{"id":9298,"date":"2002-12-07T19:49:51","date_gmt":"2002-12-07T18:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9298"},"modified":"2025-04-24T10:19:03","modified_gmt":"2025-04-24T08:19:03","slug":"johannes-1-1-14-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1-1-14-2\/","title":{"rendered":"Johannes 1, 1-14"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Weihnachtstag | 26. Dezember 2002 | Johannes 1, 1-14 | Katharina Coblenz-Arfken |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wieder erfreuen wir uns an den Lichtern der Weihnacht. Die Krippe steht vor uns, die Bilder vom Krippenspiel am Heiligen Abend sind in uns lebendig.<\/p>\n<p>Weihnachten ist doch das Fest, an dem wir Menschen versuchen, aufeinander zu zugehen, um einander Freude zu bereiten. &#8222;Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen&#8220; sangen die Engel im Chor bei den Hirten auf dem Felde. Und es ist das Fest, das wohl am meisten mit Erinnerungen verbunden ist.<\/p>\n<p>Da stand der gro\u00dfe die Zimmerdecke ber\u00fchrende Tannenbaum in der Erkerecke im Wohnzimmer, geschm\u00fcckt mit Lichtern, die elektrischen Kerzen in der Mitte von wegen der Brandgefahr, die lebendigen am Rand.<\/p>\n<p>Die Lichter waren schon heruntergebrannt an jenem Weihnachtsabend 1970 als ich f\u00fcr meine Eltern noch ein besonderes Geschenk in mir trug. Ich wollte ihnen meine Entscheidung mitteilen, Theologie zu studieren. Eigentlich hatte ich mich l\u00e4ngst f\u00fcr ein P\u00e4dagogikstudium Mathe Physik an der TU in Dresden beworben Aber die ganze atheistische Erziehung in der Schule \u00f6dete mich an. Ich wollte wissen, was es mit Gott auf sich hatte. Mein Vater war Pfarrer. Als Familie sahen wir diesen Beruf eher kritisch. Und &#8211; Pfarrer in der DDR war das letzte was Karrierechancen betraf. So hatte ich lange gez\u00f6gert, es meinen Eltern zu sagen. Mutter reagierte fr\u00f6hlich, nahm mich in die Arme und lachte &#8222;Da wissen wir wenigstens wohin mit Vaters B\u00fcchern.&#8220; Mein Vater sagte nur &#8222;Hast Du dir das wirklich \u00fcberlegt? Es ist sehr schwer.&#8220; und er mag an die Jahre des Berufs gedacht haben als mit steigendem Wohlstand und atheistischer Propaganda die Kirchen wieder leer wurden.<\/p>\n<p>Aber die Freude \u00fcberwog, dass wenigstens eins seiner sechs Kinder in dieser Fu\u00dfspur folgte, so da\u00df er noch am Mittagstisch am 1. Feiertag das griechische Neue Testament holte und meinte, nun m\u00fcsse griechisch gelernt werden, am besten auswendig und er begann:<\/p>\n<p>&#8222;En arche en ho logos kai ho logos en pros ton theon, kai theos en ho logos\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Meine Mutter, mein Freund, alle mussten sie mitlernen. Mich faszinierte der Klang dieser Worte und der Inhalt. So ist der heutige Predigttext mir dadurch besonders ans Herz gewachsen.<\/p>\n<p>Johannes beginnt das, was er als gute Nachricht f\u00fcr alle Welt mit seinem Evangelium weitersagen will, mit einem Prolog. Er nimmt ein altes Lied von der Weisheit auf und dichtet es auf Christus um. Wie bei einer Ouvert\u00fcre erklingt in diesem Hymnus schon das Hauptmotiv seines Evangeliums.<\/p>\n<p>1. Am Anfang war das Wort<br \/>\nund das Wort war bei Gott<br \/>\nund Gott war das Wort.<br \/>\n2. Dieses war im Anfang bei Gott.<br \/>\n3. Alles ist durch es entstanden<br \/>\nund ohne es ist nichts entstanden, was geworden ist.<br \/>\n4. In ihm war das Leben<br \/>\nund das Leben war das Licht der Menschen.<br \/>\n5. Und das Licht scheint in die Finsternis<br \/>\nund die Finsternis hat es nicht angenommen.<br \/>\n9. Er war das wahre Licht,<br \/>\ndas alle Menschen erleuchtet,<br \/>\ndie in die Welt kommen.<br \/>\n10. Es war in der Welt<br \/>\nund die Welt ist durch ihn gemacht,<br \/>\naber die Welt erkannte ihn nicht.<br \/>\n11. Er kam in sein Eigentum,<br \/>\naber die Seinen nahmen ihn nicht auf.<br \/>\n12. Aber allen, die ihn aufnahmen,<br \/>\ngab er Macht, Gottes Kinder zu werden,<br \/>\nan seinen Namen zu glauben,<br \/>\n13. welche weder aus Gebl\u00fct, noch aus dem Willen des Fleisches,<br \/>\nnoch aus dem Willen eines Mannes,<br \/>\nsondern aus Gott geboren sind.<br \/>\n14. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns<br \/>\nund wir sahen seinen Lichtglanz,<br \/>\neinen Lichtglanz, wie ihn der einzige (Sohn) bei Gott hat,<br \/>\nvoll Gnade und Wahrheit.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, dieser Text erscheint mir immer wie ein schwerer kunstvoller Vorhang, der sich hinter der Krippe \u00f6ffnet und uns teilhaben l\u00e4sst am Wunder des Weltgeschehens. Ich darf dahinter schauen. Hinter den Sinn kommen.<\/p>\n<p>Als ich den Text in einer Gruppe zitierte &#8211; kam promt die Frage &#8222;Was, sollen wir das jetzt auswendig lernen?&#8220; Das wohl nicht, aber ich denke, es ist gut, wenn wir ihn buchstabieren, damit sich der Vorhang zur Seite schiebt. Wir sind eingeladen auf den Anfang zu schauen &#8211; jenseits von Zeit und Raum.<\/p>\n<p>Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt, hat Menschen, seit sie denken, besch\u00e4ftigt. &#8222;Am Anfang&#8220; &#8211; so setzt das Lied ein und Johannes deutet damit die Geschichte Jesu, indem er an die Sch\u00f6pfungsgeschichte ankn\u00fcpft, wie sie auf der ersten Seite der Bibel nachzulesen ist: &#8222;Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und er sprach: Es werde Licht\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Genau das hat Johannes aufgenommen, wenn er sagt, &#8222;Am Anfang war das Wort&#8220; &#8211; und mir klingt dabei immer die Stelle im Faust von Goethe nach, die bei uns in sozialistischen Zeiten mit Vorliebe zitiert wurde:\u2026&#8220;Ich kann das Wort so hoch unm\u00f6glich sch\u00e4tzen, am Anfang war die Tat&#8220;<\/p>\n<p>Dabei ist schon von der Urbedeutung des Wortes &#8222;Logos&#8220; ein gr\u00f6\u00dferer Horizont gespannt.<\/p>\n<p>Wir erleben, wie Worte Beziehungen schaffen. Worte k\u00f6nnen lebendig machen oder t\u00f6ten, die Atmosph\u00e4re vergiften oder entspannen, Worte k\u00f6nnen langweilen oder fesseln, verbieten oder erlauben, den Krieg erkl\u00e4ren oder Frieden bringen\u2026Sicher k\u00f6nnen wir das griechische<br \/>\nWort &#8222;Logos&#8220; auch als die Urkraft allen Seins verstehen, wie immer Menschen sie benennen m\u00f6gen. Hier ist Gott von Anfang an als Leben schaffende Macht geschaut.<\/p>\n<p>Und wir, jeder und jede von uns, ist mit dieser liebenden Macht verbunden.<\/p>\n<p>So, wie ich bin, darf ich das sp\u00fcren und annehmen. Ich mu\u00df nicht erst selbst m\u00e4chtig werden.<\/p>\n<p>Mu\u00df mich auch nicht beweisen oder verteidigen. Es bedarf auch nicht erst eines Welt -verbesserungsprogrammes. Denn die gr\u00f6\u00dften Greultaten der Menschheit wurden im Namen des Heils ver\u00fcbt. Hitler wollte ein gesundes Volk, Stalin ein Paradies der Arbeiterklasse, Bush die Beseitigung der Terroristen. Heilsfanatiker hat es aber auch unter den Christen gegeben und gibt es bis heute. Ich erinnere an die Kreuzz\u00fcge, wie paradox &#8211; sie wollten die St\u00e4tten der Geburt Jesu mit Waffen wieder erobern, oder die Inquisition, in deren Prozessen alle, die nicht in die herrschende Lehre passten, hingerichtet wurden.<\/p>\n<p>Das ist die Dunkelheit, die weltweit die Erde umspannt, Kriege, die nicht aufh\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p>Genau das hat Johannes gemeint, wenn er schreibt: Das Licht scheint in die Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich diesem Text nachsp\u00fcre, merke ich, wie diese beiden Seiten miteinander ringen: Licht und Finsternis. Es kommt auf mich an, auf welche Seite ich mich stelle, wovon ich mich ansprechen lasse.<\/p>\n<p>Gott wurde Mensch, darum kreist ja dieses Lied, d.h. er wurde geboren wie die meisten Kinder in der Nacht. Maria \u00fcberstand die Wehen und mit der Geburt brach die Freunde auf, die \u00fcbergro\u00dfe Freude \u00fcber das Kind. Das Leben, klein und schutzbed\u00fcrftig &#8211; war da, um geliebt zu werden. Da ist es licht.<\/p>\n<p>In diesem Kind ist Gottes Liebe da. Wenn wir das begreifen oder besser, in uns aufnehmen, dann sind auch wir Gottes Kinder. Dann wissen wir eigentlich erst, wer wir wirklich sind. L\u00e4ngst schon angenommem und geliebt. Der Liederdichter Paul Gerhardt bringt es auf den Punkt: &#8222;Eh` ich durch deine Hand gemacht,<\/p>\n<p>da hast Du schon bei dir bedacht,<br \/>\nwie du mein wolltest werden.&#8220;<\/p>\n<p>Ich denke, das ist die gro\u00dfe Sehnsucht, die uns Menschen miteinander verbindet, die in uns auch Weihnachten immer wieder aufbricht &#8211; die Sehnsucht nach dieser gro\u00dfen Geborgenheit.. Von da aus erscheint die Welt in einem ganz anderen Licht.<\/p>\n<p>Der Geizhals und Menschenver\u00e4chter in Charles Dickens Weihnachtsgeschichte wird auf einmal freigiebig. Er erl\u00e4sst seinem Schuldner die Schuld und kann sich pl\u00f6tzlich wieder freuen.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnten wir uns als V\u00f6lker der ersten Welt freuen, wenn wir den L\u00e4ndern der Dritten Welt wenigstens die Zinsen erlie\u00dfen. Dann w\u00fcrde es auch in der gro\u00dfen Politik Weihnachten werden. Aber das beginnt in unseren Herzen. Lassen wir uns ansprechen, lassen wir uns von diesem Wort bestimmen, dieser Liebe, die uns ganz meint und durch nichts zu rauben ist, die aber, wo wir sie leben und weitergeben, Freude verbreitet?<\/p>\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einem Weihnachtsgedicht:<\/p>\n<p>In der Dunkelheit der Nacht<br \/>\nwird ein Kind zur Welt gebracht ,<br \/>\nkommt in eine Welt voll Streit,<br \/>\nin unsagbar gro\u00dfes Leid.<\/p>\n<p>In der Dunkelheit der Nacht<br \/>\nhat Gott Frieden uns gebracht.<br \/>\nWehrlos kam er in die Welt,<br \/>\nverzichtete auf Macht und Geld.<\/p>\n<p>In der Dunkelheit der Nacht<br \/>\nist das Leben neu erwacht.<br \/>\nGott zeigt uns, wie er uns liebt,<br \/>\nLeben, Licht und Hoffnung gibt.<\/p>\n<p>In der Dunkelheit der Nacht<br \/>\nHat Gott selbst uns angelacht,<br \/>\ndass er unsre \u00c4ngste stillt<br \/>\nund das Herz mit Freude f\u00fcllt.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Dr. Katharina Coblenz-Arfken<br \/>\nDragonerstr. 17<br \/>\nHohnstedt<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\nTel.: 05551-51105<br \/>\n<a href=\"mailto:arfkencoblenz@aol.com\">E-mail: arfkencoblenz@aol.com<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. 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