{"id":9303,"date":"2002-12-07T19:49:49","date_gmt":"2002-12-07T18:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9303"},"modified":"2025-04-24T15:13:26","modified_gmt":"2025-04-24T13:13:26","slug":"lukas-2-25-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-25-38\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 25-38"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Weihnachten |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> 29. Dezember 2002 | Lukas 2, 25-38 | Martin Jochheim |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>was sehen wir zuerst an anderen Menschen? Ihre \u00e4u\u00dfere Gestalt, ihre Sch\u00f6nheit, ihre Ausstrahlung? Es sind wohl die sinnlich wahrnehmbaren Dinge an einem Menschen, die uns zuerst Eindruck machen und f\u00fcr einen Menschen einnehmen. Selbst bei einem S\u00e4ugling ist das so. Wir sehen seine Sch\u00f6nheit und Zartheit. Wir sp\u00fcren das neue Leben, seine Verletzlichkeit, aber auch die Offenheit dieses Lebens, das nicht Festgelegte.<\/p>\n<p>Simeon und Hanna ging es sicherlich nicht anders als uns, als sie im Tempel Maria und Josef begegneten, die das drei\u00dfig Tage alte Kind auf den Armen trugen.. Und doch sehen die beiden noch einmal etwas ganz Anderes, etwas, das nicht vor Augen ist. Unter dem Einfluss des Geistes \u00f6ffnen sich ihre Augen f\u00fcr eine Wirklichkeit, die jenseits dessen liegt, was jedermann offensichtlich ist. Sicherlich, alle freuen sich ein kleines Kind zu sehen, das so wundersch\u00f6n anzuschauen ist, lebendig, anr\u00fchrend.<\/p>\n<p>Aber Simeon redet von anderen Dingen : &#8222;Heiland&#8220;, &#8222;bereitet vor allen V\u00f6lkern&#8220;, &#8222;Licht, das die Heiden erleuchtet&#8220;. Da schaut einer Vision\u00e4res aus einer Tiefendimension der Wirklichkeit heraus, das nicht nur die Eltern des kleinen Kindes verwundert. In Simeon und Hanna sehen zwei alte, fromme Menschen mehr und anderes, als es der wohlwollende Blick des Zuschauers ersp\u00e4hen kann. Geleitet vom Geist der Prophetie \u00f6ffnet sich ihnen ein Raum, der die Dimension ihres Lebens sprengt &#8211; und auch unseres Lebens. Dass in diesem kleinen Kind der Heiland der Welt zur Welt gekommen ist, das liegt nicht offen zu Tage. Solche Einsicht er\u00f6ffnet sich nur dem prophetisch begabten Blick.<\/p>\n<p>Und ahnungsweise wird laut, dass sich an diesem Heiland die Geister scheiden werden. Zum Zeichen soll dieser Jesus werden; zum Zeichen, dem widersprochen wird; gesetzt zum Fall und Aufstehen f\u00fcr viele in Israel. In die Weihnachtsfreude mischen sich sogleich dunkle T\u00f6ne. Ahnungen davon, dass sich in der Haltung zu diesem Jesus einmal unser aller Wohl und Wehe entscheiden wird. Und davon wird auch die Beziehung zwischen Mutter und Sohn nicht unber\u00fchrt bleiben &#8211; egal ob wir hier an die Entfremdung zwischen den beiden angesichts der Abwendung Jesu von seiner Familie denken oder an den Schmerz Marias zu F\u00fc\u00dfen des gekreuzigten Sohnes. Wer aufmerksam hinh\u00f6rt, wird schon in der Weihnachtsfreude die Mollt\u00f6ne sp\u00e4terer Konflikte h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es ist auffallend, dass sowohl bei Lukas als auch bei Matth\u00e4us, der uns vom Kindermord in Bethlehem erz\u00e4hlt, von Anfang an sichtbar wird, dass sich an diesem Menschen die Geister scheiden. Es scheint so zu sein, dass man an dem Anspruch, der von diesem Jesus von Nazareth ausgeht, nicht vorbeigehen kann, ohne selbst Stellung zu beziehen. Das war doch unsere Eingangsfrage: Was sehen wir an einem Menschen? Was sehen wir in diesem Jesus von Nazareth? Zu welcher Stellungnahme fordert er uns heraus?<\/p>\n<p>Drei Dinge sind es, die ich dazu mit Ihnen bedenken will:<\/p>\n<p>Erstens: In Jesus sendet uns Gott das Heil, das gelingende Leben f\u00fcr alle V\u00f6lker der Erde.<\/p>\n<p>Zweitens: Der Ruf in die Nachfolge des Jesusu von Nazareth fordert von mir eine Entscheidung f\u00fcr einen bestimmten Lebensstil.<\/p>\n<p>Drittens: In diesem Jesus zeigt sich Gott als ein Anderer &#8211; und ist sich damit selbst treu geblieben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst also: &#8222;In Jesus will Gott das Heil, das gelingende Leben f\u00fcr alle V\u00f6lker der Erde &#8220;<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist uns diese Aussage so vetraut, dass wir sie erst einmal ihrer Selbstverst\u00e4ndlichkeit entkleiden m\u00fcssen. Dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der dann der Gott des Volkes Israels wurde auch der Gott aller anderen V\u00f6lker werden wird, das ist ein den prophetischen Schriften vertrauter Gedanke. Die Wallfahrt zum Berg Zion, wo alle V\u00f6lker dieser Welt den Gott Israels anbeten werden, ist eine feste Erwartung f\u00fcr die Endzeit.<\/p>\n<p>Aber Simeon redet nicht von einer Erwartung, sondern er sieht in dem kleinen Jesuskind die Erf\u00fcllung dieser Ank\u00fcndigung. Die Endzeit ist jetzt da, denn in diesem Jesus von Nazareth ist die Grenze gefallen, die bis dahin Israel und die Heidenv\u00f6lker in ihrer Beziehung zu Gott trennte. Die Kirche Jesu Christi ist das neue Israel, das gleichberechtigt neben das alte tritt, ohne es zu verdr\u00e4ngen. Die Ekklesia ist die Gemeinschaft der Herausgerufenen aus allen V\u00f6lkern der Welt. Herkunft, Rasse, Hautfarbe, Geschlecht &#8211; alle \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Unterschiede zwischen den Menschen treten zur\u00fcck gegen\u00fcber dem Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott. Und es wird sichtbar: Kein Volk ist diesem Gott n\u00e4her oder ferner. Vielmehr will Gott das Heil, das Leben in F\u00fclle f\u00fcr alle V\u00f6lker und alle Menschen auf der Erde.<\/p>\n<p>Zweitens: &#8222;Der Ruf in die Nachfolge fordert von mir eine klare Entscheidung f\u00fcr einen bestimmten Lebensstil.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn Simeon diesen Jesus gesetzt sieht &#8222;zum Fall und zum Aufstehen&#8220;, dann wird hier schon etwas deutlich von dem Anspruch, den drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter der erwachsene Wanderrabbi Jesus mit seinen Worten und Taten erhebt. Wer ihm nachfolgen will, der muss Entscheidungen treffen. Ein bi\u00dfchen Wahrheit, eine Prise Gerechtigkeit, ein kleines Qu\u00e4ntchen N\u00e4chstenliebe &#8211; das ist zu lau. Die Ziele m\u00fcssen klarer gesteckt sein. Der Horizont muss erkennbar werden.<\/p>\n<p>Ich rede nicht davon, dass wir alle fehlerhafte Menschen sind, die in ihrem Leben immer wieder scheitern. Das ist f\u00fcr Gott selbstverst\u00e4ndlich. Aber die innere Ausrichtung f\u00fcr ein Leben in der Nachfolge muss stimmen. Wer Jesus seinen Herrn und Meister nennt, an dem muss auch erkennbar sein, zu wem er geh\u00f6rt, woran er sein Leben ausrichtet. Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit sind Grundorientierungen, die sich in der kleinen M\u00fcnze unseres Alltagslebens auszahlen lassen. Konflikte gewaltfrei zu l\u00f6sen, f\u00fcr die Wahrheit einzustehen, auch wo es uns etwas kostet, Menschen in ihrem Leid nahe zu sein &#8211; das sind \u00e4u\u00dfere Kennzeichen einer inneren Haltung, die sich an dem Rabbi Jesus aus Nazareth orientiert. Ohne solche guten Fr\u00fcchte, so sagt Jesus, stellt sich die Frage, ob nicht etwa die Wurzel faul sei. Der Ruf Jesu in die Nachfolge n\u00f6tigt uns zu kl\u00e4ren, an welchen Werten wir uns orientieren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich: &#8222;In diesem Jesus zeigt sich Gott als ein Anderer &#8211; und ist sich damit selbst treu geblieben.&#8220;<\/p>\n<p>Dass Gott in diesem kleinen Kind Mensch geworden ist, stellt die g\u00e4ngigen Bilder von einem allm\u00e4chtigen Gott auf den Kopf. Hier zeigt sich: Gottes Macht in der Welt hat die Gestalt der Ohnmacht. Im Kind in der Krippe erscheint kein Gott, der nach den Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Welt ein gewaltiger, starker Herrscher w\u00e4re. Nein, Gott ist sehr anders. Die Weihnachtsgeschichte vom Gottessohn in der Krippe ist eine Erz\u00e4hlung gegen die g\u00e4ngigen Klischees vom starken, allm\u00e4chtigen Super-Gott.<\/p>\n<p>Und gerade darin ist sich Gott treu. Von der Erw\u00e4hlung des kleinen Volkes Israel bis zur Berufung des Gottesknechtes, der als der Allerverachtetste und Unwerteste galt, hat dieser Gott immer wieder gezeigt, dass die Kategorien weltlicher Macht und Gewalt f\u00fcr ihn keine Bedeutung haben. Und gerade dadurch ist er ein glaubw\u00fcrdiger Gott. Nur der Gott, der sich der Ohnmacht, dem Leiden, ja selbst dem Tod ausgesetzt hat, ist ein Gott, der uns Menschen wirklich nahe sein kann. In diesem Jesus von Nazareth ist unsere Beziehung zu Gott eine andere geworden, weil dieser Gott nicht f\u00fcr sich selbst bleiben wollte, sondern sich weggab und Mensch wurde, damit wirkliche Gemeinschaft zwischen ihm und uns Menschen m\u00f6glich werde. Seitdem ist keine Nacht zu dunkel, kein Schmerz zu tief, keine Einsamkeit zu gro\u00df, dass sie nicht dieser Gott mit uns teilen k\u00f6nnte. Gott ist der nahe Gott, n\u00e4her, als wir uns selbst sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unsere Frage war: Wen sehen wir in diesem Jesus? Teilen wir, die wir nach Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt leben, die Sicht von Simeon und Hanna? K\u00f6nnen wir mit den Augen des Glaubens auf das kleine Kind in der Krippe schauen? Dann wird auch uns offenbar, was es um dieses kleine Kind ist: In ihm liegt Gottes Heil f\u00fcr alle V\u00f6lker. Er ruft uns zu einem Leben in verbindlicher Nachfolge in Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit. Und: In diesem Jesus kommt uns Gott n\u00e4her, als wir uns selbst sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>M\u00f6ge Gott uns die Augen auftun f\u00fcr diese Einsicht.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Dr. Martin Jochheim, Kre\u00dfbronn<br \/>\n<a href=\"mailto:mjochheim@t-online.de\">mjochheim@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Weihnachten | 29. Dezember 2002 | Lukas 2, 25-38 | Martin Jochheim | Liebe Gemeinde, was sehen wir zuerst an anderen Menschen? Ihre \u00e4u\u00dfere Gestalt, ihre Sch\u00f6nheit, ihre Ausstrahlung? 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