{"id":9309,"date":"2003-01-07T19:49:55","date_gmt":"2003-01-07T18:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9309"},"modified":"2025-04-24T15:23:28","modified_gmt":"2025-04-24T13:23:28","slug":"daenische-predigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/daenische-predigt-2\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 21"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Neujahr | 1. Januar 2003 | Lukas 2, 21 | Birte Andersen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p align=\"left\">Hier am ersten Tage des neuen Jahres liegt etwas Ungebrauchtes und Neues vor uns. Verhei\u00dfungsvoll, aber auch erschreckend, weil es unbekannt ist. Wie wird es uns begegnen? Wie wird seine \u00dcberschrift sein, sein Name? Heute nun h\u00f6ren wir von dem Kinde, das einen Namen erhielt, einen ganz besonderen Namen, auch wenn er allgemein gebr\u00e4uchlich ist, vor allem, weil er durch einen Engel vermittelt wurde. Dadurch wurde eine Richtung und eine Bestimmung f\u00fcr das Leben des Kindes angegeben &#8211; es wurde zu einer Person.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns auch Namen geben und Namen erhalten, um uns zu orientieren. Und so wahr wir im Bilde Gottes geschaffen sind, haben wir sowohl die Macht als auch das Recht, Namen zu geben. Die Welt mit ihren Ph\u00e4nomenen: Menschen und Dinge, erhalten eine Seele, wenn wir ihnen Namen geben. Sie erhalten Form und Kontur, wenn wir sie ansprechen mit einer Bezeichnung. Wenn wir Namen geben, setzen wir uns in Verbindung mit den Ereignissen und Menschen, die uns begegnen. Ob wir nun etwas in das Licht der Aufmerksamkeit ziehen und es positiv nennen &#8211; oder ob wir etwas als so b\u00f6se bezeichnen, da\u00df man es gefangen halten oder bek\u00e4mpfen mu\u00df, so bedeutet, etwas einen Namen geben, Teilhabe an der Welt, in der wir leben sollen.<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Welt wird unsere Welt, entsteht f\u00fcr uns &#8211; und erst dann &#8211; indem wir das auslegen und benennen, was wir finden. Erst dann finden wir richtig. Das ist unsere Aufgabe, seit wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben&#8220; (Lars Gyllensten).<\/p>\n<p>Wenn wir Namen geben, schaffen wir ein Bild &#8211; und ein Bild kann &#8211; wie das Wort &#8211; das schaffen, was es abbildet. Der Name birgt produktive Kr\u00e4fte, zu schaffen und zu gestalten. Etwas benennen bedeutet, etwas Verborgenes oder Unerprobtes ans Licht bringen. Deshalb bedeutet es eine gewaltige \u00d6ffnung, etwas beim Namen zu nennen oder zu benennen. Was uns begegnet, wird ins Licht ger\u00fcckt und wirklich f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Aber das Benennen hat auch eine Kehrseite. Was wir benennen, wahr nennen, wollen wir auch beherrschen, uns untertan machen, fixieren &#8211; dann wird das, was wahr war, zur L\u00fcge. Ein konkreter Name fixiert &#8211; macht ein bestimmtes Bild und keine anderen. Wenn wir einen Namen gebrauchen, geh\u00f6rt der Mi\u00dfbrauch des Namens fast unweigerlich dazu. Indem wir ein Ph\u00e4nomen ans Licht bringen und ihm einen Namen geben, versuchen wir, das Geheimnis des Ph\u00e4nomens zu erforschen. Es gibt aber Namen, die f\u00fcr dieses Geheimnis zu klein sind, oder Namen, die einen geheimnisvollen Rest hinter dem Namen nicht anerkennen. Und dann wird der Name eine Einengung der Wirklichkeit, ein Mi\u00dfbrauch, eine Falle.<\/p>\n<p>Genauso ging es auch mit dem Namen Jesus, den das Kind auf Weisung des Engels erhielt. Als das Kind in seinen Namen hineinwuchs, \u00f6ffnete er den Himmel auf Erden f\u00fcr die Menschen der Erde. Aber f\u00fcr uns, die den Namen gebrauchen, ist der Name Jesu zu einem Band geworden, das verbindet &#8211; aber auch eine Barriere, die ausschlie\u00dft. Ein Ausschlie\u00dfen, das teils am Mi\u00dfbrauch des Namens in Vergangenheit und Gegenwart liegt &#8211; viele \u00dcbergriffe gegen Menschen und andere Kulturen haben in diesem Namen stattgefunden &#8211; teils liegt es an der Wirklichkeit selbst, auf die der Name verweist.<\/p>\n<p>Jesus bedeutet: Gott hilft, aber die Art und Weise, in der Gott hilft, durch das Erscheinen eines gew\u00f6hnlichen Menschenlebens in einer fernen Provinz, und von innen, durch das Herz und nicht durch \u00e4u\u00dfere Pracht und die Kraft schlagender \u00dcberzeugung &#8211; das ist eine Hilfe, die man als anst\u00f6\u00dfig und als eine zu gro\u00dfe Herausforderung empfinden kann. Sie fordert N\u00e4he und Entscheidung.<\/p>\n<p>Die Zweideutigkeit des Namens Jesu l\u00e4\u00dft sich nicht entfernen &#8211; wie auch die Zweideutigkeit der Erwartungen an das neue Jahr sich nicht entfernen l\u00e4\u00dft. Sicher ist nur dies: Wir m\u00fcssen hineingehen. Wir m\u00fcssen eintreten in das Jahr 2003. Es ist nicht m\u00f6glich, im Jahr 2002 zur\u00fcckzubleiben oder einen Ort zu finden, an dem das Rad der Zeit nicht l\u00e4uft. Und wenn wir in das Jahr 2003 hineingegangen sind, dann begegnet uns in der Kirche das Vorzeichen des Jahres: der Name Jesus. Der Name, der all unseren Mi\u00dfbrauch \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df viel Mi\u00dfbrauch daran liegt, da\u00df wir das Wesen des Namens mi\u00dfverstehen. Denn dieser Name ist weder eine Beschreibung noch eine magische Zauberformel, sondern eine Verhei\u00dfung. Der Name ist nicht das Sein Gottes, sondern eine Anrufung dieses Wesens, das Hervorrufen einer g\u00f6ttlichen Wirklichkeit. Zur \u00d6ffnung unseres Herzens. Denn wenn wir diesen Namen als T\u00fcr benutzen &#8211; in Gebeten, in Klagen, als Seufzer oder als Ort der Dankbarkeit &#8211; indem wir den Namen mit uns tragen &#8211; in Freude und in N\u00f6ten &#8211; dann kann das Wunder geschehen, da\u00df uns damit eine neue Sicht auf uns selbst und unsere Welt zuteil wird, eine Sicht, die durchblickt. Durch Zweideutigkeit und Gespaltenheit hindurch k\u00f6nnen wir die Geheimnisse Gottes sehen, erblicken wir die Namen, die die Welt bei Gott hat. Deinen eigenen Namen und die Namen deiner Umwelt. Einblick in die Namen zu erhalten, die Menschen und Dinge bei Gott haben, das verwandelt sie vor unseren Augen. Das Schmerzliche wird nicht weniger schmerzlich &#8211; vielleicht sogar mehr. Irritierende Menschen oder b\u00f6se handelnde Menschen werden deutlich in all ihrem Tod und ihrer Zerst\u00f6rung &#8211; aber wir sehen mehr als das: Durch den Schmerz hindurch sehen wir eine unverlierbare Hoffnung. Und hinter den Gesichtern toter oder destruktiver Menschen sehen wir einen Jesus, der gefangen ist.<\/p>\n<p>Indem wir den Namen Jesu mit uns tragen und ihn dort erkennen, wo Tod und Zerst\u00f6rung uns den Weg versperren, wird die Wirklichkeit zu dem verwandelt, was sie ist: die Wirklichkeit Gottes.<\/p>\n<p>Den Namen Jesu in das neue Jahr hineintragen wird ein Gebet, ein Wundern, ein Klagen &#8211; vielleicht mit einem Gebet. Ein Gebet, das alles umfa\u00dft. Auch den Mangel, der schuld ist an der Zersplitterung und der Zerst\u00f6rung. Mangel an Teilnahme, der zu einer Einsamkeit in meinem K\u00f6rper wird, Mangel an der F\u00e4higkeit, das Leben eines anderen Menschen voll in mein Leben zu integrieren.<\/p>\n<p>Indem wir den Namen Jesu mit uns tragen, erh\u00e4lt selbst dieser Mangel den Namen Gottes und nicht meinen Namen. Und ich erhalte Anteil an dem Namen, den ich bei Gott habe. Einer, der im Namen Jesu eintritt, sagt das so: &#8222;Gib mir meinen Geliebten, meine Kinder, meinen Glauben und meinen Unglauben, mein t\u00e4gliches Brot und meine Schuld und meine Feinde, und setze deinen Namen auf all dies statt meines Namens. Und komm (dann) zu mir mit allem, was du hast&#8220; (Mogens Lindhardt).<\/p>\n<p>Wir verfehlen Zukunft wie Gegenwart &#8211; heute geht der Blick weit in das Jahr 2003 hinein -, wenn wir versuchen, die Zweideutigkeit des Daseins und ihre Namen aufzuheben &#8211; ehe wir uns daran machen, zu leben.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, ob das Chaos und der Zynismus, die wir als etwas sehr Bestimmendes in der Welt zur Zeit sehen, als Geburtswehen einer neuen offeneren Welt zu deuten sind &#8211; oder ob die Zusammenbr\u00fcche Anzeichen sind f\u00fcr etwas, was noch schlimmer ist. Was wir aber tun k\u00f6nnen und sollen, ist dies, da\u00df wir im Namen Jesu Ordnung und Liebe herbeirufen. Gott wurde Mensch, Fleisch und Blut und Name, um die Welt von innen zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Und so wie dies die Geheimnisse der Erde \u00f6ffnete, bedeutete sein Leben, da\u00df die Geheimnisse des Himmels f\u00fcr uns offenbart wurden.<\/p>\n<p>Wenn wir den Namen Jesu in unsren Atem einschreiben, werden wir mit der Kraft vereint, die die Welt bewegt und spielt im Angesicht Gottes.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diesen Namen schmecken, ihn probieren, ihn anrufen, in ihm rufen &#8211; oder von ihm umarmt werden (Nach Leonard Cohen, Book og Mercy, Nr. 47, 1987):<\/p>\n<p>&#8222;Meine Seele findet satt in deinem Namen, und meine Seele findet Ruhe, indem sie von deinem Namen umarmt wird.<br \/>\nIch k\u00e4mpfte mit Schatten und Gestalten, und ich erntete mit der Sense und zermarterte mein Gehirn, um mich an einer Stelle zu finden, aber ich konnte keine Ruhe finden in meiner Seele.<br \/>\nGelobt sei Dein Name, der der Grund meiner Seele ist,<br \/>\nR\u00fcckrat und Schild meines inneren Menschen, Freiheit meines Atems.<br \/>\nIch suche das Wort, das zu deiner Gnade pa\u00dft.<br \/>\nDu rei\u00dft mich aus der Destruktion und gibst mich mir selbst zur\u00fcck.<br \/>\nDu trennst mich vom Unwirklichen durch die Macht deines Namens.<br \/>\nGelobt sei der Name, der Fragen vereint und Suchen in Lobpreis verwandelt.<br \/>\nAus den panischen, nutzlosen Pl\u00e4nen erwache ich zu deinem Namen, und alle deine Gesch\u00f6pfe reden nackt und allein, und in deiner unzug\u00e4nglichen Absicht fallen alle Dinge voll von Anmut.<br \/>\nGelobt sei die Zuflucht meiner Seele, gelobt sei die Form der Gnade, gelobt sei dein Name&#8220;.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Pfarrer Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<\/b><\/p>\n<p><b><a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahr | 1. 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