{"id":9317,"date":"2003-01-07T19:49:46","date_gmt":"2003-01-07T18:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9317"},"modified":"2025-04-24T15:38:40","modified_gmt":"2025-04-24T13:38:40","slug":"lukas-2-41-52-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-41-52-4\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 41-52"},"content":{"rendered":"<h3>2. Sonntag nach Weihnachten | 5. Januar 2003 | Lukas 2,41\u201352 | Gerhard Weber |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Weihnachten ist vorbei. Das neue Jahr schon angebrochen. Es geht immer<br \/>\nganz schnell. Wir bereiten uns so lange auf die Festtage vor. Wir haben<br \/>\nhohe Erwartungen und Sehns\u00fcchte, aber es geht schnell wieder weiter.<br \/>\nDie Zeit zum Innehalten kommt dann oft zu kurz.<\/p>\n<p>Es ist doch verr\u00fcckt: Wir sehnen uns so sehr nach Ruhe und Frieden,<br \/>\nnach Gemeinschaft und Geborgenheit, dass wir, wenn die Zeit da ist, gro\u00dfe<br \/>\nSchwierigkeiten haben, das zu leben. Wie schnell sind unsere Erwartungen<br \/>\nentt\u00e4uscht, das Erw\u00fcnschte haben wir nicht bekommen. Und so<br \/>\nkommt in unseren Familien denn auch nicht selten gerade zu Weihnachten<br \/>\nStreit auf. Vielleicht hat sich ja auch lange etwas aufgestaut, und an<br \/>\nWeihnachten k\u00f6nnen wir uns nicht mehr aus dem Weg gehen, und dann<br \/>\nknallt es nicht selten. &#8222;Sch\u00f6ne Weihnachten&#8220;, sagen wir<br \/>\ndann ironisch.<\/p>\n<p>Bei der Heiligen Familie aus Nazareth scheint es nicht anders zuzugehen.<br \/>\nDa gibt es auch zu den Festtagen Streit.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren den Predigttext f\u00fcr den heutigen zweiten Sonntag<br \/>\nnach Weihnachten. Er steht bei dem Evangelisten Lukas im 4. Kapitel, es<br \/>\nsind die Verse 41-52:<\/p>\n<p>Der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Jesus im Tempel<br \/>\n41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42<br \/>\nUnd als er zw\u00f6lf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch<br \/>\ndes Festes. 43 Und als die Tage vor\u00fcber waren und sie wieder nach<br \/>\nHause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wu\u00dften&#8217;s<br \/>\nnicht. 44 Sie meinten aber, er w\u00e4re unter den Gef\u00e4hrten, und<br \/>\nkamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.<br \/>\n45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten<br \/>\nihn. 46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel<br \/>\nsitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuh\u00f6rte und sie fragte.<br \/>\n47 Und alle, die ihm zuh\u00f6rten, verwunderten sich \u00fcber seinen<br \/>\nVerstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie<br \/>\nsich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das<br \/>\ngetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49<br \/>\nUnd er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wi\u00dft ihr nicht,<br \/>\ndass ich sein mu\u00df in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden<br \/>\ndas Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab<br \/>\nund kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt<br \/>\nalle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter<br \/>\nund Gnade bei Gott und den Menschen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>kaum zu glauben, aber Jesus bringt seine Eltern fast um den Verstand,<br \/>\nund als Eltern wissen wir, was wir f\u00fcr \u00c4ngste leiden, wenn unser<br \/>\nKind verloren geht. Ich erinnere mich, als wir mit unserer Tochter &#8211; als<br \/>\nsie 4 Jahre alt war &#8211; in unserer Heimatstadt zu Besuch waren. Die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone<br \/>\nist \u00fcbersichtlich und gar nicht sonderlich belebt. Aber pl\u00f6tzlich<br \/>\nist unser Kind weg. Meine Frau l\u00e4uft in die eine Richtung, ich in<br \/>\ndie andere. Aber nach 10 Minuten kehren wir beide ohne Kind zur\u00fcck.<br \/>\nSchrecken, Angst und Vorw\u00fcrfe stehen in unseren Augen geschrieben.<br \/>\nLeute fragen&#8230; noch mal zur\u00fcckgehen, wo wir hergekommen sind. In<br \/>\nden Gesch\u00e4ften nachfragen &#8230; Nichts&#8230;keine Spur von unserem Kind.<br \/>\nNach einer halben Stunde kommt sie uns dann heulend am Ende der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone<br \/>\nentgegen. Sie war den Tauben hinterher gelaufen. Wir sind erleichtert,<br \/>\ngl\u00fccklich, der \u00c4rger ist schnell vergessen.<\/p>\n<p>Jesus ist da schon ein bi\u00dfchen \u00e4lter als er sich selbst\u00e4ndig<br \/>\nmacht. Er hat l\u00e4ngst mehr Freiheiten und darf wohl auch mal alleine<br \/>\nmit Freunden unterwegs sein. Auf der R\u00fcckreise vom Fest passiert<br \/>\nes schlie\u00dflich: Irgendwie dachten die Eltern, er w\u00e4re bei Freunden,<br \/>\naber als sie nachschauten, war er nicht da. Sie gehen den ganzen Weg zur\u00fcck<br \/>\nnach Jerusalem. Die Suche seiner Eltern dauert schlie\u00dflich 3 Tage,<br \/>\nso gut hat er sich versteckt. Sie vermuteten wahrscheinlich Schlimmes:<br \/>\nVielleicht nimmt er Drogen oder ist auf andere Abwege gekommen. Alle einschl\u00e4gigen<br \/>\nPl\u00e4tze werden sie abgesucht haben. Nat\u00fcrlich sind sie nicht<br \/>\nauf den Gedanken gekommen, ihn im Tempel zu suchen. Um so erstaunter sind<br \/>\nsie als sie sehen, wie er mit den Gelehrten diskutiert, Fragen stellt<br \/>\nund Antworten gibt.<\/p>\n<p>Die Reaktion der Eltern w\u00e4re heute nicht anders: &#8222;Warum hast<br \/>\ndu uns das angetan?&#8220;<\/p>\n<p>Immer wieder stellen Eltern diese Frage, wenn Kinder etwas Schwerwiegendes<br \/>\nangestellt haben. Und wir machen die Erfahrung, dass unsere Jugendlichen<br \/>\ndann eben nicht in der Kirche zu finden sind. Die Kirche steht heute bei<br \/>\nJugendlichen eben nicht auf der Hitliste. Auch wenn wir uns bem\u00fchen,<br \/>\nattraktive Angebote zu machen. Aber das Gleiche erleben auch andere Vereine<br \/>\nund Gruppen.<\/p>\n<p>Das Interessante an dem jungen Jesus ist, dass er das Gespr\u00e4ch mit<br \/>\nden Erwachsenen sucht, dass er fragt und \u00fcber das Leben nachdenkt.<br \/>\nDass es dabei auch zu Auseinandersetzungen mit seinen Eltern kommen kann,<br \/>\nmu\u00df doch fast selbstverst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p>Manchmal denke ich, dass wir diese Auseinandersetzung scheuen und ihr<br \/>\nam liebsten aus dem Weg gehen m\u00f6chten. Aber gerade in der Auseinandersetzung<br \/>\nformt sich der Charakter und die Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen. Wo<br \/>\nkein Streit aufkommen darf, da kann es auch keine Entwicklung geben. Da<br \/>\nwird die Pers\u00f6nlichkeit eingefroren, oder es gibt nur noch Kopien.<br \/>\nDas sehe ich heute als gro\u00dfe Gefahr: Statt uns auseinander zu setzen<br \/>\nmit anderen Menschen, kopieren wir lieber das Leben anderer, deren Gewohnheiten,<br \/>\nderen Lebensstil. Schade eigentlich, denn es steckt sicher mehr Einzigartiges<br \/>\nin jedem Einzelnen, ob jung oder alt, das wir nur entdecken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und uns mu\u00df deutlich werden: Kinder und Jugendliche sind eben nicht<br \/>\nKopien der Eltern, sondern Originale wie alle Menschen es sein sollten!<br \/>\nWir k\u00f6nnen alle etwas von Gott lernen. Und gerade in solchen Spannungen<br \/>\nspielt sich das Leben ab, entwickelt sich das Leben.<\/p>\n<p>Die wahnsinnige Idee, sich ewiges Leben und Unsterblichkeit zu verschaffen,<br \/>\nindem wir uns selbst klonen und unsere Pers\u00f6nlichkeit auf das geklonte<br \/>\nZweitwesen \u00fcbertragen, wenn das Alte ausgedient hat, kann nur am<br \/>\nwirklichen Leben vorbei gehen. Wir Menschen sind eben keine Kopien, sondern<br \/>\nOriginale &#8222;made by God&#8220;: Unverwechselbar von Gott gemacht; und<br \/>\nin der respektvollen Auseinandersetzung mit anderen \u00fcber Sinn und<br \/>\nZiel des Leben k\u00f6nnen wir unseren eigenen Lebensweg finden und gehen.<\/p>\n<p>Dabei hat auch das zeitweise Verlorengehen von Kindern etwas Heilsames:<br \/>\nwir erfahren so, wie wertvoll und wichtig uns unsere Kinder sind. Und<br \/>\nwir k\u00f6nnen auch erfahren, dass sie oft eigene Antworten finden, die<br \/>\nihrem Leben Tiefe und Zuversicht geben.<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn wir uns alle auf die Suche machen w\u00fcrden,<br \/>\ndas Einzigartige in jedem Menschen zu entdecken.<\/p>\n<p>Gott aber braucht daf\u00fcr Menschen, die sich in seinen Dienst nehmen<br \/>\nlassen. Jede und jeder von uns kann dazu beitragen, dass Menschen begleitet<br \/>\nund getr\u00f6stet werden, indem wir zuh\u00f6ren, diskutieren, mitf\u00fchlen<br \/>\nund anderen zur Seite stehen, ohne uns beirren zu lassen. Durch Gottes<br \/>\nWirken und durch unsere Mithilfe kann das neue Jahr ein optimistisches<br \/>\nJahr der Zuversicht und Hoffnung werden. Ein Jahr, in dem wir Gottes heilsame<br \/>\nGegenwart sp\u00fcren und uns als Menschen erleben, die ihre Einzigartigkeit<br \/>\nerfahren.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als unsere Vernunft bewahre<br \/>\nunsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Gerhard Weber<br \/>\nSt. Martin Geismar<br \/>\nCharlottenburger Stra\u00dfe 10<br \/>\n37085 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:gerhard.weber.goe@t-online.de\">email: gerhard.weber.goe@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Weihnachten | 5. Januar 2003 | Lukas 2,41\u201352 | Gerhard Weber | Liebe Gemeinde, Weihnachten ist vorbei. Das neue Jahr schon angebrochen. Es geht immer ganz schnell. Wir bereiten uns so lange auf die Festtage vor. Wir haben hohe Erwartungen und Sehns\u00fcchte, aber es geht schnell wieder weiter. Die Zeit zum Innehalten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,548,1,727,157,114,1675,636,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9317","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-2-so-n-christfest","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-gerhard-weber","category-kapitel-02-chapter-02-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9317"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23362,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9317\/revisions\/23362"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9317"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9317"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9317"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9317"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}