{"id":9323,"date":"2003-01-07T19:49:50","date_gmt":"2003-01-07T18:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9323"},"modified":"2025-04-25T15:21:39","modified_gmt":"2025-04-25T13:21:39","slug":"matthaeus-3-13-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-3-13-17-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 3, 13-17"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias | 12. Januar 2003 | Matth\u00e4us 3,13-17 | Birte Andersen | <\/span><\/b><\/h3>\n<p>(In der d\u00e4nischen Perikopenordnung geh\u00f6rt dieser Text an den Beginn der Fastenzeit, wo er vielleicht genauso gut hinpa\u00dft wie an den Beginn des Jahres und der Epiphaniaszeit)<\/p>\n<p>Vielleicht wissen wir nicht so viel dar\u00fcber heute, was Fasten bedeutet. Das bedeutet, etwas auslassen, damit anderes wachsen oder deutlicher hervortreten kann &#8211; und das ist ja nicht gerade modern. Aber wir kennen fasten aus der Natur, dem Wetter. Die Fastenzeit ist die Zeit, in der der Winter mit den Kr\u00e4ften des Fr\u00fchlings streitet. Das k\u00f6nnen selbst St\u00e4dte merken, und dann f\u00e4llt es uns leichter, als wir vielleicht glauben, uns auf Fasten einzustellen.<\/p>\n<p>Die Fastenzeit ist die Zeit, in der Licht und Finsternis, Leben und Tod, Gut und B\u00f6se, Liebe und Ha\u00df, Wahrheit und L\u00fcge miteinander streiten, und wo es lange Zeit &#8211; wie bei dem langsamen Durchbruch des Fr\u00fchjahrs in unseren Breitengraden &#8211; lange Zeit ungewi\u00df ist, wer gewinnt.<\/p>\n<p>In dieser Kampfzeit h\u00f6ren wir von der Taufe Jesu. Der Bericht dar\u00fcber ist voller Verwunderung dar\u00fcber, da\u00df es notwendig sein soll, Jesus zu taufen. Er war ja der, der er war, und bedurfte der Taufe nicht. Zugleich wissen wir aber, wenn wir die Erz\u00e4hlung zu Ende geh\u00f6rt haben, sehr wohl, welchen Sinn die Taufe hatte.<\/p>\n<p>Das Leben Jesu war so gro\u00df, da\u00df es einer Einweihung bedurfte, damit das Gute siegen konnte. Er hatte ein Menschenleben zu leben. Ein Leben wie das unsere mit menschlichen Bed\u00fcrfnissen: Essen und Schlaf. Und doch ein ganz ungew\u00f6hnliches Leben, weil es in ganz besonderer Weise den Willen Gottes mit dem Menschen ausdr\u00fccken sollte. Nun steht er vor seinem \u00f6ffentlichen Auftreten, und da mu\u00df er getauft werden.<\/p>\n<p>Die Taufe, mit der ihn Johannes tauft, ist zugleich eine ganz gew\u00f6hnliche Taufe, die die g\u00f6ttliche, geistliche Seite der menschlichen Identit\u00e4t hervorhebt. Zugleich ist sie ein Ereignis, bei dem sich der Himmel \u00f6ffnet und Gott sich zu ihm als seinem Angesicht bekennt. Seitdem ist die Taufe eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Christen, eine Weise, in der man das g\u00f6ttliche Leben Jesu in das eines jeden Menschen einschreibt. So wie Fasten eine Art und Weise ist, das Leben Jesu in dein und mein Leben einzu\u00fcben.<\/p>\n<p>Aber was kann denn die Taufe geben, was der Mensch nicht von sich aus hat? Sie kann dem Menschen eine Identit\u00e4t geben. Nun werden wir zwar einwenden, da\u00df jeder Mensch so eine Identit\u00e4t schon hat. Jeder Mensch ist in einen Zusammenhang hineingeboren. Die Familie, die Verwandten, das Volk, die Heimat, in der ein Mensch aufw\u00e4chst und lebt &#8211; all das tr\u00e4gt dazu bei, dem Menschen eine Identit\u00e4t zu geben. Der Platz eines Menschen in seiner Familie, im Volk setzt immer schon eine Identit\u00e4t. Dazu kommt dann die andere Seite der Identit\u00e4t, die Art und Weise, wie der einzelne Mensch mit einem Ausgangspunkt umgeht, wie er die Herausforderungen, Anspr\u00fcche und M\u00f6glichkeiten aufnimmt, die ihm im Laufe seines Lebens gegeben werden. Das ist bestimmt durch Erbmasse, die Gene, durch Bed\u00fcrfnisse, aber auch durch die Einstellung zum Leben.<\/p>\n<p>Es macht einen Unterschied, ob du eine Wirklichkeit anerkennst, die gr\u00f6\u00dfer ist als du, oder ob du meinst, deine eigene Wirklichkeit neu erschaffen zu m\u00fcssen. Es macht einen Unterschied, ob du mit dem Begriff der Pflicht arbeitest oder ob du dich ausschlie\u00dflich vom Lustprinzip leiten l\u00e4\u00dft. Mit deinen Ausgangspunkt erh\u00e4ltst du die eine Seite deiner Identit\u00e4t, die andere Seite ist dann das, was du aus deinem Leben machst.<\/p>\n<p>Aber was ist, wenn die Identit\u00e4t nicht mehr zu tragen ist? Wenn du Dinge mit dir herumschleppst, zu denen du nicht mehr stehen willst, die dich behindern und die dem im Wege stehen bei dem, was du mit deinem Leben willst? Worin besteht dann deine Identit\u00e4t? Die Lebensgeschichte, die wir abgerundet vor uns sehen, ist in der Regel ein Leben, dessen Phasen harmonisch der Wanderung des K\u00f6rpers zwischen Geburt und Tod folgt. Aber in Wirklichkeit l\u00f6st sich unser Leben in Einzelsituationen auf, in unzusammenh\u00e4ngende St\u00fccke und Fragmente in direktem Widerspruch mit dem Zusammenhang, den wir gerne haben m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Dies ist der Fall in H.C. Andersens M\u00e4rchen: &#8222;Die Tochter des Moork\u00f6nigs&#8220;. Das M\u00e4dchen Helga ist ein Doppelwesen, das in sich zwei Naturen hat. In der Nacht ist sie ein h\u00e4\u00dflicher Frosch, aber gut und mild und traurig, und am Tage ist sie die Wildheit und Bosheit selbst, aber in der Gestalt eines sch\u00f6nen jungen M\u00e4dchens. Sie ist n\u00e4mlich die Tochter einer \u00e4gyptischen Prinzessin, die, um ihren kranken Vater zu retten, in den hohen Norden geflogen ist um die Moorwurzel zu finden, die Lotusblume, das einzige, was ihn retten kann.<\/p>\n<p>Aber b\u00f6se Kr\u00e4fte haben sie in das Moor hinabgerissen zum Moork\u00f6nig, dem Vater des M\u00e4dchens. Nichts Menschliches kann Helga erreichen, auch nicht ihre gute Wikinger-Pflegemutter. Aber eines Tages raubt ihr Wikinger-Vater, ein H\u00e4uptling, einen jungen christlichen Priester und nimmt ihn mit nach Hause als Beute. Er w\u00e4re eine besonders gutes Opfer f\u00fcr Odin und Thor, aber w\u00e4hrend der n\u00e4chtlichen Vorbereitungen entdeckt Helga in der Gestalt einer Kr\u00f6te, was vor sich geht. Mit gro\u00dfer M\u00fche befreit sie den Priester aus seinen Fesseln, er sieht ihre G\u00fcte, vergi\u00dft, da\u00df sie h\u00e4\u00dflich ist, und gemeinsam reiten sie fort \u00fcber die Heide hin zu einer Quelle, wo der Priester sie tauft unter den ersten Strahlen der Sonne, als sie wieder die b\u00f6se, sch\u00f6ne Helga wird.<\/p>\n<p>Aber Wasser allein tut&#8217;s freilich nicht. Das Wasser der Taufe ist kein Zaubermittel. Die Bedeutung der Taufe mu\u00df ins Herz gehen und sie ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Natur hilft dem Priester dabei, ihre F\u00fc\u00dfe mit Zweigen zu binden, damit sie nicht weglaufen kann. Und langsam verliert die D\u00e4monie ihre Macht \u00fcber sie, so da\u00df sie wenigstens einen Tag lang zur Ruhe kommt.<\/p>\n<p>Gegen Abend kommen R\u00e4uber vorbei an ihrem Versteck, sie sind angetan von dem M\u00e4dchen und t\u00f6ten den Priester. Und nach dem Sonnenuntergang ist da nur noch ein h\u00e4\u00dflicher Frosch. Dieser Frosch versucht, der Priester zu begraben, was schwer ist, wenn man eine Kr\u00f6te ist, und sie ist mit ihrem Vorhaben nicht fertig, als die Sonne aufgeht und wieder zu dem sch\u00f6nen M\u00e4dchen verwandelt wird. Da k\u00e4mpfen ihre beiden Naturen furchtbar in ihr, und den ganzen Tag verh\u00e4lt sie sich passiv und tut nichts &#8211; auf dem Gipfel eines Baumes.<\/p>\n<p>Als sie wieder eine Kr\u00f6te wird, entdeckt sie ein Kreuz aus zusammengebundenen Zweigen, das der Priester immer bei sich trug. Als sie dieses Zeichen auf sein Grab einritzt, f\u00e4llt die Schwimmhaut von ihr ab. Sie wird Mensch, und sie beh\u00e4lt ihre Menschengestalt. Sp\u00e4ter wird sie zur Lotusblume f\u00fcr ihren alten Gro\u00dfvater in \u00c4gypten, aber das ist eine andere Geschichte in der Geschichte.<\/p>\n<p>&#8222;Liebe bringt Leben in die Welt. Die h\u00f6chste Liebe bringt das h\u00f6chste Leben! Nur durch die Liebe geht die Erl\u00f6sung des Lebens&#8220;, schreibt ein Dichter. Als Helga die Bedeutung der Taufe in sich aufnahm, wurde sie zu dem, was sie war: ein Mensch.<\/p>\n<p>Aber warum hat denn die Taufe diese Macht, wenn es nicht auf die Zauberkraft des Wassers ankommt? Sie hat sie, weil sie unsere dritte Identit\u00e4t ist &#8211; neben der ersten, uns gegebenen, und die, die in unserer Antwort liegt. Das ist die Geschichte, in die wir hineingestellt werden, die nicht unsere eigene ist und die nicht uns zum Subjekt hat. Die Geschichte, die die Geschichte Gottes ist und die Gott zum Subjekt hat, die aber durch unser Leben geht.<\/p>\n<p>Da\u00df wir nicht Subjekt unseres eigenen Lebens sind, sondern einer Macht \u00fcberlassen sind, die gr\u00f6\u00dfer ist als wir, gibt uns eine ungeheure Freiheit. Wir sind nicht mehr eingeklemmt zwischen unseren eigenen und anderer Erwartungen an unser Leben und das, was aus ihm wird. Du kannst dich statt dessen auf die Zukunft Gottes einstellen und auf das, was Gott dir in diesem Augenblick bringen will. Denn die Taufe ist die Verhei\u00dfung, die sagt, da\u00df Gott eben dein Herz gebraucht, in das er schreibt, wenn er handelt, und er z\u00e4hlt die Geschichten zusammen an der Vollendung deines Lebens. Das kann nur der, dessen Klarheit Gnade ist.<\/p>\n<p>&#8222;Dein Rufen aus der Tiefe vor der Welt<br \/>\nhat die Finsternis mit deinem Geist erf\u00fcllt<br \/>\nund mich gerufen mit dem Namen, den ich trage,<br \/>\nund deshalb wei\u00df ich, wer ich bin.<br \/>\nUnd deine Augen sehen mich&#8220;.<br \/>\n(Oluf Hartmann: Den korsf\u00e6stade skapelsen [Die gekreuzigte Sch\u00f6pfung])<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Pfarrer Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias | 12. 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