{"id":9294,"date":"2021-02-07T19:49:44","date_gmt":"2021-02-07T19:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9294"},"modified":"2022-10-02T16:04:49","modified_gmt":"2022-10-02T14:04:49","slug":"johannes-1-1-5-9-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1-1-5-9-14\/","title":{"rendered":"Johannes 1, 1-5. 9-14"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">Peinlich war&#8217;s! Man sprach von der Fernseh-Panne des Jahres!<br \/>\nSilvester1986: Die ARD hatte das falsche Band aus dem Magazin geholt und<br \/>\ndie Silvesteransprache des Bundeskanzlers Helmut Kohl vom Vorjahr ausgestrahlt.<br \/>\nDie Partei des Kanzlers war emp\u00f6rt, viele Deutsche hingegen &#8211; und<br \/>\nich geh\u00f6re zu ihnen &#8211; haben geschmunzelt. So was passiert eben.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend war f\u00fcr mich, dass die wenigsten Zuschauer bzw.<br \/>\nZuh\u00f6rer das \u00fcberhaupt gemerkt haben. Das spricht entweder f\u00fcr<br \/>\ndie Zeitlosigkeit der Rede oder f\u00fcr die mangelnde Aufmerksamkeit<br \/>\nauf den Inhalt. Und nun kommt es noch \u00fcberraschender: Ein Gro\u00dfteil<br \/>\nder Zuschauer, die die Rede zweimal geh\u00f6rt haben, einmal beim ZDF<br \/>\nund einmal bei der ARD haben nicht gemerkt, dass sie eine andere Rede<br \/>\ngeh\u00f6rt haben, sondern nur, dass der Kanzler einen anderen Anzug und<br \/>\neine andere Krawatte trug.<\/p>\n<p>So geht das also: da bereitet sich jemand auf eine Ansprache gr\u00fcndlich<br \/>\nvor, er will den Menschen Wichtiges sagen, und sie erinnern sich nachher<br \/>\nnur an seinen Anzug oder die Farbe seiner Krawatte. Auch wenn er wortgewaltig<br \/>\nsein mag, sein Wort ist nicht gewaltig, nicht eindrucksvoll, nicht nachhaltig.<\/p>\n<p>Wenn das das Schicksal des Wortes ist, wenn Menschen mehr auf die Verpackung<br \/>\nachten als auf den Inhalt, dann hat es das Wort nicht leicht, von dem<br \/>\nheute das Evangelium spricht:<br \/>\n&#8222;Im Anfang war das Wort,\/und das Wort war bei Gott,\/ und das Wort<br \/>\nwar Gott.\/ Alles ist durch das Wort geworden,\/ und ohne das Wort wurde<br \/>\nnichts, was geworden ist.\/ &#8230; Und das Wort ist Fleischgeworden\/ und hat<br \/>\nunter uns gewohnt.&#8220;<\/p>\n<p>Wie ergeht es dem Wort Gottes bei uns Menschen? Wenn das Wort Fleisch<br \/>\ngeworden ist, hat es &#8211; im Bild gesprochen &#8211; eine &#8222;Verpackung angenommen,<br \/>\ndie Gestalt des Jesus von Nazareth. Und in der Tat, im Leben Jesu war<br \/>\nes oft so, dass Menschen an dieser &#8222;Verpackung&#8220; Ansto\u00df<br \/>\nnahmen; das Menschsein Jesu &#8211; &#8222;Den kennen wir doch! Das ist doch<br \/>\nder Sohn des Zimmermanns!&#8220; &#8222;Kann denn aus Nazareth etwas Gutes<br \/>\nkommen!?&#8220; &#8211; hinderte immer wieder Menschen daran, das Wort und seine<br \/>\nBotschaft zu verstehen. Bei ihnen kam das Wort nicht an, weil sie sich<br \/>\ndurch den &#8222;Menschen&#8220; Jesus daran hindern lie\u00dfen, sein<br \/>\nWort und seine Botschaft zu h\u00f6ren und anzunehmen. Der Konflikt, dass<br \/>\nder Bote der Botschaft bei den Menschen im Wege stand, dass sie &#8222;Ansto\u00df<br \/>\nan ihm nahmen&#8220; f\u00fchrte zu seinem Tod am Kreuz; mit zwei weiteren<br \/>\nBildern sagt das der Schrifttext dieses Tages:<br \/>\n&#8222;Das wahre Licht&#8230; kam in die Welt. &#8230;aber die Welt erkannte ihn<br \/>\nnicht. &#8230; &#8222;Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis<br \/>\nhat es nicht erfasst.&#8220; &#8222;Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen<br \/>\nnahmen ihn nicht auf.&#8220;<\/p>\n<p>Denen aber, die das Licht begriffen haben, denen, die das Wort aufgenommen<br \/>\nhaben, wurde dieses Wort zur Quelle des Lebens. Sie bekamen f\u00fcr ihr<br \/>\nganz pers\u00f6nliches Leben Anteil an der Lebenskraft, die dieses Wort<br \/>\nvom Anfang der Sch\u00f6pfung an f\u00fcr den gesamten Kosmos hat: &#8222;Alles<br \/>\nist durch das Wort geworden!&#8220; Das in Jesus von Nazareth Fleisch gewordene<br \/>\nWort konnte und kann bis auf den heutigen Tag Quelle des Lebens werden<br \/>\nf\u00fcr die, die sich ihm \u00f6ffnen: Das Wort von der Liebe Gottes,<br \/>\ndas Wort von der Verzeihung Gottes, das Wort vom Zutrauen Gottes zu seinen<br \/>\nMenschen, zu mir. Selbst am Ende eines verpfuschten Lebens kann dieses<br \/>\nWort Leben erschlie\u00dfen, wie es nach dem Evangelium des Lukas der<br \/>\nSch\u00e4cher am Kreuz erleben durfte: &#8222;Heute noch wirst du mit mir<br \/>\nim Paradies sein.&#8220;<\/p>\n<p>Bei allen Gefahren, die auf das Wort lauern, um es wirkungslos zu machen:<br \/>\nViele kennen aus ihren allt\u00e4glichen Lebenssituationen, wie belebend<br \/>\nund befreiend ein Wort sein kann. Da sind etwa Menschen in einer Familie<br \/>\nstumm geworden, leben, obwohl sie zusammengeh\u00f6ren, nicht mehr miteinander.<br \/>\nOder zu den Nachbarn hin herrscht schweigender Kriegszustand. Und dann<br \/>\ndurchbricht einer das Schweigen, sagt das erl\u00f6sende Wort, er\u00f6ffnet<br \/>\ndas Gespr\u00e4ch wieder. Das l\u00e4sst aufatmen, schafft Raum, dass<br \/>\nMenschen neu miteinander anfangen. Oder ich bin an einem Menschen schuldig<br \/>\ngeworden. Er kommt und spricht das verzeihende Wort &#8211; oder ich gehe zu<br \/>\nihm und spreche das um Verzeihung bittende Wort: Das ist oft der Anfang<br \/>\neiner neuen Lebendigkeit; eine L\u00e4hmung weicht. So ist es auch, wenn<br \/>\nich dem verzeihenden Wort Gottes in der Beichte &#8211; die ja auch von immer<br \/>\nmehr evangelischen Christen gesucht und gesch\u00e4tzt wird &#8211; begegne:<br \/>\nins Wort bringen, was mich belastet und darauf das Verzeihung zusagende<br \/>\nWort h\u00f6ren, das l\u00e4sst leben. In einer Liedstrophe dr\u00fcckt<br \/>\nHuub Oosterhuis diese befreiende Kraft des Wortes aus:<\/p>\n<p>&#8222;Sprich du das wort, das tr\u00f6stet und befreit und das mich f\u00fchrt<br \/>\nin deinen gro\u00dfen Frieden. Schlie\u00df auf das Land, das keine<br \/>\nGrenzen kennt, und la\u00df mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein<br \/>\nT\u00e4glich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir<br \/>\nbete.&#8220;<\/p>\n<p>Entscheidend ist, dass das Wort &#8222;Fleisch wird&#8220;, &#8222;Hand<br \/>\nund Fu\u00df&#8220; bekommt, sich verleiblicht in mein Leben mit seinen<br \/>\nunterschiedlichen Situationen. Die Wege, die ich dazu bereiten kann, haben<br \/>\nnicht nur mit der Wahrnehmungsf\u00e4higkeit meiner Sinne, beim Wort insbesondere<br \/>\nder Ohren, zu tun. Das Wort kann Fleisch werden, wenn in mir die Sehnsucht<br \/>\nnach diesem Wort lebt: die Sehnsucht nach dem liebenden Wort, nach dem<br \/>\nbefreienden Wort, nach dem verzeihenden Wort, nach dem begl\u00fcckenden<br \/>\nWort, nach dem verbindenden Wort. Wenn da schon das menschliche Wort Wunder<br \/>\nwirken kann, um wie viel mehr das Wort, das von Anfang an war und das<br \/>\nin Jesus Mensch wurde, das Wort Gottes.<\/p>\n<p>Gestern haben wir in den Gottesdiensten &#8211; und hoffentlich auch in den<br \/>\nHerzen &#8211; die Menschwerdung des Wortes festlich begangen. Heute klingt<br \/>\ndieses Festgeheimnis nach und will vertieft werden. Zur Vertiefung h\u00f6ren<br \/>\nwir nicht mehr eine Erz\u00e4hlung von Maria, Josef, Krippe, Hirten, Engeln<br \/>\nund Tieren, sondern einen Hymnus, der in den Bildern vom Wort und vom<br \/>\nLicht das Geheimnis der Menschwerdung vertieft. Ich w\u00fcnsche Ihnen<br \/>\noffene Sinne und ein offenes Herz, damit es dem Weihnachtsgeheimnis nicht<br \/>\nergeht wie der Kanzlerrede von 1986, sondern damit das Wort in Ihnen und<br \/>\nf\u00fcr Sie Fleisch werden kann.<\/p>\n<p><b>Heribert Arens ofm<br \/>\nFranziskanerkloster H\u00fclfensberg<br \/>\n37308 Geismar OT Bebendorf<br \/>\n<a href=\"mailto:heribert_arens@huelfensberg.de\">heribert_arens@huelfensberg.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peinlich war&#8217;s! Man sprach von der Fernseh-Panne des Jahres! Silvester1986: Die ARD hatte das falsche Band aus dem Magazin geholt und die Silvesteransprache des Bundeskanzlers Helmut Kohl vom Vorjahr ausgestrahlt. Die Partei des Kanzlers war emp\u00f6rt, viele Deutsche hingegen &#8211; und ich geh\u00f6re zu ihnen &#8211; haben geschmunzelt. 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