\nKerzen, die Lieder im Radio, im Fernsehen, die vielen Erinnerungen an<br \/>\nfr\u00fcher, an vergangenen Glanz vergangener Weihnachtsfeste.<\/p>\n<p align=\"left\">Kommt es Ihnen auch manchmal: das Gef\u00fchl, das sollte<br \/>\nanhalten, weitergehen, immer weitergehen oder doch wenigstens eine Weile,<br \/>\nein paar Tage. Mancher m\u00f6chte es gern verl\u00e4ngern, dieses Fest.<br \/>\nUnd es bedr\u00fcckt ihn, dass der Alltag es so schnell wieder abl\u00f6st.<br \/>\nEs zerrinnt unter den H\u00e4nden, und er m\u00f6chte es doch so gern<br \/>\nfesthalten.<\/p>\n<p align=\"left\">Aus diesem Gef\u00fchl heraus sagt jemand vielleicht: &#8222;Jetzt<br \/>\nwar gestern erst Weihnachten, und heute streitet ihr (oder streiten wir)<br \/>\nschon wieder.&#8220; Ob es uns in diesem Jahr gelingt, etwas von dem Glanz<br \/>\nder Weihnacht, von der Freiheit, Gef\u00fchle haben zu d\u00fcrfen, von<br \/>\nder Erfahrung einer friedlichen Nacht hin\u00fcberzuretten in den Alltag,<br \/>\nder schon wieder begonnen hat?<\/p>\n<p align=\"left\">Mancher andere wird erleichtert sein: &#8222;Endlich ist<br \/>\ndas Fest vor\u00fcber, endlich das hinter mich gebracht, was so viel Arbeit<br \/>\nbereitet hat oder mit soviel Peinlichkeit nur ablief.&#8220; Er wird aufatmen<br \/>\nund sich freuen, dass ihn der Alltag wieder hat.<\/p>\n<p align=\"left\">Die paar Tage noch bis Neujahr sind ganz angenehm: ein bisschen<br \/>\nausspannen, ein bisschen Zeit f\u00fcr Dinge, die sonst zu kurz kommen,<br \/>\naber dann ist es gut, dass das geregelte Leben wieder beginnt. Denn es<br \/>\nist auch strapazi\u00f6s, f\u00fcr etliche Tage zur Unt\u00e4tigkeit verurteilt<br \/>\nzu sein, zum Aushalten der Familie. Wie schnell ist man da gereizt, wie<br \/>\nviel angestauter \u00c4rger, wie viel verdr\u00e4ngte Schwierigkeiten<br \/>\nmanchen sich da Luft &#8211; und das in Tagen, die doch friedlich sein sollten.<\/p>\n<p align=\"left\">So wird mancher zwischen beidem stehen: zwischen dem Wunsch,<br \/>\nWeihnachten zu verl\u00e4ngern, und der Hoffnung, es m\u00f6ge bald vorbei<br \/>\nsein.<\/p>\n<p align=\"left\">Es ist wie bei einem Kind, das heranw\u00e4chst. Erst, wenn<br \/>\nes noch klein ist, hilflos, sind wir ger\u00fchrt, und unser Mitgef\u00fchl,<br \/>\nunser Elterninstinkt ist herausgefordert. Wir nehmen es in die Arme und<br \/>\nwissen nicht, ob wir mehr Liebe und W\u00e4rme und Zartgef\u00fchl geben<br \/>\noder empfangen. Diese Erfahrung m\u00f6chten wir festhalten, dieses Gef\u00fchl<br \/>\nbewahren.<\/p>\n<p align=\"left\">Dann vermerken wir es dennoch mit Erleichterung, dass das<br \/>\nKind heranw\u00e4chst, selbst\u00e4ndiger wird, nicht mehr in allem auf<br \/>\nunsere Hilfe angewiesen ist. Wir sind stolz. Doch dann stellen wir fest,<br \/>\ndass damit die Beziehung zu dem Kind, die Gef\u00fchle, die eigenen und<br \/>\ndie des Kindes, sich \u00e4ndern &#8211; und wir sind traurig. Die Wonne, das<br \/>\nEntz\u00fccken des Anfangs lie\u00df sich nicht festhalten. Der Alltag<br \/>\nholt uns ein.<\/p>\n<p align=\"left\">Setzt mit dieser Erfahrung nicht auch der Predigttext ein?<br \/>\n&#8222;Als die Engel von ihnen zum Himmel fuhren \u0085&#8220; Gerade noch<br \/>\nwar der Glanz da, gerade noch war ein Wunder zu bestaunen. Jetzt ist es<br \/>\nvor\u00fcber. Die Hirten stehen da, die Engel und die Klarheit des Herrn<br \/>\nsind von ihnen gewichen. Sie bleiben zur\u00fcck in ihrer Welt. Werden<br \/>\nnicht etwa entr\u00fcckt, wunderbar weggef\u00fchrt zur Krippe hin.<\/p>\n<p align=\"left\">Nein, sie bleiben Hirten auf dem Feld. Ein paar zerlumpte<br \/>\nGestalten, keineswegs festlich gekleidet, keineswegs sch\u00f6n anzusehen.<br \/>\nSie haben weiterhin den Geruch der Tiere in den Kleidern, denn sie m\u00fcssen<br \/>\ndrau\u00dfen bei ihnen schlafen. Sie sind weiterhin schief angesehene<br \/>\nGesellen, denn welcher anst\u00e4ndige Mensch, der einen ordentlichen<br \/>\nBeruf erlernt hat, verdingt sich schon zum Viehh\u00fcten? Sie bleiben<br \/>\nauf dem harten Boden dieser Welt stehen, den sie nur zu gut kennen.<\/p>\n<p align=\"left\">Und doch: Ist denn nicht doch etwas ge\u00e4ndert unter<br \/>\ndiesen M\u00e4nnern?<br \/>\nDer Glanz von Weihnachten hat sie anger\u00fchrt. Sie haben die Engel<br \/>\nsingen h\u00f6ren. Etwas hat sie anger\u00fchrt, etwas Seltsames, Fremdes<br \/>\nund sehr Sch\u00f6nes, etwas Wunderbares. Es hat sie aufhorchen lassen<br \/>\nim Trott des Alltags, hat sie aufgest\u00f6rt, hat sie aufgeschreckt und<br \/>\nauf die Beine gebracht.<\/p>\n<p align=\"left\">Sie blieben allerdings n\u00fcchtern. Sie zogen los und<br \/>\nwollten mit eigenen Augen sehen, was es mit dem auf sich hatte, was sie<br \/>\nGro\u00dfartiges von den Engeln erfahren haben.<\/p>\n<p align=\"left\">Was sie sehen, ist wenig genug: ein Elternpaar, ein Baby<br \/>\nin einer Futterkrippe, armselig, ein krasser Kontrast zu den pr\u00e4chtigen<br \/>\nCh\u00f6ren, die sie geh\u00f6rt hatten. Harte Wirklichkeit, nicht watteweicher,<br \/>\nvoriger Traum. Aber was sie drau\u00dfen erfahren hatten, hat sich best\u00e4tigt.<br \/>\nNoch unglaublich zwar, aber immerhin so, wie es angek\u00fcndigt war.<br \/>\nDer also soll der Retter der Welt sein. Der Mensch, der dieser Welt aufhelfen<br \/>\nkann, sie auf den rechten Weg bringen kann, der Gott in ihr sichtbar macht.<br \/>\nSie sagen es weiter, und sie jubeln und danken und loben Gott.<\/p>\n<p align=\"left\">Ja, die Hirten hatten ihr wunderbares Erlebnis. Aber wir?<br \/>\nUns singen keine Engel, uns \u00f6ffnet sich nicht der Himmel. Wir warten<br \/>\nvergeblich auf ein religi\u00f6ses Erlebnis.<\/p>\n<p align=\"left\">Liegt es daran, dass wir uns so schwer tun mit dem Weihnachtsfest<br \/>\nund dem Alltag? Auch das Fest hat ja kaum den Glanz, den die Hirten damals<br \/>\numstrahlte. Es verblasst rasch und ger\u00e4t dann wieder aus dem Blick.<\/p>\n<p align=\"left\">Doch sind wir wirklich so viel schlechter dran als die Hirten?<br \/>\nNicht im Gegenteil viel besser dran? Auch wenn wir nicht zur Krippe gehen<br \/>\nk\u00f6nnen? Wir haben ja viel mehr als sie.<\/p>\n<p align=\"left\">Wir kennen Jesus nicht nur als Kind, sondern als erwachsenen<br \/>\nMann. Wir haben die Geschichten, die uns erz\u00e4hlen, wie er lebte,<br \/>\nwie er dachte, was er tat. Geschichten, wie er Menschen begegnete und<br \/>\nwie sie in seiner N\u00e4he auflebten, wieder auf die Beine kamen und<br \/>\nzu ganzen, heilen Menschen wurden. Geschichten \u00fcber ihn, die zeigen,<br \/>\nwie gl\u00fccklich er lebte &#8211; im Vertrauen auf Gott, den Vater, frei von<br \/>\nder Angst, die Menschen sonst so umtreibt, frei von der Sorge, die unser<br \/>\nLeben doch so weitgehend pr\u00e4gt. Geschichten, die uns einladen zu<br \/>\ndem gleichen Vertrauen, wie er es hat. Geschichten, die uns Gott zeigen<br \/>\nals den liebenden Vater. Geschichten, die uns anstiften wollen, zu leben<br \/>\nwie er, weil er lebte, wie Gott es f\u00fcr Menschen will: in Freiheit,<br \/>\nFreude, Gelassenheit, Vertrauen, Liebe, Bereitschaft zur Vergebung und<br \/>\nunbeugsamer Geradheit.<\/p>\n<p align=\"left\">Das kennen wir von ihm &#8211; viel mehr, als die Hirten in der<br \/>\nKrippe sehen konnten. Sicher: der Alltag holt uns wieder ein. Aber der<br \/>\nMann, an dessen Geburt Weihnachten erinnert, ist Teil dieses Alltags,<br \/>\ndenn er ist in unsere Welt eingegangen. Gott hat sich in diese Welt eingemischt.<br \/>\nEr hat seine Spuren in ihr hinterlassen. Dort ist er daher auch zu finden.<br \/>\nWir m\u00fcssen ihn nur aufsp\u00fcren, entdecken.<\/p>\n<p align=\"left\">Dazu brauchen wir dem Alltag gerade nicht zu entfliehen.<br \/>\nWir brauchen nicht das Fest gewaltsam zu verl\u00e4ngern. Wir m\u00fcssen<br \/>\nnur auf unserem Weg die Augen offen halten f\u00fcr Gottes Angebot, das<br \/>\nmit Jesus in die Welt kam.<\/p>\n<p align=\"left\">Wir werden seine Spuren erkennen: Wenn wir Ruhe finden und<br \/>\nBesinnung. Wenn uns aufgeht, was die Geschichten, die wir von ihm kennen,<br \/>\nmit unserem Leben zu tun haben. Wenn wir die Freiheit finden, jemandem<br \/>\nzu verzeihen und Schuld nicht l\u00e4nger nachzutragen, oder selbst um<br \/>\nVerzeihung zu bitten. Wenn wir erfahren, dass es Hilfsbereitschaft und<br \/>\nLiebe unter Menschen gibt. Wenn wir Schwierigkeiten, die wir miteinander<br \/>\nhaben, besprechen, statt sie vor uns herumschieben. Wenn wir bei allem,<br \/>\nwas uns Angst macht, dennoch Mut versp\u00fcren und Freude.<\/p>\n<p align=\"left\">So wird uns deutlich, dass Gott f\u00fcr uns Menschen da<br \/>\nist &#8211; in unserer allt\u00e4glichen Erfahrung. So trifft uns &#8222;die<br \/>\ngro\u00dfe Freude, die dem ganzen Volk widerfahren wird&#8220;: uns ist<br \/>\nder Heiland geboren, der uns helfen will zu leben. Und wir haben Grund<br \/>\nzum Jubel, zum Dank und zum Lob &#8211; auch nach den Feiertagen.<\/p>\n<p><b>Pfarrer Dr. Werner Schwartz<br \/>\nEvangelische Diakonissenanstalt, 67343 Speyer am Rhein<br \/>\n<a href=\"mailto:w.schwartz@ev-diakonissenanstalt-speyer.de\">w.schwartz@ev-diakonissenanstalt-speyer.de<\/a><br \/>\n<\/b><\/p>\n<p align=\"left\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, Weihnachten hat uns ganz in seinen Bann geschlagen. Heiligabend war der H\u00f6hepunkt. Der Baum, die Geschenke, der Gottesdienst, der Glanz der Kerzen, die Lieder im Radio, im Fernsehen, die vielen Erinnerungen an fr\u00fcher, an vergangenen Glanz vergangener Weihnachtsfeste. 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