{"id":9305,"date":"2002-12-07T19:49:44","date_gmt":"2002-12-07T18:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9305"},"modified":"2025-04-24T15:18:27","modified_gmt":"2025-04-24T13:18:27","slug":"lukas-12-35-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-12-35-40\/","title":{"rendered":"Lukas 12, 35-40"},"content":{"rendered":"<h3>Silvester | 31. Dezember 2002 | Lukas 12,35\u201340 | Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ein merkw\u00fcrdiger Text f\u00fcr den Sylvesterabend. Wenn je, dann braucht man heute Abend kaum jemanden extra zu ermahnen, die Lichter brennen zu lassen und sich nicht schlafen zu legen. Das versteht sich heute Abend von selbst.<br \/>\nDer Schlaf mag ja unentbehrlich sein und eine rechte Wohltat f\u00fcr jeden m\u00fcde gewordenen Menschen, eine Br\u00fccke zwischen Verzweiflung und Hoffnung, wie man in Ru\u00dfland sagt. Das soll auch nicht in Frage gestellt werden. Aber in dieser Nacht gehen nur die Schlafm\u00fctzen zu Bett. F\u00fcr alle anderen ist das Wachsein ein Muss, ja f\u00fcr die meisten Menschen, besonders aber f\u00fcr die jungen Leute, kann heute Nacht das Wachbleiben nicht lange genug dauern. Es gibt so viel zu sehen, zu h\u00f6ren, zu feiern und sich zu sagen. Ein volles altes Jahr soll lautt\u00f6nend verabschiedet und das neue Jahr mit noch lauterem Hurra willkommen gehei\u00dfen werden. Daf\u00fcr k\u00f6nnen die Leuchtk\u00f6rper nicht hell genug sein, und die Kleidungsst\u00fccke nicht lang genug geg\u00fcrtet bleiben.<\/p>\n<p>Sicher, dieses Wachbleiben bis in die Morgenstunden ist noch kein Grund, selig gepriesen zu werden, oder doch? Selig, das ist in der biblischen Tradition ein anderes Wort f\u00fcr gl\u00fccklich. Gl\u00fccklich sehen doch die meisten Gesichter auf den Sylvesterfeiern und -feten aus. Sollten Christen da sauert\u00f6pfisch beiseite stehen und sich die Wunden lecken, dass wieder einmal die Parole \u0084Brot statt B\u00f6ller\u0093 den K\u00fcrzeren gezogen hat gegen\u00fcber all den gro\u00dfen und kleinen Knallk\u00f6rpern, Sonnen und Raketen?<\/p>\n<p>Stehen die biblischen Seligpreisungen in einem totalen Gegensatz zu den weltlichen Gl\u00fccksstunden? Auf keinen Fall! Daf\u00fcr b\u00fcrgt der hohe Herr, daf\u00fcr b\u00fcrgt Jesus Christus, dessen Wiederkehr nach unserem Text erwartet wird. Er kommt, liebe Gemeinde, so hei\u00dft es, von einem hochzeitlichen Festmahl. Sicher, das ist ein Bild, ein Gleichnis. Aber sauert\u00f6pfisch, schlecht gelaunt kann man sich einen solchen Herrn nicht vorstellen. Auf einem hochzeitlichen Festmahl wird gelacht und gesungen, wird Wein, reichlich Wein getrunken. Wer von so einem Fest kommt, der bringt ganz bestimmt eine festliche Stimmung und allerbeste Laune mit.<\/p>\n<p>Und was dann geschieht, wenn er kommt, hat nach unserem Text geradezu karnevalistische Z\u00fcge. Da wird das Verh\u00e4ltnis von Herr und Knecht umgekehrt. Die Knechte sollen ja nicht warten, um ihren Herrn dann, wenn es ihm beliebt zu kommen, zu bedienen. Das w\u00e4re ein Zustand, wie wir ihn tausendmal aus der Weltgeschichte kennen. Oben die Herren, unten die Knechte, oben die Gro\u00dfen und unten die Kleinen. In unserem Gleichnis aber geht es umgekehrt zu: Der Herr wird sich die Sch\u00fcrze anziehen, um die, die auf ihn warten, zu Tische zu bitten und ihnen zu dienen. Er wird dann eben das tun, was Jesus schon getan hat. Er bringt, was er schon gebracht hat: die neue Welt, den Himmel, den Himmel auf Erden. Dieses Freudenfest \u00fcbertrifft alles, was Gl\u00fcck hei\u00dft auf Erden. Doch \u00fcbertreffen hei\u00dft nicht ausschlie\u00dfen. An dem Tisch in der neuen Welt ist auch Zeit und Raum, vom weltlichen Gl\u00fcck auf Erden zu reden. Nein, im Gegensatz zu unseren weltlichen Gl\u00fcckstunden kann die Seligpreisung derer nicht stehen, die auf ihren Herrn gewartet haben.<\/p>\n<p>Doch soweit ist es noch nicht, dass er eingetroffen ist. Noch ist der Herr abwesend! Noch ist er unterwegs! Noch ist Nacht, noch ist die Zeit des Wartens! Freilich ist dies kein leeres, kein zielloses Warten. Das k\u00f6nnte einem ja ganz sch\u00f6n auf die Nerven gehen. Es gibt nichts Schlimmeres als ein ungewisses Warten nach der Melodie: \u0084Ob er aber \u00fcber Oberammergau oder aber Unterammergau oder aber \u00fcberhaupt nicht kommt, ist nicht gewiss\u0093. Das Verh\u00e4ltnis der Christen zu Christus gleicht nicht dem Verh\u00e4ltnis der Lise zu Hans. Ungewissheit, hat Luther gelegentlich gesagt, ist das gr\u00f6\u00dfte Elend. Ein Mensch aber, der gewiss ist, dass der kommt, den er erwartet, der kann sich schon jetzt gl\u00fccklich preisen. Sein Warten hat etwas Beseligendes, so wahr die Vorfreude die sch\u00f6nste Freude ist.<\/p>\n<p>Der christliche Glaube lebt aus solcher Gewissheit. Heilsgewissheit nennen die Theologen das. Sicher, den Tag und die Stunde der Wiederkunft Christi, die kennen wir Christen nicht. Das ist aber auch gar nicht n\u00f6tig, denn die Gewissheit, dass Christus kommt, die reicht aus. Das Warten hat einen festen Grund. Diese Heilsgewissheit hat sich an einem Ereignis entz\u00fcndet, das schon geschehen ist. Wir haben es an Weihnachten besungen:<\/p>\n<p>Das ewig Licht geht da herein,<br \/>\ngibt der Welt ein\u0092n neuen Schein;<br \/>\nes leucht\u0092 wohl mitten in der Nacht<br \/>\nund uns des Lichtes Kinder macht.<\/p>\n<p>Als Kinder des Lichts warten Christen darauf, dass der, der gekommen ist, wiederkommt. Sie glauben, dass das, was schon geschehen ist, sich dann erst recht ereignen wird. Sie hoffen, dass das, was hier schon herrlich geleuchtet hat und im Glauben mir auch einleuchtet, einst alle Welt erleuchten wird.<\/p>\n<p>Doch noch ist es nicht so weit. Noch l\u00e4sst der Herr auf sich warten. Die Abwesenheit des kommenden Herrn kann dem Glauben zu schaffen machen. Wo diese Abwesenheit erfahren wird, dr\u00e4ngt sich die Welt mit ihren Dunkelheiten, mit ihrem Unfrieden und ihren Ungerechtigkeiten drohend und be\u00e4ngstigend in den Vordergrund. Es kann dann so scheinen, als w\u00e4re die Welt von allen guten Geistern verlassen. Die Gewissheit des Glaubens schlie\u00dft Anfechtungen nicht aus.<br \/>\nSolche Anfechtungen bilden den Hintergrund daf\u00fcr, dass der Text in Aufforderungen redet und an die Verhei\u00dfung erinnert. \u0084Eure Lenden sollen umg\u00fcrtet sein und eure Lampen sollen brennen\u0093, hei\u00dft es im Text. Noch ist der Jammer, der \u00fcber ein Menschenleben hereinbrechen kann, nicht ausgeschlossen. Noch kommen Bedrohungen und Infragestellungen des Glaubens auf uns zu. Dann werden wir sehnsuchtsvoll klagen und seufzend rufen: \u0084Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?\u0093<\/p>\n<p>Doch eine solche Klage spricht nicht gegen das Licht. In ihm leuchtet es vielmehr auf. Lasst eure Lampen brennen, hei\u00dft dann: Seid Zeugen dessen, der schon gekommen ist. Denn Zeuge Christi sein hei\u00dft, so zu leben, dass dieses Leben unerkl\u00e4rlich w\u00e4re, wenn es das Licht nicht schon g\u00e4be.<\/p>\n<p>Der brasilianische Schriftsteller Erico Verissimo erz\u00e4hlt in seiner Autobiografie \u0084Klarinettensolo\u0093 von der Apotheke seines Vaters in einem Provinzst\u00e4dtchen im S\u00fcden Brasiliens. In den hinteren, schlecht beleuchteten R\u00e4umen dieser Apotheke leistete oft ein Arzt Erste Hilfe f\u00fcr pl\u00f6tzlich erkrankte oder im Streit verletzte Mitmenschen. Eines sp\u00e4ten Abends brachte man einen \u00fcbel zugerichteten Mann dorthin. Er musste notoperiert werden. Der Vater dr\u00fcckte dem 14-j\u00e4hrigen Erico eine elektrische Lampe in die Hand und sagte: \u0084Du h\u00e4ltst fest und leuchtest dem Arzt\u0093. Da habe er dann gestanden und die Lampe fest in den H\u00e4nden gehalten, obwohl ihm beim Anblick der Wunden und beim Geruch des Blutes ganz \u00fcbel wurde.<br \/>\nDas ist auch ein treffendes Gleichnis f\u00fcr das Sein und Tun der Christen: Seine Lampen brennen lassen mitten in den Dunkelheiten der Welt. Nicht wir sind es, die die Welt in ihren tausend Wunden heilen k\u00f6nnten. Daf\u00fcr bedarf eines anderen Arztes. Aber wir d\u00fcrfen bezeugen, dass der Heiland gekommen ist, kommt und kommen wird. Und wir d\u00fcrfen zeigen, wo es n\u00f6tig ist, und dabei sein, wenn er Menschen hilft. An diesem Zeugnis wird die Welt uns als Kinder des Lichts erkennen \u0096 in dieser Nacht und im neuen Jahr. Amen.<\/p>\n<p><b>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Evangelische Kirche der Union, Berlin <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silvester | 31. Dezember 2002 | Lukas 12,35\u201340 | Wilhelm H\u00fcffmeier | Liebe Gemeinde, ein merkw\u00fcrdiger Text f\u00fcr den Sylvesterabend. Wenn je, dann braucht man heute Abend kaum jemanden extra zu ermahnen, die Lichter brennen zu lassen und sich nicht schlafen zu legen. Das versteht sich heute Abend von selbst. 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